2026 | Retrospektive
Mauerfall und Reisefreiheit, Hip-Hop und Digicam
Slacker von Richard Linklater
Sektionsleiterin Heleen Gerritsen und Annika Haupts, Mitglied der Auswahlkommission und Programmkoordinatorin, sprechen über Hintergründe und Highlights der Berlinale-Retrospektive „Lost in the 90s“.
I. Berlin-Filme
Die west-östlichen „Pole“ der Retrospektive liegen in Texas (Slacker) und der Inneren Mongolei (Johanna d’Arc of Mongolia). So ziemlich in der Mitte liegt Berlin. Warum sind die Stadt und ihre Filme für das 90er-Jahre-Kino so besonders relevant?
Heleen Gerritsen: Ich denke, dass Berlin für eine Retrospektive zu den Neunzigerjahren der beste Ort überhaupt ist. Die Ereignisse nach dem Mauerfall haben Schockwellen in die ganze Welt ausgesandt, und das schlug sich natürlich auch im Film nieder. Hinzu kommt, dass sich eine große Zahl relevanter Werke in unserem Archiv befindet. Aber vor allem wegen der politischen Umbrüche in der Stadt erscheint uns die Themenwahl sehr logisch.
Annika Haupts: Berlin war zu der Zeit ein Ort voller Brüche und Widersprüche. Es gab ja nicht nur den Gegensatz Ost/West. Es gab auch ein Niemandsland in der Mitte der Stadt, rund um den Potsdamer Platz, der Künstlerinnen und Künstler dazu anregte, sich mit solchen Orten auseinanderzusetzen, und mit den Subkulturen, die in diesen Brachen aufblühten. Davon handelt zum Beispiel Prinz in Hölleland.
Die Auswahl der Berlin-Filme konzentriert sich auf zeitgeschichtliche Dokumentationen und in den Spielfilmen auf unterschiedliche Gegenkulturen. Wie kam es zu diesem doppelten Fokus?
Heleen Gerritsen: Die Dokumentarfilme haben uns einfach durch die Bilder überzeugt, durch die Protagonist*innen und die unterschiedlichen Szenen, die in ihnen präsent sind. In Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 sieht man ganz konkret, wie sich die politische Situation nicht nur auf die Infrastruktur auswirkt, sondern auch auf die Menschen und ihre Schicksale. Wir möchten gerade einem jüngeren Publikum ein authentisches Bild der damaligen Zeit vermitteln, auch wenn der Bahnhof Friedrichstraße eine gefühlte ewige Baustelle ist.
Annika Haupts: Gegenkulturen ziehen sich durch das gesamte Programm. Das ist etwas, was die Filme miteinander verbindet: Die Spielfilme, die mit Sub- oder Gegenkulturen zu tun haben, sind sehr nah dran an dem damaligen Lebensgefühl, am Zeitgeist. Das war für uns ein kuratorisches Leitmotiv. Auch die Spielfilme sind extrem überzeugend in ihren Darstellungen der Welten, die sie schildern. Lola und Bilidikid etwa überzeugt das Publikum mit seiner präzisen Darstellung der türkischen Community.
Mit Dušan Makavejev und Jean-Luc Godard sind zwei eigenwillige internationale Regisseure im Programm präsent. Was charakterisiert ihre Perspektive auf Berlin nach der Maueröffnung?
Heleen Gerritsen: Dušan Makavejev ist ein herausragender Vertreter der jugoslawischen Schwarzen Welle. Und deren provokanten Stil hat er mitgebracht nach Berlin. Dazu zählt ein ziemlich anarchistischer Einsatz von Archivmaterial, in diesem Fall aus dem womöglich schlimmsten Sowjetpropagandafilm, den es überhaupt gibt: Der Fall von Berlin (1950). In seinem Film Gorilla Bathes at Noon montiert Makavejev Szenen mit dessen Stalin-Darsteller in die Geschichte eines russischen Offiziers, der durch das wiedervereinigte Berlin irrt, so dass kommunistische Geschichtsklitterung und neo-kapitalistische Gegenwart aufeinanderprallen. Das ist ganz schön wild.
Und Godard?
Heleen Gerritsen: Godard ist einfach Godard! Dass in Allemagne année 90 neuf zéro, einem Sequel zu seiner 60er-Jahre-Science-Fiction Alphaville, Eddie Constantine als Geheimagent Lemmy Caution erneut auftaucht, ist natürlich nur ein narratives Vehikel, um die politischen Umbrüche der Stadt aufzuzeigen.
Annika Haupts: Man muss sich den Film wohl zwanzigmal anschauen, um sämtliche Referenzen an die deutsche Geschichte und Geschichtsbewältigung (oder eben Nichtbewältigung) wahrzunehmen. Gorilla Bathes at Noon und Allemagne année 90 neuf zéro sind gute Beispiele für eine künstlerische Annäherung an die historische Situation.
Mehrere der Berliner Produktionen erlebten ihre Premiere bei der Berlinale. Gibt es neben diesen „Wiedersehen“ auch Entdeckungen zu machen?
Heleen Gerritsen: Da ist vor allem Sunny Point zu nennen, ein echter Schatz, den wir da gehoben haben. Ein Film, der lange vor Good Bye, Lenin! oder Herr Lehmann den Mauerfall als Komödienstoff nutzt – ein überzeugendes Spielfilmdebüt, das sehr witzig ist und das wir in den Verleih der Kinemathek aufgenommen haben.
Annika Haupts: Hinzu kommen einige mittellange Filme. Der Kontrolleur und So schnell es geht nach Istanbul sind Abschlussfilme, von Stefan Trampe und Andreas Dresen an der HFF „Konrad Wolf“ gedreht, die wir nun in einem Doppelprogramm zeigen. Östliche Landschaft, der vor dem Godard-Film läuft, findet seine Bilder für den nicht mehr existierenden Staat DDR auf einer Müllkippe. Es sind Bilder des Abschieds und der Trauer, die wir als 35-mm-Kopie zeigen können.
Sunny Point von Wolf Vogel
II. East meets West | West meets East
Welche Erfahrungen haben Sie als Leiterin des Festivals „goEast“ mit dem osteuropäischen Kino der Neunzigerjahre machen können?
Heleen Gerritsen: Die Neunzigerjahre habe ich während meiner Zeit bei „goEast“ tatsächlich für mich entdeckt. Dabei war es schwierig, überhaupt vorführbare Kopien von Filmen aus Osteuropa zu finden. Denn Archivsystem und Filmproduktion wurden damals komplett umgestellt. Zuvor war alles staatlich organisiert. Nach der Auflösung der Studios entstand in vielen osteuropäischen Ländern ein Vakuum. Trotzdem wurden Filme produziert, manchmal auf Initiative von Filmschaffenden, die noch Filmmaterial aus den Studios im eigenen Kühlschrank liegen hatten. Da gibt es wirklich wilde Geschichten! Gleichzeitig waren die Neunzigerjahre für viele osteuropäische Filmschaffende eine sehr schmerzhafte Zeit, weil sie vorher festangestellt waren und ihre Zukunft auf einmal komplett unsicher wurde.
Wie schlagen sich Ihre Erfahrungen in der Retrospektive nieder?
Heleen Gerritsen: 2019 habe ich im Dovzhenko Centre in Kyjiw zum ersten Mal den ukrainischen Spielfilm Raspad gesehen. Aber es gab dort noch viel mehr Filme, die mich mit ihrer Energie beeindruckt haben. Da hat man gemerkt: Die Zensur ist weg! Da konnten die Leute auf einmal Themen aufarbeiten, die bislang absolut tabu waren. Das merkt man bei Raspad, dem ersten Spielfilm über die Katastrophe in Tschornobyl, aber auch ganz stark bei Orange Westen, einem Dokumentarfilm ganz im Geist der Perestroika.
In den Neunzigerjahren brachen westliche Filmschaffende Richtung Osten auf, östliche in den Westen. Inwieweit unterschieden sich ihre Motive und Perspektiven?
Heleen Gerritsen: Das kann man ziemlich knapp beantworten: Die Westler waren neugierig und auf Abenteuer aus, und die Ostler haben Finanzierungen gebraucht.
Nichtsdestotrotz war die Begegnung für beide Seiten von Bedeutung. Das Kollektiv von Orange Westen hat damals Helke Sander und andere feministische Filmemacherinnen getroffen, und das hat die Frauen zu ihrem Film mit inspiriert. Werner Herzog reist ja sowieso gern überall hin, und mit Glocken aus der Tiefe ist ein Film entstanden, der wahnsinnig viel über Glaube und Aberglaube in Russland erzählt. Der Wunsch, sich als Reaktion auf den Fall des Kommunismus mit Spiritualität auseinanderzusetzen, ist auch Krzysztof Kieślowskis Film La double vie de Véronique anzumerken. Ulrike Ottinger hat sich immer schon von Osteuropa und Asien inspirieren lassen. Für Johanna d’Arc of Mongolia hat sie bereits 1989 zu drehen begonnen, ein mutiger Zeitpunkt.
Annika Haupts: Eine weitere Ost-West-Verschränkung belegt auch der sehr schöne und sehr kreative kurze Animationsfilm In my Neighbourhood, der noch im DEFA-Animationsstudio in Dresden entstanden ist und die US-amerikanische Hip-Hop-Kultur aufnimmt.
The Double Life of Veronique von Krzysztof Kieślowski
III. Das Ende der Geschichte?
Die amerikanischen Filme sind fernab der historischen Umwälzungen in Europa angesiedelt. In welcher Beziehung stehen sie zu den zeitgeschichtlich scheinbar relevanteren europäischen Produktionen?
Heleen Gerritsen: Die These des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, dass sich mit dem Ende der Sowjetunion die liberale Demokratie weltweit durchsetzen würde, hat sich bekanntlich nicht bestätigt. Als Reaktion auf den globalen Siegeszug von Marktkapitalismus und Neoliberalismus, auf den ganzen „amerikanischen Traum“, entstand in den Neunzigern auch eine Gegenbewegung. Das zeigt zum Beispiel Slacker, Richard Linklaters Film über junge Leute, die einfach in den Tag hinein leben und gar keine Lust haben auf kapitalistische Karrieren und Konsumtion und damit gewissermaßen auch die erwähnten Schockwellen aus Berlin verarbeiten. Das hat im Kino Spuren hinterlassen.
Das waren Entwicklungen im Independent-Film, aber auch in der Schwarzen Kultur. Spike Lee hätte seine Filme im Hollywood-Studiosystem gar nicht realisieren können. Bamboozled ist ein ziemlich krasser Film, der die amerikanischen Medien, das Fernsehsystem und das US-Entertainment stark kritisiert. Und damit auch als Kapitalismuskritik lesbar ist. In diesem Zusammenhang ist auch Hip-Hop ganz wichtig.
Annika Haupts: Filme wie Boyz n the Hood und Juice haben Standards gesetzt, wie das Leben in der Hood mit all seinen Konfliktlinien dargestellt werden kann.
Statt eines politischen Aufbruchs ist in den US-Produktionen ein ästhetischer Umbruch zu beobachten. Inwieweit steht er in Beziehung zu den jugendlichen Außenseiterperspektiven dieser Filme?
Annika Haupts: Relevant ist in dieser Hinsicht, dass sich in den späten Neunzigern die Digicam durchgesetzt hat. Durch diese technische Umwälzung war es möglich, ohne großes Budget Filme zu machen. Das war so bei Dirty Girls, einem Kurzfilm, den der Regisseur Michael Lucid über seine Mitschülerinnen gedreht hat. Das neue Format bot neue Räume vor und hinter der Kamera. Das sieht man gut bei Spike Jonzes Video Days, einem langen Skater-Clip, der erst dadurch ermöglicht wurde, dass man die leichte und erschwingliche Kamera mit hinaus auf die Straße nehmen oder aufs Skateboard schnallen konnte.
Heleen Gerritsen: Durch die Verwendung dieser Technik in Musik-Clips wurde damals auch MTV so prägend. Deshalb hätte ich am liebsten noch viel mehr Musikvideos ins Programm genommen. MTV war in den Neunzigerjahren eine wahnsinnige Quelle der Kreativität und auch hier begegneten sich Ost und West. Gerade zum letzten Jahreswechsel hat MTV aufgehört, Musikvideos auszustrahlen. Damit geht wirklich eine Ära zu Ende.
Ich glaube, für viele ist es psychologisch immer noch schwierig zu akzeptieren, dass die Neunzigerjahre mittlerweile auch zum Filmerbe gehören.
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