2008

„War At Home – Der Vietnamkrieg im US-Kino“

Die Berlinale und die Bundeszentrale für politische Bildung nahmen den 40. Jahrestag der Vietnamkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Berlin zum Anlass für eine Filmreihe über den Vietnamkrieg. Der Journalist Ralph Eue kuratierte ein Programm zur 68er Bewegung im Mai 2008 im Amerikahaus, in dem Teile dieses Programms wiederholt werden. Jan Schütte, der zum Zeitpunkt dieses Interviews mit Ralph Eue mit seinem neusten Film in Sundance war, hat die Filme des Programms ausgesucht.

Frederic Wisemans Basic Training

Die Reihe setzt sich ausschließlich aus US-amerikanischen Filmen zusammen. Wären nicht Beiträge beispielsweise aus der asiatischen oder deutschen Filmperspektive in diesem Zusammenhang genauso interessant gewesen?

Ausschlaggebend für die getroffene Wahl war, dass der Krieg nach Vietnam in den USA zuhause weitergegangen ist – daher auch der Titel. Er hat in den Körpern, Seelen und Herzen derer, die in Vietnam waren, etwas ausgelöst, das ziemlich unkontrollierbar war. Viele Menschen sind eigentlich als tickende Zeitbomben nach Amerika zurückgekommen. Diese besondere amerikanische Erfahrung und Perspektive will die Reihe anhand von vier Spiel- und Dokumentarfilmen zeigen, die nicht nur beispielhaft sind, sondern – ein ganz anderer Grund für ihre Auswahl – auch schon lange nicht mehr in unseren Kinos zu sehen waren.

Da war die Auswahl sicher nicht leicht, denn es gibt ja eine beträchtliche Anzahl an Filmen zum Thema Vietnam.

Daher gingen wir dann noch nach einem weiteren, einschränkenden Motiv vor: einen Querschnitt zu machen von der Zeit, als der Krieg noch im Gange war, bis in die spätere Nachkriegszeit. Die ursprüngliche Idee ist sogar gewesen, einen zeitlichen Querschnitt bis in unsere Gegenwart zu vermitteln, um zu verdeutlichen, wie lange dieses Problem in Amerika nachgewirkt hat.

Mit dem Vietnamfilm ist ja beinahe ein eigenständiges Genre entstanden, zwar nicht im klassischen Sinne, aber trotzdem gab es in den Siebzigern unglaublich viele Filme, die genau diese Sache bearbeitet haben - wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen.

'Winter Soldier' (USA, 1972; Winterfilm Collective); © FDK - Marian Stefanowski

Winter Soldier vom Winterfilm Collective

Kann man trotz der Vielzahl filmischer Ausprägungen bei Antikriegsfilmen teilweise von Genrecharakteristika sprechen in dem Sinn, dass bestimmte inhaltliche Konstellationen oder formale, dramaturgische Verfahren immer wieder verwandt wurden.

Jeder der Filme hat eine eigene Herangehensweise, die aber alle – bis auf einen Film – mit dem Label „Antikriegsfilm“ bezeichnet werden können. Ich denke, dass die Menschen, die in irgendeiner Weise etwas gegen diesen Krieg hatten, sich auch viel stärker genötigt fühlten, etwas dagegen zu unternehmen. Auch wenn die Spannbreite an Motivationen dabei sehr vielfältig war. Die Energie, etwas zu produzieren, war bei Künstlern, die nicht mit diesem Krieg einverstanden waren, intensiver. Daher ist der Anteil der Anti-Vietnam-Filme natürlicherweise deutlich größer als der jener Filme, die sich in irgendeiner Weise Pro-Vietnam geäußert haben. Dazu gehört in dieser Reihe nur The Green Berets (1968) mit John Wayne. Insgesamt schlägt das Verhältnis aber ganz deutlich auf die Seite der Anti-Vietnam-Filme.

Interessanterweise sind zwei der bekanntesten Filme, M.A.S.H. und Catch 22, insofern gar keine Vietnamfilme, als sie aus anderen Kriegen erzählen. Trotzdem ist unübersehbar, dass mit den Bildern und Geschichten Vietnam gemeint ist. Es gibt in jedem Krieg eine verallgemeinernde Komponente und die sorgt hier dafür, dass Vietnam als Bezugssystem oder als Subtext zwangsläufig immer mitläuft.

Muss man sich den einzigen Pro-Kriegsfilm The Green Berets als Propagandafilm vorstellen?

