Berlinale: Berlinale Themen


Berlinale Series 2019:
Die Flucht nach vorn

Starke europäische Produktionen, alte Bekannte und Neuentdeckungen am Puls der Serien-Zeit: Berlinale Series präsentiert im fünften Jahr in Folge eine abwechslungsreiche Auswahl. Gezeigt werden jeweils die ersten beiden Folgen der ausgesuchten Serienformate. Im Interview spricht Reihen-Leiterin Solmaz Azizi über ästhetische Schwerpunkte und die thematische Ausrichtung des diesjährigen Programms.

False Flag 2

Ihr feiert in diesem Jahr ein kleines Jubiläum: Seit fünf Jahren gibt es Berlinale Series. Kannst Du aus diesem Anlass ein wenig von der Genese der Reihe erzählen?

Das war ein ganz organischer Prozess, denn auch vor der Formation von Berlinale Series zu einer eigenständigen Programmreihe gab es bereits vereinzelt Serien im Programm. Beispielsweise 2010 Im Angesicht des Verbrechens (Forum) von Dominik Graf. Ein weiterer Schritt war, dass einige Jahre später die Produktionsfirma von Top of the Lake (Berlinale Special 2013) auf uns zukam mit dem Vorschlag, die erste Staffel bei der Berlinale zu präsentieren. Da es eine packende, hochkarätig besetzte Geschichte mit tollen Bildern ist, waren sich Auswahlgremium und Festivaldirektor einig: die Miniserie sollte unbedingt ins Programm. Schließlich haben wir alle sechs Folgen am Stück gezeigt. Wir hatten ein ausverkauftes Haus und die Veranstaltung war ein Riesenerfolg.
Abgesehen davon haben wir einfach gemerkt, dass sich in der Branche wahnsinnig viel tut, dass immer mehr Filmschaffende, die sich bislang ausschließlich auf Spielfilme konzentriert hatten, in den Serienbereich gewandert sind. Gleiches gilt für die Produktionsfirmen und Weltvertriebe. Wir haben gespürt, dass es da einen akuten Bedarf an der passenden Plattform gibt.
2014 haben wir dann am Berlinale Publikumstag House of Cards (Berlinale Special) gezeigt und uns schließlich gesagt: Okay, wir machen diese eigene kleine Reihe innerhalb des Berlinale Special-Programms jetzt offiziell.

Wie wird Berlinale Series vom Publikum angenommen?

Die Reaktionen auf das Angebot sind sehr positiv. Wir haben die Reihe immer weiter ausgebaut und gemerkt, dass sie auch von außen immer stärker als ein autarkes kleines Programm innerhalb des Berlinale-Programms wahrgenommen wird.
Eine wichtige Entwicklung in diesem Kontext war der Umzug von Berlinale Series in den Zoo Palast, wo wir jetzt noch mehr in das Festivalgeschehen eingebettet sind. Und auch die parallel laufende Marktveranstaltung zur seriellen Form, die „Drama Series Days“, sind seit 2017 im Zoo Palast ansässig, so dass jetzt alles an einem Ort vereint ist – was sehr schön ist, da nun sowohl Festival- als auch Fachbesucher*innen die Möglichkeit haben, die ein oder andere Premiere mitzunehmen.

Wenn ihr zurückschaut auf die bisherigen Editionen, lässt sich so etwas wie eine Zuschauer*innen-Präferenz ausmachen? Habt ihr mehr Zulauf bei den etablierten Serien oder sind die Leute auch bereit Neues, noch Unbekanntes auszuprobieren?

