Berlinale: Berlinale Themen


Happy Birthday, Studio Babelsberg

Am 12. Februar 2012 feierte das Studio Babelsberg sein 100-jähriges Jubiläum. Viele der hier entstandenen Produktionen sind in die Filmgeschichte eingegangen, der deutsche Film hat hier seinen Ursprung, ästhetische und technische Innovationen haben die Entwicklung des Kinos vorangebracht. Die 100-jährige Geschichte des Studios spiegelt nicht nur internationale Filmgeschichte, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände: von den Gründungsjahren in der Kaiserzeit über die Weimarer Republik und die Entwicklung des Tonfilms, die Unterhaltungs- und Propagandafilme im Nationalsozialismus und der hohen Produktivität der DEFA bis hin zu den aktuellen internationalen Großproduktionen.
Mit der Sonderreihe Happy Birthday, Studio Babelsberg gratulierte die Berlinale zum Geburtstag und erzählte anhand von zehn Filmen die Geschichte des Studios. Vor dem Beginn des Festivals gab der Sektionsleiter der Retrospektive, Rainer Rother, einen Ausblick auf das Programm.

Studio Babelsberg: Die Kulisse „Berliner Straße“

Die Studios in Babelsberg haben in ihrer 100-jährigen Geschichte fünf politische Systeme erlebt, in welchen eine Vielzahl der unterschiedlichsten Produktionen entstanden sind. Wie wurde die Auswahl für die Sonderreihe der Berlinale getroffen?

Die Sondereihe ist sozusagen ein Geschenk zum Geburtstag des Studios Babelsberg. Wir haben zehn Filme ausgewählt, die für bestimmte Phasen der Entwicklung von Babelsberg wichtig waren. Natürlich kann eine solche Auswahl nicht repräsentativ für die gesamte 100-jährige Geschichte des Studios sein.

Die Gründungsgeschichte

Wie kam es dazu, dass der Kameramann Guido Seeber 1911 von Berlin nach Babelsberg gegangen ist?

Das Berliner Atelier der Deutschen Bioscop, deren technischer Leiter Seeber war, war zu klein geworden. Bei der Suche nach einem neuen Standort stieß er auf ein Gelände im heutigen Babelsberg, das sich in vielerlei Hinsicht als ideal erwies. Darum baute die Firma dort ein neues, erstmals ebenerdiges Studio. Studios waren bis dahin Dachateliers, weil für die damals noch geringempfindlichen Filmmaterialien sehr viel Licht benötigt wurde. Der Filmpionier Guido Seeber hat dieses Studio konzipiert und dort dann auch die ersten Filme gedreht. Am 12. Februar 1912 fiel die erste Klappe für Der Totentanz mit Asta Nielsen.

Unter der Regie ihres Ehemanns Urban Gad entstand in der Folge eine ganze Serie von Filmen mit Asta Nielsen. Welche Bedeutung hatten Stars wie sie gerade für diese Gründungszeit des Studios?

Asta Nielsen war eine Ausnahmeerscheinung, weil sie ein sehr modernes Verständnis vom Darstellen explizit für den Film hatte. Im Vergleich zu vielen anderen großen Stars der Zeit, die ein noch stark vom Theater geprägtes Spiel pflegten, wirkte sie sehr natürlich. Das wurde schon damals von vielen Kritikern bemerkt, und Asta Nielsen kann als einer der ersten großen europäischen Filmstars bezeichnet werden. Der weltweite Erfolg ihrer Filme gab dem Studio gerade in der Anfangszeit ökonomische Sicherheit.

Marlene Dietrich in Der blaue Engel, R: Josef von Sternberg, DEU 1930

Nur zwei Jahre nach der Gründung des Studios brach der Erste Weltkrieg aus. Was bedeutete das für die Studios? Welche Umbrüche gab es?

Der Krieg brachte dem deutschen Film insgesamt besondere Produktionsbedingungen. Einem Großteil der ausländischen Konkurrenz – vor allem den großen französischen Firmen – blieb der deutsche Markt in den Kriegsjahren versperrt, und einheimische Filmfirmen prosperierten. In dieser Zeit konnte sich ein deutscher Film etablieren, der, abgeschnitten von den internationalen Entwicklungen, eigenständiger agierte.

Die Hochphase der 20er und 30er Jahre

In den 20er Jahre entwickelte sich das Studio zum lebendigsten und innovativsten in Deutschland. In Filmen wie Fritz Langs Metropolis oder Josef von Sternbergs Der blaue Engel begründete sich der „Mythos Babelsberg“. Welche filmischen Innovationen gibt es aus dieser Zeit?

Mit der Gründung der Ufa und deren Übernahme des Geländes in Babelsberg begann eine neue Periode in der deutschen Filmgeschichte. Zum ersten Mal agierte ein finanzkräftiger Filmkonzern. Die Ufa setzte in den 20er Jahren auf eine bestimmte Mischung von Filmen. Sie produzierte viele niedrig budgetierte Filme, rechnete mit sogenannten „Mittelfilmen“ und hatte – das ist das Besondere - den Ehrgeiz, mit ihren Großproduktionen internationalen Erfolg zu erzielen.

