Panorama 2020: Der intersektionale Blick

Michael Stütz ist seit 2006 in verschiedenen Positionen beim Panorama tätig, von 2017 bis 2019 war er Kurator und Programmmanager. Seit diesem Jahr ist Leiter der Sektion. Im Interview spricht er über transnationales Kino, Selbstermächtigung durch Handykameras und die Intersektionalität eines neuen queeren Kinos.

Benjamin Radjaipour in Futur Drei von Faraz Shariat

Du bist dieses Jahr erstmalig alleiniger Leiter der Sektion. Wie hat sich das auf die Auswahl ausgewirkt?

Michael Stütz: Das war natürlich eine Herausforderung, auch wenn ich auf viel Erfahrung aus den Vorjahren zurückgreifen konnte. Allerdings kamen mit der neuen Festivalleitung auch viele neue Leute dazu, die in der Auswahl mitgearbeitet haben und das fand ich ungemein spannend und befreiend, weil alles neu gemischt wurde.

Das Programm ist 2020 kleiner geworden. Wir haben 36 Filme - neun weniger als letztes Jahr. Dadurch, dass es Encounters gibt, haben sich alle Sektionen noch mal ein bisschen genauer unter die Lupe genommen und ich denke, es war dem Künstlerischen Leiter Carlo Chatrian sehr wichtig, dass wir die Identität der Sektion bewahren und gleichzeitig das Profil der Sektion schärfen. Überlappungen gibt es immer und die soll es auch geben. Wir sind nicht mehr in den 1970er/80er Jahren, die Filmlandschaft hat sich komplett gewandelt und extreme Gegensätze sind heutzutage schwer herzustellen.

In den Ankündigungen sprichst Du von einer neuen, aufstrebenden Generation von Filmemacher*innen. Wodurch ist diese charakterisiert?

Zum Beispiel Faraz Shariat hat eine klare, eigene Filmsprache. Futur Drei ist sein Debütfilm und ein Projekt, das außerhalb herkömmlicher Fördertöpfe und des Filmschulsystems entstanden ist. Es findet sich eine wahnsinnig spannende Energie und Unabhängigkeit im fertigen Film. Faraz‘ Figuren sind zum Teil biografisch, seine Eltern spielen zum Beispiel die Eltern im Film. Zudem mischt er das gedrehte Material mit Aufnahmen aus seiner Kindheit. Die Bilder sind dynamisch und unmittelbar. Futur Drei ist voller popkultureller Referenzen, ein Film, der eine Generation widerspiegelt. Was er ganz stark einfängt, ist der Prozess der Selbstfindung einer schwulen Identität, aber auch einer Identität als Deutscher, Sohn von iranischen Einwanderer*innen, der immer wieder auf Alltagsrassismus stößt. Diese intersektionale Perspektive gab es im deutschen Kino so noch nicht. Deshalb ist Shariat eine wichtige Stimme.

Uisenma Borchu, Gunsmaa Tsogzol in Schwarze Milch von Uisenma Borchu

Postmigrantische Sichtweisen

Die postmigrantischen Sichtweisen zeigen sich auch in anderen Filmen.

Uisenma Borchu, die Regisseurin von Schwarze Milch, geht genau in die andere Richtung. Ihre Heldin kehrt zurück in das Land ihrer Herkunft, die Mongolei. Ihre kulturelle Erinnerung scheint verblasst, als sie ankommt, wirkt sie mit ihren Klamotten im ersten Moment wie ein Alien in der Wüste. Borchu schafft es, eine radikale Sinnlichkeit ihrer Figuren spürbar zu machen, die für einige Zuschauer*in herausfordernd sein wird.

Schwarze Milch erzählt auch von der Suche nach Identität, die sehr viele Filme im Programm aufgreifen: Man bewegt sich, man verändert sich, das Selbst wird ständig neu justiert. Dabei sind innere Grenzen ein zentraler Topos. Wie in Futur Drei ist die Kameraarbeit auch hier sehr unmittelbar. Die Bilder haben einen hohen ästhetischen Wert, ohne zu exotisieren.

Exil von Visar Morina wirft einen Blick auf die Mitte der deutschen Gesellschaft. Der Protagonist Xhafer lebt schon lange in Deutschland, hat eine Ausbildung, einen guten Job, eine Frau, Kinder… Eigentlich das perfekte Beispiel einer gelungenen Integration. Aber Xhafer gerät in eine Identitätskrise, weil sich an seinem Arbeitsplatz Ausgrenzung und Rassismus aufgrund seiner Herkunft aus dem Kosovo mehren. Es öffnet sich ein Spannungsfeld, weil seine Frau ihn irgendwann fragt: „Vielleicht liegt es ja auch an Dir?“ Die Grenzen verschwimmen. In formaler Hinsicht ist Exil sehr speziell, viele Szenen spielen in Innenräumen, was zu einer klaustrophobischen Atmosphäre führt, die die Krise Xhafers sehr gut widerspiegelt. Shariat, Borchu und Morina sind starke Beispiele für ein aufstrebendes, anderes deutsches Kino.

