Berlinale: Berlinale Themen


NATIVe 2017: Kino aus der Kälte

2017 lenkt NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema den Blick auf eine der am stärksten bedrohten Regionen der Welt: die Arktis. Klimawandel und die Gier der Industriestaaten machen den Menschen, die dort leben, unmittelbar zu schaffen. Im Interview sprechen die Kuratorin Maryanne Redpath und die Projektleiterin Anna Kalbhenn über das falsche Bild des edlen Wilden, indigene Spiritualität und das Erzählen in 42 Zyklen.

Kniga Tundry. Povest' o Vukvukaye –Malen'kom Kamne. von Rosie Bonnie Ammaaq

Der besondere Umgang mit der Umwelt scheint mir ein Motiv in fast allen Filmen des NATIVe-Programms. Kniga Tundry. Povest' o Vukvukaye –Malen'kom Kamne. (The Tundra Book. A Tale of Vukvukai - the Little Rock.) ist mir sofort aufgefallen.

Maryanne Redpath: Natur ist immer ein wichtiger Bestandteil von indigenem Kino und insbesondere von Filmen aus der Arktis, denn die Menschen müssen in dieser extremen Kälte überleben. Sie sind Jäger, Hirten, Nomaden und stark mit dem Land verbunden. The Tundra Book ist ein Dokumentarfilm und zeigt eine indigene Kultur, die im Norden Russlands auf der Tschuktschen-Halbinsel über Generationen hinweg ein Leben mit Sinn für die Gemeinschaft führt. Der Film führt durch den Alltag im Wechsel der Jahreszeiten, durch Polartag und -nacht. Die Familien arbeiten mit Rentieren. Ein aktueller Film, in dem die Gegenwart nicht idealisiert aber dennoch in beeindruckenden Bildern gezeigt wird.

Anna Kalbhenn: Man sieht eine intakte Gemeinschaft – zumindest auf den ersten Blick. Viele Stellen im Film deuten aber darauf hin, dass es auch Schwierigkeiten gibt. Zum Beispiel werden die Kinder abgeholt und weit weg von ihrem Zuhause für zehn Monate in die Schule geschickt. Wenn sie dann in die Tundra zurückkehren, können sie sich in dieser Welt kaum noch bewegen, weil ihnen das Wissen und, gerade in höherem Alter, manchmal auch der Wille dazu fehlt.

Nowhere Land von Rosie Bonnie Ammaaq

Nowhere Land hingegen scheint mir vom Verlust des Landes zu handeln…

AK: Nowhere Land ist ein kanadischer Kurzfilm. Die Regisseurin Rosie Bonnie Ammaaq ist gleichzeitig Protagonistin des Films. Sie erzählt von ihrem Leben - von Kindheit an. Aufgrund des Klimawandels konnte ihre Familie nicht in ihrer Heimatsiedlung auf Baffin Island in Kanada bleiben. Die Bewohner wurden umgesiedelt und leben jetzt ein urbanes Leben. Die Traditionen gehen verloren. Ammaaq zeigt, welch verheerenden Folgen die Umsiedelung für sie und ihre Familie hat.

MR: Nowhere Land ist einer von neun Kurzfilmen im Programm. Sie ergänzen die Spielfilme inhaltlich und formal. Ammaaq zeigt die Auswirkungen des Klimawandels und die Gier der Industrie. Die Arktis ist davon sehr betroffen. Zusammen mit den Auswirkungen der Kolonialisierung hat das gravierende Folgen für die Menschen, die in dieser Region noch leben.

Die Filme im Programm klingen, als würden indigene Kulturen eher mit der Natur leben als sie auszubeuten. Stimmt dieser Eindruck?

MR: Mehr als unsere Konsumgesellschaft, wenn man diesen Gegensatz aufmachen will. Man hat aber oft sehr romantisierende Vorstellungen von indigenen Kulturen. Natürlich leben sie anders mit der Natur als wir hier in Berlin. Aber man darf nicht vergessen, dass nicht alle indigenen Menschen außerhalb der Städte wohnen. Es lohnt sich, ihre vielfältigen Lebenskonzepte anzuschauen und zu versuchen, die Weisheiten, die über viele Jahrtausende hinweg gewachsen sind, zu verstehen - was westlichen Menschen und Wissenschaftlern ja oft schwer fällt. Wenn jemand aufgrund seiner Beobachtungen und seines Wissens sagt, dass die Natur sich verändert, muss diese Aussage sofort zwanghaft mit Fakten, Statistiken und Messungen unterfüttert werden. Einfach Zuhören und Glauben ist unmöglich.