Emil Jannings in Der letzte Mann, R: Friedrich Wilhelm Murnau, DEU 1924

Für diese traf in Babelsberg eine spezifische Kombination von Talenten zusammen: erfindungsreiche Kameraleute wie Karl Freund, Architekten wie Otto Hunte und Erich Kettelhut, Regisseure wie Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau oder Ernst Lubitsch. Sie produzierten Filme mit großem Budget und mit Stars wie Pola Negri, Henni Porten, Emil Jannings, Conradt Veidt, die auch für den internationalen Markt gedacht waren. Vor allem die nuancenreiche Fotografie und die Beweglichkeit der Kamera, wie sie Murnau in Der letzte Mann erreicht, wurden stilbildend.

Studio Babelsberg zur Zeit des Nationalsozialismus

1928 übernahm der Verleger Alfred Hugenberg die Studios. Ab 1933 wurden jüdische Mitarbeiter entlassen. Welche Brüche gab es in dieser Zeit?

Man muss unterscheiden zwischen der Übernahme durch Hugenberg, einem deutsch-nationalen Verleger, und der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Die Ufa produzierte unter Hugenberg nach wie vor Unterhaltungsfilme. Sie blieb auch ihren Regisseuren und Autoren weitgehend treu. Neu war, dass die Ufa stärker sogenannte nationale Stoffe realisierte, Stories also, die den konservativen Teilen des Publikums entgegenkamen.
Dann aber entwickelte gerade die Ufa in den frühen 30er Jahren ein Genre, das durch die Leichtigkeit, mit der es auf gesellschaftliche Verhältnisse reagierte, in Deutschland einzigartig dasteht: die Tonfilm-Operette, die sowohl im Bereich Regie als auch Drehbuch und Komposition wesentlich von jüdischen Künstlern geprägt ist. Sie blieb ein sehr kurzlebiges Genre, das von den Nationalsozialisten sofort liquidiert wurde. Unmittelbar nach der berüchtigten Kaiserhof-Rede von Goebbels wurden viele jüdischen Mitarbeiter, darunter auch die wesentlichen Protagonisten des Genres Tonfilm-Operette, entlassen.

Welche Filme wurden dann unter den Nationalsozialisten produziert?

Die Nationalsozialisten zielten zunächst vor allem darauf ab, die Entstehung von Filmen zu unterbinden, die ihrer Ideologie widersprachen. Goebbels sah jedoch sehr genau, welchen Wert die Unterhaltungsfilme der Ufa besaßen, und so wurden sie weiterhin in vielen verschiedenen Genres produziert und nicht etwa verhindert. Als eine Art Ersatz für die Tonfilm-Operette entstand der Revue-Film in den 30er Jahren, mit neuen Stars wie Marika Rökk. Weiterhin gibt es eine große Produktion des Melodramas insbesondere mit Zarah Leander. Andererseits gibt es selbstverständlich die Propagandafilme, die einen je nach den politischen Vorgaben wechselnden Anteil an der Gesamtproduktion hatten.

Hans Albers in Münchhausen, R: Josef von Báky, DEU 1943

Welcher Film wurde für die Babelsberg-Reihe aus dieser Zeit ausgewählt?

Die Ufa feierte ihr 25-jähriges Jubiläum mit einer imposanten Großproduktion, Münchhausen, mit vielen Stars, darunter Hans Albers, und nach dem Drehbuch von Erich Kästner, der wegen des gegen ihn verhängten Schreibverbotes nur unter einem Pseudonym genannt wurde. Diesen Film, eine Prestigeproduktion, in Agfa-Color gedreht, der einerseits wie aus der Zeit gefallen scheint, andererseits mit Anspielungen auf sie verweist und doch der offizielle Jubiläumsfilm wurde, hat sich für die Auswahl geradezu aufgedrängt.

Die DEFA

Nach dem Krieg richteten zunächst die alliierten Siegermächte ihr Nachrichtenzentrum für die Potsdamer Konferenz in Babelsberg ein. Der erste Film, der in der Nachkriegszeit entstand, ist Die Mörder sind unter uns von Wolfgang Staudte. Unter welchen Umständen ist dieser Film entstanden?

Die Mörder sind unter uns ist der erste Spielfilm der DEFA, der neu gegründeten Filmgesellschaft, die dann später das Studiogelände in Babelsberg übernehmen sollte. Es ist ein Film, der in den Trümmern von Berlin spielt, die Situation des Landes spiegelt und die Schuld, die viele auf sich genommen haben, zu reflektieren versucht. Ein Neubeginn, aber nicht nur deshalb so wichtig.

Bis zur Wende entstehen über 1.500 Filme. Was ist das besondere am Studio-System der DEFA?