Eine Tendenz ist eigentlich nicht zu erkennen. Grundsätzlich ist unser Publikum natürlich schon sehr serienaffin und gegenüber einem breiten Spektrum an Serien aufgeschlossen. Was wir über die Zeit gemerkt haben ist, dass die Leute an beidem interessiert sind: an bereits populären Serien mit einem prominenten Cast – The Looming Tower wäre so ein Beispiel – aber auch an kleinen, nicht so bekannten Produktionen wie Home Ground aus Norwegen (beide Berlinale Series 2018). Und das ist toll, weil einige der Serien, die wir zeigen, noch keinen Verleih oder Sender in Deutschland haben. Bei uns bekommen sie die Chance vom Publikum aber auch von potenziellen Buyern entdeckt zu werden, sodass schlussendlich die Möglichkeit besteht, dass sie auch im deutschen Fernsehen oder auf einer hier verfügbaren Streamingplattform landen.
Zudem bietet sich bei uns die einmalige Gelegenheit, die Stoffe auf der großen Leinwand zu sehen, was vor allem bei den visuell herausragenden Produktionen attraktiv ist. Nicht allein für das Publikum, sondern auch für die jeweiligen Teams ist das reizvoll, da sie darüber hinaus auch noch in die Position kommen, bei den Premieren die direkten Reaktionen der Zuschauer*innen zu erleben – das ist schon ein sehr spezieller Moment.

Udo Kier in M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Analog zu dem allgemein vorherrschenden Trend des Remakes in der Spielfilmlandschaft habt ihr auch einige Serien in der Auswahl, die auf Filmen basieren. Hanna gründet auf dem gleichnamigen Film von Joe Wright von 2011 und M – Eine Stadt sucht einen Mörder ist die Serien-Version von Fritz Langs Klassiker von 1931. Wie erklärt ihr euch diese Hinwendung zur Adaption und welche Vorteile bringt sie mit sich?

Dieser sich aktuell durch diverse Bereiche ziehende Trend scheint mir vor allem in Bezug auf das serielle Erzählen besonders schlüssig. Einerseits gibt es häufig Geschichten, bei denen man sich denkt, da würde ich gerne noch ein paar Stunden zugucken, andererseits gibt es auch einfach Storys, in denen sich noch viel mehr in die Tiefe gehen ließe – und beides bietet eben nur die Serie. Sie hat als Format die Möglichkeit, sich Zeit zu lassen und auch kleine Nebencharaktere und –handlungsstränge auszubauen. Dadurch eignet sie sich auch besonders für das Adaptieren von Büchern.
Zudem kann sich die Neuinterpretation eines Filmes in serieller Form auf eine bereits existierende Marke berufen. Das ist ein Vorteil, zugleich aber auch eine wahnsinnige Herausforderung und Verantwortung. Jedoch eine, die die Serien bei uns im Programm bravourös meistern, wovor ich großen Respekt habe.

Neben den Spielfilmadaptionen zieht sich noch ein weiteres Muster durch Eure Auswahl: es ist auffällig, dass dieses Jahr keine US-amerikanische Serie gezeigt wird, stattdessen ist eine Ballung an europäischen Produktionen zu beobachten. Wie kommt es zu dieser Verdichtung?

Die Zuspitzung hin zur europäischen Serie war keine konkrete Intention von uns, dennoch lässt sich an der Programmauswahl ablesen, wie stark die europäische Serienbranche mittlerweile geworden ist und was für eine Evolution sie auch erlebt hat. Mit dem Vertrauen in die Zuschauer*innen ist auch der Mut gewachsen, andere Formate zu produzieren und sich vom Mainstream zu distanzieren. Vor allem in Deutschland hat sich da viel geändert. Serien wie 4 Blocks (Berlinale Series, 2017) und Bad Banks (Berlinale Series, 2018), die absolute Publikumskracher waren, haben viel zu dieser positiven Entwicklung beigetragen. Dass nun Serien wie die schon genannte M oder auch die deutsche Produktion 8 Tage in diesem Klima entstehen können, ist sehr erfreulich.
Außerdem sind große Streamingdienste wie Netflix oder Amazon inzwischen gewillt, auch in den europäischen Markt zu investieren und neue Talente zu fördern. Sie entwickeln Stoffe, die aus den jeweiligen Ländern heraus entstehen.
Alles in allem ist es ein fantastisches europäisches Jahr.

