LA Diary

Diese Aufzeichnungen sind Notizen einer Reise. Keine Reise wie jede andere, aber auch keine besonders außergewöhnliche Reise – wenn ich davon absehe, dass ich sie nach der langen pandemiebedingten Pause unternahm, durch die die Entfernung zwischen Europa und Amerika wieder etwas gewachsen ist. Entstanden sind die Notizen zwischen Terminen, Begegnungen und Autofahrten. Sie erheben nicht den Anspruch, den State of the Art der Filmindustrie oder die Soziologie einer Stadt zu beschreiben, die ein Faszinosum ist und sich gleichzeitig entzieht – und auch ohne Filme Kinoduft verströmt.

23. April

Ganz gleich, wie oft man in seinem Leben schon am LAX, dem Flughafen von Los Angeles, gelandet ist, ob die Gänge an der Zollkontrolle menschenleer oder mit Passagieren verstopft sind, ob das Gepäck pünktlich aufs Band läuft oder – wie in meinem Fall – nicht auftaucht: Hat man das Terminal verlassen, findet man sich jedes Mal zwischen orientierungslosen Touristen im Hawaiihemd wieder, zwischen auf den Limo-Service wartenden Geschäftsleuten und dem Personal der Shuttle-Service-Anbieter, das eifrig über Abfahrtszeiten und Zielorte informiert. Man fühlt sich überwältigt und ein bisschen fehl am Platze. Los Angeles ist ein Ort der Gegensätze: chaotisch und durchorganisiert, luxuriös und arm, naturnahe und zugebaut. Ich lasse mich von Dante in seinem schwarzen Tesla über den Freeway fahren und höre eine Playlist, bei der ich kaum mitbekomme, wo ein Titel aufhört und der nächste anfängt. Durch das geöffnete Fenster strömt eine lauwarme Brise in den Wagen. So könnte ein Film anfangen, dessen Plot noch nicht verraten wird. Ich schaue die Billboards an, auf denen neue Fernsehserien angekündigt werden. Ich atme tief ein. Und genieße den Augenblick.

24. April

Auf dem Bauernmarkt

Sonntagmorgen. In der noch schlafenden Stadt entdecke ich einen Ort, der schon zum Leben erwacht ist: einen nahegelegenen Bauernmarkt. Genau der richtige Einstieg in einen Aufenthalt an der Westküste, die so stolz auf ihre Natur und ihre Bio-Kultur ist. Gemüse, Pilze, Obst sind sorgfältig arrangiert und machen neben den Street-Food-Ständen eine gute Figur. Es ist 10 Uhr – die passende Zeit für Churros und orientalischen Fladen.

Am Nachmittag steht der Besuch im neuen Museum der Academy an. Nachdem ich die Impfkontrolle passiert habe, wartet am Eingang Bernardo auf mich, der das Filmprogramm des Museums kuratiert. Er führt mich durch die Sammlung und die Wechselausstellungen. Pedro Almodóvar hat ausgewählte Sequenzen aus seinen Filmen auf Großbildschirmen in ein dialogisches Verhältnis gesetzt. Gesichter, Farben und Atmosphären fügen sich zu einer unterhaltsamen Symphonie: wie ein Zimmer, in dem lauter vertraute Charaktere versammelt sind. Spike Lee hat seinen Ausstellungsbereich wie ein Wohnzimmer gestaltet, in der das Kino durch Objekte aus anderen Lebensbereichen wie Basketball oder Mode ergänzt wird. Hildur Guðnadóttir Bereich dagegen ist stockfinster und gruppiert sich um ein Rundsofa. In dieser Klangwelt würde ich gern länger verweilen. Aber da ist noch die Studio Ghibli-Ausstellung, die speziell für die Academy zusammengestellt wurde. Durch einen langen grünen Bogengang gelangt man in diese Parallelwelt aus Figuren, die sich irgendwo zwischen Mensch und Tier bewegen, zwischen der vertikalen Dimension der Geschichte und der horizontalen Dimension der Fabel. Durch die Ausstellung geleitet wird man von den fantastischen Pastellfarben von Hayao Miyazaki, die wie impressionistische Malerei wirken. Es gibt unter anderem eine simulierte Grasfläche, auf der die Besucher sich rücklings ausstrecken und auf einem Bildschirm an der Decke die ziehenden Wolken betrachten können. Zu den Exponaten zählen Hintergründe, Animationszellen, Zeichnungen und Modelle verschiedenster Größe, und am Ende verabschiedet Ghibli uns mit einer Statue aus (künstlichem) Stein, die den Ausgang bewacht. Wir verlassen den Altbau und betreten den neuen Anschlusstrakt, den Renzo Piano als kugelförmiges Raumschiff entworfen hat. Ein perfekt runder Saal in „Piano-Rot“ und darüber eine herrliche Terrasse mit Blick auf die Hügel von Hollywood. Von meinem Gepäck habe ich immer noch nichts gehört, aber die Dämmerung ist so schön, dass sie alle anderen Gedanken verdrängt.