Das sollte er, glaube ich, sein. John Wayne war unglaublich verärgert über die Tatsache, dass sein Land von vielen Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten und eben auch Filmen - in seinen Augen - durch den Dreck gezogen wurde. Von daher fühlte er sich animiert, das zu machen, was er kann, nämlich einen Western, der in Vietnam spielt und in dem die Aufteilung von Gut und Böse deutlich sichtbar wird. Auf diese Weise nimmt er eine explizite pro-amerikanische Haltung zu den kriegerischen Ereignissen ein, und zwar unter Aussparung von Sachlagen, die ihm durchaus hätten bekannt sein können. Und John Wayne war mit seinem Willen zur Unterstützung der Truppen nicht allein im Showbusiness, das haben durchaus auch andere Leute verfolgt, wie beispielsweise Bob Hope mit seinen legendären Christmas-Tours (1964-1972) .

Glenn Silbers und Barry Alexander Browns War At Home

Haben sich die Filmemacher als politisch verstanden, im Sinne einer medialen Öffentlichkeit?

Ja, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich glaube, zu einer bestimmten Zeit war es so, dass die Filmemacher explizit ihre Antikriegshaltung formuliert haben – wenn auch von Film zu Film unterschiedlich. Sie trugen offen ihre Intention zur Schau, diesen Krieg möglichst bald beenden zu wollen. Nicht umsonst galten ja viele Leute aus dem Showbusiness oder Hollywood bei Kriegsbefürwortern als Nestbeschmutzer, die die Moral der Truppen untergruben und so dazu beitrugen, dass Amerika den Krieg verloren hat.

Das Phänomen einer medialen Öffentlichkeit hat sich ja seit den 70ern stark strukturell verändert. Kann es sein, dass man damals mit dem Medium Film noch eher die Möglichkeit hatte, öffentliche Diskussionen anzuregen oder zu verstärken, als das heute der Fall ist?

Es gab damals definitiv noch nicht diese ungeheure Medienvielfalt. In gewisser Hinsicht war das Kino sogar noch die Königsdisziplin unter den Medien, quasi das Leitmedium. Ich glaube, Filme hatten damals, gerade wegen der fehlenden Konkurrenz, eine viel größere Wirkkraft als heute. Und es war auch eine Zeit, in der die Bürde bzw. Möglichkeit des Kinos, nicht nur Entertainment zu sein, sondern auch eine Kraft, die sich legitimer Weise zu gesellschaftlichen Prozessen äußern kann, noch in einer gewissen Frische vorhanden war.

Die Filmreihe ist eingebettet in eine mehrmonatige Veranstaltungsreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, die auf gesellschaftliche Umbrüche in den Sechziger, Siebziger Jahren und die damit verbundene politische Bewegung in Deutschland verweist. Warum hältst Du es gerade heute für wichtig, diesen Abschnitt unserer Zeitgeschichte öffentlich zu thematisieren? Existiert eine bestimmte Dringlichkeit oder Parallele zu aktuellen Situation?

Ich glaube, es gibt etliche Leute, die sich damals in exponierter Art und Weise außerparlamentarisch politisch geäußert haben und in der Zwischenzeit von 40 Jahren in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Trotzdem oder gerade deswegen haben viele das Bedürfnis, die eigene Geschichte Revue passieren zu lassen.

'Winter Soldier' (USA, 1972; Winterfilm Collective); © FDK - Marian Stefanowski

Winter Soldier

Abgesehen davon, würde man sich - egal, was man von 68 hält oder gehalten hat - etwas vormachen, wenn man behauptet, in dieser Zeit wurde nichts bewirkt. Mit bestimmten Sachen, die vor 68 gang und gäbe waren, wären die Menschen heute einfach nicht mehr einverstanden.

Ich glaube, dass Vietnam ganz ungeplant so eine Art Auslöser darstellte, der bewirkt hat, dass auch ganz viele andere Themen auf die Tagesordnung gekommen sind. Das kann man an einem Film ganz konkret festmachen: Coming Home ist zwar einerseits ein Anti-Vietnam-Film, andererseits geht es aber auch explizit um die gesellschaftliche Rolle der Frau. In dieser Zeit und im Zusammenhang mit Vietnam wurde vielen bewusst, dass es eigentlich keine Einzelprobleme gibt, sondern dass die Probleme miteinander vernetzt sind.