Ike Barry, O. C. Ukeje in Cidade Pássaro (Shine Your Eyes) von Matias Mariani

Während wir bei den genannten Filme in Deutschland verortet waren, gibt es die postmigrantischen Perspektive noch in ganz vielen anderen Filmen. Matias Mariani erzählt in Cidade Pássaro (Shine Your Eyes) von einem jungen Nigerianer, der in São Paulo nach seinem älteren Bruder sucht, der sich schon länger nicht mehr bei der Familie gemeldet hat. Vor Ort kämpft er zunächst mit der Sprachbarriere, weil er kein Portugiesisch spricht. Es gibt viele wunderbare, sehr fein herausgearbeitete Sequenzen zu interkultureller, teils auch non-verbaler Kommunikation. Im Film geht es um die Suche nach Identität und die Frage nach der eigenen Herkunft. Er führt die Zuschauer*innen in die vitale afrikanische Diaspora Brasiliens. Mariani porträtiert aber nicht nur diese Diaspora, sondern interessiert sich auch für die Architektur São Paulos und ihre futuristischen Hochhausschluchten.

Auch in Pari von Siamak Etemadi geht es um die Suche nach dem verlorenen Sohn.

Genau. Und der Film ist ebenfalls ein urbanes Porträt, das wie ein Negativ von Cidade Pássaro wirkt. São Paulo glänzt in Tageslicht, Pari agiert mit sehr düsteren Bildern, es gibt Momente fast vollkommener Dunkelheit. Siamak Etemadi verfolgt die Geschichte einer iranischen Mutter, die mit ihrem Ehemann in Athen nach ihrem Sohn sucht. Zwischen den beiden Filmen gibt es starke Parallelen. Nur die Mutter spricht Englisch und gerät so zwangsweise in die Rolle der aktiv Agierenden, die die Suche vorantreiben muss. Pari zeigt einen Prozess der Selbstfindung und das Potential der eigenen Identität. Die Suche nach ihrem Sohn befreit in gewisser Weise auch die Mutter, genauso wie diese sie oft überfordert, weil sie eine permanente Grenzüberschreitung bedeutet. Sie gerät in die dunkelsten Ecken der Stadt, an Leute, mit denen sie sonst nie etwas zu tun hätte und man merkt, wie sich ihre alte Identität immer stärker auflöst. Der Film inszeniert das in einer ausgezeichneten Sprache, weil er in seinem Verlauf das lineare Erzählen aufgibt und für diese Auflösung und Neufindung der Identität eine visuelle Entsprechung findet. Und nicht zuletzt ist Pari das außergewöhnliche Porträt einer Frau, die das Potential der Möglichkeiten ausschöpft, sich gegen bestimmte starre, von der Gesellschaft aufgezwungene Systeme aufzulehnen - sei es Identität, Klasse oder sozialer Status. Das haben sehr viele Filme, dieses kämpferische Moment beweisen sehr viele Arbeiten im Programm. Sie schaffen es sehr gut, die Welt zu reflektieren, in der wir aktuell leben.

Transnationales Kino

Melika Foroutan, Shahbaz Noshir in Pari von Siamak Etemadi

Pari ist auch ein sehr gutes Beispiel für das transnationale Kino, das sich in vielen Filmen heutzutage findet – sowohl inhaltlich als auch personell. Siamak Etemadi lebt in Griechenland und hat iranische Wurzeln. Ein weiteres Indiz dafür, dass das enge Verständnis von Nationalität nicht mehr existiert, sind die vielen internationalen Ko-Produktionen im Programm. Es lässt sich an einem Produktionsland keine bestimmte nationale Identität mehr ablesen. Das ist ein sehr spannender Trend im internationalen Kino.

Selbstbewusste Generationen und soziale Gegensätze

Das bringt mich zurück zu der eingangs angesprochenen, neuen Generation von Filmemacher*innen. Clarisa Navas zeigt in Las Mil y Una z.B. eine solche Gruppe von Jugendlichen, die ein neues Selbstbewusstsein repräsentieren.

Las Mil y Una ist emblematisch für diese Generation, die über ein ganz neues Selbstverständnis verfügt. Clarisa Navas schafft es, die Experimentierwut dieser Generation auszuloten und verliert gleichzeitig nie die Bodenhaftung. Navas schafft es, diese queere Beinahe-Utopie auf leichtfüßige Art und Weise mit einem sozialen Realismus zu verbinden, der Gewalt gegen Frauen, Benachteiligung und die kaputte Ökonomie Argentiniens nicht verschweigt. Zwei Pole, die auf den ersten Blick wie Widersprüche wirken, aber sich ineinander verschränken.

