Berlinale: Berlinale Themen


Teddy30

Der weltweit einzige LGBTIQ – kurz: queere - offizielle Filmpreis auf einem A-Festival feierte 2016 30-jähriges Jubiläum: der Teddy Award. Aus dem Panorama hervorgegangen, wird der Preis seit 1987 in den Kategorien Kurz-, Dokumentar- und Spielfilm an queer-relevante Filme aus dem gesamten Berlinale-Programm vergeben und ist sich inzwischen weltweiter Aufmerksamkeit sicher. Das Jubiläumsprogramm zeigte insgesamt 17 Filme.

Bevor 1987 den damals noch unbekannten Regisseuren Gus Van Sant (für die Kurzfilme Five Ways to Kill Yourself und My New Friend) und Pedro Almodóvar (für den Spielfilm Law of Desire) die Teddys überreicht werden konnten, hatten schon längst Filmemacherinnen wie Ulrike Ottinger, Greta Schiller oder die seit Oktober 2015 schmerzlich vermisste Chantal Akerman und Filmemacher wie der Spanier Agustí Vilaronga, der Israeli Dan Wolman oder der auf der Berlinale vielgezeigte Lothar Lambert die Existenz einer Filmkultur bewiesen, die weit über den heteronormativen Mainstream hinausweist (ganz zu schweigen von den bekannten Größen eines dezidiert schwulen Kinos wie Rosa von Praunheim, Werner Schroeter, Rainer Werner Fassbinder oder Derek Jarman). Der Teddy 2016 feierte mit einem Jubiläumsprogramm selten gesehene Werke, die teils vor der Preisgründung entstanden und diesen überhaupt erst notwendig machten.

Teddy - How it all began | Eine kurze Einführung von Panorama-Kurator Wieland Speck

Als Besonderheit zeigt das Panorama in diesem Zusammenhang die Weltpremiere der Erst-Restauration von Anders als die Andern, Deutschland 1919. Der Film von Richard Oswald ist der erste schwule Film der Filmgeschichte. Die Restaurierung wurde vom Outfest Legacy Project / UCLA Film & Television Archive in Los Angeles durchgeführt und markiert die Notwendigkeit der Archivierung auf 35mm, dem bislang einzigen verlässlichen Archivmedium.

Die Filme

1 Berlin Harlem – Deutschland (BRD), 1974
Von Lothar Lambert, Wolfram Zobus'
Legendärer Film des Super-Indies Lambert, dem zeitweise meistgespielten Berlinale-Regisseur, über die Formen des Rassismus im Lebensgefühl Berlins zur Entstehungszeit des Films. Mit Cameos Galore: Neben Hauptdarsteller Conrad Jennings sind zu erleben Ortrud Beginnen, Tally Brown, Ingrid Caven, Peter Chatel, Rainer Werner Fassbinder, Günter Kaufmann, Dietmar Kracht, Evelyn Künneke, Lothar Lambert, Y Sa Lo, Bernd Lubowski, Brigitte Mira, Vera Müller uva.

Anders als die Andern (Different from the Others) – Deutschland, 1919
Von Richard Oswald
Eine bedeutungsvolle Weltpremiere: Erstmals wird die vom Outfest UCLA Legacy Project/UCLA Film Television & Archive realisierte, neu restaurierte Fassung dieses kulturellen Dokuments von unschätzbarem Wert vorgeführt – als 35mm-Kopie, dem einzig verlässlichen Archivierungsmedium.

Before Stonewall – USA, 1984
Von Greta Schiller, Robert Rosenberg
Berlinale Info-Schau (später Panorama) 1985
Der legendäre Film von Greta Schiller zeigt viel von dem, was man in Roland Emmerichs Stonewall vermisste - und gibt ihm dennoch in nicht wenigen Details Recht. Die Welt "vor Stonewall", dem Beginn der Nachkriegs-Schwulenbewegung: Das deutsche Portrait dieser finsteren Adenauerzeit, in der Schwule aus den KZs direkt in die bundesrepublikanischen Zuchthäuser wanderten und bis heute nicht rehabilitiert sind, steht noch aus.
Greta Schiller wurde später berühmt mit Paris Was A Woman, den sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin und Autorin Andrea Weiss 1996 im Panorama zeigte.

Die Betörung der Blauen Matrosen – Deutschland (BRD), 1975
Von Ulrike Ottinger
Ulrike Ottinger bekam 2012 den Special Teddy Award für ihr mit nichts zu vergleichendem Lebenswerk, dessen frühes Beispiel dieser berückend queere Film ist, noch vor ihren stilsetzenden Werken Madame X und Bildnis einer Trinkerin.

Die Wiese der Sachen – Deutschland (BRD), 1974-1987
Von Heinz Emigholz
Panorama / Teddy-Gewinner 1988
Als das neue deutsche Kino noch nicht wirklich fassbar erschien, inspirierte der Künstler und Architekt unter den westdeutschen Filmemachern mit bildstarken Collagen, Assoziations-Flüssen und intellektuellen Juxtapositionen. Ein wichtiges Werk eines wichtigen deutschen Filmemachers.

Gendernauts - Eine Reise durch die Geschlechter – Deutschland, 1999
Von Monika Treut
Panorama / Teddy-Gewinner 1999
Eine der frühen Erforscherinnen der geschlechtsdualistisch eingefriedeten Welt von Frau oder Mann ist Monika Treut Pionierin und Veteranin des queeren Kinos zugleich - eine Ikone der Emanzipationsbewegungen. Sie zeigte zahlreiche ihrer Werke im Panorama.