Angry Inuk von Alethea Arnaquq-Baril

AK: Das Verhältnis zwischen indigenen Kulturen, der Natur und dem Rest der Welt ist ein komplexes Zusammenspiel. Die Ambivalenzen macht zum Beispiel der Dokumentarfilm Angry Inuk von Alethea Arnaquq-Baril sichtbar. Die Industrienationen haben mit ihrer Lebensweise sicherlich Einfluss auf die Lebensrealität der Inuit – es ist aber auch umgekehrt. Die einzige Einnahmequelle vieler Inuit ist der Handel mit Robbenpelzen. Ein Nebenprodukt ihrer Nahrung. Sie fertigen Kleidung und Schmuck aus den Pelzen zum Eigengebrauch an, aber auch, um damit zu handeln. Allerdings machen Umweltorganisationen intensiv Stimmung gegen die Robbenjagd. Inuit dürfen zwar noch jagen, aber sie können wegen des Handelsembargos die Felle und ihre Produkte nicht mehr verkaufen. Diese Wechselwirkungen sind nur aus einer globalen Perspektive heraus zu verstehen. Nicht alle Inuit im Norden Kanadas wollen leben wie vor Tausenden von Jahren, sondern an der globalen Gemeinschaft teilhaben. NATIVe geht es darum, hinzuschauen und die indigenen Stimmen wahrzunehmen. Ihnen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Meinung zu äußern und ihre Situation darzustellen.

Das Bild des Edlen Wilden

Vor allem im Karl-May-Land Deutschland scheinen Missverständnisse zwischen den Kulturen vorprogrammiert. Wie hoch ist die Gefahr einer falschen Romantisierung?

MR: Sehr hoch. Und Romantisierung kann schnell in die Suche nach dem verlorenen Paradies münden und in diese Projektionen vom sogenannten Edlen Wilden. Da müssen wir wirklich aufpassen. Mit NATIVe versuchen wir das Gegenteil zu erreichen. Die Situation indigener Völker ist bei Weitem nicht so ideal, wie es uns unsere Sehnsüchte glauben machen wollen.

Gleichzeitig ist das Medium Kino prädestiniert als Ort für Sehnsüchte und Projektionen. Wie gehen die Filme damit um?

AK: Kino war immer auch ein Sehnsuchtsort und darf es auch bleiben. Teilweise findet sich das auch im NATIVe-Programm wieder. Es sind aber keineswegs romantisierende Heile-Welt-Darstellungen. Wir zeigen von indigenen Filmemachern geschaffene Filme -. Ihre ästhetischen, künstlerischen und erzählerischen Ansprüche sind ihnen ebenso wichtig wie jedem anderen Filmemacher. Im Zentrum steht das Medium Film und wie man es sich zu Nutze machen kann.

24 Snega (24 Snow) von Mikhail Barynin

Lässt sich indigenes Kino als Genre beschreiben?

MR: „Indigenes Kino“ ist ein ganz neuer Begriff und fasst kein eigentliches Genre. Trotzdem muss man mit Begrifflichkeiten arbeiten – eine verzwickte Situation. Dabei sind die Kulturen auch sehr verschieden. In Grönland etwa entwickelt sich gerade eine sehr eigenwillige und frische Filmlandschaft.

AK: Wir werden dieses Thema bei der Veranstaltung „Indigenous Cinema and the Mainstream“ aufgreifen und die nationalen Unterschiede zwischen den indigenen Filmkulturen mit indigenen Produzenten und Filminstituten diskutieren. Viele indigene Filmemacher, Produzenten und Regisseure fragen sich nach ihrem Platz in der Filmindustrie, wie sie Anerkennung finden auf nationaler wie internationaler Ebene. NATIVe betreibt zusammen mit verschiedenen Partnern auch einen Stand beim European Film Market. Hierher kommen viele assoziierte Filmemacher und Produzenten, um neue Projekte und Ideen auf den Markt zu bringen. Dort gibt es einen Platz für indigene Filme in der internationalen Filmindustrie, physisch und auch im übertragenen Sinn unterstreicht diese Initiative ihren Platz in der Filmindustrie.

Die Abwesenheit von Gewalt

Was mir im Programm aufgefallen ist, ist – im Hinblick auf andere Kinematographien, in denen Kolonialismus eine Rolle spielt – die fast vollkommene Abwesenheit von Gewalt. Wie kommt das?

MR: Die Geschichte der Kolonialisierung ist eine sehr gewaltsame Geschichte, auch wenn sie nicht in allen ausgewählten Filmen unmittelbar im Zentrum steht. Sameblod (Sami Blood) von Amanda Kernell etwa handelt von einem samischen Mädchen in den 1930er-Jahren, das auf ein schwedisches Internat geschickt wird. Dort werden sie und ihre Mitschülerinnen für rassistische Studien vermessen. Auch aufgrund dieser demütigenden Erfahrungen möchte sie keine Sámi mehr sein und nimmt einen schwedischen Namen an. An dieser Stelle manifestieren sich Gewalt und Unterdrückung.