Ana Carolina García, Sofía Cabrera in Las Mil y Una (One in a Thousand) von Clarisa Navas

Als weiteres Thema wurde der Raubbau an der Natur herausgestellt, was ich ganz spannend fand, denn im Endeffekt geht das mit einer Kapitalismuskritik einher, wie sie sich z.B. in One of These Days von Bastian Günther ganz offen zeigt.

One of These Days ist die unmittelbarste Kapitalismuskritik. Er zeigt einen Wettbewerb in einer texanischen Kleinstadt, bei dem die Teilnehmer*innen tagelang um einen Pick-up-Truck stehen, den sie mit einer Hand berühren müssen. Wer am längsten durchhält, gewinnt den Wagen. Das hat mich an andere Filme aus Krisenzeiten erinnert. An They Shoot Horses, Don't They? aus den 1960ern, der von den Tanzmarathons während der Großen Depression, erzählt, bei denen sich die Leute für ein paar Cent zu Tode getanzt haben. Da werden zyklische Wiederbegegnungen mit bestimmten Zeiten sichtbar. Bastian Günther inszeniert eine Kleinstadt in Texas als Sinnbild für die Menschen einer Generation, die sich als Verlierer und Ausgeschlossene fühlen, weil sie nicht teilhaben können am Luxus, der ihnen permanent auf allen Kanälen präsentiert wird. One of These Days ist ein Ensemblefilm und schafft es, seine Charaktere nicht zu Karikaturen verkommen zu lassen. Ihre Motivation und Verzweiflung wird sehr plastisch. Der Pick-up ist die Heilige Kuh. Das sagt viel aus über die neoliberale Gesellschaft.

Joe Cole, Donna Duplantier in One of These Days von Bastian Günther

Motive, die den heutigen Kapitalismus kennzeichnen, finden sich auch in den Dokumentarfilmen. I Dream of Singapore thematisiert eine Migrationsbewegung von Bangladesch nach Singapur. Von einem der ärmsten Länder in der Region in das reichste. In eine extrem regulierende Gesellschaft, die innerhalb ihrer Grenzen für ihre Einwohner*innen einen sehr hohen sozialen Status etabliert – natürlich auf dem Rücken von Arbeitsmigrant*innen. Der Film fängt das in einer sehr offenen Form ein, in Eindrücken vom Arbeitsalltag aber auch vom Alltag in der Stadt, die er immer wieder zu Einblendungen eines Luxushotels in Kontrast setzt. Der Protagonist arbeitet am Bau. Nach einem Unfall erhält er Hilfe von einer Gesellschaft, die sich in Singapur für die Rechte von Arbeitsmigrant*innen einsetzt. I Dream of Singapore fokussiert sich stark auf die Beziehung zwischen dem Arbeiter und dem Sozialarbeiter. Ich finde es spannend, einen Film im Programm zu haben, der Migrationsbewegungen außerhalb Europas zeigt - als Kontrapunkt zur Inszenierung von Migration als „europäischem Problem“, wie es einige Parteien hierzulande gern betreiben. Migration gibt es überall - transnational oder nicht - und weltweit muss mit ihr umgegangen werden.

Dass es - zum Beispiel in Indien - auch innerhalb eines Landes Migration gibt, thematisiert Eeb Allay Ooo! von Prateek Vats. Die Probleme, die die Migration mit sich bringt, werden hier durch ein sehr starres Klassensystem, unter dem die Menschen, die vom Land in die Stadt kommen, noch stärker zu leiden haben, verschärft. Sie sind mit einem hierarchischen Verständnis und extremen Machtmissbrauch konfrontiert. Trotz der schweren Themen ist Eeb Allay Ooo! humorvoll und leicht erzählt.

Saudi Runaway von Susanne Regina Meures

Das Leben (und Filmen) in die eigene Hand nehmen

Handykameras spielen eine wichtige Rolle im diesjährigen Programm.

