Berlinale: Chronik


30. Internationale Filmfestspiele Berlin
18. - 29. Februar 1980

„Das Angebot an Filmen (war) durchweg attraktiv, selbst die fragwürdigen Arbeiten waren auf interessante Weise misslungen.“

(Ekkehard Pluta kommt in der "Stuttgarter Zeitung" zu einer „nachdenklichen Bestandsaufnahme“ des Forum-Programms)

© Filmmuseum Berlin
Pressekonferenz zu La Mort en Directe: Moritz de Hadeln, Romy Schneider, Harvey Keitel

Zerbrochenes Porzellan kitten

Moritz de Hadelns Einstand als Leiter der Berlinale war zunächst nicht leicht. Nach dem Eklat um The Deer Hunter im Vorjahr galt es, die Wogen zu glätten und den sozialistischen Ländern einen gangbaren Weg zurück ins Festival zu ebnen. Erschwert wurde dieses Aufgabe wieder einmal durch die weltpolitische Lage: nach der Entsendung sowjetischer Truppen nach Afghanistan erwogen die westlichen Staaten einen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau. Schließlich gelang es Moritz de Hadeln, die sozialistischen Staaten zurück zu gewinnen. Nicht unbedeutend war dabei die Fürsprache Horst Pehnerts, des stellvertretenden Ministers für Kultur der DDR, der in den Folgejahren immer wieder als geschickter Vermittler auftreten würde, wenn die Interessen des Films allzu sehr unter die Räder der Diplomatie zu geraten drohten.

Trotz der Entspannung in der Ost-West-Filmdiplomatie hatte es aber im Vorfeld wieder maßregelnde Interventionen von Seiten der Sowjetunion gegeben, die schließlich dazu führten, dass in der Billy Wilder Hommage Ninotschka und One, Two, Three fehlten. Dennoch gehörten die Retrospektiven dieses Jahres zu den Highlights des Festivals. Neben der Billy Wilder Hommage hatte das Festival erstmals eine „technische“ Retrospektive organisiert: Filme in 3-D vor einem begeisterten – und bebrillten – Publikum im Astor am Kurfürstendamm.

Moritz de Hadelns Einstand: Konsequente Neuerungen

Ähnlich wie sein Vorgänger Wolf Donner, schuf auch Moritz de Hadeln gleich zu Beginn seiner Amtszeit einige neue Fakten in der Festivalstruktur: Er setzte sich dafür ein, dass in den Beirat verstärkt Filmemacher, Kritiker und Produzenten berufen wurden und er bildete eine Arbeitsgruppe, die ihn bei der Filmauswahl beraten sollte. Darüber hinaus setzte Moritz de Hadeln das Engagement Wolf Donners für die Filmmesse fort, baute diese weiter aus und betraute Aina Bellis mit deren Leitung. Auch das Kinderfilmfest betrachtete de Hadeln weiterhin als „Chefsache“ und sorgte mit einer Änderung des Reglements für eine deutliche Aufwertung: Ähnlich wie im Wettbewerb sollten nun auch im Kinderfilmfest „neue“ Filme Vorrang haben, „die noch nicht an einer anderen internationalen Veranstaltung teilgenommen haben.“

Richard Pearce, Roberto Benigni

Moritz de Hadeln berief Manfred Salzgeber, der bereits an der Gründung des Forums beteiligt gewesen war, zum Leiter der Informationsschau. Salzgeber war Mitte der Siebziger Jahre aus Protest gegen die im „Deutschen Herbst“ repressiver werdende deutsche Innenpolitik für einige Zeit nach Amsterdam gegangen. Moritz de Hadeln bewegte ihn zur Rückkehr und beauftragte ihn damit, der Informationsschau zu einem eigenständigen Programmprofil zu verhelfen. Fünf Jahre später wurde dann aus der Informationsschau das Panorama, in dessen Programmprofil bis heute Manfred Salzgebers engagierte Weichenstellungen erkennbar sind.

Forum und Wettbewerb gleichberechtigte Teile eines Ganzen

Vieles war also neu bei der Berlinale 1980. Das Festival wurde 30, das Forum wurde 10, und obwohl die Kooperation zwischen den beiden Hauptsektionen der Berlinale ein Work in Progress blieb, so zeigten die Grundsatzkonflikte der zurückliegenden Jahre doch deutliche Früchte. Das Kuratorium hatte die beiden Sektionen als gleichberechtigte Partner anerkannt. Zunehmend wurde das Spannungsverhältnis zwischen Forum und Wettbewerb als Qualitätsmerkmal der Berlinale anerkannt. Für Filmemacher und Produzenten sei es ein „Positivum“, dass die Berlinale „zwei nach Aufführungssituation und Erwartungshaltung des Publikums ganz unterschiedliche Präsentationsmöglichkeiten“ bereithalte, schrieb Ulrich Gregor in seinem Abschlussbericht.

In zehn, statt bislang acht Tagen zeigte das Forum 94 Filme, ein selten umfangreiches Programm, in dem Schwerpunkte auf Dokumentarfilmen, US-amerikanischen Independents, einer Reihe mit brasilianischen Filmen und einem Experimentalfilm-Programm lagen. Als herausragend im Forum dieses Jahres galt zudem Amor de Perdição des Portugiesen Manuel de Oliveira, dessen beeindruckendes Oeuvre der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit damit erstmals erschlossen wurde.

Preisverleihung: Ingrid Thulin, Werner Schroeter, Moritz de Hadeln

„Deutschland – so unbelebbar wie der Mond, ein Alptraum“...

... schrieb Wolfram Schütte über Werner Schroeters Palermo oder Wolfsburg und traf damit das Unbehagen, das sich in vielen deutschen Beiträgen äußerte. Schroeters Film galt als einer der besten des Wettbewerbs, der ansonsten ein durchaus geteiltes Echo hervorrief. Filme von Andrzej Wajda, Marco Ferreri, Zeki Ökten, Helma Sanders-Brahms, István Szabó, Konrad Wolf und Bertrand Tavernier weckten hohe Erwartungen, konnten dann jedoch nicht alle gleichermaßen überzeugen.

Aufmerken ließen amüsante und auch kritische Töne in den osteuropäischen Filmen: Wajdas Dyrygent, Wolfs Solo Sunny und Wladimir Menschows Moskwa slesam ne werit | Moskau glaubt den Tränen nicht gehörten zu den am meisten diskutierten Filmen dieses Jahres und der Silberne Bär für Renate Krößner in Solo Sunny wurde vom Publikum heftig applaudiert – die Berliner Schnauze verbindet.

Im Kinderfilmfest dieses Jahres war der herausragende Film der schwedische Jag Är Maria | Ich bin Maria von Karsten Wedel. In einem nachbereitenden Kommentar der Landesbildstelle hieß es, der Film lasse „andere Kinderfilme des Programms eigenartig kindisch und lächerlich erscheinen - das heißt: Probleme, die dort übergangen, zugedeckt oder durch Gags weggewischt werden, bleiben hier real.“ Das Kinderfilmfest bearbeitet sein Genre.