Berlinale: Chronik


4. Internationale Filmfestspiele Berlin
18. - 29. Juni 1954

„Wie war es doch im Vorjahr? Trauerflöre über den Berlinale-Fahnen, die Schüsse des Juni-Aufstands in den Lautsprechern, viele Gäste hatten abgesagt. Diesmal kamen weit mehr als erwartet wurden, und über den Kurfürstendamm flutete das Leben wie nie seit Kriegsende. Backfische beiderlei Geschlechts und jeden Alters umlagern die großen Hotels, durchbrechen Polizeiketten,... und wenn sie den Publikumsliebling der Festspiele, Gina Lollobrigida, im Sprechchor am Fenster zu sehen wünschen, steigen sonderbare Erinnerungen auf ...“

(Geschichte und Zeitgeschichte in einem Artikel von Hugo Hartung für die „Deutsche Zeitung“.)

Sophia Loren, Yvonne de Carlo, Gina Lollobrigida

Ein Jahr der Stars

Richard Widmark, Jean Marais, Curd Jürgens, Vittorio de Sica, Yvonne de Carlo, die junge Sophia Loren und vor allem und über allen: Gina Lollobrigida, von der das Publikum kaum genug bekommen konnte. Publikumsaufläufe vor den Berlinale-Hotels und Spielstätten prägen das Bild des Festivals in diesem Jahr. Die Lust des Publikums auf die Stars und seine ungenierte Art, Begeisterung zu zeigen, werden zu Markenzeichen der Berlinale.

Wieder werden die Bären vom Publikum vergeben, Diesmal machen Schauspielerfilme das Rennen. Erneut bleiben einige Filme unbeachtet, die erst nachträglich von der internationalen Kritik entdeckt werden: Magnificent Obsession von Douglas Sirk und Akira Kurosawas Ikiru gehören dazu. Sie passen nicht in den Festivalrummel. Aber auch Rummelplatz der Liebe, eine von Kurt Neumann inszenierte deutsch-amerikanische Koproduktion, fällt beim Publikum durch und wird vor 25.000 Zuschauern bei der Premiere in der Waldbühne gnadenlos ausgepfiffen.

Flankiert wird der Misserfolg der deutschen Filme auch dieses Jahr von den Streitigkeiten um die mangelnde Beteiligung der deutschen Filmbranche an der Vorbereitung des Festivals. Rückblickend erscheint es als ein politisches Ziel des Senats, die Kontrolle über das Festival nicht aus der Hand zu geben. Die SPIO formuliert ein Protestschreiben, nachdem keiner ihrer Vertreter in den Arbeitsausschuss berufen wurde. Dieser Beschwerde wird dann zwar nachgegeben, im gleichen Zug wird die Entscheidungsbefugnis jedoch auf den Beirat, das zweite Gremium, verlagert, in dem weiterhin die Vertreter des Senats das Sagen haben.

Der prekäre Status des Festivals

Der Ehrgeiz der politischen Seite zahlt sich jedoch für das Festival keineswegs in stabilen Finanzierungszusagen aus. Im Gegenteil: Auch 1954 wird im Vorfeld der Berlinale wieder über Etatkürzungen debattiert und sind allerlei Proteste und Memoranden Alfred Bauers vonnöten, um der Berlinale ein einigermaßen solides Budget zu erhalten – für das letztlich zu wesentlichen Teilen der Bund aufkommt, der einen kurzfristigen Zuschuss von 100.000 DM bewilligt.

Berlinale-Plakate an der Sektorengrenze nach Ost-Berlin.

Die verschiedenen Absichten und Hintergründe lassen sich heute auf den ersten Blick schwer nachvollziehen. Nicht unwesentlich für die bemerkenswert vage institutionelle und finanzielle Absicherung der Filmfestspiele war zweifellos der politische Status Berlins. Eine allzu offensichtliche Beteiligung des Bundes an der Organisation und Ausrichtung des Festivals hätte die „Neutralität“ Berlins verletzt und politische Irritationen auf höchster Ebene zur Folge gehabt. Tatsächlich beobachteten vor allem die Regierungen der DDR und der Sowjetunion sehr genau, ob und in welcher Weise die Berlinale von der Bonner Regierung finanziert und möglicherweise „politisch instrumentalisiert“ würde.

Die jahrzehntelange Absenz von osteuropäischen Filmen von der Berlinale war von beiden Seiten verantwortet: offiziell gab es auf Seiten des Senats die Grundsatzentscheidung, keine Filme aus den Ländern des Ostblocks zum Festival einzuladen; aber auch als es später von westlicher Seite verschiedentlich Bemühungen der Annäherung gab, wurden diese seitens des Ostblocks immer wieder brüskiert - mit dem Hinweis auf den diplomatischen Status Berlins und die Verletzung der Neutralität qua Teilfinanzierung der Filmfestspiele durch die Bundesregierung.