Half&half von Aka Hansen

AK: Identität ist ein zentrales Thema für viele indigene Menschen. In Half&half setzt sich Regisseurin Aka Hansen, die halb Dänin, halb Grönländerin ist und in Kopenhagen lebt, mit den Vorurteilen auseinander, die aufkommen sobald sie über ihre Herkunft spricht. Ihre Fragen sind fundamental: Was bedeutet Identität? Wie kann man sich als Grönländer fühlen? Muss ich mich zwangsläufig zwischen traditionellem und urbanem Leben entscheiden?
Allerdings gibt es tatsächlich wenig körperliche Gewalt in den Filmen - abgesehen vom Kurzfilm Sikumi (On the Ice) von Andrew Okpeaha MacLean. Aus einem Mord resultiert ein Gewissenskonflikt: Die Figur, die die Tat gesehen hat, muss abwägen zwischen der Wahrheit und der Bitte des Mörders, das Gesehene für sich zu behalten. Als wir Angry Inuk gesichtet haben, hat uns die Regisseurin in ihrer Einführung die Streitkultur der Inuit erklärt. Ein Konflikt mündet nicht in Gewalt. Stattdessen stellt die Kultur verschiedene Rituale zur Verfügung, durch die der Streit ausgetragen wird. Die Rivalen treffen sich mit ihren Trommeln, singen und machen Späße über den Gegner - das dauert so lange an, bis alle lachen und wieder Einigkeit herrscht. Eine ganz andere Art von Streitkultur ohne Brutalität. Ein leiser Protest aus unserer Sicht.

No spiritual surrender

Ein weiteres zentrales Motiv sind die besonderen Arten der Spiritualität…

AK: Ja, das Motiv hat uns von Anfang an begleitet. Neben dem anderen Umgang mit der Natur kennzeichnen viele indigene Kulturen besondere Formen der Spiritualität. Das haben wir schon letztes Jahr anlässlich des Lateinamerika-Fokus gelernt. Schamanismus, die Existenz und das Wahrnehmen und Zusammenleben von und mit Geistern spielen eine große Rolle. Viele indigene Kulturen gehen wie selbstverständlich damit um.

MR: Unsere Überschrift im Berlinale-Journal ist „Everything is connected“. Ich denke, das bringt die Wahrnehmung von Natur, die Religion, die Spiritualität indigener Kulturen auf den Punkt. Seit der Kolonialzeit vermischen sich die Religionen bei indigenen Menschen oft. Hybride aus christlichen Ritualen und der ursprünglichen Spiritualität. Das trifft nicht nur auf die Arktis zu, sondern auch auf Lateinamerika.

Johogoi Aiyy von Sergei Potapov

AK: Ein gutes Beispiel für die Lebendigkeit der Mythen, die in oralen Kulturen eine sehr große Rolle spielen, ist Johogoi Aiyy (God Johogoi). Er zeigt das Sommerfest Ysyakh in Sacha. Der Pferdegott hat in der dortigen Kultur eine besondere Stellung, weil Pferde die wichtigsten Tiere sind. Der Pferdegott ist Teil der Realität wie die Pferde selbst. Sein Erscheinen vor dem Protagonisten bringt die Liebesgeschichte des Films überhaupt erst ins Rollen. Regisseur Sergei Potapov verwebt sehr geschickt die Ebenen. Das Fest, den Mythos, die große Liebe - alles geht nahtlos ineinander über. Dieses Verweben von Realität und Spiritualität findet sich in vielen NATIVe-Filmen.

MR: Es ist extrem wichtig, dass wir mit NATIVe diese Geschichten zeigen. Erzählen ist ein fundamentaler Baustein aller indigener Kulturen. In ihren Erzählungen können sie auch Widerstand leisten. Die Arten, wie sie erzählen, sind extrem vielfältig, die Strukturen und Längen variieren. Oft weichen indigene Erzählkulturen sehr von unseren Vorstellungen von Geschichten und Dramaturgien ab. Die Sámi bieten seit ein paar Jahren Fellowships für junge Filmemacher, damit diese lernen, wie ihre Geschichten in Filmstoffe verwandelt werden können. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Form ihrer Erzählungen ist außerhalb ihrer Gemeinschaft nicht immer leicht zu vermitteln. Die Sámi erzählen zum Beispiel Geschichten in 42 Zyklen. Das heißt aus unserer Perspektive kommen sie einfach nicht zur Sache. Wie lässt sich aus diesen Zyklen ein Film entwickeln? Das ist eine der großen Herausforderungen für indigene Filmemacher weltweit. Mit NATIVe laden wir die Filmemacher und Filmemacherinnen nach Berlin ein. Wir bieten einen Raum für Diskussionen auf Augenhöhe. Und wir können unheimlich viel von ihnen lernen.