25. April

Der Blick auf das Griffith-Observatorium

Meinen ersten Gesprächstermin habe ich in Los Feliz. Ich werde von Ryan und Sara erwartet, die bei allem jugendlichen Elan ganz klare Vorstellungen haben, welche Filme produziert werden sollen. Wir sitzen in einem Café im Freien, genießen die frische Luft und die friedliche Atmosphäre von Los Feliz. Ich mag diesen Stadtteil, über dem wie ein Schutzgott das Griffith-Observatorium thront. Das Viertel ist nicht so quirlig wie andere Gegenden in Los Angeles. Auf den Straßen fahren weniger Porsches und mehr Toyotas. In einem Toyota bin ich auch hergefahren (in einem Prius – wie in La La Land). Mein heutiger Uber-Fahrer heißt Sang und kam wie die meisten seiner Kolleg*innen vor wenigen Jahren hierher. Uber ist in L. A. eine gute Einstiegschance für Neuankömmlinge. Wer das Gefühl hat, sich noch in einer Übergangsphase zu befinden, auch wenn er oder sie schon mehr als zehn Jahre in der Stadt der Engel lebt, kann sich mit Uber den Lebensunterhalt verdienen – so wie die jungen Frauen mit den Jobs an den Empfangstresen der Produktionsfirmen. Alle Fahrer*innen sprechen perfekt Englisch, aber auch im Auto bleiben sie mit ihrer Herkunftskultur verbunden – auf meinen Uber-Fahrten habe ich sie Spanisch, Chinesisch oder Russisch reden hören.

Zu Mittag bin ich mit den Freunden von United Talent Agency (UTA) auf der Restaurantterrasse des Maybourne Hotels verabredet. Das liegt im Herzen von Beverly Hills, das in der kollektiven Vorstellungswelt mit der ganzen Stadt Los Angeles gleichgesetzt wird. Luxusboutiquen, junge Leute in Trainingsanzügen, die so viel kosten wie ein Abendkleid, italienische Restaurants von demonstrativer Schlichtheit. Zwischen Beverly Hills und dem benachbarten Century City – dort werde ich am Nachmittag Roeg und seine Kolleg*innen von der Creative Artists Agency (CAA) treffen – sitzen die wichtigsten Agenturen für Künstler*innen. Welche Rolle diese Giganten genau spielen, lässt sich nicht so leicht erklären, weil sie im Laufe der Jahre verschiedenste Formen angenommen haben. Sie fungieren als Matchmaker, Produzentinnen, Vertriebsgesellschaften. Und vor allem sind sie die idealen Ansprechpartnerinnen für alle, die wissen wollen, was hier und im Rest der Welt gerade produziert wird.

