Berlinale: Berlinale Themen


Berlinale Talent Campus 2012:
Changing Perspectives

Neue Wege, andere Blickwinkel und veränderte Perspektiven. Matthijs Wouter Knol und Christine Tröstrum geben einen Ausblick auf das zehnjährige Jubiläum des Berlinale Talent Campus, auf aktuelle Schwerpunkte und die erstmalige Einbindung von Verleihern, auf technologische Neuerungen und politische Entwicklungen.

„Changing Perspectives“ ist der thematische Schwerpunkt der kommenden zehnten Ausgabe des Campus. Ihr ermuntert die Talente, neue Wege zu gehen. Welche Vorbilder hattet Ihr bei der Konzeption vor Augen?

Matthijs Wouter Knol (MWK): Wir haben jedes Jahr sehr viele Talente und Experten zu Gast beim Campus, die zunächst eine bestimmte Ausbildung oder fachspezifische Erfahrungen in der Filmbranche gemacht haben, bevor sie herausgefunden haben, welche Bereicherung ein alternativer Weg, ein anderer Blickwinkel oder das Hineindenken in andere Tätigkeitsfelder sein kann.

Christine Tröstrum (CT): Das Durchschnittsalter der Campus-Teilnehmer liegt bei 30-32 Jahren. Vor zwei Jahren haben wir aber auch einen 57-jährigen Filmemacher ausgewählt, der lange Jahre als Fotograf und Journalist gearbeitet hatte, bevor er anfing, erfolgreiche Drehbücher zu schreiben. Für uns galt er daher als Nachwuchstalent, und wir wollten ihm die Gelegenheit geben, beim Campus sein neues Script weiterzuentwickeln.
Es war schon immer Ziel des Campus, Dinge neu zu betrachten und in die Zukunft zu denken. Oder einfach den Blickwinkel zu ändern. Wir richten diese Aufforderung nicht nur an die Talente, sondern wollen auch etablierte Filmemacher zu einem Perspektivenwechsel einladen.

Experten wie Michel Reilhac, Direktor von ARTE France Cinéma, teilen ihr Wissen mit den Talenten.

MWK: Für erfahrene Profis, deren Filme zum Beispiel auf großen Festivals wie der Berlinale liefen und die bereits oft als Experten oder zu Panels eingeladen worden sind, ist der Campus auch eine Art Türöffner.
Sie haben die Gelegenheit, sich One-on-One mit den Teilnehmern zu treffen, anstatt vor einem anonymen Publikum zu sprechen. Dabei merken sie, dass die Talente keineswegs unerfahrene Studenten sind, sondern ernstzunehmende Filmemacher. Insofern eröffnet diese Begegnung nicht nur den Talenten, sondern auch den Experten neue Perspektiven. Sie sehen, dass die jungen Leute ein klares Ziel verfolgen – und gegebenenfalls für eine zukünftige Zusammenarbeit in Betracht kommen.

CT: Wir haben erstmalig junge Verleiher aufgefordert, sich zu bewerben. Auch das bedeutet für uns „Changing Perspectives“. Der Campus hat sich in den letzten Jahren vor allem auf die Bereiche Development, Pre-Produktion und Produktion fokussiert. Uns ist es aber ebenso wichtig, dass sogenannte „Festivalfilme“ im Anschluss an ihre erfolgreiche Festivalkarriere in verschiedenen Ländern ins Kino kommen und ein breites Publikum finden.

MWK: Es geht eben nicht nur darum, Nachwuchsfilmemacher mit etablierten Filmschaffenden zusammenzubringen, damit diese gemeinsam Filme entwickeln, produzieren und finanzieren, sondern auch darum, ein Publikum für die Filme zu finden. Die Talente müssen sich mit der Frage auseinandersetzen: Für wen will ich Filme machen? Der Fokus der Industrie liegt schließlich auf der Verwertung des Produktes – das versuchen wir zu vermitteln.

Das Team vom Berlinale Talent Campus #10

Neue Verwertungsmöglichkeiten, finanzielle und crossmediale Experimente

Wie gehen die Verleiher mit den Veränderungen, die sich in ihrem Tätigkeitsfeld ergeben haben, um?

MWK: Wir möchten von den Nachwuchsverleihern, die wir aus unterschiedlichen Teilen der Welt zum nächsten Campus eingeladen haben, erfahren, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben und welche neuen Distributionswege oder -strukturen entstanden sind. Auf dem Campus sollen sich die Talente untereinander austauschen, aber auch mit etablierten Verleihfirmen in Kontakt kommen. Von gestandenen Produzenten und Verleihern hören wir immer wieder, wie schwierig es in der Branche ist, geeignete Nachwuchskräfte bzw. Personen mit innovativen Ideen zu finden. Die Verleihindustrie hat sich von Grund auf geändert, und niemand weiß so richtig, wo es in Zukunft hingeht.

