Berlinale: Berlinale Themen


Panorama

Seit nun mehr 32 Jahren zeigt das Panorama aktuelle Tendenzen im Arthouse-Kino auf. Sektionsleiter Wieland Speck gibt in einem Interview einen Ausblick auf das Programm 2012. Er spricht über Bilder des Arabischen Frühlings, wie sie nur das Kino bieten kann, wahnwitzige Genrefilme und das queere Gedächtnis sowie die Gemeinsamkeiten verschiedenster Freiheitsbewegungen.

Das Panorama ist eine der vielseitigsten Sektionen der Berlinale. Kannst Du etwas zum Profil sagen?

Das Panorama ist eine Publikumssektion mit einer gewissen Popularität. Wir vergeben den einzigen Publikumspreis des Festivals, an dessen Abstimmung sich weit über 20.000 Leute beteiligen. Mit der Konzentration auf das Independent-Kino haben wir vor 30 Jahren die Lücke zwischen dem damals sehr intellektuellen Forum und dem glamourösen Wettbewerb geschlossen. Diesen Ruf haben wir immer noch und er bewahrheitet sich auch. Gerade amerikanische Independent-Filme waren lange ein Standbein des Programms. Das ist inzwischen anders. Die thematischen und auch geografischen Schwerpunkte wechseln je nach dem, was die Welt vorgibt. In diesem Jahr ist es der Arabische Frühling. Wir zeigen mehrere Spiel- und Dokumentarfilme aus der Region, zur Region und auch direkt zu den Ereignissen.
Ein weiteres wichtiges Merkmal des Panorama ist das queere Kino. Der queere Filmpreis TEDDY wurde hier geboren und wir betreiben die Queer Academy als Plattform und zur Bewahrung des queeren Gedächtnisses. Dazu passen insbesondere einige aufschlussreiche Dokumentarfilme aus dem diesjährigen Programm.

Murathan Muslu in KUMA, R: Umut Dag, AUT 2011

Arabischer Raum und Nahost

Du hast es schon kurz erwähnt: Ein Schwerpunkt in diesem Jahr ist der Arabische Frühling. 2009 hast Du die Tendenz festgestellt, je rauer die Zeiten, desto mehr konzentrieren sich die Filme auf den Mikrokosmos. Würdest Du Deine Aussage im Hinblick auf das diesjährige Programm unterstreichen?

Als Eröffnungsfilm des Hauptprogramms, der traditionell am Donnerstag parallel zum Wettbewerb läuft, suche ich mir immer einen Film aus, der in gewisser Weise ein Bild auf das Panorama-Programm insgesamt wirft. Und das ist in diesem Jahr KUMA, der Erstlingsfilm von Umut Dag, einem Österreicher kurdischer Abstammung. Die Geschichte fängt mit einer arrangierten Hochzeit in der Türkei an. Die Großfamilie, in welche die Braut eingeheiratet wurde, lebt in Österreich: Vater, Mutter, drei Kinder, Cousins und Cousinen. Kaum kommt die junge Frau aus dem türkischen Hinterland in Wien an, stellt sich heraus, dass sie nur pro forma mit dem Sohn der Familie verheiratet wurde. In Wirklichkeit ist sie die Zweitfrau seines alten Vaters. Hintergrund ist die schwere Krebserkrankung der Mutter. Doch natürlich läuft nicht alles so, wie die Mutter es arrangiert hat, und schließlich stirbt nicht sie, sondern der Vater.
Eine echte Regie-Entdeckung! Er hat all das, was ich mir von Filmemachern wünsche. Er erzählt eine Geschichte, arbeitet gut mit den Bildern, entwickelt einen harmonischen Rhythmus und setzt die Musik unterstützend ein. Ein Stück modernes und gleichzeitig klassisches Erzählkino, über das ich mich besonders gefreut habe. Ich finde, bevor man alle anderen Sachen macht, muss man die Basis des Geschichtenerzählens sehen und begreifen.

The Reluctant Revolutionary, R: Sean McAllister, GBR 2011

Auch der Eröffnungsfilm von Panorama Dokumente macht einen starken und politischen Anfang; mit politisch meine ich, dass er eine weitere Auseinandersetzung anregt. Als ich den Dokumentarfilm The Reluctant Revolutionary gesehen habe, konnte ich mein Glück kaum fassen, weil er uns Bilder der aufflammenden Revolution im Jemen präsentiert, wie ich sie im Fernsehen noch nicht gesehen habe.

