Forum 2021: Im Zickzacklauf

Das Forum präsentiert in diesem besonderen Jahr 17 Arbeiten, in denen geschichtliches Erbe neu betrachtet wird, verblüffende Wege eingeschlagen und Unvorhersehbarkeiten produktiv werden. Über die Filme in der diesjährigen Auswahl und die Aufgabe, einen Raum für das Kino zu schaffen, spricht Sektionsleiterin Cristina Nord im Interview.

À pas aveugles

Seit gut einem Jahr steht die Welt unter dem Einfluss der COVID-19 Pandemie. Welche Auswirkungen hatte sie konkret auf eure diesjährige Filmauswahl?

Wir hatten nicht den Eindruck, dass weniger Filme gemacht würden, die für das Forum infrage kommen könnten. Was wir gemerkt haben, ist die Verkleinerung des Programms. Das war eine Herausforderung, mit 17 statt mit 35 Filmen auszukommen. Es tat uns um jeden Film sehr leid, den wir nicht im Programm haben konnten, obwohl wir ihn gerne haben wollten.

Und wie sah das bezogen auf die Einreichungen aus? Waren diese bereits spür- und sichtbar von der Pandemie beeinflusst, inhaltlich oder stilistisch?

Im Forum arbeiten wir oft mit Filmemacher*innen zusammen, die ohnehin keine großen, aufwendigen Produktionen in die Wege leiten. Die Zahl der Filmeinreichungen war nicht niedriger als in normalen Jahren. Es gab recht viele Lockdown-Filme, solche, die in der Wohnung des Filmemachers oder der Filmemacherin entstanden sind, und auch solche, die sich direkt mit der Pandemie beschäftigen. Wir zeigen mit A River Runs, Turns, Erases, Replaces von Shengze Zhu einen schönen Film aus Wuhan, der den verheerenden Folgen der Pandemie auf eine anrührende Art Rechnung trägt und dabei weder kitschig noch pathetisch ist. Ein künstlerisch reifer Film, der sich mit etwas sehr Aktuellem auseinandersetzt.

A River Runs, Turns, Erases, Replaces

Wie schätzt du die Rolle von Filmfestivals in der aktuellen Lage ein, welche Verantwortung tragen sie?

Es geht darum, ein Umfeld zu stiften, in dem Filmkultur und die künstlerischen Ausdrucksformen von Kino wachsen und gedeihen. Dabei spielen Filmfestivals eine große Rolle – wegen der Pandemie können sie aber im Augenblick nicht physisch stattfinden. Was kann man tun? Versuchen, das Beste draus zu machen. Der Transfer der Auswahl in ein digitales Format für ein Fachpublikum ist, glaube ich, eine Möglichkeit, und man sollte nicht vergessen, dass so unter Umständen Fachbesucher*innen Zugang haben, die sich sonst die Reise nach Berlin nicht leisten konnten.

Offen bleibt dabei die Frage nach dem Kinoraum, nach dem Kino als einem sozialen Ort, wo man die Filme in dem Format sehen kann, für das sie konzipiert worden sind. In der gegebenen Situation ist es aber nicht möglich, Kinos zu öffnen. Es geht also darum zu schauen, dass man in dem Augenblick, wo es wieder möglich ist, ins Kino zu gehen, ein besonders attraktives Programm gestaltet. Das sehe ich als eine Aufgabe der Berlinale, im Juni genau dafür zu sorgen. Für das Forum heißt das: einen diskursiven Rahmen zu schaffen und dadurch die Filmrezeption zu vertiefen.

In der diesjährigen Auswahl finden sich auffällig viele Debütfilme. War das eine vorab getroffene, bewusste Entscheidung oder hat sich dieser Schwerpunkt über die Einreichungen ergeben?

Die Filmauswahl war von Unvorhersehbarkeiten geprägt. Deswegen konnte es so etwas wie einen Masterplan, der im August gefasst worden wäre, nicht geben. Die Rahmenbedingungen haben sich fortwährend geändert, weswegen wir uns umso mehr von den Filmen haben leiten lassen. Das ist typisch für jeden Auswahlprozess: man hat zwar Ideen, aber dann sieht man Filme, die diese Ideen wieder in eine andere Richtung lenken. Durch die quantitative Eingrenzung des Programms kam schließlich der Fokus auf jüngere Filmemacher*innen zustande. Ab einem gewissen Punkt standen wir vor der Frage, ob wir eher die Arrivierten einladen und damit Arbeiten zeigen möchten, die möglicherweise in ähnlicher Art schon mal im Forum liefen. Oder ob wir uns an Jüngeres und Neueres wagen, das vielleicht noch nicht hundertprozentig rund ist, aber einen gewissen Aufbruch verkörpert. Natürlich haben wir uns keiner starren Regel unterworfen. Wir haben auch jemanden wie Avi Mograbi und Anocha Suwichakornpong im Programm, das sind ja keine Newcomer*innen.