Der Tag klingt aus mit einem Dinner mit Kim und John, die seit Langem als Programmer für das Sundance Film Festival tätig sind. Der Austausch mit anderen Programmleiter*innen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Manchmal streiten wir über einen Titel, aber meistens tauschen wir einfach Meinungen aus und versuchen herauszufinden, ob wir Lösungen der Kolleg*innen für uns übernehmen können. Wir erzählen uns gegenseitig Anekdoten, wir lachen über die Absurditäten, die zum Leben eines Festivals gehören – zumal wenn es zu einem sehr großen Festival heranwächst. Wir beruhigen uns gegenseitig, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Und wir essen gemeinsam und freuen uns, dass wir uns nach einem langen Lockdown wiedersehen.

26. April

Walt Disney Studios, der Hauptsitz von Disney

Heute fahre ich ins Valley. Als ich diese Bezeichnung zum ersten Mal hörte, stellte ich mir eine Art Wildnis vor, in der ich endlich etwas von Kaliforniens überbordender Natur mitbekommen würde. In Wahrheit hat das Valley wenig oder gar nichts Überbordendes außer der Hitze. Es ist einfach ein breites Tal direkt hinter den Hügeln von Hollywood und eine exquisite Wohngegend, in der auch einige große Studios ihre Firmensitze haben, die aussehen wie Zitadellen. Wer bei Disney Einlass begehrt, muss eine Einladung und eine ausgedruckte Zutrittskarte mitbringen und unter Beweis stellen, dass er genau weiß, wo er hinwill. Hat man das Eintrittstor durchschritten, fühlt man sich in ein kleines Dorf versetzt. Baumbestandene Alleen, kontaktfreudige Eichhörnchen und ein Empfangsgebäude im Disney-Stil. Seit zehn Jahren komme ich immer wieder her, und in dieser Zeit hat sich hier dem Anschein nach wenig verändert – abgesehen von den Inhalten: Dank des wachsenden Erfolges seiner Franchise-Filme, der Plattform Disney+, der Serien und der Searchlight-Pictures-Filme verwaltet und produziert Disney ein sehr beträchtliches Stück der kollektiven Vorstellungswelt.

Der Uber-Fahrer, der mich zurückfährt, heißt Evaristo. Er kommt aus Uganda und kennt alle italienischen Fußballspieler, die zwischen den 1990er Jahren und jetzt aktiv waren. Sein Fan-Herz schlägt für die Gunners, aber inzwischen hat er die Nase voll von den kickenden Söldnern, die nicht mit dem Herzen bei der Sache sind. Fußballspiele anzuschauen, mache ihm keinen Spaß mehr - was er gleich im nächsten Satz dementiert: „Gerade wenn du denkst, dich reißt nichts mehr vom Hocker, kommt so ein Spiel wie gestern - Manchester City gegen Real Madrid – und du bist wieder voll dabei!“ (Am Ende stand es 4:3, aber im ebenfalls packenden Rückspiel konnte Madrid die Niederlage wettmachen.)

Das New Beverly Cinema (im Besitz und unter der Leitung von Quentin Tarantino)

Abends treffe ich mich am Sunset Boulevard mit Liz in einem Restaurant mit spektakulärem Ausblick. Die Stadt beginnt zu funkeln und offenbart ihre riesigen Ausmaße. Liz hat früher für Disney gearbeitet und ist jetzt bei Paramount. Am nächsten Tag muss sie nach Las Vegas zur Cinemacon, wo die Filme der Saison präsentiert werden. Wir sprechen über die kurz- und mittelfristigen Zukunftsperspektiven der Kinos. Ich habe den Eindruck, dass hier mehr Optimismus herrscht. Es liegt mehr Aufbruchstimmung in der Luft, was vielleicht auch daran liegt, dass das Kriegsgetöse sich hier wegen der Entfernung von vielen tausend Kilometern nicht so laut bemerkbar macht. In der Woche, in der Netflix einen herben Rückschlag an der Börse hinnehmen musste, zeigen die Studios sich demonstrativ optimistisch. Die Frühlingspremieren scheinen gut zu laufen, und die Filme für den Sommer stehen schon vor der Tür. Als ich in Olivers Ford Fusion eingestiegen bin, überkommt mich eine Welle von europäischem Fatalismus, und ich sage leise: „Hoffen wir, dass der Herbst dieses Idyll nicht zunichtemacht.“