Ein Blick in Richtung etwaige Genrezugehörigkeiten offenbart, dass sich der Schwerpunkt an eher ernstem Material ausrichtet, eine Comedy-Serie im strengen Sinne ist hingegen nicht vertreten – wie kommt es zu diesem Fokus auf das eher Düstere?

Crime ist sozusagen die Mutter aller Serienthemen, die sich seit Jahrzehnten auf unterschiedlichste Art und Weise durch sämtliche Formate zieht und das spiegelt sich auch in unserer Auswahl. Wir hatten bisher kein einziges Jahr, in dem keine Crime-Storys dabei gewesen wären. Es zeichnet sich aber mehr und mehr ab, dass die rigiden Genregrenzen bröckeln und immer stärker auf Hybridität gesetzt wird. Die Dramedy wird beispielsweise zunehmend erfolgreich kultiviert. Mit Arbeiten wie Better Call Saul (Berlinale Series 2015 und 2016) holen wir immer wieder Serien zu uns, die sich nicht als Schenkelklopfer bezeichnen lassen, aber in ihrer Diversität viele Genrefacetten abdecken und durchaus heiter sind.
Nichtsdestotrotz halten wir weiterhin auch nach Comedys Ausschau, müssen aber auch immer das gesamte Programm dabei mitbedenken. Nicht jede Comedy passt in jede Reihe. Dennoch haben, wie gesagt, viele der Serien in unserem Programm auch ihre humorvolle Seite, auch, wenn sie sich verhältnismäßig schwarzhumorig geben.

Lassen sich innerhalb der ausgewählten Titel weitere thematische, ästhetische oder strukturelle Gemeinsamkeiten erkennen?

Dieses Jahr haben wir zwei große Blöcke identifiziert, die sich ein wenig wie ein roter Faden durch die Geschichten ziehen. Einer davon ist das Motiv der Flucht. Sei es die Flucht vor der Realität, die Flucht in eine Parallelwelt oder gar die Flucht vor einem drohenden Weltuntergang – das Thema besitzt eine gewisse Dringlichkeit und reflektiert auch, was derzeit in der Gesellschaft passiert. Gleichzeitig ermöglichen Serien selbst für die Zuschauer*innen die Flucht aus dem Alltag, das Abtauchen in eine andere Welt.
Ferner spielt die Familie thematisch eine maßgebliche Rolle. Komplexe Familienstrukturen lassen sich in seriellen Formen vielschichtiger abbilden, da sie die Möglichkeit haben, sich in der Zeit zu entfalten. Es geht um den Zusammenhalt aber auch das Zerbrechen von familiären Bindungen, um Zusammenhänge und Hintergründe, die sich so in 90 Minuten nicht erzählen ließen.

Bela B Felsenheimer in M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Wirft man nun einen Blick in das diesjährige Programm, finden sich zwei deutschsprachige Serien: M – Eine Stadt sucht einen Mörder aus Österreich und 8 Tage aus Deutschland. Was darf davon erwartet werden?

Mit der Serie M – die den Filmschauplatz Berlin der 1930er Jahre in ein stilisiertes Wien der Gegenwart versetzt – haben wir eine visuell irre beeindruckende Arbeit dabei, die Bilder liefert, die ich mir so an die Wand hängen würde. Zugleich wird eine Medien- und Politikkritik aufgemacht, die Aktuelles wie die Flüchtlingsthematik und „Fake News“ mit der Vorlage verwebt. Und das alles in einer äußerst eindrucksvollen Art und Weise.
Das angesprochene Motiv der Flucht wird in 8 Tage besonders plastisch, denn die Prämisse ist, dass ein Asteroid auf die Erde zurast und in titelgebenden acht Tagen das Armageddon droht. Die Bedrohung durch den nahenden Weltuntergang steht aber weniger im Vordergrund, es geht nicht um das Generieren von Action-Szenen, sondern eher um eine sensible Beobachtung einer Familie auf der Flucht und deren Umgang mit den moralischen Fragen, die sich in einer dem Untergang geweihten Welt stellen.

