Berlinale: Chronik


67. Internationale Filmfestspiele Berlin
9. - 19. Februar 2017

Diego Luna: I’m here to investigate how to tear down walls. Apparently there are many experts here. And when I bring that information back to Mexico...
Maggie Gyllenhaal: And to America.

Die Highlights der 67. Berlinale

Natürlich muss man mit der Mauer beginnen. 56 Jahre nachdem Berlin durch eine Mauer in zwei Hälften gespalten wurde, saßen ein mexikanischer Schauspieler und Regisseur und eine amerikanische Schauspielerin – beides Mitglieder der Internationalen Jury – bei der ersten Pressekonferenz des Festivals zusammen, um sich inspirieren zu lassen. In Sachen friedlicher Revolution. Um zu lernen, wie man Mauern und Grenzen überwindet. Und dies nicht im metaphorischen Sinne.

Am 20. Januar 2017 hatte sich in Washington D.C. ein schockierendes Ereignis abgespielt, das vielen Beobachtern als Albtraum erscheinen musste, aus dem sie nicht mehr aufwachten: Donald Trump wurde als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Und eines seiner Wahlversprechen lautete, eine Mauer zwischen „seinem“ Land und Mexiko zu errichten, um die Migrationsströme von Süd nach Nord endgültig zu unterbinden. Im Jahr zuvor hatte der Milliardär den Wahlkampf gegen seine Konkurrentin Hillary Clinton hauptsächlich mit Halbwahrheiten, Unwahrheiten und dreisten Lügen bestritten. Im Anschluss wurde die zeitgenössische Politik als „postfaktisch“ gelabelt, die traditionell paranoide Tendenz in der amerikanischen Politik erlebte einen nie gekannten Aufschwung. 30 Jahre nach Reagans „Tear down this wall“ hatte die weltpolitische Lage neue Höhen der Irrealität errungen, die wie ein Schock wirkten. Journalisten wurden zu Feinden, ausgeschlossen - wenn sich der neue mächtige Mann im Weißen Haus denn überhaupt bemüßigt sah, auf unangenehme Fragen zu antworten.

Und auch wenn Festivaldirektor Dieter Kosslick schon bei der Programmpressekonferenz zur 67. Berlinale deutlich machte, dass Trump bewusst ausgespart bleiben sollte, weil der Milliardär seinen Erfolg in weiten Teilen dem medialen Spektakel verdankte, das um ihn veranstaltet wurde, muss man doch mit ihm beginnen, um die „politische“ Atmosphäre klar zu machen, in der sich das Programm 2017 entfaltete.

Drei der Filme im 2017er Wettbewerb: Viceroy’s House, Félicité, El Bar

Am Ende der Utopien

Die großen Ideologien hatten sich erledigt, Kommunismus und Kapitalismus offenbarten sich als Holzweg. Was blieb war ein rückwärtsgewandter (Ultra-)Nationalismus mit starken, weil medial lauten Führungsfiguren: Trump in den USA, Putin in Russland, Erdogan in der Türkei – die Liste ließe sich fortsetzen. Der rote Faden war dabei verlorengegangen, Partialinteressen regierten und dominierten – und das Programm der 67. Berlinale reagierte entsprechend darauf. „Ein Gespenst geht um – nicht nur in Europa: Ratlosigkeit als Folge des offensichtlichen Scheiterns der großen Utopien und der Entzauberung der globalisierten Welt. [...] Selten hat ein Berlinale-Programm die aktuelle politische Situation so eindringlich in Bilder gefasst“, schrieb Dieter Kosslick in seinem Vorwort zum Programm. Ein Ausweg aus dieser Ratlosigkeit bot sich im Blick zurück, in der Analyse der geschichtlichen Entwicklungen, die in diese Sackgasse geführt hatten.

