Die Preise der Internationalen Jury

Die Mitglieder der Internationalen Jury - Ildikó Enyedi, Nadav Lapid, Adina Pintilie, Mohammad Rasoulof, Gianfranco Rosi und Jasmila Žbanić – haben während des Industry Event im März über die Preise im Wettbewerb entschieden.
Videos der Preisverkündungen und der Reaktionen der Gewinner*innen

Überreicht wurden der Goldene und die Silbernen Bären im Rahmen der feierlichen Preisverleihung während des Summer Special am 13. Juni auf der Museumsinsel.

Goldener Bär für den Besten Film
(an die Produzent*innen)

Ada Solomon, Radu Jude

Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn)
von Radu Jude
produziert von Ada Solomon

Jury-Begründung:
„Der Goldene Bär geht an einen Film, der die seltenen und grundlegenden Eigenschaften eines beständigen Kunstwerks besitzt. Es fängt auf der Leinwand den eigentlichen Gehalt, die Quintessenz, Geist und Körper, die Wertvorstellungen und das nackte Fleisch unseres gegenwärtigen Augenblicks ein. Genau dieses Augenblicks menschlichen Daseins.
Er tut das, indem er den Zeitgeist heraufbeschwört, ihn ohrfeigt, zum Duell herausfordert. Und damit hinterfragt er auch den gegenwärtigen Zeitpunkt im Kinofilm, indem er mit derselben Kamerabewegung unsere gesellschaftlichen und filmischen Konventionen erschüttert.
Es ist ein kunstvoll ausgearbeiteter Film, der zugleich ausgelassen ist, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau. Er greift die Zuschauer*innen an, ruft Widerspruch hervor, und erlaubt doch niemandem, Sicherheitsabstand zu halten.“

Silberner Bär Großer Preis der Jury

Ryusuke Hamaguchi

Guzen to sozo (Wheel of Fortune and Fantasy)
von Ryusuke Hamaguchi

Jury-Begründung:
„Dort, wo Dialoge und Wörter für gewöhnlich aufhören, fangen die Dialoge dieses Films erst an. Hier gehen sie in die Tiefe, so tief, dass wir uns erstaunt und besorgt fragen: Wieviel tiefer geht es noch? Hamaguchis Wörter sind Materie, Musik, Werkstoff.
Zunächst sieht es fast unbedeutend aus: Ein Mann und eine Frau, manchmal zwei Frauen, stehen in einem Raum mit weißen Wänden. Dann kommt die Szene in Bewegung, und während sie sich entwickelt, fühlt man, dass das ganze Universum, einschließlich man selbst, dort zusammen mit ihnen in diesem einfachen Raum steht.“

Silberner Bär Preis der Jury

Maria Speth

Jury-Begründung:
„Im Film kann man die Aufmerksamkeit auf grundlegende Probleme lenken, indem man den Finger auf die Wunde legt, oder indem man Zuversicht zeigt und Anregungen gibt, wie eine positive Veränderung bewirkt werden kann. Die Regisseurin dieses einfühlsam-kraftvollen Dokumentarfilms hat sich für letztere Strategie entschieden.
Der Film behält immer den richtigen Abstand in seiner Konzentration auf einen der ‚Außendienstmitarbeiter‘ unserer Gesellschaft, der für die prägendsten Jahre unserer Kinder bestimmend ist und ihre Lebenseinstellung nachhaltig beeinflusst. Aus der Perspektive der Regisseurin beobachtet ist dieser Lehrer einzigartig: er gestaltet ein System in der Krise – unser europäisches Bildungssystem – um, federt es ab, macht es menschlicher, und diese Menschlichkeit macht es viel wirksamer.
Der Film zeigt, wie weit man es allein mit echtem Respekt, offenem Austausch und dem Zaubertrick bringen kann, den alle großartigen Lehrer*innen beherrschen: sie entfachen das Feuer der Leidenschaft in ihren Schüler*innen, indem sie ihre Fantasie anregen.“