Das stimmt. In Always Amber, einer Dokumentation von Lia Hietala und Hannah Reinikainen, gibt es zum Beispiel eine starke Autorinnenschaft der Protagonist*innen, da die beiden sich mit dem Handy zum Teil selbst filmen. Ich denke auch an Nardjes A. von Karim Aïnouz, der sich um die politischen Unruhen und Proteste in Algerien dreht. Aïnouz hat algerische Wurzeln und war eigentlich im Land, um einen Film über seinen Vater zu machen. Nardjes A. ist eher zufällig entstanden, an einem Tag und in einer Nacht, als der Regisseur durch Freunde Nardjes Asli kennenlernte und in die Proteste geraten ist. Der Film wurde mit einem iPhone gedreht, was den Bildern eine unglaubliche Unmittelbarkeit gibt. Man spürt die Energie der Proteste, die nicht gewalttätig verlaufen, aber über eine immense Wucht verfügen. Aïnouz schafft den gedanklichen Brückenschlag zu Chile, Hong Kong und der globalen heutigen Protestkultur.

Die Perspektive durch die Handykamera findet sich auch in Saudi Runaway, der eine junge Frau aus Saudi-Arabien porträtiert, die ohne das Wissen ihrer Familie ihr Alltagsleben mit dem Handy aufzeichnet, während sie ihre Flucht plant. In diesem Fall ist die Handykamera ihr Werkzeug der Selbstermächtigung, Mittel zur Reflexion aber auch zur Sichtbarmachung. Im Bild kreiert sich die Protagonistin eine eigene Identität. Die Kamera hilft ihr, den Schritt zur Flucht zu wagen. Der Film gewährt einzigartige Einblicke in hoher filmischer Qualität. Etwa zu Beginn, als die Protagonistin durch ihren Schleier filmt, der für sie so zum Schutzraum wird.

Tai Bo, Ben Yuen in Suk Suk von Ray Yeung

Queere Möglichkeitsräume

Du hattest vorhin schon die spezielle Bildsprache von Faraz Shariat oder Uisenma Borchu angesprochen. Ein anderer Film der mich diesbezüglich sehr beeindruckt hat ist Suk Suk von Ray Yeung.

Das war bei mir genauso. Als ich den Film gesehen habe, war ich sofort sehr angetan. Er erzählt von zwei Männern um die 60, die mit ihren Familien leben und die ihr Schwulsein nie, oder nur in bestimmten Räumen, ausleben konnten. Die beiden finden sich und nähern sich an. Die Freundschaft und Liebe, die sich daraus entwickelt, fängt Ray Yeung auf wunderbare Art und Weise in ganz feinen Details ein. Dass sich Menschen einer älteren Generation verlieben und ihre sexuelle Identität verhandeln dürfen, sieht man nur selten - nicht nur im queeren Kino sondern generell. Suk Suk schließt die Familie nicht aus und tappt so nicht in die typische melodramatische Falle, diese Konstellation zu instrumentalisieren…

…und sie gegeneinander auszuspielen.

Genau. Der Film zeigt für alle Figuren Empathie - auch für die hintergangene Ehefrau. Ein wichtiger Punkt, den Film ins Programm zu nehmen, war, die Community von älteren Schwulen in Hong Kong zu zeigen. Wie kann man einen Begriff von Community definieren, wie kann man sich gegenseitig helfen? Diese Fragen sind fundamental und gehen uns alle an, egal ob schwul oder nicht.

Und nochmal zurück zum „neuen“ queeren Kino.

Dazu zählt ganz klar Futur Drei. Das junge, queere Kino zeichnet sich durch seinen intersektionalen Zugang aus, den der Film über seine unterschiedlichen, miteinander verschränkten Themen hat. Eric Steel zeigt in Minyan einen jungen schwulen Mann in der jüdischen Diaspora in Brooklyn in den 1980ern. Der Film reflektiert sehr schön, was es bedeutet, in zweiter Generation in dieser jüdischen Gemeinschaft zu leben, schwul zu sein und in diesem Spannungsfeld die eigene Identität auszuloten. Oral History und das Bewusstsein der eigenen Herkunft - denn die Disapora geht zurück auf russisch-jüdische Immigration während des Holocaust – sind weitere wichtige Aspekte in Steels Arbeit. Diese Themen sind schon für sich sehr schwer, aber der Film bringt das auf elegante Art und Weise zusammen.

Vento Seco von Daniel Nolasco beschreibt ein hypermaskulines schwules Begehren. Der Film spielt im Umfeld der Agrarwirtschaft in der brasilianischen Peripherie. Das vertrocknete Land ist ein Sinnbild für die brasilianische Gesellschaft, die am Vertrocknen ist und Menschen mit nicht-normativem Begehren feindlich gegenübersteht. Die Hauptfigur ist schwul, hat ab und zu anonymen Sex, aber kein Coming-out. Aber dann gibt es diesen einen Kollegen… Vento Seco setzt explizite Sexualität sehr konkret als Statement ein und pendelt zwischen einem sozial-realistischen Arbeiterhintergrund und den hyperstilisierten Bildern des Begehrens. Ein radikaler, sinnlicher Film den wir auf großer Leinwand im Zoo Palast zeigen. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen.