Encounters 2021:
Auf filmischer Entdeckungsreise

Im ersten Jahr nach der Geburtsstunde zur 70. Berlinale trotzt Encounters der Pandemie mit einer eklektischen Auswahl von zwölf Filmen. Im Interview sprechen der Künstlerische Leiter Carlo Chatrian und der Leiter des Programms Mark Peranson über das Kino als Entdeckungsreise, Kinematografisch-Unbewusstes und das Finden einer Balance innerhalb der ausgewählten Arbeiten.

Mantagheye payani (District Terminal) von Bardia Yadegari und Ehsan Mirhosseini

Wie der Name Encounters (engl: Begegnungen) nahelegt, geht es in der Sektion um zwischenmenschlichen Austausch auf verschiedenen Ebenen. Die Pandemie hat die Kontaktmöglichkeiten massiv beeinträchtigt. Welche Auswirkungen hatte das auf Encounters und den Auswahlprozess?

Mark Peranson: Die Grundlage von Encounters ist eine Form der Verbindung zwischen Publikum, Film und der Sektion. Wir möchten Arbeiten auswählen, die im Erleben eine hoffentlich überraschende oder unerwartete Reaktion auslösen. Im erweiterten Sinne verweist die „Begegnung“ auf etwas, das zwischen der Leinwand und dem/der Rezipient*in geschieht.

Carlo Chatrian: Die Filme zeigen uns nicht nur ein Bild unserer Zeit, sie offenbaren die Strukturen, die allem zugrunde liegen. Sie reichen über die Gegenwart hinaus und werden hoffentlich auch in ein paar Jahren, vielleicht sogar einem Jahrzehnt, noch in uns nachhallen.

Ein Beispiel für eine Arbeit, in der es um menschliche Beziehungen geht, um die Räume, die sie einnehmen, um Menschen, die sich trennen und wieder zusammenfinden, ist Das Mädchen und die Spinne von Ramon und Silvan Zürcher. Ein anderes The Scary of Sixty-First von Dasha Nekrasova, der sich oberflächlich betrachtet des Giallo-Genres bedient, dann aber etwas Unerwartetes daraus entwickelt. Und auch Mantagheye payani (District Terminal) ist ein Beispiel. Der Film von Bardia Yadegari und Ehsan Mirhosseini spielt zwar in einem Science-Fiction-Szenarium in naher Zukunft während einer Pandemie im Iran, aber es geht nicht zentral um die Pandemie, sondern vielmehr darum, wie Menschen mit Regeln zurechtkommen und versuchen, sich ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Eve Duranceau, G.A. Roy und Maxim Gaudette in Hygiène sociale (Sozialhygiene) von Denis Côté

Seht ihr in Denis Côtés Film Hygiène sociale (Sozialhygiene) die Pandemie widergespiegelt, vielleicht auf inhaltlicher Ebene?

MP: In gewisser Weise kann Hygiène sociale als „Pandemieklassiker“ betrachtet werden. Er setzt sich zwar auf inhaltlicher Ebene nicht mit der Pandemie auseinander, aber auf der Ebene rein physischer Darstellung, der Positionierung von Körpern im Bild. Das ist es, was das Kino ausmacht. In Hygiène sociale gibt es viele Referenzen zur vertrauten Sprache des Filmkunstkinos, die lose etwa auf den Arbeiten von Straub-Huillet basieren. Hygiène sociale ist keine Parodie, sondern vielmehr Côtés Methode, eine bestimmte Art des Filmemachens zu nutzen und sie an einem Schauplatz zu verorten, der ein Echo der Pandemie ist. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen der Zuschauer*innen. Zudem ist der Film sehr komisch, und in Zeiten wie diesen braucht es ein wenig Humor.

CC: Jeder Film von Denis Côté führt mich an einen Ort, an dem die Landschaft größer ist als der Mensch und erzeugt so ein Gefühl von Einsamkeit. In Hygiène sociale ist das von umso größerer Bedeutung, weil die Dialoge im Vordergrund stehen. Die Fülle an Wörtern und ihr Sprachwitz erzeugen fast ein klaustrophobisches Gefühl.

