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Forum 68. Berlinale

Forum

26.01.2018:
Forum 2018: Special Screenings

Mit einer Reihe von Special Screenings, die einer alternativen Filmgeschichtsschreibung verpflichtet sind, komplettiert das Forum sein Programm.

Seit seiner Gründung 1971 hat das Forum sein Augenmerk stets auch auf historische Filme gelegt. Dabei rüttelt es an einem filmischen Kanon, der sein Hauptinteresse auf in Westeuropa und Nordamerika entstandene Spielfilme richtet. In Opposition dazu widmet sich das diesjährige Programm dem Kino afrikanischer Länder, dem Dokumentar- und Experimentalfilm, dem Anti-Kino-Film und dem anrüchigen B-Movie und „Schmuddelkino“.

Abubakar Tafawa Balewa, Schriftsteller und späterer Ministerpräsident von Nigeria, schuf mit seiner biografischen Erzählung „Shaihu Umar“ einen Bestseller. 1976 verfilmte Adamu Halilu den im späten 19. Jahrhundert spielenden Stoff um einen islamischen Gelehrten, der seinen durch die Sklaverei geprägten Lebensweg erzählt. Lange Zeit verschollen geglaubt, wurden 2016 die Rollen mehrerer Kopien im Archiv der Nigerian Film Corporation wiederentdeckt und vom Arsenal – Institut für Film und Videokunst mit Unterstützung des Auswärtigen Amts restauriert. Die in neuer Pracht erstrahlende digitale Fassung von Shaihu Umar wird im Forum erstmals aufgeführt.

1971 liefen die Geschichten vom Kübelkind im ersten Internationalen Forum des Jungen Films. Nun wurde die Serie um das von Kristine de Loup dargestellte, stets im roten Kleid auftretende rebellische „Kübelkind“ und sein anarchistisches Ringen mit der Gesellschaft digital restauriert. Ula Stöckl und Edgar Reitz drehten Geschichten vom Kübelkind 1969 ausschließlich mit Freund*innen. Mit der 25 Folgen umspannenden Serie von 16mm-Kurzfilmen unterschiedlicher Länge positionierten sie sich außerhalb des Systems Kino. In einem Münchner Kneipenkino konnten die Gäste einzelne Folgen anhand einer Menükarte bestellen. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilm Der Film verlässt das Kino: Vom Kübelkind-Experiment und anderen Utopien von Robert Fischer kommt eine Auswahl der Filme nun zur Wiederaufführung. Zum Forum wird es im silent green Kulturquartier im Wedding am 19. Februar auch ein der damaligen Aufführungspraxis nachempfundenes „Kneipenkino“ in Anwesenheit von Stöckl und Reitz geben.

Zur der Arbeit, die Arsenal und Forum mit ihrem über fünf Jahrzehnte gewachsenen Filmarchiv betreiben, gehört auch der internationale Austausch, zu dem es im Rahmen des Symposiums „Think Film No. 6 - Archival Constellations“ von Forum Expanded am 22. Februar ein öffentliches Panel geben wird. Unter den Teilnehmer*innen ist Viviana García Besné als Vertreterin des mexikanischen Permanencia Voluntaria Filmarchivs, das bei dem schweren Erdbeben im September 2017 stark beschädigt wurde. Zu den Schätzen des Archivs gehören viele der populären Filme um den Luchador Rodolfo Guzmán Huerta alias El Santo. Der Wrestling-Superstar und Schauspieler trat stets in seiner ikonischen silbernen Maske auf. Als „El Enmascarado“ ist er in seinem ersten Film Santo contra Cerebro del mal (Santo vs. Evil Brain) zu sehen, 1961 in Kuba von Joselito Rodríguez inszeniert. In Zusammenarbeit mit dem Academy Film Archive entstand nun eine restaurierte Fassung, mit der ein wichtiges Stück mexikanischer Populärkultur seinen Weg zurück ins Kino findet.

11 x 14 von James Benning

11 x 14, der erste Langfilm von James Benning, ist Filmtheorie in Bildern. Er besteht aus Einstellungen, die jede für sich etwas erzählen und den Film durch wiederkehrende Elemente zusammenhalten. Erzählt wird die Form. 1977 lief 11 x 14 im Forum. Nun wurde er vom Österreichischen Filmmuseum in Zusammenarbeit mit dem Arsenal restauriert und kehrt dorthin als 35mm-Kopie zurück. So kann ein Film als kleinste Einheit die Geschichte eines Festivals erzählen.

Die japanischen Regisseure Mitsuo Sato und Kyoichi Yamaoka porträtierten 1985 mit ihrem außerhalb Japans kaum bekannten Dokumentarfilm Yama–Attack to Attack das Tokioter Viertel Sanya, wo Tagelöhner unter elenden Bedingungen lebten und vor den Augen der Polizei und der japanischen Elite von Yakuza-Gangs ausgebeutet wurden. Für ihre Dokumentation der Auswüchse eines Kapitalismus mit faschistischen Zügen zahlten beide Regisseure mit dem Leben, ermordet von Yakuza-Schergen. Im Rahmen des Forums kommt dieser unterschätzte Meilenstein des politischen Dokumentarfilms in einer 16mm-Kopie mit englischen Untertiteln zur Aufführung.