Esmé Creed-Miles in Hanna

Mit Hanna habt Ihr aber ja auch eine solche Serie im Programm, die sehr actionreich ist. Geht sie mit dem Film, auf dem sie basiert, bezüglich des hohen Schauwertes mit oder emanzipiert sie sich sehr von der Vorlage?

Der Creator der Serie David Farr hat auch den Film geschrieben – es gibt also eine explizite Verbindung von Film und Serie. Das Augenmerk der Serie liegt allerdings stärker auf der Geschichte und der Entwicklung der Charaktere. Und der Plot ist schon besonders. Da ist dieses junge Mädchen – eine supercoole Protagonistin – dessen Mutter gestorben ist. Im Wald wird sie von ihrem Vater zur Killerin erzogen. Während der Film dies eher ausstellt, wird in der Serie deutlich mehr nach den Hintergründen und Zusammenhängen geforscht. Gleichsam begibt sich die Serie – und das trägt sicherlich zu einem speziellen Schauwert bei – auf eine regelrechte Europatour: zu Beginn spielt sie im polnischen Wald, später geht es nach Berlin und Paris. Die zweite Folge spielt nahezu komplett in Marokko.

Gaspard Ulliel und Freya Mavor in Il était une seconde fois (Twice Upon a Time)

Il était une seconde fois ist eine vierteilige Miniserie aus Frankreich, die eine ganz andere Tonalität als die anderen Titel aufweist. Thematische Überschneidungen gibt es zwar, aber die Serie wirkt sehr besonders. Was hat euch dazu bewogen, sie mit in die Auswahl zu nehmen?

Diverse Gründe – vor allem aber, weil wir sie einfach toll finden. Il était une seconde fois weist eine Farbe auf, die wir so noch nie zuvor im Programm hatten. Deshalb zeigen wir alle vier Folgen am Stück. Der Regisseur Guillaume Nicloux pflegt eine lange Beziehung zur Berlinale und hatte schon Filme im Wettbewerb (2013) und im Forum (1991, 2014 und 2016). Mit Il était une seconde fois liefert er eine völlig abgedrehte Geschichte, über die man am besten nicht zu viel verrät, sondern auf die man sich einfach einlassen sollte.

Esben Smed in Follow the Money III

Mit False Flag 2 und Follow the Money III präsentiert Ihr nicht nur Serien aus der Sparte des sogenannten „Quality“ sondern auch zwei Serien, die schon 2015, im ersten Jahr von Berlinale Series, mit ihrer je ersten Staffel zu Gast waren. Beide Serien widmen sich dem Abgründigen hinter der Fassade – bedarf es an Vorwissen aus den vorherigen Episoden oder kann jede*r bedenkenlos auch neu einsteigen?

Follow the Money III, übrigens aus der Feder der Macher*innen weiterer Nordic-Noirs wie The Killing oder Borgen, ist der letzte Teil einer sich als Anthologie verstehenden Reihe und somit eine in sich abgeschlossene Erzählung. Da wir nicht voraussetzen können, dass die vorherigen Staffeln unserem Publikum bekannt sind, war uns das sehr wichtig. Es werden auch ganz neue Facetten aufgemacht, neue Charaktere entwickelt, beispielsweise eine Frau, die ein bisschen wie eine weibliche Breaking Bad-Figur funktioniert.

Moran Rosenblatt und Moris Cohen in False Flag 2

Bei der israelischen Serie False Flag 2 ist das ganz ähnlich. Sie lässt sich ohne Probleme auch unabhängig von der ersten Staffel anschauen, da man ohnehin ins kalte Wasser geschmissen wird. Es ist ein absoluter Thriller, der dich sofort packt – du sitzt die ganze Zeit auf der Stuhlkante und musst wissen, was als nächstes passiert. Es wird sehr geschickt das politische Grundthema mit einer persönlichen Ebene verbunden, wobei auch hier wieder der Familienkomplex elementar ist.