Berlinale Talents 2020: Filmdiskurse in Stereo

Auch in diesem Jahr reisen wieder 255 Filmschaffende aus aller Welt zu Berlinale Talents. Im Fokus steht 2020 die Kraft der Kollektive. Aber auch die Herausforderungen der Filmwelt wollen Projektleiterin Christine Tröstrum und Programmleiter Florian Weghorn nicht aussparen. Eins ist sicher: Es wird lauter!

Das HAU 1

Berlinale Talents versteht sich als Seismograf. Welche Trends habt Ihr bei der Sichtung der rund 3.500 Bewerbungen erkennen können? Womit beschäftigt sich der Nachwuchs in aller Welt aktuell?

Christine Tröstrum: Zunächst ist es wichtig, noch einmal über den Begriff „Nachwuchs“ zu sprechen. Die Talente werden oft als Nachwuchsfilmemacher*innen bezeichnet und man denkt, sie stünden am Anfang ihrer Karriere. Aber wir setzen etwas später an. Die meisten unserer Talente sind Filmschaffende knapp über 30, die schon einiges erreicht haben. Über 50 Teilnehmer*innen hatten bereits Filme bei der Berlinale, in diesem Jahr zum Beispiel die Französin Pilar Peredo, die Wettbewerbsfilme wie Ixcanul von Jayro Bustamante produziert hat. Auch unter den deutschen Talenten sind 2020 einige, die letztes Jahr Filme im Programm der Perspektive Deutsches Kino gezeigt haben: der Produzent von Oray, Claus Reichel, oder der Regisseur Henning Beckhoff von Off Season, um nur zwei zu nennen. Insofern ist das mit der Nachwuchsförderung so eine Sache; wir würden uns eher als Talentförder*innen und Zukunftsagent*innen bezeichnen.

Florian Weghorn: Und mit den Trends ist es ganz einfach: Sie funktionieren nicht so, wie man sich das vorstellt. Wer sich an Trends hängt, läuft oft hinterher. Wir versuchen dagegen Veränderungen schon zu erspüren, bevor sie sich deutlich abzeichnen. Die Digitalisierung in der Filmherstellung wurde bei den Talents schon ausgelotet, bevor sie drei, vier Jahre später ein großes Thema wurde. Da hatten wir hier plötzlich junge Kameraleute, die wussten mehr als die alten Hasen und andere, die sich nicht sicher waren, ob sie bald durch einen Chip ersetzt werden. Letzteres hat sich natürlich nicht bewahrheitet, vor allem wenn man auf Film als Ganzes schaut. Die Veränderungen in der Filmlandschaft werden bei uns schnell sichtbar, weil wir alle Gewerke zu Gast haben.

Das Künstler*innen-Kollektiv rungrupa aus Indonesien

Kollektive sind in diesem Jahr Euer großes Thema. Wie seid Ihr darauf gekommen?

FW: Das Thema hat eher zu uns gefunden. Wir haben schon in den letzten Jahren bei den Bewerbungen gemerkt, dass das Selbstverständnis „me, myself and I“ an Bedeutung verliert. Unsere Bewerber*innen denken verstärkt in Netzverbünden und organisieren sich auch entsprechend. Diese Tendenz haben wir jetzt explizit zum Thema gemacht, um sie genauer zu verstehen.

Was habt Ihr im Programm konkret vor?

FW: Wir fragen vor allem nach der Funktionsweise von Kollektiven. Es geht ja nicht um das bloße Nett-zueinander-Sein oder stundenlange Debatten im Stuhlkreis. Das Interessante an den Kollektiven ist ihre selbstgewählte Radikalität in der Zusammenarbeit, damit ein offener Austausch gelingt, sei es auf dem Set, beim Drehbuchschreiben oder aber auch in deinem kleinen Kinobetrieb im Kiez. Hierarchien müssen dafür zunächst transparent gemacht werden, um mit ihnen umgehen zu können. Wir gehen das auch spielerisch an und verstricken zum Beispiel unsere Schauspieler*innen in ein kollektives Story-Experiment mit offenem Ausgang.

Was denkt Ihr, woher gerade jetzt das Misstrauen gegenüber tradierten Hierarchien herrührt?

CT: Das liegt auch an der weltpolitischen Situation, die ihren Niederschlag im Kulturbereich findet und damit auch bei uns. Wir sind in einer Phase, in der man sich wieder gegen Formen der Einzelherrschaft einsetzen und demokratische Strukturen stärken muss. Das sind Debatten, die sich aktuell aufdrängen.

FW: Und vielleicht drückt sich im Kollektiven auch der Wunsch aus, sich gegen die Ohnmachtsgefühle zu schützen, die mit jener Vereinzelung einhergehen, die Ausdruck unserer Zeit ist. Die Renaissance des Kollektivs ist nur zu verstehen, wenn man ihr Gegenstück mit in den Blick nimmt.

Warum bietet sich gerade das Filmschaffen so sehr an, über das Kollektive nachzudenken?

FW: Weil es ein „people's business“ ist: Einen Film macht niemand allein. Gleichwohl sind Strukturen der Zusammenarbeit im Filmbereich extrem volatil. Gleichheit, Hierarchiefreiheit und das balancierte Teilen von Rollen sind keine Selbstverständlichkeit. Auch von außen werden viel zu selten die kollektiven Besitzverhältnisse an einem Film gesehen: Häufig steht der Regisseur oder die Regisseurin im Zentrum des öffentlichen Interesses. Schon der Autor oder die Autorin wird deutlich weniger wahrgenommen, obwohl das Schreiben mindestens genauso viel zum Film beiträgt wie die Regie. Spannend ist hier auch, die kulturelle Perspektive zu wechseln: Für die Veranstaltung „Protocols & Pathways“ werden indigene Filmschaffende bei uns sein, um über ihr Verständnis von Autor*innenschaft zu sprechen: Geschichten sind ohnehin schon da, wie Erde und Luft, sie gehören allen. Regisseur*innen dürfen sich mehr als Vermittler*innen verstehen, die diese Geschichten – nun eben als Filme – weitererzählen.

Worin seht Ihr die großen Stärken von Kollektiven?

CT: Kollektive bieten oft Gelegenheit, einer Sache mit Nachdruck mehr Gehör zu verschaffen. Zum Beispiel für Frauen in Iran, die keine Ausbildungsmöglichkeiten haben und unter Umständen systemischer Unterdrückung ausgesetzt sind. Aus der Gemeinschaft erwächst für Einzelne eine mitunter wirkmächtige Plattform. Dieses Denken wollen wir fördern. Auch in dem Sinne, dass man sich nicht nur in seiner Rolle als Künstler*in oder Filmemacher*in sieht, sondern auch als gesellschaftlich und sozial vernetzte Person mit der Kraft, Impulse zu geben und Veränderungen anzustoßen.

Kollektive an die Macht also?

CT: Nein, das heißt nicht, dass Kollektive das Allheilmittel sind. Aber ihr Potenzial soll für das Gemeinwohl sichtbar und fruchtbar gemacht werden. Dafür wollen wir im diesjährigen Programm Denk- und Experimentierräume eröffnen.

FW: Es muss bitte nicht alles kollektiv werden. Aber durch ihr von Grund auf gesteigertes Maß an innerer Auseinandersetzung und Selbstverständigung bieten Kollektive gute Nährböden und können dann auch Finger in die eine oder andere Wunde der Gesellschaft legen. Etwa wenn es um Fragen der Mitbestimmung und der Gleichberechtigung in der Filmindustrie geht. Kollektive haben sich mit potentiellen Konflikten oft schon auseinandergesetzt, ehe diese ausbrechen. Sie haben sich überlegt, wie man Mechanismen der Exklusion vermeiden kann. Zudem verstehen wir das Kollektiv auch als Haltung, die man ebenfalls alleine praktizieren kann. Wir haben auch eine Menge „One-Woman“ und „One-Man“-Kollektive im Programm.

Die Talents werden von zwei Personen, Euch beiden, verantwortet – viele weitere Personen gestalten ebenfalls mit. Mal ganz ehrlich: Ein Kollektiv, ist das nicht auch viel Reibungsverlust und Zähneknirschen?

CT: Im Kollektiv muss man viel mehr kommunizieren. Für unser Team ist eine Doppelspitze eine Herausforderung, weil manchmal die Frage im Raum steht, wer was entscheidet. Florian und ich müssen an solchen Punkten einen Konsens auf Basis der gemeinsamen Grundwerte, für die wir uns entschieden haben, herstellen. Der Rest findet sich. Und die Entscheidung eines anderen anzuerkennen und sie zu schätzen, ist ein hoher Wert. Statt im Nachhinein zu schreien: „Ich hätte es aber anders gemacht“.

FW: Unser Programm verschließt auch nicht die Augen vor den Problemen oder Herausforderungen, die kollektives Arbeiten mit sich bringen kann. Wenn man auf einer Bühne sitzt und sich über das Filmemachen unterhält, dann geht es nicht immer nur um die schönen Dinge. Jetzt hat man das quasi in Stereo.

