Berlinale: Panorama


Panorama 2019:
Familienbild mit fehlerhafter Heldin

Mit einem äußerst kompakten und fokussierten Programm startet das Panorama 2019 ins Festival. Im Interview sprechen Sektionsleiterin/Kuratorin Paz Lázaro und Programmmanager/Kurator Michael Stütz über thematische Schwerpunkte, die Kamera als Mittel der Emanzipation und gelungene Ausbrüche.

A Dog Barking at the Moon von Xiang Zi

Familien scheinen in diesem Jahr das dominierende Thema im Programm zu sein?

Paz Lázaro: Familie ist ein dominierendes Thema, das aber auch allgemeiner in Richtung Gemeinschaften geht. In Bezug auf A Dog Barking at the Moon von Xiang Zi etwa hast du Recht. Der Film zeigt Menschen, die in vom Staat verordneten Familienstrukturen gefangen sind. Und alle haben das Dogma komplett akzeptiert und verinnerlicht.

Die Inszenierung des Films erscheint außergewöhnlich. Die ersten Bilder wirken zwanghaft symmetrisch, so dass kaum Luft zum Atmen bleibt... Ändert sich das im Laufe des Films?

PL: In der Mitte des Films gibt es eine sehr lange Szene in einem Café, in der die Tochter sich mit dem Liebhaber des Vaters unterhält. Es ist, als würde der komplette Film stillstehen für diese wirklich außergewöhnliche Auseinandersetzung zwischen zwei Figuren, die ein Thema komplett ausloten. Diese Kommunikation ist extrem wichtig, sie hilft, sich neu und anders zu orientieren.

Michael Stütz: In der Szene bricht das System auf, weil die junge Generation eine ganz andere Perspektive auf Ehe und Zwänge hat. Die Jungen sind offen, gebildet, leben nach individuellen Lebensentwürfen. Man kriegt eine Ahnung von der Möglichkeit eines gesellschaftlichen Umbruchs.

Nicole Fortuin in Flatland von Jenna Bass

Fehlerhafte Heldinnen

Auch in Flatland ist die Ehe problematisch. Die Braut flüchtet sofort nach der Hochzeit...

MS: Dieser Ausbruch ist absolut positiv. Die Braut wird in der Hochzeitsnacht vergewaltigt. Die Regisseurin schickt sie und ihre beste Freundin anschließend auf eine Reise durch das patriarchale Südafrika, eine komplett von Männern dominierte Welt. Ihre Freundin ist hochschwanger, der Vater interessiert sich nicht für das Kind. Sie verhält sich überhaupt nicht wie eine Frau im achten Monat – sie säuft, nimmt Drogen. Das ist auf eine sehr unverkrampfte, schöne und unmoralische Art und Weise inszeniert. Gleichzeitig ist der Film ein Sinnbild der südafrikanischen Gesellschaft und rechnet mit dem Traum der Rainbow Nation ab.

PL: Gegen das gesellschaftliche Klima setzt der Film die Menschlichkeit und Integrität der Frauen. Im Zentrum stehen der Ausbruch, das Anderssein und die Frage, wie man damit umgeht. Welche Alternativen man sich sucht - auch wenn man theoretisch keine hat. Wir haben viele Heldinnen im Programm, aber nicht von der konventionellen Sorte. Wie hast du das so schön genannt?

MS: Fehlerhafte Heldinnen. Die Filmemacher*innen haben den Mut zu komplexen Frauenfiguren, die sich dem Gut/Böse-Schema verweigern. Das zieht sich durch alle Filme. Die Frauen müssen nicht nur positiv besetzt sein.

Buoyancy von Rodd Rathjen

Was kann die Alternative zur Familie sein? In Buoyancy von Rodd Rathjen führt der Ausbruch aus der Familie direkt in die Hölle...

MS: Es geht sehr stark um das wirtschaftliche Prekariat, in dem die Familie in Kambodscha lebt. Der Sohn will eine bessere Zukunft für sich selbst, will Geld verdienen. Der Vater will, dass er für das Wohl der Familie arbeitet. Als der Sohn von den Fabriken in Thailand hört, bricht er auf. Er hat das Geld für die Reise nicht und wird versklavt, um die Kosten abzuarbeiten.

PL: Zu Beginn sagt der Junge seinem Vater ein paar sehr klare Realitäten ins Gesicht. Das ist extrem erfrischend aus dem Mund eines 15-Jährigen, ein sehr heller Kopf, der zu schnell erwachsen werden muss. Eine Art Zwangs-Coming-of-Age. Äußerlich ist er ein Kind, aber er muss denken wie ein Erwachsener.

Im Namen Gottes

Zu den Familienzwängen gesellen sich in vielen Filmen die Zwänge religiöser Sekten. Auch in A Dog Barking at the Moon...

MS: Ja. Ultrareligiöse Gemeinschaften. In A Dog Barking at the Moon denkt die Mutter, dass sie den Vater von seiner Homosexualität heilen kann. Die Sekte scheint ihr die einzige Möglichkeit, aus dem alltäglichen Dilemma auszubrechen. Sie ist eingesperrt und fühlt sich machtlos.