Im Wettbewerb spürte Gurinder Chadha mit Viceroy’s House dem Kolonialismus nach, der ursprünglichen Triebfeder von Kapitalismus und Globalisierung gleichermaßen. Der Historienfilm spielt 1947, im Jahr als das Territorium Britisch-Indien willkürlich in Indien und Pakistan gespalten wurde und die Konflikte, die beide Länder bis heute austragen, bereits nachhaltig fixiert wurden. Eine gegenwärtige Perspektive auf die Verheerungen des Kolonialismus präsentierte Alain Gomis mit Félicité. Der Regisseur folgt seiner titelgebenden Heldin bei ihrem täglichen Überlebenskampf in Kinshasa. Die katastrophalen Folgen der kolonialen Vergangenheit werden nicht in eine explizite Anklage verpackt, schwingen aber zu jeder Zeit mit. Álex de la Iglesia lieferte mit seinem Kammerspiel El Bar (The Bar) eine Versuchsanordnung, die die steigende Angst in Europa reflektierte, Opfer zufälliger und plötzlicher Gewalt zu werden: Der Gast einer Madrider Bar wird beim Verlassen des Lokals erschossen, ohne Gründe, ohne Anlass – eine Szenerie, die aufgrund der vielen willkürlichen Gewaltakte, die das „friedliche“ Europa 2016 heimgesucht hatten, sehr präzise die Verunsicherung erfasste, die diese Taten hinterlassen hatten. Gerade in Berlin war die Erinnerung an den 19. Dezember 2016, an dem ein Attentäter mit einem LKW durch den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste, noch frisch.

Regisseurin Ceylan Özgün Özçelik über Kaygı

Interventionen

Der Geist einer postutopischen Zeit und ihrer Auswüchse war nicht nur im Wettbewerb, sondern überall auf dem Festival zu spüren. Auf Erdogans Säuberungen im politischen, zivilen und militärischen Apparat der Türkei reagierte der Panorama-Film Kaygı (Inflame), in dem die Regisseurin Ceylan Özgün Özçelik von einer türkischen Journalistin erzählt, die zensiert und verdrängt wird und schließlich in die Paranoia verfällt. Ein hochbrisantes Thema – noch während des Festivals, am 14. Februar, wurde der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei verhaftet. Den Großmachtfantasien eines anderen illustren Parteigängers, des russischen Präsidenten Vladimir Putin, wurde im Berlinale Special gedacht. The Trial – The State of Russia vs Oleg Sentsov von Askold Kurov hinterfragte den Schauprozess gegen den ukrainischen Regisseur und Maidan-Aktivisten, der gegen die völkerrechtlich unzumutbare Annexion der Krim durch Russland protestiert hatte. Rumänische Filmschaffende machten mit Plakaten auf dem Roten Teppich auf die schärfer werdenden Zensurmaßnahmen und die eskalierende Korruption in ihrem Heimatland aufmerksam. Dieter Kosslick war zufrieden mit dieser Aneignung, wie er in einem Interview mit Variety erklärte: „‚Everyone has been using our red carpet as a kind of Hyde Park Corner, and I’m happy with this,’ he said, referring to the area in London where speakers share their political views with the crowd. ‚We want to be on the right side of the world,’ he said“ (Leo Barraclough, 18.02.2017

Die Interventionen waren zahlreich, immer ganz nah am Puls der Zeit: So legte die Sonderreihe NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema 2017 ihren Schwerpunkt auf die Arktis, einer Region, an der und mit der sich wohl in den folgenden Jahrzehnten das Überleben der Menschheit und des Planeten entscheiden wird – so die Klimaforscher. (Und es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass Präsident Trump seinen Anhängern versprochen hatte, nach seiner Wahl die hart umkämpften Klimaschutzziele seines Vorgängers Barack Obama zurückzunehmen).

Die Verleihung des ersten Glashütte Original – Dokumentarfilmpreis: Produzentin Palmyre Badinier, Protagonist Wadee Hanani und Regisseur Raed Andoni

Ein neuer Preis

In einer hochpolitisierten Region, die seit Jahrzehnten der Spielball von kaum mehr zu durchschauenden Machtansprüchen und Befindlichkeiten war, inszenierte Raed Adoni seinen Film Istiyad Ashbah (Ghost Hunting), der im Panorama zu sehen war. In Ramallah lässt der Regisseur palästinensische, ehemalige Insassen eines israelischen Verhörzentrums ihre eigene Geschichte nachspielen und kommt so deren Traumata und der eigenen Lebensgeschichte auf die Spur. Der fiktionale Rahmen des Settings bringt durch das Spiel die realen Verletzungen der Vergangenheit hervor. Adoni wurde für seine Arbeit mit dem Glashütte Original – Dokumentarfilmpreis belohnt – der ersten dotierten Auszeichnung, die explizit der dokumentarischen Form gewidmet war, in der Geschichte der Berlinale.