Sean McAllister zeigt uns den Niedergang des Tourismus im Jemen. Der letzte Tourist ist ein englischer Journalist, der sich aufgrund seines Berufes in einer besonders heiklen Situation befindet. Sein Touristenführer Kais ist vollkommen unpolitisch, reiner Geschäftsmann. Den Aufständen steht er zunächst sehr skeptisch gegenüber. Als Reiseführer fühlt er sich jedoch für seinen Gast verantwortlich, auch als dieser immer größeres Interesse für die Aufstände zeigt. Im Laufe des Films wird auch Kais zunehmend politisiert und für das Einstehen für Ideen sensibilisiert. Eine unglaubliche Geschichte, sehr elegant erzählt. Schon letztes Jahr waren diese Annäherungen zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen in Bezug auf den Erzählfluss zu sehen. The Reluctant Revolutionary habe ich an den Anfang des Themenkomplexes „Arabischer Frühling“ gesetzt. Er eröffnet den Schwerpunkt, der sich durch die gesamten Festspiele fortsetzten wird bis hin zu einem Panel im Haus der Berliner Festspiele. Javier Bardem wird dort Hijos de las nubes, La última colonia (Sons Of The Clouds, The Last Colony) vorstellen, und aus dem Panorama nehmen die Filmemacher der beiden Dokumentarfilme Words of Witness und In the Shadow of a Man (Im Schatten des Mannes) teil.

In Words Of Witness befragt eine junge Journalistin Passanten auf den Straßen von Kairo zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation. Vor allem Frauen kommen zu Wort. Durch ihre Geschichten wird die Revolution für den Zuschauer erfahrbar. In the Shadow of a Man vertieft das Thema deutlich, da hier auch Intellektuelle und revolutionsführende Frauen zu Wort kommen und die Anfänge, die weit in die 80er Jahre zurückgehen, beleuchtet werden.

La Vierge, les Coptes et Moi, R: Namir Abdel Messeeh, FRA/QAT/EGY 2012

Ein weiterer Film aus der Region, der aber wieder ein ganz anderes Bild zeichnet, ist La Vierge, les Coptes et Moi von Namir Abdel Messeeh. Er erzählt von einer christlichen Koptenfamilie, die nach Frankreich immigriert ist. Die strenggläubige Mutter ist der festen Überzeugung, auf einer alten Videokassette aus ihrem ägyptischen Heimatdorf eine Erscheinung der Jungfrau Maria erkennen zu können. Der Sohn ist Filmemacher und vollkommen unreligiös. Er will der Sache auf den Grund gehen und fährt in das Heimatdorf seiner Mutter. Mit der laienhaften Unterstützung des ganzen Dorfes dreht er schließlich die Marienerscheinung nach. Mit Bluescreen und Allem, was dazu gehört. Ein wunderbarer und vor allem urkomischer Film im Film – und zwischen den anderen schweren Themen aus der Region ein absoluter Glücksfall.

Zwei weitere Filme aus unserem Programm stellen ganz andere Bewegungen in den Fokus: das Nomadentum. In Sharqiya geht es um die israelischen Beduinen, die in eigens gebaute Neubaudörfer einziehen sollen, und Wilaya erzählt vom Schicksal der Sahraui in der West-Sahara, ein Gebiet, das lange Kolonie von Spanien war und schließlich zwischen Algerien und Marokko aufgeteilt wurde. Dies hat dazu geführt, dass die Nomaden nicht mehr umherziehen können wie sie es Jahrhunderte gemacht haben. Die Scheußlichkeit, die dieses Festsetzen von Nomaden bedeutet, wie sich das entstandene Vakuum beginnt nach den kleinbürgerlichen Vorbildern des Westens zu füllen, davon erzählen beide Filme auf sehr beeindruckende Art und Weise. Es ist paradox: In einer Zeit der Urbanisten, die sich auf der ganzen Welt zuhause fühlen, dürfen sich die Nomaden nicht mehr von der Stelle bewegen.

Genrekino

Und wie sieht es bei den weiteren Spielfilmen aus? Rollt die „Welle innovativen Genrekinos“ weiter?

Durchaus! Zum Beispiel Mai-wei aus Südkorea. Ein Kriegsfilm bei dem einem als Europäer Augen und Ohren wegfliegen. Ein völlig wahnsinniges Werk, dass aus koreanischer Perspektive vom Zweiten Weltkrieg erzählt: Im Mittelpunkt stehen zwei Jungs, einer aus einer koreanischen und einer aus einer japanischen Familie. Beide sind Schnellläufer, Konkurrenten und Freunde zugleich. Wie ich finde, ein eleganter Weg, die beiden selbstbewusst auf gleiche Augenhöhe zu stellen. Dann wird der ganz große Geschichtsvorhang aufgezogen: Beide werden Soldaten in der japanischen Armee und finden sich in deutschen Uniformen am Strand der Normandie während der Invasion wieder. In Kampfsequenzen hagelt es Bomben und das Blut spritzt. Wann gab es schon mal diese koreanische Perspektive auf die Ereignisse hier in Europa? Das darf auch wirklich anders aussehen. Der Film beruht auf dem Mythos oder historischen Fakt, dass während der Invasion ein Foto eines schmalen asiatischen Mannes in deutscher Uniform gefunden wurde.