PL: A Dog Barking at the Moon greift das Thema eher ironisch auf und zeigt die tollpatschigste Sekte, die man sich vorstellen kann. In Temblores (Tremors) von Jayro Bustamante ist das gleiche Prinzip zu beobachten. Der Protagonist geht in ein sektenartiges Umerziehungscamp, denn die Religion definiert Homosexualität als Krankheit. Auch der brasilianische Divino Amor (Divine Love) greift das religiöse Motiv auf. Die evangelikal-wörtliche Auslegung der Bibel führt im Film zu organisierten Sexorgien im Namen Gottes. Da spielt viel Ironie mit rein. Allerdings wusste der Regisseur Gabriel Mascaro zu Drehbeginn noch nicht, wie sich die politische Lage in Brasilien entwickeln würde. Die Realität hat den Film schnell eingeholt und das Science-Fiction-hafte in den Hintergrund treten lassen.

Temblores (Tremors) von Jayro Bustamante

Auch das Motiv der Ehe taucht wieder auf, oder?

PL: Es ist eine unvollkommene Ehe, weil das Paar keine Kinder bekommen kann. Der Staat schlägt Alarm, denn eine Ehe kann nur funktionieren, wenn Kinder kommen. Es ist kein direkter Zwang, aber der Motor des Konfliktes zwischen den beiden Protagonist*innen.
Auch in Eynayim Sheli (Chained) von Yaron Shani geht es um einen unerfüllten Kinderwunsch. Ein Ehepaar versucht mehrmals, schwanger zu werden, der Film beginnt mit einem gescheiterten Versuch. Das ist einer der Gründe, die letztlich zum Kontrollverlust des Protagonisten führen, einer extrem autoritären Figur. Ein anderer ist, dass er seine Arbeit verliert. Das bedeutet Zwangshausarrest. Er mischt sich plötzlich massiv ins Familienleben ein, weil er zu viel Zeit hat und sich an irgendetwas festhalten muss. Das lässt die Kinderproblematik in ihrer Bedeutung extrem anwachsen.

MS: Eynayim Sheli ist ein Portrait der Hypermaskulinität und gleichzeitig deren Dekonstruktion. Die Hauptfigur ist Polizist, ein Spiegel der israelischen Gesellschaft, des Patriarchats und einer rechtsgerichteten Regierung. Er definiert sich allein über seine Macht über andere. Auch wenn er eine sehr zärtliche Beziehung zu seiner Frau hat.

Aomi Muyock in Jessica Forever von Caroline Poggi und Jonathan Vinel

Kann man die Gemeinschaften in Jessica Forever und Monos als Alternativen zur Familie sehen?

PL: Durchaus. Jessica Forever von Caroline Poggi und Jonathan Vinel erzählt von einer Gruppe von Außenseitern. Waisenkinder, die vom Staat als Feind Nummer Eins gebrandmarkt werden.

MS: Keine Eltern zu haben, ist kriminell in der Zukunft, die der Film zeigt. Jessica ist die Übermutter, die die Gruppe zusammenhält, für Geborgenheit sorgt und eine Richtung vorgibt. Der Staat ist omnipräsent in Form von Drohnen, die alles überwachen. Die Dystopie ist sehr interessant in Szene gesetzt, weil alles tagsüber, in der prallen Sonne, stattfindet. Spannend ist auch, wie das Außen thematisiert wird, diese Überwachung. Das wird im Film nie ganz geklärt. Die Figuren rennen durch leere Straßen und Kaufhäuser, es gibt die Gesellschaft noch, aber sie ist nicht sichtbar.

PL: Monos von Alejandro Landes setzt den Fokus auf die innere Gruppendynamik. Ein kolumbianischer Film voller Gewalt. In Jessica Forever werden Konflikte durch die titelgebende Heldin strukturiert. In Monos fehlt diese Struktur. Auch hier gibt es aber das Außen in Form eines Staates, den wir nicht sehen.

Alba Rohrwacher in Hellhole von Bas Devos

Hellhole von Bas Devos scheint das Bild eines zerfallenden Europas zu zeigen...

MS: Ja. Der Film ist ein Abgesang auf Europa. Ein sehr düsteres Bild der Gegenwart. Mit seinem langsamen Rhythmus ist er unglaublich hypnotisch inszeniert. Er spielt gekonnt mit dem urbanen Raum, fragt, wie der Mensch sich in die Stadt einschreibt und die Stadt in den Menschen. Die Kamera ist dabei ein eigener Protagonist. Sie gibt dem Zuschauer das Gefühl für ein Außen, das alles kontrolliert, als wären die Figuren nur Marionetten. Das Portrait Europas als einer zerfallenden Gesellschaft taucht in Western Arabs von Omar Shargawi wieder auf. Eine Welt, in der der Austausch schwierig ist und die Werte brüchig werden. Western Arabs zeigt Europa als Migrationsgeschichte, anhand einer Familie entfaltet sich das Gesellschaftsbild.

Wie verhalten sich Dokument und Fiktion in diesem Film zueinander?

