Fragmente der Freiheit - Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard in Hollywoods goldenem Zeitalter

Rosalind Russell (Mitte) in His Girl Friday von Howard Hawks

Die 1930er-Jahre gelten als Hollywoods goldenes Zeitalter. Die US-amerikanische Filmindustrie machte sich den Tonfilm rasch zu eigen und legte mithilfe ihrer konkurrenzlosen Wirtschaftskraft das Fundament für eine neue Kunstform. Während die 1920er-Jahren eine Zeit der visuellen Experimente waren, brachte die neue Dekade feststehende Erzählmodelle hervor, die auf wenigen einfachen Kriterien basierten. Im Mittelpunkt der Darstellung steht der moderne Mann - lässig und elegant -, der sich in jeder Lebenslage in seinem Element fühlt. Er ist Ziel und Zweck jeder Geschichte. Um ihn herum wird eine Reihe von Figuren arrangiert, die sich entweder von ihm abheben oder ihm ähneln, aber in beiden Fällen seine Präsenz verstärken. Der Star (männlich) ist der Dreh- und Angelpunkt, um den sich in Hollywood die Finanzierung und Inszenierung von Filmen dreht. Ihm werden die Filme auf den Leib geschrieben. Auch wenn die handelnden Figuren Paare sind und so das vorherrschende gesellschaftliche Modell reproduziert wird, behält der männliche Part stets die Oberhand. Hollywood bewirkte in den 1930er-Jahren – vielleicht auch als Reaktion auf die Ängste, die durch die Weltwirtschaftskrise ausgelöst wurden – eine massive Homogenisierung der gesellschaftlichen Rollen und der erzählten Geschichten.

Es gab nur wenige Ausnahmen von der Regel. Das Rollenangebot für Frauen war klein und eindeutig definiert: die Ikone der Schönheit und Verführung, die unschuldige oder gefallene Frau oder die Beute, die es zu erobern oder zu erretten galt. Immer spielte die Frau einen untergeordneten Part. Im besten Fall durfte sie Engel spielen: engelhafte Heimchen am Herd, Schutzengel, rettende Engel… Ihre Fähigkeiten sind zahlreich, aber der entscheidende Faktor bleibt gleich: Engel leuchten nicht aus sich selbst heraus.

Carole Lombard und John Barrymore in Twentieth Century von Howard Hawks

In diesem stark polarisierten und maskulinen System – auf die Rolle der Tycoons soll hier gar nicht erst eingegangen werden – muss ein Star (weiblich) über mehr Qualität, Talent und innere Stärke verfügen als ein Mann, um erfolgreich zu sein. Dass wir am Beispiel dreier solcher Stars von der Hollywoodkomödie erzählen wollen, ist Teil einer neuen Auseinandersetzung mit einer Epoche, die nicht nur eine Reihe klassischer Erzählregeln festgeschrieben hat. Sie hat auch die weltweite Imagination nachhaltiger geprägt, als man denken würde. Rosalind Russell und Carole Lombard sind nicht nur Schauspielerinnen, die in nach wie vor sehenswerten Meisterwerken zu prägenden Gestalten der 1930er-Jahre wurden. Sie markieren durch ihre Persönlichkeiten und Karrieren die beiden Extreme dessen, was an Frauenbildern im damaligen Kino möglich war.