Udo Kier in Iron Sky, R: Timo Vuorensola, FIN/NLD/AUS/DEU 2011

In Iron Sky wird eine ähnliche Geschichte erzählt, allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen: 1945 flüchtet eine Bande Nazis mit einem Raumschiff sprichwörtlich hinter den Mond. Auf der Erde schreiben wir das Jahr 2018 und eine Art Sarah Palin ist längst Präsidentin der Vereinigten Staaten. Sie steht am Anfang des Wahlkampfes zur Wiederwahl und schickt in der Hoffnung auf massenwirksame Bilder eine Mission zum Mond. Die Mondrakete landet, zwei Leute steigen aus, einer geht vor und entdeckt die Hakenkreuzgebäude der Nazis. Doch schon kommt ein Deutscher und knallt ihn ab. Mit Hilfe eines bis dato fehlenden Teils gelingt es dem verrückten deutschen Professor das Rauschiff der Nazis, die „Götterdämmerung“, in Gang zu bringen. Unter dem Kommando des Führernachfolgers, gespielt von Udo Kier, fliegen die Nazis also zur Erde, natürlich um diese für sich einzunehmen. Kaum angekommen werden sie von der PR-Agentin der Präsidentin entdeckt, die sie sofort für den Wahlkampf einspannt. Also es macht nur Spaß! Finanziert und teilweise kreiert wurden die wirklich bombastischen Bilder mit Geld und Ideen über Crowdsourcing.

Parada (Die Parade), R: Srdjan Dragojevic, SRB/HRV/MKD/SVN 2011

Mit Parada (Die Parade) hat Srdjan Dragojevic eine Komödie über die Schwulenszene in Serbien gemacht, ein Thema, bei dem es eigentlich nichts zu lachen gibt. Eine junge Frau vom Typ White Trash will einen Gangsterkönig heiraten. Die Organisation der Hochzeit soll von einem schwulen Ausstatter übernommen werden, dessen Partner wiederum Tierarzt ist. Er rettet dem in einem Bandenkrieg angeschossenen Kampfhund des Gangsterbosses das Leben. Als Gegenleistung verlangt er nun die Aufstellung eines Personenschutzes für die bevorstehende Pride Parade. Also auch eine absolut krude Mischung von Elementen, die es in Belgrad zu einem absolut unerwarteten Publikumserfolg gebracht hat.

Das queere Gedächtnis

Kann man den Schwerpunkt auf das queere Gedächtnis so verstehen, dass es hier in Deutschland inzwischen weniger um die Emanzipation, als viel mehr um Fragen nach Beziehungs- und Lebensmodellen geht?

Audre Lorde - The Berlin Years 1984 to 1992, R: Dagmar Schultz, DEU 2011

Ich wünschte, ich könnte diese Frage direkt mit Ja beantworten. So eindeutig kann man es leider nicht sagen. Allerdings lässt sich tatsächlich der Eindruck gewinnen, wenn man auf die deutschen Beiträge im Programm und da gerade auf die Dokumentarfilme schaut: Mit Unter Männern - Schwul in der DDR und Detlef haben wir zwei Filme zur Geschichte der zwei Schwulenbewegungen in Deutschland. Auch wenn man es nicht vermuten würde, in den 70er Jahren gab es in Bielefeld eine radikale und politische Schwulenbewegung, deren treibende Figur auch noch Detlef hieß. Detlef Stoffel. Gerade in der Kombination sind die beiden Filme interessant, weil sich Ost und West gegeneinander lesen lassen.
Und auch Vito rollt die Schwulengeschichte über eine Person auf, allerdings in den USA. In den 80er Jahren hielt Vito Russo seine berühmt Lecture „The Celluloid Closet“ im Panorama, damals noch Info-Schau. Der gleichnamige Film basiert auf dem daraus entstandenen Standardwerk queerer Filmgeschichte und erhielt den TEDDY 1996.

Was kann die Schwulenbewegung von anderen Bewegungen lernen?

Ich glaube, dass da ganz viele Bewegungen voneinander lernen können. Der Dokumentarfilm Audre Lorde - The Berlin Years. 1984-1992 von Dagmar Schultz zeigt dies auf sehr eindringliche Weise: Audre Lorde ist eine schwarze, lesbische Feministin, Dichterin, Autorin, Menschrechtskämpferin aus den USA und eine Ikone für die Lesbenwelt. Der Film zeigt die verschiedenen Bewegungen, den schwarzen Befreiungskampf, die Emanzipation der Frauen und auch den lesbischen Zweig des Feminismus. Die Frage, wie sich die verschiedenen Gruppen positioniert haben, lässt sich hier sehr gut nachvollziehen.