PL: Der Regisseur nutzt eine fiktionale Geschichte, um seinem Vater eine Rolle zu geben und ihm so näher zu kommen. Diesen fiktionalen Anteil mischt er mit dokumentarischen Bildern der Familie. So entstehen sehr spannende Parallelen. Der Vater ist Palästinenser. Er war Soldat und ist nach Dänemark geflohen, hat dort seine Frau gefunden, geheiratet und Kinder bekommen - Omar Shargawi ist eines davon. Er will mehr wissen über die Gewaltsamkeit seines Vaters, die den Familienalltag prägt. Der Vater wehrt sich zu Beginn gegen den Film. Als er seinen Widerstand aufgibt, eröffnet sich ein Blick auf seine Lebensphilosophie, die extrem friedlich und menschlich ist. Im Inneren ist er ein sehr reflektierter Mensch, nach außen wirken die Gewalt und das Trauma von Flucht und Krieg. Die Kamera wird dabei zum Mittel der Reflektion. Es ist fast schon therapeutisch.

Selfie von Agostino Ferrente

Wie in Midnight Traveler von Hassan Fazili und Emelie Mahdavian?

PL: Midnight Traveler ist praktisch die Vorgeschichte zu Western Arabs. Man begleitet die dreijährige Flucht einer Familie über die Bilder, die sie mit ihren Handys gemacht haben. Eine sehr intime Perspektive. Das Bild Europas, das entsteht, ist sehr hart. Aber es gibt auch bezaubernde Momente: In einer Szene schnappt sich die Tochter das Telefon und filmt sich, wie sie zu Michael Jackson tanzt. Auch für solche Momente ist die Kamera da.

MS: Ein anderer schöner Moment ist, als die Tochter ihre Eltern damit konfrontiert, dass sie kein Kopftuch tragen will. Sie kommt bald in das Alter, in dem es die Tradition so will. Dem Vater ist das egal. Die Mutter schluckt erst mal, sagt aber dann, na gut, entscheide selbst. Die Freude der Tochter ist überwältigend. Es herrscht eine große Vielstimmigkeit in der Familie, die sehr viele Vorurteile widerlegt.

PL: Selfie wurde auch mit Handys gedreht. Thematisch eine ganz andere Geschichte, es geht um Polizeigewalt und die Mafia in Neapel. Statt selbst zu filmen, gibt Regisseur Agostino Ferrente seinen Protagonisten Kameras, damit sie ihren Alltag filmen. Schnell werden die beiden zu richtigen Filmemachern, lernen die Bilder zu komponieren. Auch sie haben den Wunsch auszubrechen, aber es gibt eigentlich kaum ein Entrinnen.

MS: Der Lebenslauf ist mehr oder weniger vorgeschrieben. Durch die Geburt in dieses Viertel und die untere Arbeiterklasse. Die Mafia ist die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen und ein besseres Leben zu führen. Die Kamera ist für die Protagonisten ein Mittel zur Selbstermächtigung. Ein Werkzeug, um das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

37 Seconds von HIKARI

Eskapismus und gelungene Ausbrüche

Ein weiterer Film, der von dem Versuch des Ausbruchs aus Gesellschaft und Familie erzählt, ist der russische Kislota (Acid) von Alexander Gorchilin, in dem eine der Figuren die Skulpturen seines Vaters in Säure auflöst...

MS: Ein Bild für die Ablehnung der Vätergeneration. Ein irres Statement, gerade weil die Skulpturen reichlich leninistisch sind und das Auflösen so eine politische Dimension bekommt.

PL: In Kislota ist der Ausbruch ein Eskapismus. Mit Drogen gelingt die Flucht aus dem Alltag. Die Orientierungslosigkeit der Figuren überträgt sich dabei auf den Zuschauer. Von einem Moment auf den nächsten können sie ihre Meinung ändern, bersten vor Energie. Der Film selbst wird ein bisschen zum Trip.

Es gibt aber auch gelungene Ausbrüche im Programm. Etwa in Skin von Guy Nattiv...

PL: Skin basiert auf einer wahren Geschichte. Er hat ein Happy End, aber vorher erlebt man die Hölle, durch die der Protagonist geht, hautnah mit. Er ist am ganzen Körper tätowiert und mit jedem Schritt aus dem rechtsradikalen Milieu setzt er sich einer schmerzhaften Laserbehandlung aus, um die Tätowierungen auszulöschen.
In 37 Seconds von HIKARI gelingt auch der Ausbruch. Der Film erzählt von einer Manga-Künstlerin. Eine sehr positive Geschichte mit viel Humor. Sie landet bei einem Verlag für Erwachsenencomics. Dort fragt sie zum ersten Mal jemand, warum sie im Rollstuhl sitzt – was in der japanischen Gesellschaft normalerweise nicht passiert. Die nächste Frage ist: „Wie willst du denn Comics über Sex zeichnen, wenn du keine sexuellen Erfahrungen hast?“. Sie lässt sich aber nicht einschüchtern, im Gegenteil. Sie geht in die Welt und sucht sich ihre sexuellen Erfahrungen, um sie zeichnen zu können.