Die Ästhetik und die Politik

Zu Beginn des Festivals hatte der niederländische Regisseur und Präsident der Internationalen Jury Paul Verhoeven erklärt, dass er keinen Film auszeichne, nur weil er einen politischen Inhalt habe. Entscheidend sei die Filmkunst, die Ästhetik. Damit sprach er nur aus, was für die Berlinale längst programmatische Leitlinie geworden war. Ein Paradebeispiel lieferte Aki Kaurismäki im Wettbewerb. In Toivon tuolla puolen (The Other Side of Hope) erzählt er vom Aufeinandertreffen eines syrischen Flüchtlings und eines finnischen Handelsvertreters. Die streng komponierten, stoischen Einstellungen setzen die (politische) Haltung dabei in Kaurismäkis ureigener heiter-melancholischer Weise in Szene. Wir bräuchten die Zuwanderung dringend, so der Regisseur bei der Pressekonferenz, „because our blood is getting thick“.

Der von Verhoeven geforderte Nexus von Politik und Ästhetik zog sich quer durch das Programm. Im Forum beschäftigte sich El mar la mar mit genau jenem Streifen Sonora-Wüste, den Emigranten auf ihrer verzweifelten Flucht in den Norden durchqueren müssen – also der Ort von Trumps Grundsteinlegung. Die Filmemacher Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki inszenieren nicht nach den Regeln des Postfaktischen – Emotion über Tatsächlichkeit – sondern begeben sich auf eine archäologische Reise, beweisen die menschlichen Dramen in den Spuren, die die Durchreisenden in der Landschaft zurückgelassen haben. Der Film sendet keine eindeutige politische Botschaft, macht stattdessen die Unerbittlichkeit der Landschaft, der Natur, erfahrbar.

No Intenso Agora, Casting JonBenet

Die archäologische Spurensuche war einer der starken programmatischen Stränge der 67. Berlinale, ein Topos, der durch alle Sektionen mäanderte. Wie im Wettbewerb widmete sich auch in den Sektionen eine ganze Phalanx an Filmen der Vergangenheit, dem historischen Prozess. Der marode Zustand der „Realität“ war nicht über Nacht gekommen, es gab Anzeichen, Entwicklungen und frühere Ereignisse, Kräfte, die sich im Unsichtbaren formiert hatten und nun ausbrachen. Viele der Filme gingen einen Schritt zurück, suchten im Gestern nach den Gründen für das Heute.

Quer durch alle Sektionen entstand so eine Gesamtschau des kinematografischen Blicks, vor allem der Formenreichtum des Dokumentarfilms überzeugte wie in den Jahren zuvor: No Intenso Agora (In the Intense Now) von João Moreira Salles im Panorama spürte den Ausstrahlungen des Prager Frühlings bis in die revolutionären Kräfte des Pariser Mai 68 nach. Ein dichtes Filmessay, das keine Kausalitäten zuließ und mitunter verschroben auf die Genealogie der Ereignisse blickte. Sylvain L'Espérance untersuchte in seinem fast fünfstündigen Combat au bout de la nuit (Fighting Through the Night) am Beispiel Griechenlands den weiteren Verfall der Idee Europa, die mit dem EU-Ausstiegsvotum Großbritanniens im Sommer 2016 einen weiteren Rückschlag hatte hinnehmen müssen. Kitty Green stellte den Prozess der Wahrheitsfindung in Casting JonBenet selbst in den Mittelpunkt. Statt die Geschichte um den niemals aufgeklärten Mordfall an der sechsjährigen JonBenet Ramsey mit weiteren Wahrheiten zu versorgen, lud sie die damals in der Gegend um den Tatort lebenden Menschen zu einem Casting ein und beobachtete die Mechanismen, die die Wahrheiten über ein Ereignis zuallererst konturieren und konstruieren. Die Dokumentarfilme im Forum glänzten in Langzeitbeobachtungen, nahmen die Rhythmen ihrer Sujets auf, statt die Lebenswelten unnötig zu dramatisieren. Beispielhaft etwa Aus einem Jahr der Nichtereignisse von Carolin Renninger und René Frölke, der das Leben eines norddeutschen Bauern porträtierte.

Der Paneltag zum Thema Archiv des Forum Expanded im silent green Kulturquartier

Geschichte und Geschichten wurden erzählt, nicht ohne die eigenen Mittel der Inszenierung immer wieder auszustellen und zu reflektieren. Das Archiv spielte oft eine dominante Rolle. Im Wettbewerb (re-)konstruierte Andres Veiel das Werk Joseph Beuys’ fast ausschließlich aus zeitgenössischen Aufnahmen (Beuys), das Forum Expanded widmete dem Archiv einen ganzen Paneltag.

