Berlinale: Retrospektive


Retrospektive 2018:
„Weimarer Kino – neu gesehen“

Margot Ferra in Das Lied vom Leben von Alexis Granowsky, Deutschland 1931

Die Retrospektive der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin stellt die Vielfalt des Weimarer Kinos ins Zentrum. Vor rund 100 Jahren, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit der Ausrufung der Weimarer Republik, entwickelte sich eine der produktivsten und einflussreichsten Phasen des deutschen Filmschaffens, die dessen internationale Wahrnehmung bis heute prägt. 28 Programme mit Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen aus den Jahren 1918 bis 1933 werden bei „Weimarer Kino – neu gesehen“ auf der großen Leinwand zu erleben sein.

„Quer durch die Genres dokumentiert die Retrospektive den Zeitgeist der Weimarer Republik und reflektiert Identitätsfragen. Das Spektrum reicht von der schwungvollen Tonfilmoperette über wortwitzige Komödien bis hin zu sozial und politisch engagierten Filmen. Die Filme sind von enormer Frische und Aktualität“, kommentiert Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

Die Retrospektive konzentriert sich auf drei thematische Schwerpunkte: „Exotik“, „Alltag“ und „Geschichte“. In ferne, exotische Welten führen Clärenore Stinnes und Carl Axel Söderström mit ihrer abenteuerlichen Reise Im Auto durch zwei Welten (1927–31). Friedrich Dalsheim und Gulla Pfeffer beobachten in ihrem frühen ethnologischen Film Menschen im Busch (1930) den unspektakulären Alltag einer togolesischen Familie und gehen dabei neue Wege, wenn sie die Porträtierten selber zu Wort kommen lassen, statt aus dem Off zu kommentieren. Dokumentarist*innen wie Ella Bergmann-Michel, Winfried Basse und Ernö Metzner fangen mit ihren Kurzfilmen das Leben der 1920er Jahre in Berlin und Frankfurt/M. ein. Werner Hochbaum richtet seinen Blick mit Brüder (1929) auf das von materieller Not geprägte Dasein einer proletarischen Familie. Dieser von der SPD unterstützte Film, der eine besondere Glaubwürdigkeit durch die Mitwirkung von Laiendarsteller*innen erhält, nimmt den Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 als Folie, um auf aktuelle politische Kontroversen der 1920er Jahre anzuspielen. Ebenso kritisch und nüchtern inszeniert Heinz Paul in Die andere Seite (1931) jüngste historische Ereignisse: Mit Conrad Veidt als kriegstraumatisiertem britischen Hauptmann im Ersten Weltkrieg legt er die Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit des Grabenkriegs schonungslos offen.

Die Unehelichen von Gerhard Lamprecht, Deutschland 1925, Fee Wachsmuth, Ralph Ludwig, Margot Misch (v.l.n.r.)

„Die Berlinale hat bedeutenden Regisseuren und Stars des Weimarer Kinos bereits umfangreiche Retrospektiven gewidmet. Nun ist es an der Zeit, mit einer ersten thematisch orientierten Werkschau den Blick auf diejenigen Filme zu lenken, die nicht zum engsten Kanon zählen“, kommentiert Rainer Rother, Leiter der Retrospektive und Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen.

Die Vielfalt des Weimarer Kinos lässt sich insbesondere anhand der Werke von Filmschaffenden begreifen, die üblicherweise nicht zu den prominenten Regiegrößen jener Zeit gezählt werden. Der Reichtum der Filme so unterschiedlicher Regisseure wie Franz Seitz sen. (Der Favorit der Königin, 1922), Hermann Kosterlitz (Das Abenteuer einer schönen Frau, 1932) oder Erich Waschneck (Die Carmen von St. Pauli, 1928) zeigt sich nicht nur im Variantenreichtum ihrer Themen, Stoffe und Figuren, sondern auch in ihrer ästhetischen Gestaltung. Die legendäre Epoche der deutschen Filmgeschichte wird, aus einer neuen Perspektive betrachtet, ihrem exzellenten künstlerischen Ruf abermals gerecht.

Zu den Höhepunkten der Retrospektive gehören die Erstaufführungen einiger aktueller Restaurierungsvorhaben wichtiger deutscher Archive und Filminstitutionen. Präsentiert werden der Bergfilm Kampf ums Matterhorn (Mario Bonnard, Nunzio Malasomma, 1928), Robert Reinerts Monumentalfilm Opium (1919) sowie ein lange Zeit als verschollen geltender zweiteiliger Film Urban Gads, der auf Jakob Wassermanns literarischer Vorlage von 1919 „Christian Wahnschaffe“ basiert (Teil 1: Weltbrand, 1920, Teil 2: Die Flucht aus dem goldenen Kerker, 1921).

Milak, der Grönlandjäger von Georg Asagaroff, Bernhard Villinger, Deutschland 1927

Die meisten Stummfilme im Programm werden live durch international renommierte Musiker*innen begleitet. Maud Nelissen und Stephen Horne sind dem Publikum der Retrospektive seit langem bekannt. Günter Buchwald feiert 2018 sein 40-jähriges Jubiläum als Stummfilmmusiker. Erstmals bei der Berlinale tritt der junge Pianist Richard Siedhoff auf, der sich bereits mit der Begleitung wichtiger Stummfilmevents wie auch mit Musikaufzeichnungen für verschiedene DVD-Ausgaben einen Namen gemacht hat.

Zur Retrospektive erscheint die deutschsprachige Publikation „Weimarer Kino – neu gesehen“ im Bertz + Fischer Verlag. Der reich illustrierte Band präsentiert Essays von renommierten Filmwissenschaftler*innen und prominenten Regisseur*innen, die sich einer Vielzahl bisher wenig beachteter Aspekte des Weimarer Kinos widmen.

Begleitet wird das Filmprogramm der Retrospektive von zahlreichen Veranstaltungen in der Deutschen Kinemathek.

Besonderer Dank für die Unterstützung gilt den Partnern des diesjährigen Programms: dem Bundesarchiv-Filmarchiv, dem Deutschen Filminstitut – DIF, dem Filmmuseum München und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

Die Retrospektive ist bedeutenden Regisseur*innen oder einem filmhistorischen Thema gewidmet. Die Retrospektive bringt Filme aus aller Welt zurück auf die große Leinwand – oft in restaurierter Fassung oder mit neuer Kopie. Das zeitgenössische Kino wird in einen historischen Zusammenhang gestellt. Mitwirkende und Kuratoren*innen präsentieren die Filme im Kino und machen Filmgeschichte erfahrbar. Seit 1977 ist die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen der Partner der Internationalen Filmfestspiele Berlin für filmhistorische Programme.

Berlinale Classics

2013 wurde die Retrospektive um die Präsentationen der Berlinale Classics erweitert. Sie zeigen aktuelle Restaurierungen von Filmklassikern sowie wiederentdeckte Filme, brillant in Bild und Ton. Damit wird für die wachsende Anzahl hochwertiger Restaurierungen und Rekonstruktionen, die die neuen Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung nutzen, ein Forum für Erstaufführungen geschaffen.

Die Filme der Berlinale Classics werden in der Regel von einem prominenten Gast des Festivals vorgestellt. Berlinale Classics setzt die Tradition der Retrospektive fort, neue Restaurierungen auch unabhängig vom jeweils aktuellen Retrospektive-Thema zu präsentieren, und ist gestützt auf die Kooperation mit internationalen Partnern.

Seit 1977 wird die Retrospektive von der Deutschen Kinemathek betreut, die seitdem folgende Retrospektiven veranstaltete:

  • Future Imperfect. Science · Fiction · Film (2017)
  • Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West (2016)
  • Glorious Technicolor. Filme aus dem George Eastman House und weiteren Archiven (2015)
  • Aesthetics of Shadow. Lighting Styles 1915–1950 (2014)
  • The Weimar Touch. The International Influence of Weimar Cinema after 1933 (2013)
  • Die rote Traumfabrik. Meschrabpom-Film und Prometheus (1921–1936) (2012)
  • Ingmar Bergman. Filme als Leben und Leben als Film (2011)
  • PLAY IT AGAIN…! 60 Jahre Berlinale (2010)
  • 70 mm – Bigger than Life (2009)
  • Luis Buñuel (2008)
  • City Girls. Frauenbilder im Stummfilm (2007)
  • Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre (2006)
  • Production Design + Film. Schauplätze, Drehorte, Spielräume (2005)
  • New Hollywood 1967-1976. Trouble in Wonderland (2004)
  • F. W. Murnau (2003)
  • European 60’s (2002)
  • Fritz Lang (2001)
  • Künstliche Menschen (2000)
  • Otto Preminger (1999)
  • Siodmak Bros. Berlin – London – Paris – Hollywood (1998)
  • G. W. Pabst (1997)
  • William Wyler (1996)
  • Happy Birthday, Cinema! (1995)
    Buster Keaton 100
    Slapstick & Co.
    Projecto Lumiere – A Tribute to Pordenone
  • Erich von Stroheim (1994)
  • CinemaScope (1993)
  • Babelsberg. Ein Filmstudio (1992)
  • Kalter Krieg (1991)
  • Das Jahr 1945 (1990)
    40 Jahre Berlinale
  • Europa 1939 (1989)
    Erich Pommer
  • Color. Die Geschichte des Farbfilms (1988)
  • Rouben Mamoulian (1987)
  • Henny Porten (1986)
  • Special Effects (1985)
  • Ernst Lubitsch 1914-1933 (1984)
  • Exil. Sechs Schauspieler aus Deutschland (1983)
  • Aufruhr der Gefühle: Curtis Bernhardt (1982)
    Kinderfilme aus der DDR
  • Der Produzent: Die Filme von Michael Balcon (1981)
  • Billy Wilder (1980)
    3-D-Filme)
  • Rudolph Valentino (1979)
    Wir tanzen um die Welt. Revuefilme
  • Marlene Dietrich, 2. Teil (1978)
    Zensur - Verbotene deutsche Filme 1933-1945
  • Marlene Dietrich, 1. Teil (1977)
    Liebe, Tod und Technik. Kino des Phantastischen 1933-1945

1976

  • Eleanor Powell
  • Conrad Veidt, 2. Teil
  • Deutsche Spitzenfilme 1929-1932
  • Deutsche Kurzspielfilme der dreißiger Jahre, 2. Teil

1975

  • Greta Garbo
  • Conrad Veidt, 1. Teil
  • Deutsche Kurzspielfilme der dreißiger Jahre, 1. Teil

1974

  • Lilian Harvey
  • Jacques Feyder
  • Norman McLaren

1973

  • Wilhelm/William Dieterle
  • Amerikanische Musicals
  • Trickfilme von Dave Fleischer

1972

  • Douglas Fairbanks
  • Ludwig Berger
  • Amerikanische Zeichentrickfilme 1940-1955

1971

  • Busby Berkeley
  • Eddie Cantor

1970

  • Gewinner des „Goldenen Bären“ und andere Berlinale-Filme
  • Ginger Rogers und Fred Astaire

1969

  • Abel Gance
  • Musicals 1929-1950
  • Oskar Fischinger

1968

  • Ernst Lubitsch, 2. Teil
  • W. C. Fields

1967

  • Ernst Lubitsch, 1. Teil
  • Harry Langdon

1966

  • Cinema Novo
  • Max Ophüls
  • Mack Sennett

1965

  • Meisterwerke deutscher Filmkunst 1895-1932

1964

  • Louis Lumière
  • Pola Negri
  • Paul Leni

1963

  • Elisabeth Bergner
  • E. A. Dupont
  • Karl Grune
  • Yasujiro Ozu

1962

  • Asta Nielsen
  • G. W. Pabst
  • Ingmar Bergman

1961

  • Richard Oswald
  • Billy Wilder
  • Akira Kurosawa

1960

  • 10 Jahre Goldener Berliner Bär
  • Musikfilme der Jahre 1930-1945
  • Musikfilme der Jahre 1930-1945 (Experimentalfilm-Sonderprogramme)

1959

  • Internationale Meisterwerke der ersten Tonfilmjahre

1958

  • Meisterwerke des internationalen Films von 1915 bis 1945

1957

  • Deutsche Künstler im ausländischen Film

1956

  • Humor der Nationen

1955

  • 60 Jahre Film

1954

  • Schau berühmter Filme

1951-1953

  • Stummfilme

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