Berlinale: Berlinale Themen


„Positif“

Seit nunmehr sechs Jahrzehnten feiert „Positif“ das Kino auf die schöpferischste Art und Weise. Das monatlich erscheinende Magazin wurde 1952 von Bernard Chardère, einem leidenschaftlichen Cinephilen aus Lyon gegründet. „Positif“ etablierte sich rasch als Konkurrent zu den in Paris verwurzelten „Cahiers du Cinéma“.

Matthias Habich und Margarethe von Trotta in Der Fangschuss, R: Volker Schlöndorff, BRD 1975

Chardère und sein Team versuchten von Beginn an „das Kino im Sturm zu erobern“ und nahmen es genauso ernst wie die Malerei, die Musik und die Literatur. Auch wenn sich das Magazin in den Jahren verändert hat, von Verleger zu Verleger wandern musste – oft wegen höherer Gewalt –, so sind die Grundregeln dieselben geblieben: „Positif“ bietet filmanalytische Besprechungen der von der Redaktion bevorzugten Werke eines Monats, üblicherweise von Interviews mit den jeweiligen Regisseuren oder Schauspielern unterstützend begleitet. Jedes Heft beinhaltet filmhistorische Artikel und Dossiers, die sich sowohl mit spezifischen Thematiken als auch mit Filmemachern beschäftigen. Des Weiteren finden sich ausführliche Berichte zu Filmfestivals, Rezensionen neuer Kinobücher und seit den 1980ern Besprechungen zu neuen Videos ganz gleich welchen Formates.

Als bleibenden Eindruck hinterlässt „Positif“ das Bild einer Gruppe von Herausgebern, die jeden Aspekt der Kinoerfahrung mit wahrer Wolllust genießen. In den Ausgaben lässt sich kaum eine durchweg negative Besprechung finden. Der Platz wird stattdessen Filmen gewidmet, die es in den Augen der Redaktion verdient haben, entdeckt und diskutiert zu werden. Im Gegensatz zu den "Cahiers du Cinéma" traute sich „Positif“ über Regisseure zu schreiben, die von Truffaut, Godard und Rohmer ignoriert wurden. Umgekehrt erkannten sie gutgelaunt ihre eigenen blinden Flecken: zum Beispiel Rossellini oder Godard, dessen Arbeiten nie große Begeisterung auf den Seiten von „Positif“ ausgelöst hat.

Loyalität gehört zu den größten Tugenden des Magazins. Obwohl die „politique des auteurs“ so stark mit den „Cahiers“ assoziiert ist, wendete „Positif“ diese Theorie ebenso beharrlich an. Bestimmte Filmemacher waren mehrmals und umfangreich im Heft vertreten: Clint Eastwood, Theo Angelopoulos, Stanley Kubrick, John Boorman, Robert Altman, Woody Allen, Terrence Malick (der dem Magazin eines seiner seltenen Interviews gab), Alain Resnais, Claude Chabrol und Claude Miller sind nur ein paar dieser Favoriten.

Die von Michel Ciment mit Leidenschaft und unbeirrbarer Überzeugung geleitete Redaktion hat immer den Inhalt des Magazins über die Ästhetik, den „Look“ der Publikation gestellt. Auch wenn die Bilder heute in Farbe statt in Schwarz-Weiß gedruckt werden: An erster Stelle stehen die Worte auf konstant hohem Niveau.

Wenngleich die Seiten von „Positif“ den gesunden Zustand des französischen Kinos spiegeln, ist die redaktionelle Politik entschieden global angelegt. Zum Beispiel wurde Der Fangschuss (Coup de Grâce) 1976 vom Magazin herzlich aufgenommen – jenes Werk, das den Neuen Deutschen Film am besten verkörperte und die Autoren- und Schauspielkünste Margarethe von Trottas mit dem Regietalent von Volker Schlöndorff zu einer Geschichte über den Konflikt zwischen romantischer und politischer Zugehörigkeit während des russischen Bürgerkriegs verwebt. Es ist nur folgerichtig, dass Volker Schlöndorff, der seine Karriere als Assistent von Resnais und Malle begann, anlässlich des 60. Geburtstages des anspruchsvollsten französischen Filmmagazins gewürdigt wird.


Der Fangschuss (Le coup de grâce, 1975)
Deutschland
Von Volker Schlöndorff (Die Blechtrommel, Deutschland im Herbst, Die Stille nach dem Schuss)
Mit Matthias Habich, Margarethe von Trotta, Rüdiger Kirschtein, Mathieu Carriere, Valeska Gert