Die Retrospektive hingegen wechselte die Perspektive und widmete sich mit dem Thema Science-Fiction-Film der Zukunft, ohne dabei die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren: „Wir gehen davon aus, dass Science-Fiction zwar eine Geschichte erzählt, die in der Zukunft angesiedelt ist, dass sie in dieser Zukunft aber Fragen und Situationen der Gegenwart verhandelt“, erklärte Sektionsleiter Rainer Rother.

Die Fiktionalität der Wirklichkeit und die Wirklichkeit der Fiktionen

Im Bilderkrieg waren die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion so durchlässig wie nie zuvor geworden. Politiker wie Trump, Erdogan und Putin erklärten ihre Behauptungen schlichtweg zur Realität an sich und setzten ihre Deutungsmacht mit allen zur Verfügung stehenden medialen Mitteln durch. Das Berlinale-Programm setzte einen wichtigen Kontrapunkt zu diesen fatalen Entwicklungen: „Nirgendwo sonst, nicht in Cannes, nicht in Venedig, ist die Lust auf realitätstüchtige und -süchtige Bilder so groß wie hier. Auf Bilder, die sich weniger um die Tagespolitik scheren, als dass sie ins Herz der Gegenwart zielen, in langsamen Filmen für rasende Zeiten“ (Christiane Peitz, Der Tagesspiegel, 20.02.2017). Sinnbildlich dafür stand auch das das Motto des Forum Expanded 2017: „The Stars Down to Earth“. Die Arbeiten begaben sich auf „die Suche nach Möglichkeiten des künstlerischen Umgangs mit einer kaum noch greifbaren Realität“. Der Blick richtete sich auf den Boden, das Hier und Jetzt, die Bedingungen von Wahrnehmungsrealitäten. Dabei ging es eben nicht um die Sehnsucht nach einem „verlorenen“ faktischen Zeitalter, sondern das beunruhigende Gefühl, dass die „Realität“, die sich schon immer in einem Wechselspiel mit den Fiktionen befunden hatte, unter dem Gewicht der falschen Behauptungen erstickte.

In die gleiche Kerbe schlug Maike Mia Höhne, die ihre Berlinale-Shorts-Auswahl 2017 unter den Titel „Reframing the Image“ stellte und damit in gleicher Weise nach den Grundlagen unseres Sehens und Wahrnehmens fragte. Die Beziehung zwischen „medialer“ und „faktischer“ Wirklichkeit, zwischen Fiktion und Realität ist dem Kino selbstverständlich nicht fremd. Sie liegt im Herzen des Mediums selbst begründet. Die Wirklichkeit verändern, ohne sie zu verlieren, Geschichten erfinden aus dem Material der sichtbaren Welt. Erkennen und interpretieren, im schlimmsten Fall auch Lügen – das sind die Techniken und Fragen, die den Film ausmachen.

Viel Ironie: Die Pressekonferenz zu Toivon tuolla puolen

Poesie und Ironie im Wettbewerb

Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht nicht überraschend, dass am 18. Februar 2017 ein Film mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, der sich intensiv mit den Modulationen und Verhältnissen zwischen Traum und Realität auseinandersetzt, eine Verbindung, die sowohl in der Filmpraxis als auch in der Filmtheorie traditionell fruchtbar gemacht wurde. Testről és lélekről (On Body and Soul) von Ildikó Enyedi erzählt vordergründig eine zarte Liebesgeschichte, die die tänzerische Leichtigkeit des Traumes mit der – buchstäblich – blutigen Realität eines ungarischen Schlachtbetriebs kontrastiert. Testről és lélekről war ein würdiger Gewinner, von Kritik und Publikum gleichermaßen gelobt. So schrieb Anke Westphal in der Berliner Zeitung: „Wie sich diese beiden vom Schicksal so tragisch gezeichneten Menschen nach und nach näher kommen, zunächst in ihren nächtlichen Träumen, wenn sie sich als Rotwild in einem winterlichen Wald begegnen, und dann im sogenannten wirklichen Leben, gehört zum Schönsten, Zartesten und Wahrhaftigsten, was das Kino hervorbringen kann“ (20.02.2017). Poesie und Humor bestimmten den Wettbewerb der 67. Berlinale. Und während in Poesie glänzte, sorgte Altmeister Aki Kaurismäki, der mit Toivon tuolla puolen (The Other Side of Hope) den Silbernen Bären für die Beste Regie gewann, für die nötige Ironie. Und dies nicht nur in seinem Film: Bei der Pressekonferenz angesprochen auf die Gefahr einer Islamisierung Europas ließ er die Journalistin ihre Frage erst dreimal wiederholen, ehe er mit toternster Mine ausführte, nein, er habe keine Angst vor einer Islandisierung Europas – auch wenn das Land bei der Fußballeuropameisterschaft 2016 sensationell erst im Viertelfinale ausgeschieden sei.