27. April

Angeblich gibt es nur eine Möglichkeit, Los Angeles kennenzulernen: Man muss mit dem Auto kreuz und quer durch die Stadt fahren. L. A. lädt dazu ein, wie ein Vagabund dem Lockruf der Alleen oder der Villen zu folgen, die unterschiedlichste Stilrichtungen verkörpern: kolonial, viktorianisch, Schweizer Chalet oder funktionale, modernistische Würfelarchitektur. Aus verwaltungstechnischen Gründen wurde das Vergnügen des Selbstfahrens durch die Inanspruchnahme des Dienstleisters Uber beendet, der dem Fahrgast dafür aber lauter Begegnungen mit Menschen mit faszinierenden Lebensgeschichten beschert.

Ein Uber-Fahrer, der besondere Erwähnung verdient, ist O. – ein Franzose der zweiten Generation, der durch Freunde nach L. A. kam. Er verschaffte sich durch eine Scheinehe die Green Card und blieb in den USA. Er freut sich, dass er in seiner Muttersprache reden kann – und er redet wie ein Wasserfall. „Hier gibt es viel Geld, aber wenig Sozialleistungen.“ Er hat auf absehbare Zeit nicht vor, nach Frankreich zurückzugehen und dort zu leben, aber er möchte gerne seine Mutter wiedersehen, die Le-Pen-Wählerin ist. „Wtf wollen diese ganzen Ausländer in Frankreich?“, sagt er. Statt ihn darauf aufmerksam zu machen, dass das aus seinem Munde etwas seltsam klingt, sage ich ihm, dass die Ausländer nach Frankreich kommen, weil sie keine andere Wahl haben. Er erwidert, das stimme zwar, aber das könne eben nicht gut gehen. An einer Straßenecke sehe ich eine Reihe von Zelten mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche und halbvollen Einkaufswagen und kann den Blick nicht abwenden.

Ein deutlicher Hinweis in einer wohl bewachten Nachbarschaft

Da der heutige Terminplan nicht so vollgepackt ist, habe ich zwischen den Verabredungen Zeit, ein paar Schritte zu Fuß zu gehen – in Los Angeles ein verwegenes Unterfangen. Doch wer die Alleen entlangspaziert, bekommt einen anderen Zugang zu dieser Stadt, die als Ansammlung von Inseln konzipiert zu sein scheint. Wie die Autos haben auch die Häuser ein Außen und ein Innen, die oft ganz unterschiedliche Eindrücke vermitteln. Die Häuser hier sind dafür gemacht, dass man sie aus vorbeifahrenden Autos sieht. Der Vorgarten ist gepflegt und verrät den Stil des Hauses – und womöglich auch den Stil der Eigentümer*innen. Dem Spaziergänger fällt auf, wie sorgsam das Innere gegen Blicke von außen abgeschirmt wird. Die Idee des Privateigentums hat hier ein aus europäischer Sicht unvorstellbares Gewicht. Die Kluft zwischen dem Wunsch, sich selbst zur Schau zu stellen, und der totalen Zurückhaltung bei der Kontaktaufnahme sagt nicht nur über die Gesellschaft von Los Angeles etwas aus, sondern auch über das amerikanische Kino. Während sich das Kino in Europa unverfroren, mit schamlosem Realismus in die Häuser der Menschen einschleicht, ist in Amerika „das Haus“ noch heute und vielleicht für immer der Ort einer Fiktion. Selbst wenn das Innenleben eines Hauses gefilmt wird, bleibt man auf Vorgartendistanz. No Trespassing.