Hedwig and The Angry Inch - USA 2001
Von John Cameron Mitchell
Panorama / Teddy-Gewinner 2001
Hedwig hieß einst Hansel und lebte in Ost-Berlin. Nach Operation und Grenzübertritt von der Liebe verlassen, tingelt sie mit Band durch die USA, dem Rockstar Tommy hinterher. Produziert wurde das Musical von Christine Vachon, Special-Teddy-Preisträgerin 2016.

Je, tu, il, elle (I, You, He, She) – Frankreich / Belgien, 1974
Von Chantal Akerman
In ihrem Grenzen sprengenden Spielfilmdebüt stellt Chantal Akermann selbst eine junge Frau dar, die ihre erlebte Isolation mit dem Studium anderer Individuen zu begegnen sucht. Panorama zeigt im Gedenken an Chantal Akerman zwei ihrer Filme: neben Je, tu, il, elle auch ihren Panorama-Beitrag von 1983, Toute une nuit.

Looking for Langston – Großbritannien, 1989
Von Isaac Julien
Panorama / Teddy-Gewinner 1989
Inzwischen ein Star im Bereich Video Art ist Isaac Julien auch und zuvörderst poetischer Aktivist, Ästhet und Kulturhistoriker im emanzipatorischen Dienst. Aus der Montage von Archivmaterial mit Spielszenen und literarischen Texten entsteht ein Bild schwuler schwarzer Identität, für die Leben und Werk von Langston Hughes zurzeit der „Harlem Renaissance“ im New York der 1930er und 1940er-Jahre exemplarisch steht.

Machboim (Hide and Seek) – Israel, 1979
Von Dan Wolman
Berlinale Info-Schau (später Panorama)1980
Heute wie vor 36 Jahren: Liebe zwischen Arabern und Juden wird bestraft, Hass und Morden wird als Normalität verhandelt. Dan Wolman wirft früh einen mutigen Blick auf diese niemals zu akzeptierende Situation.

Marble Ass – Jugoslawien, 1995
Von Želimir Žilnik
Panorama / Teddy-Gewinner 1995
Der Jahre nach dem Mauerfall offen zutage tretenden Homo- und Transphobie der Balkangesellschaften setzte Zilnik früh ein anarchistisches Zeichen entgegen. Einer der ungewöhnlichsten Filme aus der ganzen Region, bis heute.

Nitrate Kisses – USA, 1992
Von Barbara Hammer
Forum 1993
So noch nie gesehene, sensibel-schöpferische Eroberung des sexuellen Raums für Frauen, radikal jenseits der Vorgaben der Mainstream-Kultur. Barbara Hammer zeigte viele ihrer Werke auf der Berlinale.

Parting Glances - USA 1986
Von Bill Sherwood
Einer der ersten Filme, der sich realistisch, poetisch und schonungslos des damals noch tabuisierten Themas AIDS annahm. Parting Glances blieb der einzige Langfilm von Bill Sherwood – auch er starb 1990 an der bis heute grassierenden Krankheit.

The Watermelon Woman – USA, 1996
Von Cheryl Dunye
Panorama / Teddy-Gewinner 1996
Im Emanzipations- und Genderdiskurs könnten rassistische Anwandlungen aufgelöst scheinen - weit gefehlt. Rassismus als der Mainstreamkultur inhärent wird von alternativen Denkerinnen nicht notwendigerweise als solcher erkannt. Dunye setzt mit der Betrachtung einer repräsentativen Figur dieses Komplexes ein Zeichen.

Tongues Untied – USA, 1989
Von Marlon Riggs
Panorama / Teddy-Gewinner 1990
Ein frühes Werk queerer schwarzer Emanzipation vom damaligen Hoffnungsträger der afroamerikanischen Schwulenbewegung - auch dieser Künstler und Intellektuelle starb viel zu früh an Aids.

Toute une nuit (A Whole Night) – Frankreich / Belgien, 1982
Von Chantal Akerman
Berlinale Info-Schau (später Panorama) 1983
Die Regisseurin der ersten Stunde in der Nachkriegs-Gender-Betrachtung war gleich im dritten Jahr der Info-Schau mit diesem Werk vertreten. Meisterhafte Stimmungen zwischen Mensch und Material, zwischen Geist und Welt und Zeit und Raum zeichnen die Werke dieser leidenschaftlichen Künstlerin aus, die sich im Oktober 2015 das Leben nahm. Panorama zeigt in ihrem Gedenken zwei Filme: neben Toute une nuit auch ihr Debüt von 1974, den radikalen Je, tu, il, elle.

Tras el cristal (In a Glass Cage) – Spanien, 1987
Von Agustí Vilaronga
Ein Skandalfilm zur Entstehungszeit: Ein Altnazi und sein junger Pfleger in Spanien. Ein wahrlich finsteres Werk zu düsteren Themen, der Versteckt- und Verstocktheit der spanischen nachfaschistischen Welt, die noch nicht begonnen hat, sich analytisch und politisch mit ihrer dunklen Zeit auseinanderzusetzen. 2000 gewann Vilaronga mit El Mar den Manfred-Salzgeber-Preis.