Es wäre ein Leichtes, die brünette Rosalind und die blonde Carole einander diametral gegenüberzustellen: Tag gegen Nacht, Arbeit gegen Glamour, New York gegen Los Angeles. Doch bei allen tatsächlichen oder vermeintlichen Unterschieden in ihren Charakteren und Ambitionen verstanden sich beide darauf, von Film zu Film einen Figurentyp zu entwickeln und zu pflegen ohne auf diesen Typ festgelegt zu werden. Beide nutzten ihren Körper und ihre Sprache als Instrumente der Befreiung, aber auch als Ausdruck eines modernen Frauentypus, der auf eigenen Beinen steht und nicht auf die Rolle als Stichwortgeberin für den Filmpartner angewiesen ist. Es ist kein Zufall, dass sie die fantastischen Protagonistinnen zweier so einzigartiger Filme wie His Girl Friday (USA 1940) und Twentieth Century (USA 1940) sind. Die Welt des Journalismus, in His Girl Friday und die Welt der Kunst in Twentieth Century waren für Hollywood vertrautes Terrain, aber im Scheinwerferlicht stehen diesmal nicht der Sensationsreporter oder der geniale Regisseur, sondern die Frau, die neben ihm (His Girl Friday) oder vor ihm steht (Twentieth Century). Die zu Recht gefeierten Filme sind das Werk des genialen Howard Hawks, aber sie wären ohne ihre Hauptdarstellerinnen in dieser Form nicht möglich gewesen.

Rosalind Russell und Abner Biberman in His Girl Friday

Nicht alle Filme, die in der Retrospektive gezeigt werden, sind so „außergewöhnlich“, dass sie der Frau die Rolle des Deus ex Machina zuweisen. Umso interessanter ist es, zu sehen und mitzuverfolgen, wie Rosalind Russell und Carole Lombard ihre Rollen interpretieren und mit schauspielerischer Bravour, Präsenz und ihrem Charisma immer wieder neue Mittel und Wege finden, sich in einem Erzählsystem auszudrücken, das nicht für sie bestimmt war. Während Carole Lombard mit Vollgas und unvergleichlicher Energie die Überholspur nahm, war Rosalind Russells Entwicklungsweg weniger spektakulär und deshalb vielleicht sogar noch faszinierender. Lombard war eine harte Verhandlerin, wenn es um ihre Rollen ging, und suchte sich ihre Filmpartner selbst aus; Russell fand in den Nischen des Geschlechtersystems stets Möglichkeiten, sie selbst zu sein.

Beide wussten, wie man den simplen Mechanismus der Verführung hinter sich lässt, seinen Fallstricken entgeht und ihn konterkariert. Weil man ihnen nicht viel Zeit ließ, sprachen beide schnell und direkt, um sich etwas Raum und Freiheit zu verschaffen. Sie zogen das Lachen den Tränen vor – eine wichtige Waffe für Frauen wie sie, die wussten, wie man beim Duett mit dem Filmpartner auf Augenhöhe bleibt oder ihn gar in den Schatten stellt.

Mae West und W.C. Fields in My Little Chickadee von Edward F. Cline (USA 1940)

Noch passgenauer ist das Bild des Duells – oder die Vorstellung des Filmsets als Boxring – für Mae West, deren Persönlichkeit und Lebensgeschichte wie ein glühender Meteorit am Hollywood-Himmel wirkt. Ihre Hollywood-Erfahrung verdient es in ihrer ganzen Sprengkraft neu betrachtet zu werden – nicht nur, weil sie einzigartig und unnachahmlich ist, sondern auch höchst aktuell. Mae West hat als Einzige den Mechanismus der Verführung so abgewandelt, dass die Frau nicht zum Objekt, sondern zum Subjekt des Handelns wurde. Auf diese Weise lieferte sie ein Modell, das die Gesellschaft hätte beträchtlich weiterbringen können, das aber dem Hays Code zum Opfer fiel. Dieser Kodex sollte eine bestimmte moralische Ordnung durchsetzen und verhindern, dass das Publikum den Pfad der Tugend verlässt und entwürdigende Schauspiele geboten bekommt. So verstärkte er Hollywoods normierende Funktion und führte dazu, dass Frauen im Kino noch mehr benachteiligt wurden.

Wenn wir in unserer Retrospektive eine Reihe großartiger Filme zeigen, so ist das als Einladung zu verstehen, die Werke jener Zeit mit einem etwas verschobenen Blick zu betrachten und in diesen straff durchstrukturierten Arbeiten jene Fragmente der Freiheit wahrzunehmen, die vor allem die Frauen wagten einzubringen.

Carlo Chatrian