CT: Wir wollen die Auswertungsketten, die durch Video on Demand und den Einfluss von anderen digitalen Möglichkeiten diffus geworden sind, neu ordnen. Wird VoD für die Filmverwertung bestimmend sein? Wird es in 10 Jahren überhaupt noch eine Kinoauswertung geben? Wie arbeiten Produzent, Regisseur und Verleiher heute zusammen? Was muss ein Regisseur, der die Rechte selbst behält, über Auswertung und Vertrieb wissen?
Bereits in den letzten Jahren haben wir Erfolgsmodelle vorgestellt, die durch neue Verwertungsmöglichkeiten im Internet geschaffen wurden. In der nächsten Campus-Ausgabe wollen wir weitere Entwicklungen aufzeigen und den Schwerpunkt vertiefen.

Nicht nur die Verleiherlandschaft hat sich durch das Internet gewandelt, sondern auch im Produktionsbereich eröffnen sich neue Perspektiven, zum Beispiel durch Crowdfunding. Ist die Finanzierung von kreativen Projekten mittels der Netznutzer ein Zukunftsmodell, das auch in Europa privaten Geldgebern oder staatlichen Förderinstitutionen gleichzukommen vermag?

CT: Gleichkommen wohl nicht; das wird eher eine Ergänzung sein. Es gibt vor allem in den USA sehr erfolgreiche, alternativ finanzierte Projekte, da es dort keine vergleichbaren staatlichen Förderstrukturen wie in Europa gibt. Aber auch in vielen anderen Ländern ist es nicht mehr so einfach, Fördermittel für Projektentwicklungen zu bekommen. Die Zahl der Produktionen hat sich derart vervielfacht, dass Filmemacher neue Finanzierungswege finden müssen, um ihre Filme realisieren zu können. Für den Campus planen wir zukünftig eine Kooperation mit einer Crowdfunding-Plattform aus den USA. Die Talente können die Dokumentar- und Spielfilmprojekte, die wir für die Doc&Script Station ausgewählt haben, auf diesem Finanzierungs-Portal mit dem Ziel veröffentlichen, ein bestimmtes Budget in einem festgelegten Zeitraum zu erreichen. Das ist für uns selbst ein sehr spannendes Experiment.

Dreh des Films Five Ways to Kill a Man für den Berlin Today Award 2012

Der Talent Campus hat seit jeher ein besonderes Augenmerk auf technologische Neuerungen gerichtet. Die Digitalisierung des Filmemachens nimmt auch auf den künstlerischen Prozess Einfluss.
Eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens in der Praxis? Welche Entwicklungen möchtet ihr da aufgreifen?

CT: Ausgangspunkt sollte immer sein, eine gute und spannende Geschichte zu erzählen. In den letzten Jahren sind mittels digitaler Welten und Technologien jedoch völlig neue Erzählformen entstanden. Seit Jahren diskutieren wir mit den Talenten, welche neuen Möglichkeiten im Bereich Crossmedia entstehen. Crossmedia- oder Transmedia-Projekte setzen Erzählstrukturen voraus, an denen die Nutzer, das Publikum, als Kommentatoren oder Mitautoren oftmals beteiligt sind; es werden z.B. parallel Live-Events veranstaltet oder Kurzfilme gedreht. Auch der Bildungsbereich ist für solche Projekte attraktiv, zum Beispiel für Kindermedien oder Fremdsprachenkurse. Wir glauben, dass vor allem Dokumentarfilmprojekte für crossmediale Erzählweisen geeignet sind und neue Zuschauer auf verschiedenen Plattformen gewonnen werden können. Auf dem Campus 2012 werden wir erstmalig fertig gestellte Crossmedia-Projekte präsentieren und in Zusammenarbeit mit dem IDFA Doclab aus Amsterdam präsentieren.
Am Ende hat die Nutzung neuer digitaler Formate natürlich auch wieder mit dem Thema Vertrieb und Distribution zu tun: Wie und wo finde ich neue Zielgruppen für mein Filmprojekt?

Der iranische Filmemacher Raffi Pitts bei der Veranstaltung "Censored Cinema" 2011

Filme als politisches Mittel und Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen

Eine grundlegende Bedeutung hat die Meinungsäußerung im Internet sowie die Online-Verbreitung von Filmen und Videos, wenn es um politische Entwicklungen in Schwellenländern geht. Welche Regionen sind für Euch derzeit spannend?

MWK: Während der letzten Berlinale gab es aufgrund der Urteile gegen Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof einen starken Fokus auf den Iran, und auch wir beim Campus haben uns mit dem Thema „Zensur und Kino“ beschäftigt. Im kommenden Februar ist es uns ein Anliegen zu beleuchten, welche gesellschaftlichen Veränderungen durch Filme entstehen können und wie eine neue Generation von Filmemachern in diesem Prozess weiterhin eine entscheidende Rolle spielt. Die arabische Welt ist eine Region, in der immens viel in Bewegung gekommen ist und über die in den Medien weltweit ein intensiver Diskurs entstanden ist. Filmisch ist sie interessant, weil sich die Bewegtbilder mehr oder weniger direkt und deutlich als Spiegel der politischen Prozesse verstehen lassen. Beim Talent Campus wollen wir die aktuelle Entwicklung in den arabischen Ländern aufgreifen und darüber hinaus aber auch zeigen, was sich im Zuge eines gesellschaftlichen Aufbruches in anderen Regionen oder Ländern der Welt geändert hat. Wir möchten zeigen, in wieweit Filme dazu beitragen, die aktuellen Ereignisse begreifbar zu machen und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Außerdem werden wir neue afrikanische oder karibische Initiativen vorstellen, die beabsichtigen die Kräfte der lokalen Filmindustrie zu bündeln, sich gegenseitig zu unterstützen und nach außen verstärkt gemeinsam aufzutreten.