Ein Teil Eures Programms ist nur für die eingeladenen Talente, ein großer Teil ist aber auch öffentlich und für das Publikum zugänglich.

CT: Ja, und diese Atmosphäre im wunderschönen HAU Hebbel am Ufer-Theater zusammen mit 255 Filmemacher*innen aus über 80 Nationen, das sollte jede*r Berlinale Besucher*in einmal erlebt haben. Woher man kommt oder welche Sprache man spricht, spielt keine Rolle mehr – man verständigt und findet sich auf anderen Ebenen umso intensiver.

FW: Ja, das ist es, was Berliner*innen und das internationale Publikum nur bei Berlinale Talents erleben können. Sie spüren, was die Liebe zum Film ganz konkret heißt – nämlich auch die Begeisterung für das Handwerk und den Diskurs. Die „Komplizen“ Maren Ade, Janine Jackowski und Jonas Dornbach teilen diese Leidenschaft genauso wie der Meister des chinesischen Kinos Jia Zhang-Ke, dessen Film- und Kinoheimat in starker Transformation ist. Und die vielleicht kollektivsten Momente wird das Publikum bei den drei „Collective Gatherings“ im HAU2 haben: Von einem großen „World Building Live“-Erzählworkshop am Montag über den öffentlichen Schauspielkurs am Dienstag enden wir mit dem indonesischen Kollektiv ruangrupa, das jüngst mit der künstlerischen Leitung der documenta 2022 in Kassel betraut wurde. Für sie ist „Abhängen“ ein kuratorisches Prinzip, um gemeinsam mit anderen in der Kunst zu leben. Und natürlich kann sich das Publikum auch auf Stars wie Cate Blanchett und Helen Mirren freuen, die zu Berlinale Talents kommen. Das Kollektiv ist groß.

HAU 1

Es gibt in diesem Jahr noch eine sehr schöne Neuerung: das „Talents Footprints - Mastercard Enablement Programme“.

CT: Mit dem Programm sollen Filmschaffende bei der Umsetzung ihrer gesellschaftlichen Initiativen unterstützt werden. Für uns stehen schon ganz lange die Begriffe „Ermöglichen“ und „Befähigen“ im Zentrum unserer Arbeit: Wir wollen die Talente und Alumni ermutigen, eigene filmbezogene Projekte ins Leben zu rufen, die einen positiven Wandel in Bezug auf aktuelle soziale Herausforderungen bewirken. Mastercard ist der perfekte Partner dafür. Wir können jetzt für die Projektideen eine finanzielle Starthilfe leisten, aber auch ein breites Angebot an begleitenden Hilfestellungen, zum Beispiel durch Coachings, leisten.

Ihr habt auch in diesem Jahr wieder einen ausgeglichenen Jahrgang, was die Beteiligung von Männern und Frauen angeht.

CT: Ja, wir begrüßen in diesem Jahr 125 Frauen, 123 Männer und sieben Filmschaffende, die keine Zuordnung zu weiblich oder männlich bevorzugen.

FW: Gendergerechtigkeit steht in unseren Gründungsstatuten. Soweit ich mich zurückerinnern kann, hatten wir schon immer ausgeglichene Jahrgänge. Die Herausforderung ist, diese Balance durch die Gewerke hindurch abzubilden. In Einzelbereichen, gerade in den sogenannten „technischen Gewerken“, ist es mitunter schwerer. Umso mehr freuen wir uns dieses Jahr über ein echtes 50/50 im Camera Studio.

Zum Schluss ein Rückblick mit Ausblick: Gibt es Alumni des letzten Jahres, die zum Festival zurückkehren?

FW: Bei einem über 18 Jahre gewachsenen Netzwerk kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einem sehr schönen Familientreffen ausgehen. Kokon von Leonie Krippendorff, der Eröffnungsfilm des diesjährigen Generation 14plus-Wettbewerbs, ist ein gutes Beispiel: eine Berliner Produktion, deren Drehbuch die Regisseurin bei uns weiterentwickelt hat. Aber auch der Kameramann, die Sounddesigner und Co-Produzentinnen sind Alumni und haben sich teilweise bei uns gefunden. In Sachen Nachhaltigkeit ist das das Schönste: Die Alumni fördern sich selbst und unterstützen einander gegenseitig – von uns gibt es einen warmen Händedruck dazu.

CT: Und noch ein bisschen mehr. (lacht)