Selfie

Auf einzigartige Weise dokumentiert Selfie den Fall des 16-jährigen Davide Bifolco, der im neapolitanischen Bezirk Traiano von einem Carabiniere erschossen wurde. Um sich von dem oft als Getto und Camorra-Hochburg stilisierten Stadtteil und den Umständen von Davides Tod ein Bild machen zu können, sucht der Regisseur Agostino Ferrente nach dessen Freunden und stößt auf Pietro und Alessandro. „Erzählt mir von eurer Freundschaft“, bittet er sie bereits in der Einleitung aus dem Off und verrät damit seine Herangehensweise an dieses konsequent kollaborative Doku-Fiction-Projekt. Ausgestattet mit einem Handy und einem Mikrofon, lässt er die beiden ihren Alltag als Selfie-Film dokumentieren, sei es beim Scooter fahren, am Strand, mit Freunden oder auf dem Klo. Das perfekte Format in einer Zeit, in der das inszenierte Selbst oft zum Produkt wird. Entstanden ist eine sowohl visuell als auch auf der Tonebene beeindruckende Collage über Adoleszenz, über ein Leben, in dem die Herkunft über die Zukunft bestimmt, über staatliche Willkür, Wut und Trauer, vor allem aber über eine zärtliche Jungenfreundschaft in einer von Härte dominierten Männerwelt.
von Agostino Ferrente
mit Alessandro Antonelli, Pietro Orlando
Frankreich / Italien 2019 Italienisch 77’ Farbe Weltpremiere | Dokumentarische Form

Mit

  • Alessandro Antonelli
  • Pietro Orlando

Stab

Regie, Buch Agostino Ferrente
Montage Letizia Caudullo, Chiara Russo
Musik Andrea Pesce, Cristiano "Defa" Defabritiis
Sound Design Benedetto Atria
Regieassistenz Edgardo Pistone
Produzent*innen Marc Berdugo, Barbara Conforti
Koproduzent*in Gianfilippo Pedote
Koproduktion CDV - Casa delle Visioni Mailand
Rai Cinema Rom

Agostino Ferrente

Geboren 1971 in Cerignola, Italien. Er ist Gründer der Produktionsfirma Pirata Produzioni Cinematografiche und gehört dem Kollektiv Apollo 11 an, das ein historisches Kino in Rom in ein Kulturzentrum umwandelte. Über das dort gegründete Orchestra di Piazza Vittorio drehte er einen Dokumentarfilm. Er rief den Doc/it Award für Dokumentarfilm ins Leben, der im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig vergeben wird. Dort feierte 2013 Le cose belle Premiere, ein Film über zehn Jahre im Leben von vier jungen Neapolitaner*innen, bei dem er Co-Regie führte.

Filmografie

1993 Poco più della metà di zero; Kurzfilm 1994 Opinioni di un pirla; Kurzfilm 1999 Il film di Mario; Kurzfilm 2000 Intervista a mia madre; Kurzfilm 2004 Scusi dov'è il documentario?; kollektiver Dokumentarfilm 2006 L'orchestra di piazza Vittorio; Dokumentarfilm 2013 Le cose belle; Dokumentarfilm, Co-Regie: Giovanni Piperno

Stand Bio- & Filmografie: Berlinale 2019