Qué será del verano

Steht die Unvorhersehbarkeit – ein hervorstechendes Charakteristikum der Arbeiten in der Auswahl – in einem Zusammenhang mit den Debütfilmen?

Ich finde, das ist schwer einzuschätzen, weil wir viele Filme von jungen Filmemacher*innen gesehen haben, die auf ausgetretenen Pfaden unterwegs sind. Wir haben uns für diejenigen entschieden, die andere Wege beschritten haben, die sich viel trauen.

Wenn ich zum Beispiel an Qué será del verano (What Will Summer Bring) von Ignacio Ceroi denke, einen der beiden argentinischen Filme dieses Jahr, dann ist das ein Film wie ein Zickzacklauf. Es ist frappierend, wo er überall hinkommt. Am Anfang würde man niemals vermuten, irgendwann in einem militärisch umkämpften Gebiet in Kamerun zu landen. Wie beweglich dieser Film ist, hat uns bezirzt.

Esquí

Welche weiteren Filme lassen denn dieses Produktivwerden von Unvorhersehbarkeiten erkennen?

Der zweite argentinische Film – ich habe ihn jetzt mehrmals gesehen – verblüfft mich immer wieder. Er heißt Esquí (Ski) und ist von einem Berlinale Talents-Alumnus, Manque La Banca. Er kommt aus einer Stadt namens Bariloche in den argentinischen Anden, einem Skigebiet. Der Film entstand in Kooperation mit Menschen, die in einem Viertel am Rand der Stadt wohnen und die in der Tourismus-Dienstleistungsindustrie arbeiten, also zum Beispiel am Skilift. Diese Menschen sind alles andere als begünstigt und leben nicht unbedingt in der Mitte der Gesellschaft – und Manque La Banca macht den Film gemeinsam mit diesen Leuten. Er knüpft dabei an Experimente in geteilter Autor*innenschaft an, im Gegensatz zu einem extraktivistischen Modell des Filmemachens, wo man als Filmemacher*in irgendwohin geht, sich das Material besorgt und dann wieder verschwindet. Zugleich fließen in diesen Film Legenden ein, ein Monster aus den Erzählungen der Mapuche taucht auf. Schließlich hat Esquí eine hippe Anmutung, während er zugleich ein politisches Bewusstsein entwickelt, in einer Art Vermählung von Formwille und wokem Bewusstsein.

Jai jumlong (Come Here) von Anocha Suwichakornpong aus Thailand ist ein weiteres Beispiel. Der Film funktioniert nicht so, dass man sagen könnte, man versteht ihn oder man begreift sofort, worum es hier geht. Man rätselt, glaube ich, ziemlich lang – und das ist sehr schön.

Julian Rozzell Jr. in The Inheritance

Das Forum ist auch immer ein Ort der Archive. Es wird im geschichtlichen Fundus gegraben, es finden Revisionen und Umdeutungen statt – gibt es auch dieses Jahr Filme, die dir in diesem Zusammenhang dezidiert einfallen?

Auf jeden Fall. Wichtig zu erwähnen ist Juste un mouvement (Just a Movement) von Vincent Meessen. Der Film kreist um den senegalesischen Studenten Omar Blondin Diop, der Ende der 1960er Jahre in Paris war, in Nanterre studiert hat und in Godards La Chinoise mitspielt, und zwar als derjenige, der den jungen Hauptfiguren Mao und Marx beibringt. Juste un mouvement heftet sich quasi an die Fersen von Omar Blondin Diop, der irgendwann zurück nach Dakar geht, dort inhaftiert wird und auf der Gefängnisinsel Gorée unter ungeklärten Umständen stirbt, wobei ein gewaltsamer Tod anzunehmen ist. Diese Geschichte wird verknüpft mit dem Material von Godard, in dem neben vielem anderen zu sehen ist, wie blind sich junge, radikale Europäer*innen in den späten 1960er Jahren für China, für Mao und für die Kulturrevolution begeistern. Das wird in Bezug dazu gesetzt, wie chinesische Softpower heute in Senegal wirkt.

Ein anderer Film beschäftigt sich auch mit Schwarzer Kultur und Schwarzen Erfahrungswelten: The Inheritance von Ephraim Asili. Der bezieht sich auf die afroamerikanische MOVE-Kommune, die in den 1970er und -80er Jahren in Philadelphia existierte, bis ihr Haus 1985 von der Pennsylvania State Police bombardiert wurde. Bei dem dabei entstehenden Feuer starben elf Menschen, ein ganzer Straßenzug wurde zerstört. An diese Kommune erinnert der Film und versucht dabei zugleich, zentrale Augenblicke afroamerikanischer Kultur-, Pop- und Theoriegeschichte aufleben zu lassen.

Schließlich möchte ich den Film von Christophe Cognet nennen, À pas aveugles (From Where They Stood). Cognet hat sich mit Fotografien, die Häftlinge in Konzentrations- und Vernichtungslagern gemacht haben, auseinandergesetzt. Es gibt von diesen Bildern nicht viele, denn es war mit einem riesigen Risiko verbunden, solche Aufnahmen zu machen, mal ganz davon abgesehen, dass zunächst eine Kamera aufgetrieben werden musste. Cognet ist mit Glasplattenabzügen dieser Bilder zu den ehemaligen Lagern gefahren und hat eine Art von Abgleich der Bilder mit dem heutigen Zustand dieser Orte unternommen. Zugleich hat er eine Recherche zu den Bildern angestoßen: Wer hat sie gemacht, wie sind sie entstanden, wer ist abgelichtet, was ist mit den Leuten geschehen? Schließlich untersucht er, wie man Bilder lesen kann, was man in ihnen sehen kann und was nicht. Ein wichtiger Film, nicht zuletzt, weil er das widerständige Potenzial von Bildern auslotet.

No táxi do Jack (Jack’s Ride)

Auffällig ist zudem das Nebeneinanderstehen und teilweise Zusammenfallen von konzeptueller Strenge und einer fast spielerischen Offenheit, unter anderem kommt Anmaßung in den Sinn...

Anmaßung ist ein harter Film, und dennoch ist die Art und Weise, wie die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe damit umgehen, dass sie das Gesicht des Mörders Stefan S. nicht zeigen können, erfinderisch und experimentierfreudig. Das thematisieren sie; wenn man so will, lassen sie den Film über die eigene Entstehung nachdenken.
Auch in einem Film wie No táxi do Jack (Jack’s Ride) von Susana Nobre ist etwas Spielerisches spürbar. Der Protagonist hat etwas, was man zunächst vielleicht nicht erwartet: Style und Weltläufigkeit. Er hat lange in New York gelebt und dort als Taxifahrer gearbeitet, nun ist er zurück in Portugal, und es fehlt nicht mehr viel bis zur Rente. In einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm spielt er eine Variante seiner selbst. Es wird so oft eine Dichotomie zwischen den so genannten kleinen Leuten und einer kosmopolitischen Elite behauptet – mit Jack wird sie durchkreuzt.

In den Mittelpunkt rücken sich auch so manche Filmemacher*innen selbst, ein Kniff, nicht nur bei Anmaßung. Was lässt sich daran zum Beispiel in The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation ablesen?

Bei Anmaßung ist es eine Strategie der Selbstreflexion. Avi Mograbi dagegen ist häufig in seinen Filmen präsent. In vorangegangenen Filmen legte er oft eine heitere Ironie an den Tag, in The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation ist es eher eine bittere Ironie. Das hat mit seinem Gegenstand zu tun: mit der verfahrenen Lage in den palästinensischen Gebieten.

Taming the Garden

Spannend sind ja auch immer bestimmte Ballungen eines Motives. Für dieses Jahr scheint das unter anderem der Baum, der Wald, die überbordende Vegetation zu sein – welche Filme fallen dir dabei ein?

Das stimmt, der Wald zieht sich durch die Auswahl, vor allem der tropische Wald, wie in Jai jumlong oder die Wälder Kameruns in Qué será del verano.
In Salomé Jashis Taming the Garden spielen Bäume eine große Rolle. Zum einen sind diese Bäume sehr schön, sie haben fantastische Gestalten. Zum anderen spiegelt sich an ihnen, wie ungebremst Macht agiert, wie ungehindert derjenige handeln kann, der das nötige Kapital und den nötigen Einfluss hat.
In La veduta luminosa (The Luminous View) von Fabrizio Ferraro - auch ein Film, der sich sehr frei und mäandernd bewegt, - spielt etwa das letzte Drittel im Wald. Das Verirren im Wald steht für eine Form des Selbstverlustes. Die männliche Hauptfigur, ein Regisseur, ist in einem Stadium des Selbstverlustes, an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit – und damit hat der Wald etwas zu tun.

Natürlich ist es schwierig, so etwas Vielgestaltiges wie den Wald auf ein Motiv einzuengen, das ist je nach Film sehr unterschiedlich.

Um noch einmal den Bogen zu der Ausgangsfrage zu spannen: wie stellst du dir den Auswahlprozess im kommenden Herbst vor, wie die Filme?

Das lässt sich noch nicht wirklich abschätzen. Wird es weniger Einreichungen geben, weil weniger gedreht wurde? Schwer zu sagen. Film ist ein Medium, das mit der Zeit zu tun hat, in der es entsteht. Und die besondere Situation ist für sehr viele Leute ein Novum – jedenfalls in Westeuropa. An anderen Orten der Welt mag das anders sein, weil man eher daran gewöhnt ist, mit Unsicherheit umzugehen. Hier hingegen ist dieses Moment der Nichtplanbarkeit eine relativ neue Erfahrung. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich das in kommenden Produktionen niederschlägt.

Interessanterweise haben wir in diesem Sichtungsprozess kaum Filme gesehen, in denen die Leute Masken tragen. Vielleicht kommt das dann beim nächsten Auswahlprozess.

Große Achtung verdienen all jene, die es schaffen, einen Film zu machen und sich in dieser widerspenstigen Wirklichkeit zu behaupten.