Edgar Reitz‘ Heimat. Oder: Das Kino

Szenen aus Heimat

Edgar Reitz hat ein einzigartiges, unvergleichliches Werk geschaffen, das bis heute deutlich nachwirkt und dessen Einfluss sich noch nicht letztgültig abschätzen lässt. Das in mehreren Staffeln erzählte Opus Heimat verdankt sich einem für seine Zeit visionären Mut zum Mammutprojekt und gehört zu den wichtigsten Serien des 21. Jahrhunderts. Das Auffälligste ist die breit angelegte Gesamtschau, aber auch mit seiner erzählerischen Feinarbeit trifft Reitz in Schwarze: Die Art der Inszenierung, der Einsatz der Kamerabewegungen, der Umgang mit Stille und die prägnanten Dialoge, der Wechsel zwischen Schwarzweiß und Farbe sind in den Traditionen des modernen Kinos verwurzelt. In diesem einmaligen Moment der Filmgeschichte, in dem durch Forscherdrang und Ausdrucksfreiheit eine wirkliche Sprachrevolution hervorgebracht wurde. Reitz hat die Grunddialektik übernommen, den Austausch zwischen dem prinzipiellen Realismus, den die bewegten Bilder vorgeben, und dem Abstraktionsvermögen, das jeder Art der Oral History zu eigen ist. Dadurch wurden für diejenigen, die Heimat (in einer oder mehreren der verschiedenen Staffeln und Phasen) „erlebt“ haben, das von Reitz erdachte Dorf und die Erlebnisse der Familie Simon ganz natürlich zur Metapher für die Kraft des Kinos, Orte und Charaktere zu erschaffen, die oft wirklicher sind als die Wirklichkeit, mit der wir uns jeden Tag auseinandersetzen müssen.

Das Kino hält manche Augenblicke für immer fest und verleiht ihnen zugleich eine längere Lebensdauer, indem es sie zum Resonanzraum für die Erlebniswelt der Zuschauenden macht, die sich permanent verändert.

Damals und Heute: Filmstunde_23

Filmstunde_23 entstand aus dem Wunsch oder der Gelegenheit, die Protagonistinnen eines vor 50 Jahren entstandenen Dokumentarfilms wiederzutreffen. Mit der Freiheit eines Künstlers, der nichts mehr beweisen muss, scheint Reitz sich keine Mühe zu geben, dem Film eine feste und vordefinierte Form zu geben. Im Vordergrund steht der Gedanke der Begegnung: Der Dialog mit den Protagonistinnen, die heute die Bilder aus ihrer Jugendzeit wiedersehen, überlagert sich mit einem anderen Dialog, der sich zwischen dem (digitalen) Film von heute und dem (analogen) Film von damals entfaltet. Filmstunde_23 ist nur scheinbar ein einfacher – sagen wir: didaktischer – Film. In Wahrheit setzt er sich scharfsichtig mit der Entwicklung der Gesellschaft auseinander und mit der Frage, mit welchen Mitteln man von ihr erzählen kann. Aber auch mit der Macht des Kinos und der Frage, wie man sie sich zu eigen macht. Andererseits ist Reitz mit seinen über 90 Jahren versiert und weise genug, die 1968 entstandenen Bilder nicht nur nostalgisch zu betrachten. Im Gegenteil: Es verwandelt sie geschickt in ein Prisma, das die Gegenwart lesbar macht. Der Film von 1968 wird zum Spiegel, in dem wir dem gealterten Bild unserer selbst begegnen und erkennen, dass wir nicht mehr so unbeleckt sind wie damals, dafür aber ein schärferes Bewusstsein für die Illusionen unserer Jugendjahre entwickelt haben. Paradoxerweise lässt die grobkörnige Struktur des Filmmaterials eine traumartige Dimension entstehen, während die Farbtextur der digitalen Bilder die Realität markiert.

Edgar Reitz in Filmstunde_23

Der Film ist wie viele Arbeiten von Edgar Reitz in gewisser Weise auch ein Selbstporträt. Es zeigt ihn nicht nur als Mensch, sondern vielleicht mehr noch als Regisseur. Implizit werden einige Grundzüge seiner Poetik erkennbar: die Rolle der Frauen als treibende Kräfte der Erzählung; der quasi natürliche Wunsch, eine Gemeinschaft und nicht eine Einzelfigur in den Mittelpunkt zu stellen; der Drang, sich mit der Kamera ins Freie zu begeben, bühnenhaft Inszeniertes und die Natur einander abwechseln zu lassen; der tief empfundene Zusammenhang zwischen Arbeit und Spiel, zwischen Pflicht und Vergnügen. Filmstunde_23 ist nicht nur ein Film über eine Filmklasse, sondern untersucht auch, wie das Kino damals war und wozu es sich seither entwickelt hat. Kinosaal, Set, Filmkamera und Mikrofonstange werden zu Mitakteuren und stecken den Erzählraum ab. Rückschauend und mit zeitlichem Abstand betrachtet sind das cineastisch belebte Klassenzimmer und das Dorf Schabbach einander gar nicht so unähnlich. Beide sind reale und zugleich imaginäre Orte, die uns unglaublich nah rücken und zu denen wir leicht Zugang finden, auch wenn sie uns immer einen Schritt voraus (oder hinterher) sind, und die seit jeher zu uns gehören und für immer verloren sind.

Die Schlussszene des Films setzt einen ganz eigenen Akzent: Edgar Reitz verlässt das „Klassenzimmer“ und entfernt sich leichten Schrittes, Arm in Arm untergehakt mit seiner Frau, die Straße hinunter – aber nicht mitten auf der Fahrbahn, sondern gewissenhaft auf dem Bürgersteig. Indem er den Film, der wohl sein Abschlusswerk sein dürfte, in ein Zitat aus einem weltberühmten Chaplin-Finale kulminieren lässt, beschwört er die „Heimat“, oder das Kino, als einen Ort, an dem wir mehr zu Hause sind als in einem Haus, in dem man wohnt – sofern dies überhaupt beschworen werden muss.

Carlo Chatrian