28. April

Wer gezwungen ist oder sich entschlossen hat, seinen Tag am Steuer zu verbringen, für den wird das Auto zu einem Fortsatz der eigenen Person. Die erste Annäherung kommt oft über die Musik zustande. Die Band „America“ scheint nach wie vor hoch im Kurs zu stehen. Brent ist offensichtlich ein Freund der Country-Musik. Moses hat einen eklektischen Geschmack und gönnt mir sogar ein bisschen Reggae. Mariko steht auf Disko. Ihr Fahrstil folgt dem Rhythmus der Beats und wirkt entsprechend ruckhaft.

Die Amazon-Studios in Culver City sind eines der Embleme des Neuen in Hollywood. Neben niedrigen Gebäuden, vor über einhundert Jahren von Thomas Ince erbaut, ist in wenigen Jahren ein ganzes Stadtviertel aus dem Boden gewachsen. Wer Einlass begehrt, muss eine Reihe von Kontrollen über sich ergehen lassen, die mit jedem Mal strenger werden. Ohne den Begleitschutz meiner Gastgeberin Lorenza hätte ich es vermutlich nicht geschafft. Der Conference Room riecht noch neu. Ich fühle mich unter den physisch Anwesenden und den per Video Zugeschalteten irgendwie eingekreist, aber das ist ein angenehmes Gefühl, denn es ist ein Zeichen, dass man aneinander interessiert ist und sich allmählich näherkommt. Die Gespräche mit Studios, Streaming-Anbietern und Produktionsfirmen liefen während der Pandemie die ganze Zeit weiter, aber die direkte Begegnung ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen.

Der Tag klingt aus mit einem Abendessen, das Laura organisiert hat. Wir sitzen zu fünft in einem Patio. Bei köstlichem Essen (unter anderem gab es eine Focaccia, die ich ehrenvollerweise testen durfte) tauschen wir uns über das Kino von gestern und morgen aus, über Häuser im Wiederaufbau, Wunschlisten, „analoge“ und selbstfahrende automatische Autos. Die Filme, über die wir am intensivsten diskutieren, sind Massive Talent und Everything Everywhere All At Once. Beide sind Komödien, voller Ironie und ketzerisch. Und beide sind – anders als die Titel vermuten lassen – so leicht wie die Luft in diesem späten Frühling in Los Angeles.

29. April

Heute ist Freitag. Ich weiß nicht, wieso ich bei allen meinen Besuchen in Los Angeles immer an einem Freitag zu Universal fahre. Da muss es irgendein Muster geben, hinter dem sich ein geheimer Grund verbirgt. Wie auch immer – die Laufwege bei Universal habe ich im Gedächtnis abgespeichert, sodass ich den Weg auch ohne Mandys Geleit finden würde, die seit ein paar Monaten bei Universal ist und vorher in Kansas City Betriebswirtschaft und Kommunikationswissenschaften studiert hat. Auch an diesem Meeting nehmen sehr viele Leute teil. Das mag daran liegen, dass M. Night Shyamalan in diesem Jahr Präsident der Berlinale-Jury war. Die Begegnung ist herzlich, ja warmherzig. Offenbar ist es uns also gelungen, bei unserem Juryvorsitzenden einen guten Eindruck zu hinterlassen. Er sagte mir, die Filme – die prämierten ebenso wie die nicht prämierten – seien für ihn echte Überraschungen gewesen.