Silberner Bär für die Beste Regie

Dénes Nagy

Dénes Nagy für
Természetes fény (Natural Light)

Jury-Begründung:
„Beängstigende und wunderbar gefilmte, hypnotisierende Bilder; eine beeindruckende Regiearbeit und meisterhafte Steuerung jeder einzelnen Komponente des Filmkunsthandwerks; eine Erzählung, die über ihren geschichtlichen Zusammenhang hinausweist. Das Abbild eines Krieges, bei dem der aufmerksame Blick des Regisseurs uns erneut daran erinnert, dass wir uns zwischen Passivität und dem Übernehmen persönlicher Verantwortung entscheiden müssen.“

Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle

Maren Eggert

Maren Eggert in
Ich bin dein Mensch
von Maria Schrader

Jury-Begründung:
„Ihre Präsenz machte uns neugierig, ihr Charme sensibel. Und ihre breite schauspielerische Palette ließ uns fühlen, lachen und Fragen stellen. Mit Unterstützung ihrer wunderbaren Kolleg*innen und ihrer Regisseurin erfüllte sie ein ausgezeichnetes Drehbuch selbstbewusst mit Leben und erschuf eine unvergessliche Figur, mit der wir uns identifizieren können – was uns dazu bringt, über unsere Gegenwart und unsere Zukunft nachzudenken, über unsere Beziehungen und darüber, was wir wirklich im Leben wollen.“

Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle

Lilla Kizlinger

Lilla Kizlinger in
Rengeteg – mindenhol látlak (Forest – I See You Everywhere)
von Bence Fliegauf

Jury-Begründung:
„Unter den vielen herausragenden Kleinstdarstellungen in Forest - I See You Everywhere fanden wir eine besonders überzeugend und einprägsam. Auf ihren jungen Schultern trägt Lilla Kizlinger eine außergewöhnliche Verantwortung mit Anmut und einer täuschend natürlichen Lockerheit. Allein durch die Kraft ihrer Interpretation und ihre intensive Präsenz zieht sie die verdeckten Ebenen der Szene an die Oberfläche und definiert damit genau genommen den Anlass hinter dem Film: die unheimliche Bedrohung dieser Welt, das Erbe, das wir Erwachsenen den Kindern von heute überlassen. Statt uns etwas zu erzählen, es uns zu erklären, bewältigt sie die viel schwierigere Aufgabe, in uns das Bedürfnis zu wecken, über die drängenden, beunruhigenden Fragen unserer Gegenwart nachzudenken. Sie hat uns bezaubert, und mit diesem Bezaubertsein hat sie uns zum Nachdenken angeregt.“

Silberner Bär für das Beste Drehbuch

Hong Sangsoo für
Inteurodeoksyeon (Introduction)
von Hong Sangsoo

Jury-Begründung:
„Dieses Drehbuch schafft mehr, als eine Geschichte zu erzählen oder die Handlung effizient voranzutreiben, indem es jene flüchtigen Zwischenräume zwischen einer Handlung und der nächsten herstellt, in denen, für einen Augenblick, eine verborgene Wahrheit des menschlichen Lebens unversehens offenbart wird, hell und klar.“

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung

Yibrán Asuad, Alonso Ruizpalacios

Yibrán Asuad für die Montage von
Una película de policías (A Cop Movie)
von Alonso Ruizpalacios

Jury-Begründung:
„Der Silberne Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung geht an das meisterhafte Montagekonzept eines gewagten, innovativen Kinowerks, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt und mutig die Fähigkeit der Filmsprache erforscht, unsere Sicht auf die Welt zu verändern. Die Montage spielt eine wesentliche Rolle bei der Untermauerung der einzigartigen Vision des Filmemachers, indem sie die zahlreichen Ebenen von Realität und Sprache gekonnt dekonstruiert, um einen detaillierten, nachdenklich stimmenden Einblick in eine der umstrittensten Institutionen Mexikos zu gewähren.“

Die Mitglieder der Internationalen Jury 2021:

Mohammad Rasoulof (Iran)

Ein Jahr nachdem sein Film Sheytan vojud nadarad (Es gibt kein Böses, 2020) mit dem Goldenen Bären der 70. Berlinale ausgezeichnet wurde, kehrt Mohammad Rasoulof als Mitglied der Internationalen Jury zum Festival zurück. Als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent zeichnete der Filmemacher für eine Vielzahl von sowohl Spiel- als auch Dokumentarfilmen verantwortlich. Auf Wiedersehen (2011), Manuscripts Don’t Burn (2013) und A Man of Integrity (2017) feierten jeweils in Cannes Premiere und wurden dort mit Preisen bedacht. Nach seiner Rückkehr in den Iran im September 2017 wurde er mit einem Ausreiseverbot belegt, das bis heute anhält. Bereits im März 2010 war Rasoulof, dessen Kino sich meist allegorischer Erzählungen bedient, am Set eines Films verhaftet worden. In einem ersten Prozess wurde er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, bevor die Strafe schließlich auf ein Jahr reduziert wurde. Er wurde auf Kaution entlassen, das Urteil gilt bis heute. 2019 erfolgte eine weitere Verurteilung zu einem Jahr Haft. Trotz eingelegtem Einspruch ist es ihm weiterhin auf unbestimmte Zeit nicht erlaubt, zu reisen oder Filme zu drehen. Seinen Goldenen Bären konnte er am 29. Februar 2020 in Berlin nicht persönlich entgegennehmen.

© Cosmopol Film

Nadav Lapid (Israel)

Der israelische Regisseur Nadav Lapid studierte in Tel Aviv, Paris und Jerusalem. Sein jüngster Film Synonymes (Synonyme, 2019) gewann bei der Berlinale sowohl den Goldenen Bären als auch den Preis der FIPRESCI-Jury. Zuvor war er bereits mit den Kurzfilmen Kvish (Road) und Lama? (Why?), die 2005 im Panorama beziehungsweise 2015 bei den Berlinale Shorts liefen, im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin zu Gast. Lapids Langfilmdebüt Policeman erhielt 2011 den Special Jury Award beim Locarno Film Festival und gewann anschließend mehr als 20 internationale Preise. Sein zweiter Spielfilm The Kindergarten Teacher feierte 2014 Weltpremiere in Cannes, lief auch bei den Festivals in Wien, Chicago, London, Busan oder Warschau und wurde schließlich mit Maggie Gyllenhaal in der Hauptrolle in den USA neu verfilmt. Lapid ist Träger des französischen Ordens Chevalier des Arts et des Lettres und war bereits Jurymitglied in Venedig, Locarno und bei der Semaine de la critique in Cannes. Sein neuer Film Ahed’s Knee befindet sich aktuell in der Postproduktion.

© Guy Ferrandis

Adina Pintilie (Rumänien)

Adina Pintilie ist eine rumänische Filmemacherin, Visual Artist und Kuratorin. Ihr erster Langfilm Touch Me Not gewann bei der Berlinale 2018 sowohl den Goldenen Bären als auch den GWFF Preis Bester Erstlingsfilm. Der Film wurde zudem für den Europäischen Filmpreis nominiert, kam in mehr als 40 Ländern in die Kinos und wurde bei Festivals in Toronto, Karlovy Vary, London oder Wien sowie im MoMA New York gezeigt. Auch Pintilies Kurz- und mittellange Filme liefen mit Erfolg auf zahlreichen Filmfestivals. Don’t Get Me Wrong feierte 2007 in Locarno Premiere und gewann die Goldene Taube beim DOK Leipzig, während Oxygen 2010 im Wettbewerb von Rotterdam zu sehen war. Darüber hinaus war Pintilie bereits Jurymitglied in Karlovy Vary, beim Göteborg International Film Festival, dem IDFA und beim Torino Filmlab. Außerdem hielt sie Vorträge und Meisterklassen bei Veranstaltungen wie Berlinale Talents oder an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

© Manekino Film

Ildikó Enyedi (Ungarn)