Das andere immer wiederkehrende Element in Denis Côtés Filmen würde ich als Kluft bezeichnen. Ein kleiner Abstand zwischen der Realität und dem Film. Die theatralische Darstellung und die Art und Weise, wie die Figuren reden und die Kostüme eingesetzt werden, vergrößert diesen Abstand in Hygiène sociale. Die Frage der pandemiebedingten Abstandsregeln überträgt sich über die filmische Form und nimmt nicht nur auf physischer Ebene Gestalt an, sondern auch als moralischer, als sentimentaler Abstand – ein sich multiplizierender Abstand. So spiegelt das, was man im Bildausschnitt sieht, in gewisser Weise die Erzählung wider.

Sofia Kokkali in Moon, 66 Questions von Jacqueline Lentzou

Warum war es euch wichtig, mit Encounters eine weitere kompetitive Sektion ins Leben zu rufen?

MP: Manchmal brauchen Filme einen kleinen Anstoß, um aus den hunderten Filmen, die jedes Jahr bei der Berlinale oder anderen Festivals gezeigt werden, hervorzustechen. Und Auszeichnungen einer kompetitiven Sektion tragen eine ganze Menge zur Sichtbarkeit eines Films bei. Generell hatten wir den Eindruck, dass in der Auswahl der Berlinale etwas fehlte, eine gewisse Art Film, die auf einem bestimmten Produktionsniveau agiert und die man im Wettbewerb nicht zu sehen bekam. Wenn man also die beiden Sektionen miteinander vergleicht, sieht man, denke ich, Filme mit unterschiedlichen Größenordnungen in Sachen Produktion.

Interessant an der diesjährigen Encounters-Auswahl finde ich, dass die Hälfte der Filmemacher*innen früher schon einmal in anderen Sektionen der Berlinale vertreten war. Denis Côté zum Beispiel im Wettbewerb und im Forum, Julian Radlmaier, dieses Jahr mit Blutsauger bei Encounters, in der Perspektive Deutsches Kino, die Brüder Zürcher in der Auswahl des Forums. Oder auch zwei Schauspieler in Mantagheye payani, die schon in Sheytan vojud nadarad (Es gibt kein Böses) von Mohammad Rasoulof, der letztes Jahr den Goldenen Bären gewann, mitgespielt haben. Und Jacqueline Lentzou, die Regisseurin von Moon, 66 Questions, war schon bei Berlinale Shorts. Das betrifft also die halbe Sektion, was ich ziemlich spannend finde.

Nous (We) von Alice Diop

Zumindest euer gesamtes berufliches Leben lang setzt ihr euch schon mit Film und Filmkultur auseinander. Wie können euch Filme noch überraschen, wie sind neue Zugänge überhaupt noch möglich – und welche der diesjährigen Filme haben euch tatsächlich verblüfft?

CC: Wir betonen immer, dass Encounters-Filme nie gleich aussehen sollten. Wenn wir zwei Filme haben, die beide sehr gut sind, aber dieselbe Richtung einschlagen, auf die gleiche Weise funktionieren, ähnliche filmische Formen aufweisen, dann versuchen wir, einen anderen Ort für diese Arbeiten zu finden. Die Herangehensweise unterscheidet sich somit ein wenig von der im Wettbewerb.

Die Überraschung ergibt sich aus dem unerwarteten Element. In Vị (Taste) von Lê Bảo ist das die Art und Weise, wie an einem skurrilen Handlungsort mit einer seltsamen Geschichte geometrische Formen benutzt werden, wie dem Raum eine Form gegeben wird. Auch ein scheinbar klassischer Dokumentarfilm wie Nous (We) von Alice Diop versetzt uns in Erstaunen durch zwei Szenen zu Beginn und am Ende des Films, die mit ihrer Konzeption der Bedeutung des Kollektivs und der Gemeinschaft ein unvermutetes Wir-Gefühl erzeugen. Letzten Endes schätze ich, dass die Antwort auf diese Frage bei Mark, mir und den anderen sechs Mitgliedern des Auswahlkomitees unterschiedlich ausfallen wird, weil Film zum Glück aus einer Vielzahl von Bildern besteht, die in uns allen auf ihre jeweils ganz eigene Weise einen Nachhall erzeugen.