Mohamed Zinets 1971 gedrehter Film Tahia ya Didou, der im Auftrag der Stadt Algier entstanden ist, verbindet Dokumentar- und Spielfilmelemente zu einem poetischen, bissigen, leidenschaftlichen Porträt der Heimatstadt des Regisseurs. Vom Auftraggeber ad acta gelegt, entwickelte er sich bei Aufführungen in der Cinémathèque d'Alger zum Kultfilm. Digital restauriert wird das fantasievolle Werk nun im Forum wiederaufgeführt.

Kad budem mrtav i beo (When I Am Dead and Pale) von Živojin Pavlović gilt als Schlüsselwerk der jugoslawischen „Schwarzen Welle“. Der 1967 gedreht Filme erzählt vom draufgängerischen Jimmy, der als Sänger ganz nach oben will, Talent hin oder her. Der punkige Film voller Musik, der zugleich die quirligen, damals noch entstehenden Randbezirke Belgrads erkundet, wurde von der Jugoslovenska Kinoteka digital restauriert und gelangt in dieser Fassung im Forum erstmalig zur Aufführung.

Zu den eigentümlichsten Phänomenen des internationalen Kinos gehören wohl die japanischen „pinku eiga“. Konzipiert, um ein männliches Publikum mit erotischen Inhalten zu locken, zog das Genre zugleich auch zahlreiche junge Regisseure an, die es zu ihren Gunsten umdefinierten und einige der radikalsten avantgardistischen Werke des japanischen Kinos schufen. Nicht wenige der heutigen bekannten japanischen Filmemacher haben ihre ersten Erfahrungen im „pink film“ gesammelt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass eine der treibenden Kräfte hinter dem „pinku eiga“-Genre, versteckt hinter dem männlichen Pseudonym Daisuke Asakura, eine Frau ist. Drei der originellsten Filme der Produzentin zeigt das Forum mit seinem „Pink Tribute to Keiko Sato“. Atsushi Yamatoya schrieb das Buch zu seinem 1967 gedrehten Film mit dem absurden Titel Inflatable Sex Doll of the Wastelands parallel zu Seijun Suzukis Klassiker Branded to Kill, dessen Zwilling das Werk zweifellos darstellt. Für Masao Adachi war Gushing Prayer 1971 der letzte Versuch, seine Gesellschaftskritik in eine sexuelle Provokation zu fassen, ehe er sich für den politischen Aktivismus entschied. Der jüngste Film der Reihe schließlich ist das Debüt von Masayuki Suo, der später mit Shall We Dance einen der größten Hits der japanischen Filmgeschichte landete. Abnormal Family von 1984 ist seine Verbeugung vor Yasujiro Ozu, dem bei aller stilistischen Nähe so viel sexuelle Freizügigkeit wohl kaum behagt hätte.

Eröffnet wird das diesjährige Forum-Programm mit einem Konzert arabischer Avantgarde-Musiker*innen, die sieben Kurzfilme von Georges Méliès aus den Jahren 1899 bis 1907 jeweils solo interpretieren. Unterstützt vom Arab Fund for Arts and Culture (AFAC) geben Sharif Sehnaoui (Elektrische Gitarre), Khyam Allami (Synthesizer, Oud, Schlagzeug), Magda Mayas (Flügel), Tony Elieh (Elektrischer Bass, Elektronik) und Abed Kobeissy (Buzuk, Elektronik) ihr „Georges Méliès „Solitudes“ Cine-concert“ am 16. Februar im Delphi Filmpalast.

Eröffnungskonzert:

„Georges Méliès „Solitudes“ Cine-concert“ mit Sharif Sehnaoui, Khyam Allami, Magda Mayas, Tony Elieh und Abed Kobeissy

Die 2018 Forum Special Screenings:

11 x 14 von James Benning, USA 1976
Der Film verlässt das Kino: Vom Kübelkind-Experiment und anderen Utopien von Robert Fischer, Deutschland – WP
Geschichten vom Kübelkind von Ula Stöckl, Edgar Reitz, Deutschland 1970
Kad budem mrtav i beo (When I Am Dead and Pale) von Živojin Pavlović, Jugoslawien 1967
Santo contra Cerebro del mal (Santo vs. Evil Brain) von Joselito Rodríguez, Mexiko 1961
Shaiu Umar von Adamu Halilu, Nigeria 1976
Tahia ya Didou von Mohamed Zinet, Algerien 1971
Yama–Attack to Attack von Mitsuo Sato, Kyoichi Yamaoka, Japan 1985

„A Pink Tribute to Keiko Sato“:

Inflatable Sex Doll of the Wastelands von Atsushi Yamatoya, Japan 1967
Gushing Prayer von Masao Adachi, Japan 1971
Abnormal Family von Masayuki Suo, Japan 1984



Presseabteilung
26. Januar 2018

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