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Pressemitteilungen 67. Berlinale

Forum

24.01.2017:
Forum 2017: Special Screenings

Mit einer Reihe von Special Screenings, die filmische Ausgrabungen unternehmen und sich der Auseinandersetzung mit Filmgeschichte widmen, komplettiert das Forum sein Programm.

Ahmed Bouanani bei den Dreharbeiten zu Tarfaya

Der marokkanische Regisseur Ahmed Bouanani (1938-2011) musste seine Vision gegen zahllose Widerstände durchsetzen. Er selbst konnte nur einen Spielfilm realisieren, doch als Pionier der Arbeit mit Archivmaterial, als Vorkämpfer einer eigenständigen Filmästhetik, als Literat und Verfasser einer bis heute unveröffentlichten Geschichte des marokkanischen Kinos ebnete er der ersten Generation künstlerisch ambitionierter Filmemacher*innen seines Landes den Weg.

Ali Essafi, Stipendiat im Berliner Künstlerprogramm des DAAD 2016, hat seinem Landsmann in Obour al bab assabea (Crossing the Seventh Gate) ein Denkmal gesetzt. In langen Gesprächen, die in den letzten Lebensjahren des zurückgezogen in den Bergen lebenden Künstlers aufgenommen wurden, legt der Film ein maßgebliches Kapitel maghrebinischer Filmgeschichte offen und stützt sich dabei auf das erstaunliche Archiv, das Bouanani hinterlassen hat.

Mit Unterstützung von Ali Essafi hat das Forum das Programm „Autour de Bouanani – Another Moroccan Cinema“ zusammengestellt. Es umfasst kurze Dokumentarfilme, mit denen Ahmed Bouanani, Mohamed Afifi und andere, die für das Centre Cinématographique Marocain (CCM) in den 1960er Jahren Wochenschaubeiträge erstellten, das Genre für ihre eigenen künstlerischen Vorstellungen subversiv unterliefen, aber auch kurze Spielfilme aus den 1970er Jahren, als das CCM begann, für das neugegründete staatliche Fernsehen zu produzieren.

Mit Mohamed Sekkat und Mohamed Abderrahman Tazi, mit denen er an der Pariser Filmhochschule IDHEC studiert hatte, gründete Bouanani das Kollektiv „Sigma 3“, das 1970 den Spielfilm Wechma (Traces) von Hamid Benani produzierte, der als erster Arthouse-Film Marokkos gilt (gezeigt im ersten Internationalen Forum des Jungen Films 1971). Bouananis künstlerischer Einfluss auf den Film ist maßgeblich, wie auch im Fall von Alyam, Alyam (Oh the Days!), in dem Ahmed El Maanouni 1978 das Porträt einer Gesellschaft zeichnete, der die Jugend den Rücken kehrt.

1980 entstand schließlich Bouananis einziger langer Spielfilm als Regisseur. Al-Sarab (The Mirage) spielt in der französischen Kolonialzeit und erzählt von einem in Armut lebenden Bauern, der in einem Sack Mehl Bündel von Geldscheinen findet. Doch der unverhoffte Reichtum entpuppt sich als Fluch, nicht als Segen. Die Narration des einflussreichen Films gehorcht keiner Konvention, sondern folgt der Grammatik von Träumen.

Der 2013 verstorbene Hauptdarsteller Mohamed Habachi ist auch in Hallaq Darb al-Fuqara’ (The Barber of the Poor District) von 1982 zu sehen, dem einzigen Spielfilm von Bouananis Weggefährten Mohamed Reggab, einem Klassiker des maghrebinisch-neorealistischen Kinos, der frühzeitig die heuchlerische Allianz von kapitalistischen Interessen und Religion anprangerte.

Fast alle Filme sind in untertitelten 35-mm-Archivkopien zu sehen, die das Centre Cinématographique Marocain zur Verfügung stellt. Nur von Alyam, Alyam zeigt das Forum die von der Cineteca di Bologna in Zusammenarbeit mit dem World Cinema Project der Film Foundation digital restaurierte Fassung. Touda Bouanani, die Tochter des Filmemachers, wird als Gast erwartet

Reich an filmischen Schätzen, die im Ausland kaum gezeigt wurden, aber auch im eigenen Land in Vergessenheit geraten sind, ist auch die Republik Korea. Das Forum zeigt in diesem Jahr zwei durch das Korean Film Archive (KOFA) digital restaurierte Klassiker, die beide in Momenten politischer Umbrüche entstanden.