Die preisgekrönte und Oscar-nominierte ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi kehrt in die Internationale Jury der Berlinale zurück, der sie bereits 1992 einmal angehörte. Nach Anfängen als Konzept- und Medienkünstlerin widmete sie sich dem Filmemachen und schrieb und inszenierte über die Jahre eine Vielzahl von Kurz- und Langfilmen sowie Episoden von Fernsehserien. Ihr Film Testről és lélekről (Körper und Seele, 2017) gewann den Goldenen Bären der Berlinale und wurde nicht nur für den Oscar, sondern auch für mehrere Europäische Filmpreise nominiert und in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin (Alexandra Borbély) ausgezeichnet. Enyedis Debütfilm Mein 20. Jahrhundert (1989) wurde nicht nur zu einem der zwölf besten ungarischen Filme aller Zeiten und von der „New York Times“ zu einem der besten Filme des Jahres gewählt, sondern auch in Cannes mit der Caméra d’Or bedacht. Enyedi war bereits Jury-Mitglied bei Festivals in Venedig, Moskau oder San Sebastián. Zudem war sie Präsidentin der ungarischen Regiegewerkschaft und ist Mitglied der Europäischen Filmakademie und der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Aktuell arbeitet sie an ihrem nächsten Film The Story of My Wife.

© Hanna Csata

Gianfranco Rosi (Italien)

Gianfranco Rosi ist ein italienischer Filmemacher, der an der New York University Film School studiert hat. Er ist der einzige Regisseur, der jemals mit Dokumentarfilmen bei zwei der drei wichtigsten europäischen Filmfestivals den Hauptreis gewinnen konnte. 2016 erhielt er für Fuocoammare (Seefeuer) den Goldenen Bären der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Der Film wurde außerdem als erste dokumentarische Arbeit von Italien bei den Oscars eingereicht und dort schließlich in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert. Darüber hinaus wurde er mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Drei Jahre zuvor hatte Rosi mit Das andere Rom (2013) in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Auch sein jüngster Film Notturno lief 2020 dort im Wettbewerb und vertritt Italien in diesem Jahr im Oscar-Rennen. Zu seinen weiteren Filmen gehören Ein Boot auf dem Ganges (1993), der in Sundance, Locarno, Toronto und beim IDFA, Unter dem Meeresspiegel (2008), der für den Europäischen Filmpreis nominiert wurde, sowie Der Auftragskiller - Zimmer 164 (2010), der in Venedig den FIPRESCI-Preis erhielt.

© MARIANGELA BARBANENTE

Jasmila Žbanić (Bosnien und Herzegowina)

Die bosnische Filmemacherin Jasmila Žbanić ist regelmäßiger Gast der Internationalen Filmfestspiele Berlin und kehrt 2021 als Mitglied der Internationalen Jury zurück. Ihr Debütfilm Grbavica (Esmas Geheimnis) gewann 2006 bei der Berlinale nicht nur den Goldenen Bären, sondern auch den Preis der Ökumenischen Jury und den Friedensfilmpreis. Anschließend erhielt er Auszeichnungen bei zahlreichen Filmfestivals auf der ganzen Welt (darunter dem AFI Festival in Los Angeles) und wurde für zwei Europäische Filmpreise nominiert. Vier Jahre später wurde Žbanić mit Na putu (Zwischen uns das Paradies) erneut in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Auch dieser Film erhielt eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis. Ihr dritter Spielfilm For Those Who Can Tell No Tales feierte 2013 Weltpremiere beim Toronto International Film Festival. Dort sowie bei weiteren Festivals lief auch ihr jüngster Film Quo Vadis, Aida? (2020), der für den Independent Spirit Award nominiert und Bosnien und Herzegowinas Einreichung für den Oscar 2021 in der Kategorie Bester Internationaler Film ist. Žbanić inszenierte auch die Komödie Love Island (2014), die ihre Weltpremiere in Locarno feierte, sowie den Dokumentarfilm One Day in Sarajevo (2014).

© Edvin Kalic