Der Strand von Santa Monica mit seinem Pier

Auf dem Rückweg fragt Mikhail mich unvermittelt: „Was haben Sie für einen Akzent? Aus welchem Land kommen Sie?“ Etwas zögernd antworte ich: Aus Italien (denn von dort kommt mein Akzent). Er seufzt. Italien animiert zum Seufzen – weil der Name des Landes nach wie vor den Duft von Stränden und gutem Essen verströmt. Als ich ihm sage, dass ich in Berlin arbeite, spüre ich ein Gefühl der Hochachtung. Mikhail ist Ukrainer. Sein Land hat er schon vor Jahren verlassen. „Zum Glück haben wir es mit der ganzen Familie hierhergeschafft. Aber ich begreife nicht, was bei uns gerade passiert“, und ich merke, dass er keine Lust hat, über sein Land zu sprechen. Ich stoppe meine Gedanken. Ich sitze einfach mit diesem sechzig Jahre alten Ingenieur im Auto, der hierherkam, um an einem Limousinenprojekt mitzuarbeiten, und in die Krise des neuen Jahrtausends hineingeriet – und der heute guter Dinge ist, weil er in dieser Mischung aus Stadt und Unstadt lebt, wo man die eigene Familie nicht nur ernähren kann, indem man Autos konstruiert, sondern auch indem man Auto fährt.

Der Schlusspunkt des Tages und meines Aufenthaltes ist eine „Dienstfahrt nach Santa Monica“. Heute fährt mich Shambel, der so gute Schleichwege kennt, dass wir keine Minute im Stau stehen, obwohl wir in der richtigen Richtung unterwegs sind. Das ist mir hier noch nie passiert. So habe ich vor dem Abendessen mit Ted und Vanessa noch Zeit, dem Ozean und dem Santa Monica Pier „Hallo“ zu sagen. Und auf dem vorschriftsmäßig gemähten Rasen ganze Herden von Eichhörnchen futtern zu sehen.

30. April

Zurück am Flughafen. Wie nach der Ankunft fahre ich auch zum Abflug wieder in einem Tesla, der in Los Angeles so etwas ist wie der neue Volkswagen: das neue Auto fürs Volk. Uber-Fahrer Marcues kam aus Brooklyn hierher, um auszukundschaften, wie es sich in dieser „spread-out city“ wohl lebt. Er fragt mich nach der italienischen Rap-Szene. „Gerade heute Morgen habe ich mir noch Videos von italienischen Rappern angeguckt und war überrascht“, sagt er. „Was sie anziehen, wie sie sich bewegen – die brauchen sich nicht hinter den Amerikanern zu verstecken.“ Ich kehre Kenntnisse hervor, die ich nicht besitze, sondern nur von meinen Kindern aufschnappe, wenn sie ihre Musik hören, und versuche, das Gespräch auf das Verhältnis zwischen Musik und Politik zu lenken. Aber Marcues nimmt den Ball nicht auf. Stattdessen reden wir über kulturelle Ausdrucksformen, die für bestimmte Orte charakteristisch und nur dort gebräuchlich sind. Über Regeln und darüber, dass das Leben immer neue Regeln aufstellt. Marcues mag Los Angeles vor allem wegen der Natur rundherum. Er ist der erste Driver, der im Gespräch mit mir die Natur erwähnt. Seine Mutter kam aus Haiti nach Brooklyn und hat ihren vier Söhnen außer einem ausgeprägten Pflichtgefühl ihre Sprache weitergegeben. „Heute bin ich glücklich, dass ich auf Kreolisch denken und sprechen kann. Das hilft mir, wenn ich mir in dieser Stadt verloren vorkomme.“ Ich frage ihn, ob er noch einmal in Haiti war. Die vom Rückspiegel eingerahmten Augen leuchten auf. „Ja, klar. Es war die schönste Reise meines Lebens. Ich war in keinem Museum und habe auch keine Städte besichtigt, sondern bin die ganze Zeit auf dem Land geblieben. Ich wollte nahe bei meinen Verwandten wohnen, die dort das Land bewirtschaften. Ich habe mich rundum wohlgefühlt.“ Im Grunde hat Marcues Recht: Es braucht nicht viel, um das Leben zu genießen. Trotz der Ungewissheiten und Sorgen, die uns zusetzen, genügt es, wenn man versucht, das Beste herauszuholen, denn das Wenige, das das Leben anbietet, ist immer noch einzigartig. Und in Los Angeles ist dieses Wenige immer viel mehr als im Normalfall.

Carlo Chatrian