Obaltan (Aimless Bullet) war 1960 der siebte Film von Yu Hyun-mok und gilt als dessen Meisterwerk. In einem Viertel von Seoul, in dem sich meist Flüchtlinge aus dem Norden des geteilten Landes niedergelassen haben, lebt der Büroangestellte Cheol-ho mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen. Von Zahnschmerzen geplagt wandelt er mutlos durch den Film; die Initiative ergreifen andere – mit tragischem Ausgang. Entstanden nach dem Sturz des Diktators Rhee Syng-man und vor dem Putsch durch General Park Chung-hee, zeichnet der Film das Bild einer Gesellschaft, der es allen Anstrengungen zum Trotz nicht gelingt, sich aus den Klauen der Armut zu befreien.
Zwei Jahrzehnte später, am Ende der Diktatur Park Chung-hees, drehte Lee Doo-yong das Kriminalfilm-Epos Choehuui jeung-in (The Last Witness), in dem ein draufgängerischer Polizeidetektiv bei Recherchen zu einem mysteriösen Mordfall auf Machenschaften aus der Zeit des Koreakrieges stößt. Es ist eine starrköpfige Odyssee durch das provinzielle Südkorea, durch Regen und Kälte, Schmutz und Schlamm und bittere Armut; durch das kollektive schlechte Gewissen einer Gesellschaft. Die Zensur kürzte Lees gewagtesten Film um fast eine Stunde. Erst die Restaurierung gab dem Klassiker seine volle Laufzeit von 155 Minuten zurück.

Fernando Birris ORG ist ein monströser, seit seiner Uraufführung 1979 äußerst selten gezeigter, knapp dreistündiger Film. Für den heute 91-jährigen Birri war die lose Adaption von Thomas Manns „Die vertauschten Köpfe“ das Ergebnis seiner italienischen Exilerfahrung. Vor allem aber ist der Film ein Wahrnehmungsexperiment mit über 26.000 Schnitten und knapp 700 Tonspuren. Das Mammutwerk wurde zum Teil vom Hauptdarsteller Mario Girotti finanziert, bekannter unter seinem Künstlernamen Terence Hill. Der Regisseur überließ dem Arsenal 1991 eine 35-mm-Kopie, die im Rahmen des Projekts „Living Archive“ digitalisiert wurde.

Wie wild, unberechenbar, sinnlich, verwegen und prall sogar das deutsche Kino sein kann, zeigte der Filmessay Verfluchte Liebe deutscher Film. Nun setzen Dominik Graf und Johannes F. Sievert die archäologische Abenteuerfahrt an die Ränder, in die Abgründe aber auch ins Zentrum der deutschen Film- und Fernsehproduktion fort und werfen berechtige Fragen auf: Warum entwickelt das Kino keinen Wagemut im Genre? Warum treten junge Regisseure nicht in die Fußstapfen des widerborstigen Klaus Lemke, der seine Filme einfach aus der Hüfte schießt? Offene Wunde Deutscher Film macht Lust auf mehr.

Forum Special Screenings 2017

Choehuui jeung-in (The Last Witness) von Lee Doo-yong, Republik Korea 1980

Obaltan (Aimless Bullet) von Yu Hyun-mok, Republik Korea 1961

Offene Wunde deutscher Film von Dominik Graf, Johannes F. Sievert, Deutschland – WP

ORG von Fernando Birri, Italien 1979

Autour de Bouanani – Another Moroccan Cinema

Al-Sarab (The Mirage) von Ahmed Bouanani, Marokko 1980

Alyam, Alyam (Oh the Days!) von Ahmed El Maanouni, Marokko 1978

Hallaq Darb al-Fuqara’ (The Barber of the Poor District) von Mohamed Reggab, Marokko 1982

Obour al bab assabea (Crossing the Seventh Gate) von Ali Essafi, Marokko 2017 – WP

Wechma (Traces) von Hamid Benani, Marokko 1970

Kurzfilmprogramm I
Men Lahm wa Salb (De chair et d’acier) von Mohamed Afifi, Marokko 1959
Tarfaya Aw Masseerat Sha‘er (Tarfaya ou La marche d’un poète) von Ahmed Bouanani, Marokko 1966
Al-‘Awdah li Agadir (Retour à Agadir) von Mohamed Afifi, Marokko 1967
Sitta wa Thaniat ‘Ashar (Six et douze) von Ahmed Bouanani, Abdelmajid R’chich, Mohamed Abderrahman Tazi, Marokko 1968

Kurzfilmprogramm II
Thakirah Arba’at ‘Ashar (Mémoire 14) von Ahmed Bouanani, Marokko 1971
Al-Boraq (Shining) von Abdelmajid R’chich, Marokko 1972
Al-Manabe’ al-Arba‘a (Les quatre sources) von Ahmed Bouanani, Marokko 1977



Presseabteilung
24. Januar 2017

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