Beim “Dine & Shine Talents Rendezvous” treffen Talente auf Gäste der Berlinale und Experten.

Rückblick auf 10 Jahre Talent Campus und Ratschläge für die Zukunft

Der Talent Campus feiert 2012 sein zehnjähriges Jubiläum. Welche Entwicklungslinien zeichnen sich ab, wenn ihr die letzten Jahre Revue passieren lasst?

CT: Unsere Arbeit ist konkreter geworden. Der Begriff des globalen Dorfes trifft auf den Campus im positiven Sinn zu. So haben wir zum Beispiel internationale Koproduktionen gefördert, sei es durch Förderpreise, die wir mit unseren Partnern initiiert haben, oder durch unseren Kurzfilmwettbewerb, den Berlin Today Award. Wir haben das Interesse der Industrie am internationalen Nachwuchs geweckt und die Zusammenarbeit zielgerichtet gefördert, natürlich auch unter den Nachwuchsfilmemachern. Wir laden die etablierten Filmemacher nicht nur zum Campus ein, damit die Teilnehmer von deren Erfahrungen profitieren können, sondern wollen umgekehrt aufzeigen, dass die junge Generation sehr viel zu sagen und zu geben hat. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwer es früher war, als Branchen-Newcomer Kontakte mit etablierten Filmschaffenden zu knüpfen. Da gab es schon eine gewisse Arroganz. Dem versuchen wir durch eine Art Demokratisierung entgegenzuwirken. Vor vier Jahren haben wir z. B. das Dine & Shine-Format entwickelt, ein Dinner für 430 Gäste, bei dem wir Gäste von der Berlinale mit den Talenten zusammenbringen. Mittlerweile erhalten wir schon im Sommer die ersten Anfragen für das Dine & Shine Event von etablierten Produzenten, Förderern und Verleihern.
Noch vor 10 Jahre hatte das Wort Networking eine ganz andere Bedeutung. Ähnlich der Entwicklungen in der virtuellen Welt, beeinflusst durch Web 2.0, online Business-Portale, und jüngst die sozialen Netzwerke, haben sich vergleichbare flache Hierarchien und Communitys auch in der realen Welt gebildet.

MWK: Darüber hinaus hat sich der Campus mittlerweile verstärkt als eine Plattform für Projektentwicklung profiliert. Natürlich ist ein Programm von sechs Tagen zu kurz um Filmprojekte ausreichend weiterzuentwickeln. Aber dadurch, dass der Campus am Anfang des Jahres eine sehr dichte Atmosphäre bietet, in der alle offen sind für neue Impulse und frische Ideen, verstehen viele Nachwuchsfilmemacher den Campus als einen Ort der Orientierung und Entscheidungsfindung. Diesen Anspruch hat der Campus auch für die Zukunft: wir möchten aufstrebende und etablierte Filmprofis nicht nur zusammenbringen, sondern dazu beizutragen, dass die Talente inhaltlich von dem Treffen profitieren und mit ihren Projekten einen entscheidenden Schritt vorankommen.

Die Eröffnungsveranstaltung greift das Thema des zehnten Campus auf: “Changing Perspectives“. In der heutigen Zeit verläuft kaum eine Erwerbsbiographie geradlinig. Welchen Ratschlag könnt Ihr den Talenten mit auf den Weg geben? Kommt es als junger Filmemacher darauf an, seine Ziele konzentriert zu verfolgen, oder vielmehr darauf, sich ergebende Gelegenheiten zu nutzen?

MWK: Ein Ratschlag wäre, stets offen zu sein für Neues, sich nicht zu sehr auf die eigene Sache zu fokussieren, sondern die Energie und Konzentration zu haben, die Anregungen und das Feedback, das man von anderen bekommt, anzuhören und ernst zu nehmen. Der Input von allen Seiten kann – gerade auf dem Campus – nicht nur überwältigend und manchmal sogar beängstigend sein, sondern sich als sehr fruchtbar erweisen, um neue Ideen zu bekommen und sein Projekt auf eine andere Art und Weise weiterzuentwickeln. Für die meisten unserer Nachwuchstalente eröffnet der Campus buchstäblich eine neue Perspektive. Viele kommen zum ersten Mal nach Berlin, treffen hier Leute aus den unterschiedlichsten Ländern und erfahren dabei, dass sie nicht die einzigen sind, die in ihrem Land Schwierigkeiten haben, Stoffe zu entwickeln oder Filme zu realisieren. Nach dem Campus haben sie dann häufig eine ganze andere Sicht darauf, wie und mit wem sie an ihren Filmen weiter arbeiten wollen.