Berlinale Notes
Zur Meinungsfreiheit und zur Sicherheit unserer Filmschaffenden auf der Berlinale
12. Oktober 2026
Während wir an der nächsten Festivalausgabe arbeiten, nehmen wir wahr, dass es Unsicherheiten und Missverständnisse darüber gibt, wie die Berlinale die Meinungsfreiheit und die Sicherheit unserer Filmschaffenden im Festival schützt. Wir möchten daher die Gelegenheit nutzen, die Grundsätze klarzustellen, die unsere Arbeit bisher geleitet haben und weiterhin leiten.
Die Aufgabe der Berlinale ist es, einen offenen Raum zu erhalten, in dem Künstler*innen, Filmschaffende und Publikum einander begegnen, sprechen und gehört werden können. Wir verstehen es als unsere Verantwortung, eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen ins Gespräch kommen und einander zuhören können, und ein vielfältiges Filmprogramm zu zeigen, das herausfordern, provozieren und verbinden kann.
Die Art und Weise, wie wir künstlerische Freiheit und Meinungsfreiheit schützen, kann einen prägenden Einfluss auf die Erfahrungen unserer Teilnehmenden beim Festival haben. Seit 2024 arbeiten wir daran, unsere bestehenden Grundsätze und Verpflichtungen klarer und deutlicher zu kommunizieren.
Zugleich ist uns bewusst, dass sachliche und rechtliche Erläuterungen allein Schmerz, Misstrauen und politische Meinungsverschiedenheiten nicht auflösen können. Wir stehen in kontinuierlichem Austausch mit den teilnehmenden Filmschaffenden, um sie während ihres Festivalaufenthalts bestmöglich zu unterstützen. Wir respektieren dabei das Recht von Künstler*innen, Publikum und Organisationen, zu protestieren, herauszufordern und deutliche Kritik zu formulieren. Wir nehmen diese Anliegen ernst.
Die Berlinale zensiert oder genehmigt die persönlichen Äußerungen eingeladener Filmschaffender nicht. Gäste können sich im Rahmen des in Deutschland geltenden umfassenden Schutzes der Meinungsfreiheit und ihrer gesetzlichen Grenzen frei zu ihrer Arbeit, ihren Erfahrungen und ihren politischen Ansichten äußern. Die Berlinale untersagt nicht das Tragen von Symbolen der Solidarität. Wir werden auch weiterhin die Kunstfreiheit, die Meinungsfreiheit sowie die Sicherheit und Würde aller Festivalteilnehmer*innen verteidigen und uns entschieden gegen Diskriminierung stellen, darunter Antisemitismus und antipalästinensischen Rassismus.
Die Berlinale hat keine Vereinbarung mit der Polizei zur Überwachung politischer Äußerungen. Die Polizei betritt Veranstaltungsorte der Berlinale nicht ohne einen konkreten, rechtlich begründeten Anlass. Unsere eigenen Sicherheitsteams sind für das Wohlergehen aller zuständig und haben keinen Auftrag, Aussagen von Teilnehmer*innen auf der Bühne zu überwachen oder einzuschränken.
Die Berlinale gibt personenbezogene Daten ihrer Gäste nicht von sich aus an Behörden weiter. Wie jede Organisation, die in Deutschland tätig ist, wären wir verpflichtet, auf eine formell und rechtlich gültige Anordnung im Zusammenhang mit der Untersuchung einer konkreten mutmaßlichen Straftat zu reagieren. Bis heute war die Berlinale jedoch zu keinem Zeitpunkt rechtlich verpflichtet, personenbezogene Daten eines Gastes offenzulegen.
Unsere künstlerischen und programmatischen Entscheidungen werden unabhängig getroffen. Die Berlinale ist Teil der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB), die sich im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland befindet. Rund 40 Prozent der Finanzierung der Berlinale wird von den Steuerzahler*innen getragen; die übrigen Einnahmen erwirtschaftet das Festival selbst. Unsere künstlerischen und programmatischen Entscheidungen sind durch die Kunstfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes geschützt und werden unabhängig getroffen. Im Nachgang der Berlinale 2026 sprach der Aufsichtsrat der KBB-Empfehlungen zur zukünftigen Entwicklung der Organisation aus. Diese waren zu keinem Zeitpunkt Bedingungen für die Fortsetzung der Finanzierung oder des Betriebs und stellen die Integrität des Festivals nicht in Frage.
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Ausführliche Antworten zu den Themen Meinungsfreiheit und Sicherheit findet Ihr in unseren FAQs - Dialog & Sicherheit.
Wir setzen uns dafür ein, dass die Berlinale ein Ort bleibt, an dem Künstler*innen herausfordernde Werke präsentieren können, freie Meinungsäußerung im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen möglich ist und mitunter sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Dieses Selbstverständnis ist zentral für das Festival und für unsere Verantwortung gegenüber der internationalen Filmgemeinschaft.
In herausfordernden Zeiten danken wir Euch dafür, weiterhin Teil unserer Gemeinschaft zu sein.
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Dank an unsere Filmschaffenden und die Branche
notiert von Tricia Tuttle
06. März 2026
İlker Çatak mit dem Goldenen Bären für Gelbe Briefe
In den letzten Tagen haben wir von vielen von Euch Fragen und auch Bedenken bezüglich einiger unklarer Dinge erhalten, die Ihr über die Berlinale gelesen habt. Wir möchten Euch daher hiermit eine gemeinsame Mitteilung zukommen lassen.
In dieser außergewöhnlich herausfordernden Zeit hat uns die überwältigende Unterstützung durch deutsche Kulturorganisationen und die internationale Kino- und Filmfestival-Community zutiefst bewegt. Ich bin allen, die sich an uns gewandt haben, sehr dankbar, und ich bin mir der Verantwortung bewusst, die damit auf mir und der Berlinale ruht, in dieser aufgewühlten Situation einen Weg zu weisen. Ich möchte Euch allen versichern, dass ich ohne die feste Gewissheit, dass die Unabhängigkeit der Berlinale klar und unmissverständlich bekräftigt wird, nicht als Direktorin weitergemacht hätte.
Lasst mich daher klarstellen, dass die Empfehlungen des KBB-Aufsichtsrats tatsächlich Empfehlungen und keine Bedingungen für meine Weiterbeschäftigung sind. Das erneute Bekenntnis des Aufsichtsrats zu meiner Leitungsfunktion signalisiert sein Vertrauen in uns, jeden Vorschlag ernsthaft und offen zu prüfen. Wir werden dies in Anerkennung dessen tun, dass der Aufsichtsrat unser Bekenntnis zum demokratischen, pluralistischen Prinzip der freien Meinungsäußerung teilt. Die Entscheidung über die Annahme dieser Empfehlungen und die Art und Weise ihrer Umsetzung liegt bei uns. In allen Punkten, die die allgemeine Ausrichtung der KBB betreffen, werde ich als eine von vier Direktor*innen an den Diskussionen beteiligt sein. Gemeinsam vertreten wir viele Menschen, die mit kulturellen Aufgaben bei der Berlinale, den Berliner Festspielen mit dem Gropius Bau und dem Haus der Kulturen der Welt betraut sind.
Ich bin stolz darauf, dass wir aus allem mit einer stärkeren Berlinale hervorgegangen sind, die sich mehr denn je für die Vitalität des Kinos einsetzt. Hier präsentieren Filmschaffende aus Deutschland und der ganzen Welt ihre Werke frei und für unser unermüdlich neugieriges Publikum. Hier werden vielfältige Stimmen hörbar gemacht. Und hier wird der künstlerische Ausdruck geschützt. Das ist die eigentliche Aufgabe eines Filmfestivals, und mein Team und ich können es kaum erwarten, dies für die 77. Ausgabe der Berlinale umzusetzen.
P.S. İlker Çataks Goldener-Bär-Gewinner Gelbe Briefe startet diese Woche in Deutschland – und bald auch international. Wir sehen uns im Kino!
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Offener Brief zur Unterstützung von Tricia Tuttle
notiert vom Berlinale-Team
26. Februar 2026
Das Team der Berlinale blickt auf ein erfolgreiches Festival 2026 zurück, das gemeinschaftlich umgesetzt wurde und große Resonanz bei Filmschaffenden aus aller Welt sowie zehntausenden Zuschauer*innen in den Kinos gefunden hat. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatten und jüngsten Entwicklungen haben sich inzwischen mehr als 500 Mitarbeitende der Berlinale (Stand: 26. Februar, 8:45 Uhr: 510) mit folgender Nachricht an die Politik und Öffentlichkeit gewandt.
Wir – das Team der Berlinale, egal ob fest angestellt, auf Vertrag, als Freelancer und kooperierende Institutionen – kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken, aber in einer Sache sind wir uns absolut einig: Wir stehen voll und ganz hinter der großartigen Tricia Tuttle als unserer Intendantin.
Wir haben in der Zeit mit Tricia eng zusammengearbeitet und live miterlebt, mit wie viel Klarheit, Rückgrat und künstlerischem Gespür sie die Berlinale leitet. Sie gibt jedem von uns das Gefühl, wirklich geschätzt zu werden. Nach zwei schwierigen Jahren sind wir alle stolz darauf, was wir gemeinsam als Team erreicht haben.
Man kann es nicht anders sagen: Der KBB-Aufsichtsrat hätte keine bessere Wahl treffen können. Tricia ist klug, handelt fair und hat immer ein offenes Ohr. Niemand brennt mehr für die Werte, die dieses Festival für das Kino hier in Deutschland und weltweit so wichtig machen.
Wir hoffen, dass diese Nachricht klarmacht, wie sehr wir Tricia schätzen. Sie hat eine Loyalität im Team geweckt, die zeigt, wie sehr uns allen die Zukunft der Berlinale und des Kinos am Herzen liegt.
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Über das Sprechen, das Kino und die Politik
notiert von Tricia Tuttle
14. Februar 2026
Es gibt viele Arten von Kunst und ebenso viele Arten, politisch zu sein. Die individuellen Herangehensweisen unterscheiden sich dabei erheblich.
Bei der Berlinale wurde der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut. Und freie Meinungsäußerung findet hier statt. Doch zunehmend wird von Filmschaffenden im Festival erwartet, jede an sie gerichtete Frage zu beantworten. Sie werden kritisiert, wenn sie nicht antworten. Sie werden kritisiert, wenn sie antworten und ihre Antwort einem nicht gefällt. Und sie werden kritisiert, wenn sie komplexe Gedanken nicht in einen kurzen Soundbite verdichten können, sobald ihnen ein Mikrofon vorgehalten wird, obwohl sie eigentlich in einem ganz anderen Zusammenhang sprechen wollten.
Es ist schwer auszuhalten, dass die Berlinale sowie die vielen Hundert Filmschaffenden und Mitarbeitenden, die dieses Festivals ausmachen, in der Online- und Mediendebatte zu etwas verdichtet werden, das wir nicht immer wiedererkennen. In den kommenden zehn Tagen sprechen Filmschaffende ununterbrochen: Sie sprechen durch ihre Filme, sie sprechen über ihre Filme – und manchmal sprechen sie auch über geopolitische Themen, die mit ihren Werken verbunden sein können oder auch nicht. Die Berlinale macht dies zu einem großen, vielschichtigen Festival. Einem Festival, das Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf vielfältige Weise schätzen.
Im diesjährigen Programm sind 278 Filme zu sehen. Sie bringen eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven mit. Es gibt Filme über Genozid, über sexuelle Gewalt im Krieg, über Korruption, patriarchale Gewalt, Kolonialismus und missbräuchliche Staatsmacht. Unter den Filmschaffenden hier sind Menschen, die selbst Gewalt und Genozid erfahren haben und die aufgrund ihrer Arbeit oder ihrer politischen Haltung Gefängnis, Exil oder sogar ihr Leben riskieren. Sie kommen nach Berlin und teilen ihre Werke mit großer Courage. Das geschieht genau jetzt. Verstärken wir diese Stimmen ausreichend?
Gleichzeitig gibt es Filmschaffende, die mit anderen politischen Anliegen zur Berlinale kommen: Sie fragen, wie wir über Kunst als Kunst sprechen können und wie wir Kinos erhalten, damit unabhängige Filme auch weiterhin Orte haben, an denen sie gesehen und diskutiert werden können. In einer Medienlandschaft, die von Krisen dominiert wird, bleibt immer weniger Raum für ernsthafte Gespräche über Film oder Kultur – es sei denn, sie lassen sich auch in eine News-Logik einordnen.
Manche Filme artikulieren Politik mit kleinem „p“: Sie untersuchen Machtstrukturen im Alltag – wer und was sichtbar oder unsichtbar ist, wer ein- oder ausgeschlossen wird. Andere befassen sich mit Politik mit großem „P“: mit Regierungen, staatlichen Entscheidungen und den Institutionen von Macht und Rechtsprechung. Beides sind bewusste Entscheidungen. Macht anzusprechen kann in klar erkennbarer Weise geschehen, aber ebenso in leiseren, persönlichen Formen. In der Geschichte der Berlinale haben viele Künstlerinnen und Künstler die Menschenrechte ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt. Andere haben Filme geschaffen, die wir als stille radikale politische Gesten verstehen – Werke, die sich auf kleine, fragile Momente von Fürsorge, Schönheit und Liebe konzentrieren oder auf Menschen, die für die meisten von uns unsichtbar bleiben, auf Menschen, die allein sind. Durch ihre Filme helfen sie uns, Verbindungen zu unserer gemeinsamen Menschlichkeit zu schaffen. Und in einer zerbrochenen Welt ist das kostbar.
Was viele Filmschaffende bei der Berlinale eint, ist ein tief verwurzelter Respekt vor der Würde jedes Menschen. Wir glauben nicht, dass es unter den hier vertretenen Filmschaffenden jemanden gibt, dem gleichgültig wäre, was in dieser Welt geschieht – jemanden, der die Rechte, das Leben oder das immense Leid der Menschen in Gaza und im Westjordanland, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, im Iran, in der Ukraine, in Minneapolis und an einer erschreckend großen Zahl weiterer Orte nicht ernst nähme.
Künstlerinnen und Künstler sind frei, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung so auszuüben, wie sie selbst entscheiden. Es sollte nicht erwartet werden, dass sie sich zu allen grundlegenden Debatten über eine bisherige oder die aktuelle Festivalpraxis äußern, über welche sie selbst keine Kontrolle haben. Ebenso sollte nicht vorausgesetzt werden, dass sie zu jedem politischen Thema Stellung nehmen, das an sie herangetragen wird. Es sei denn, sie möchten es.
Wir setzen unsere Arbeit fort, weil wir das Kino lieben – und weil wir hoffen und glauben, dass Filme etwas verändern können, selbst wenn es der langsame, fast glaziale Prozess ist, Menschen zu berühren und zu verändern, Herz oder Verstand, einen nach dem anderen.
Wir danken unserem Team, unseren Gästen, unseren Jurys, unseren Filmschaffenden und den vielen, die sich mit der Berlinale befassen, für einen kühlen Kopf in heißen Zeiten.
Bitte besuchen Sie auch unsere FAQs – Dialog & Sicherheit