MP: Ich denke mit der Überraschung ist es so: Wenn man sich, wie wir, schon seit vielleicht 20 Jahren Filme ansieht, wird man tatsächlich nicht allzu oft überrascht. Aber es kommt vor. Und ich bin mir sicher, dass es dem Publikum ähnlich geht. Etwa bei Fern Silvas Rock Bottom Riser, einem experimentellen Essayfilm. Aber die Zuschauer*innen zu überraschen ist nicht alles – als Filmemacher*in langweilt man sich ja genauso, wenn man beständig dasselbe wiederholt. Als Festivalmacher*innen werden wir beim Sichten oft von Erstlingsfilmen überrascht – und wir hatten viele Debüts in diesem Jahr. Bei einem Erstlingsfilm weiß man nie, was einen erwartet. Manchmal steht einem eine unangenehme Überraschung bevor, aber ich betrachte es als Geschenk, einen Film ohne irgendeine Beschreibung der Handlung und ohne zu wissen, was auf einen zukommt, zu sehen. Es gibt also eine Komponente, die uns, was unsere Arbeitsweise angeht, jung hält.

Betsey Brown in The Scary of Sixty-First von Dasha Nekrasova

In Bezug auf die heterogene und vielschichtige Weise, in der die Auswahl zusammengestellt ist und in der verschiedenste Formen, Ansätze und Ästhetiken miteinander verbunden sind – habt ihr den Eindruck, dass man trotzdem so etwas wie einen roten Faden erkennen kann?

CC: Ich denke, es liegt ganz an den Zuschauer*innen, ihr eigenes Leitmotiv zu entdecken. Gerade bei Encounters glaube ich nicht, dass eine Vereinheitlichung notwendig ist. Im Gegenteil, unser Anliegen ist es, so offen und vielfältig wie möglich zu sein. Im übertragenen Sinne betrachte ich Encounters als eine Vielzahl von Entdecker*innen. Seefahrer*innen, die losgeschickt wurden, um einen bisher unbekannten Ort zu vermessen. Sie sollen nicht erobern, sondern mit einer Vision zurückkehren – selbst wenn sich diese in manchen Fällen in der Gestalt eines Mythos manifestiert.

MP: Interessant ist auch die bereits erwähnte Dichte an Debüts und Zweitfilmen und der daraus folgende relative Mangel an etablierten Filmemacher*innen – von Denis Côté mal abgesehen. In der letztjährigen Auswahl war es genau anders herum. Nicht, dass das unsere erklärte Absicht gewesen wäre – und ich würde auch nicht so weit gehen zu behaupten, diese Auswahl sei die Zukunft des Kinos – aber irgendwie passen die Stimmen der zumeist jungen Filmemacher*innen in diesem Jahr zu unserer Vorstellung von Encounters. Es wird spannend sein zu verfolgen, wie sich Encounters entwickelt. Und von Jahr zu Jahr die Ausgaben miteinander zu vergleichen - im Gegensatz zu einem Vergleich innerhalb einer Jahrgangsauswahl, weil das Ergebnis mit Sicherheit von Jahr zu Jahr variiert, wenn man die Programmauswahl primär aufgrund formeller und nicht inhaltlicher Gesichtspunkte trifft.

Jim Cummings und Virginia Newcomb in The Beta Test von Jim Cummings und P. J. McCabe

Gibt es in der diesjährigen Auswahl bestimmte Filme, die eine besondere Art von Dringlichkeit aufweisen, Filme, bei denen es wesentlich erscheint, dass sie genau zu diesem Zeitpunkt entstanden sind?

CC: Ich glaube tatsächlich, dass Kino - zumindest unbewusst - ein Spiegel dessen ist, was zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert. Ich glaube allerdings nicht, dass mich meine Position als jemand, der die Filmauswahl getroffen hat, dazu berechtigt, die Frage zu beantworten. Vielmehr sind es die Zuschauer*innen und Kritiker*innen, die sich mit einer gewissen Distanz zu den Arbeiten mit dieser Frage beschäftigen können. Oder die Antwort bleibt den Filmemacher*innen überlassen. Aber in Bezug auf eine Dringlichkeit im Allgemeinen denke ich, dass sie ein wesentliches Merkmal aller Filme in der Auswahl ist.

MP: Auf eine bestimmte Art steht The Beta Test von Jim Cummings und P. J. McCabe beispielhaft dafür, was den Leuten, die den Film gemacht haben, dringlich erscheint. Das hängt speziell mit dem Streik des Schriftsteller*innenverbands in den USA zusammen, und mit dem Verhältnis zwischen Agent*innen und Autor*innen. Filme über Agent*innen gibt es schon eine ganze Weile, Bücher über Agent*innen sind schon in den 1960ern geschrieben worden. Aber die Darstellung von Hollywood in The Beta Test ist meiner Ansicht nach ziemlich aktuell. Wenn der Film nächstes Jahr gedreht werden würde, wäre es ein historischer Film. Dieses Jahr ist er das nicht, weil das, was hier verhandelt wird, zu dem Zeitpunkt geschah, an dem der Film gedreht wurde. Formal ist er im Grunde ein Horrorfilm. Damit spiegelt The Beta Test stilistisch eine Situation, die die Filmemacher als ziemlich grauenhaft erlebt haben. Und es wird noch interessanter, weil sich diese Spiegelung eher unbewusst vollzieht.

Azor von Andreas Fontana

In der Auswahl gibt es zwei Filme, die im engeren Sinne als Dokumentarfilme bezeichnet werden können: Nous und Samaher Alqadis As I Want. Warum war es wichtig, dokumentarische Formen miteinzubeziehen, und warum genau diese zwei Werke?

CC: Bei Encounters ist nicht nur die Thematik von Bedeutung, sondern auch, wie diese ausgearbeitet wird. Die Form, in der ein bestimmtes Thema präsentiert wird, muss in maßgeblichem Zusammenhang zu seinem Inhalt stehen. In Nous etwa vermischt Alice Diop eine beobachtende Dokumentation mit einer „Personal Documentary“ und kombiniert diesen Ansatz mit der Verwendung von Archivmaterial. Auch in As I Want werden gesellschaftliche Ereignisse mit den persönlichen Erlebnissen der Filmemacherin verknüpft. Beide Filme können als Werke mit einer Ich-Perspektive und einer ausgeprägt weiblichen Sichtweise betrachtet werden. Das Profil der Sektion wird nicht nur dadurch, dass die Filme Dokumentationen sind, bereichert, sondern weil sie sich mit der Gesellschaft oder einer Gemeinschaft auf einzigartige Weise auseinandersetzen. Die Arbeiten meistern ihre Thematik weniger durch die Verwendung eines Genres als vielmehr durch die Bilder selbst, den Inhalt, wenn man so will, der die Rezipientin oder den Rezipienten mit dem verbindet, was gerade passiert. Insoweit unterscheiden sich diese beiden Arbeiten sehr stark von einem formalistischen Film wie Vị oder stark konstruierten Fiktionen wie The Beta Test, Moon, 66 Questions oder Azor von Andreas Fontana. Für Encounters ist es also essenziell, eine Balance innerhalb der Sektion zu finden. Jeder Film funktioniert für sich allein, aber zusammen funktionieren sie auch als Kollektiv. Wir hoffen, dass das Publikum sich von der Auswahl als Ganzes angezogen fühlt und sie auch als Ganzes wahrnimmt.