Glückliche Gewinnerinnen: Festivaldirektor Dieter Kosslick mit Kim Minhee, Ildikó Enyedi und Jurypräsident Paul Verhoeven

Die Internationale Jury setzte den Trend der Vorjahre fort und bedachte vor allem diejenigen Kinematografien mit Preisen, die nicht im Zentrum der globalen Aufmerksamkeit standen. Alain Gomis gewann mit Félicité den Silbernen Bären Großer Preis der Jury. Der Film wurde in Frankreich, Senegal, Belgien, Deutschland und Libanon co-produziert. Die Polin Agnieszka Holland wurde für Pokot (Spoor) mit dem Silbernen Bären Alfred-Bauer-Preis bedacht. Die Südkoreanerin Kim Minhee heimste für ihre Rolle in Bamui haebyun-eoseo honja (On the Beach at Night Alone) von Hong Sangsoo den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin ein. Der chilenische Film Una mujer fantástica (A Fantastic Woman) von Sébastian Lelio gewann den Preis für das Beste Drehbuch und die rumänische Cutterin Dana Bunescu (Ana, mon amour von Călin Peter Netzer) war sichtlich überwältigt, als sie mit dem Silbernen Bären für eine Herausragende Künstlerische Leistung bedacht wurde. Der Mut, das scheinbar Marginale ins Zentrum zu rücken wurde auch von der Kritik honoriert: „Der Wettbewerb [versammelt] Arthouse-Werke, bietet kleinen starken Filmen die Plattform, die sie in der Blockbuster-durchsetzten Filmschwemme den Rest des Jahres nicht haben.“ (Christiane Peitz, Der Tagesspiegel, 20.02.2017).

Dieter Kosslick bei der Preisverleihung der Unabhängigen Jurys

Vielfalt und Hoffnung

Das 2017er Programm war kontrovers und niemals angepasst. Die immense Vielfalt schien die Kritik mitunter zu überfordern. Einige Stimmen vermissten einen roten Faden durch das Programm. Dass dies daran liegen könnte, dass der Welt selbst ihr roter Faden verloren gegangen war, wie Andreas Busche schrieb, wurde nur selten thematisiert: „Der Verzicht auf eine offizielle Programmatik kommt den Filmen zugute, die sich, wie jede gute Kunst, an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen müssen. Und vielleicht sind die gesellschaftlichen Diskurse, die sich aus den unsichtbaren Verbindungen zwischen einzelnen Filmen ergeben, viel komplexer, als es ein politisches Motto je sein könnte“ (Der Tagesspiegel, 08.02.2017).

Jahrelang war der Kalte Krieg, das Machtgleichgewicht zwischen UdSSR und den USA der rote Faden, der die Welt mit eindeutigem Sinn und der einen großen Erzählung versorgte. Das ultimative Symbol für diese Zweiteilung war die Berliner Mauer gewesen. Wo sonst als in Berlin sollte ein Festivaldirektor Hoffnung trotz der aktuell angespannten Lage haben? „Don’t lose your courage, we will win“ – so der Aufruf Dieter Kosslicks am Ende seiner Rede bei der Preisverleihung der Unabhängigen Jurys.

Besucher  
Kinobesuche 496.471
Verkaufte Eintrittskarten 334.478
   
Fachbesucher  
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Presse  
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Screenings  
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European Film Market  
Fachbesucher 9.539
Anzahl Filme 728
Anzahl Screenings 1.050
Stände auf dem EFM
(Martin-Gropius-Bau & Business Offices)
192
Anzahl Aussteller 540
   
Berlinale Co-Production Market  
Teilnehmer 569
Herkunftsländer 51
   
Berlinale Talents  
Teilnehmer 252
Herkunftsländer 71
   
Jahresbudget € 24 Mio.
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin erhalten eine institutionelle Förderung in Höhe von € 7,2 Mio. von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.