Es war zunächst einmal ein klassisches Studio-System, aber unter neuen Bedingungen: mit festangestellten Mitarbeitern und langfristig vorbereiteten Projekten, aber abhängig von den Vorgaben der SED. Auch die DEFA produzierte sehr unterschiedliche Arten von Filmen. Sie entwickelte z.B. die Indianerfilme mit Gojko Mitić – eine Art Replik auf die westdeutschen Karl-May-Verfilmungen –, produzierte in den 50er und 60er Jahren auch Krimis und insgesamt sehr viele Unterhaltungsfilme.
DEFA-Filme sind geprägt von einer großen Professionalität und hervorragendendem Handwerk. Für Studio-Systeme typisch ist eine gewisse Abneigung gegen das Experiment, gegen die Avantgarde. Dennoch konnten Regisseure wie Egon Günther, Frank Beyer oder Konrad Wolf (Goya) auch ästhetisch ganz eigenständige Filme machen.

Ilse Voigt und Angelika Waller in Das Kaninchen bin ich, R: Kurt Maetzig, DDR 1965

Immer wieder griffen Zensurmaßnahmen und Aufführungsverbote.
Fast die gesamte Produktion der Jahre 1965/66 - die sogenannten Kaninchenfilme - wurde beim 11. Plenum des ZK der SED verboten.
Das Kaninchen bin ich ist namensgebend für diese Filme.

Mit welchen Einschränkungen hatten die Filmemacher im Studio der DEFA zu kämpfen?

Dieses Verbot fast einer gesamten Jahresproduktion war ein deutliches Signal dafür, dass die Behandlung von Gegenwartsfragen, von Problemen der DDR-Gesellschaft von der SED zu diesem Zeitpunkt nicht erwünscht war. Das führte dazu, dass Regisseure ins Fernsehen ausweichen mussten, oder sie versuchten, Stoffe zu finden, die nicht durch klare Gegenwartsbezüge auffielen. Andere gingen in den Westen. Dies lähmte die Produktion der DEFA zunehmend. Die Filme sprachen nicht mehr von der Realität der eigenen Gesellschaft.

1990 wurden dann einige dieser verbotenen Filme auf der Berlinale zum ersten Mal gezeigt. Welche Bedeutung hatte die Berlinale für das Studio?

Es gab bei der Berlinale lange Zeit keine Aufführungen von Filme aus den Ländern des Warschauer Paktes. Erst 1974 lief erstmals ein sowjetischer Film auf der Berlinale, 1975 folgte mit Jakob der Lügner von Frank Beyer der erste DEFA-Film im Wettbewerb. Fortan nahm die Berlinale für die DEFA die Funktion eines Schaufensters wahr, und einige Filme liefen nach der Premiere auf dem Filmfestival dann sogar erfolgreich in westdeutschen Kinos – wie Solo Sunny von Konrad Wolf.

Gegenwart und Zukunft

Nach der Wende wurden die Studios privatisiert. Gerade am Anfang folgten viele Aufs und Abs. Mit Der Wolkenatlas (Cloud Atlas) mit Tom Hanks und Halle Berry in den Hauptrollen entsteht derzeit der teuerste Film, der je in Babelsberg produziert wurde. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Für das Studio Babelsberg wie überhaupt den Filmstandort Deutschland ist der Deutsche Filmförderfonds sicherlich von ganz entscheidender Bedeutung. Studio Babelsberg hat dies auf eine sehr kluge Art und Weise genutzt und die vorhandenen Ressourcen mit internationalen Produktionen verbunden. Das geht nun schon seit einigen Jahren sehr gut auf und hat dem Studio neues internationales Renommee verschafft. Regisseure aus den USA, aber auch aus anderen Ländern realisieren ihre Projekte dort sehr gerne, weil sie wissen, dass in Babelsberg sehr professionell gearbeitet wird und es ein großes Reservoir kreativer und flexibler Mitarbeiter gibt.

Adrien Brody in Der Pianist, R: Roman Polanski, FRA/POL/DEU/GBR 2002

Lässt sich Babelsberg mit Hollywood vergleichen?

Hollywood entstand damals, in den zehner Jahren des letzten Jahrhunderts, weil der Magistrat der Stadt mit 350 Tagen Sonne im Jahr werben konnte. In der Folge etablierte sich dort die wichtigste Filmindustrie der Welt, mit der Verschränkung von Produktion, Distribution und Vorführung. In Babelsberg haben wir heute wieder einen wunderbaren Produktionsstandort auch für internationale Großprojekte, bei denen das Studio Babelsberg als Mitproduzent auftritt. Das macht den Erfolg aus, die Attraktivität, die zum Beispiel Quentin Tarantino oder Sha Ruk Khan fesselt.

Worauf können wir in den nächsten 100 Jahren gespannt sein?

Die Lage von Studio Babelsberg ist erfreulich konsolidiert. Das heißt, wir können uns in den nächsten Jahren sicherlich zumindest auf viele weitere große Produktionen dort freuen. Und das ist eine sehr gute Nachricht.