15 Jahre nach dem Massaker an prodemokratischen Demonstrant*innen durch das thailändische Militär in Bangkok im Jahr 2010 verwischt Anocha Suwichakornpongs Film die Grenzen zwischen Filmemachen, politischer Reflexion und juristischer Ermittlung. <em class="film">Narrative</em> entfaltet sich gleichermaßen als Probe und Akt des Erinnerns – der Film inszeniert einen fiktionalen Gerichtsprozess für die Verantwortlichen der offiziell bis heute ungesühnten Gewalt. Thailands Rechtssystem unterdrückt weiterhin alle Versuche, Verantwortlichkeit gegenüber der Zivilgesellschaft zu erlangen. Der Film verbindet Aussagen tatsächlicher Zeug*innen der Ereignisse mit den Recherchen der Filmemacherin im Vorfeld ihres nächsten Langfilms <em class="film-other">Fiction</em>. Durch diesen vielschichtigen Ansatz erschafft Suwichakornpong einen Raum, in dem dokumentarische Beweiskraft und imaginative Rekonstruktion miteinander verschmelzen, und fordert die Zuschauer*innen dazu auf, die Lücken in den offiziellen Narrativen zu erkennen. Was entsteht, ist eine gespenstische Meditation über Wahrheit, Repräsentation und Geschichte als unabgeschlossener Prozess. Der Film fragt, was das Kino erreichen kann, wenn traditionelle Wege zur Gerechtigkeit versperrt sind.