Berlinale: Berlinale Kamera


Berlinale Kamera

Mit der Berlinale Kamera zeichnen die Internationalen Filmfestspiele Berlin seit 1986 Filmpersönlichkeiten oder Institutionen aus, denen sie sich besonders verbunden fühlen und denen sie mit dieser Ehrung ihren Dank ausdrücken möchten.

Bei den 69. Internationalen Filmfestspielen wurden vier Persönlichkeiten mit der Berlinale Kamera geehrt: die US-amerikanische Produzentin und IFP-Gründerin Sandra Schulberg, Wieland Speck, der langjährige Leiter der Berlinale-Sektion Panorama, die französische Filmemacherin Agnès Varda sowie der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Herrmann Zschoche.

Sandra Schulberg, Gründerin des IFP (Independent Filmmaker Project) USA)

Sandra Schulberg setzt sich seit langem aktiv für unabhängige Filmemacher*innen außerhalb der Hollywood-Studios ein und wird von der Berlinale für ihr 40-jähriges Engagement in diesem Bereich geehrt. 1979 rief sie das Independent Filmmaker Project (IFP) ins Leben, ein Jahr später war sie an der Gründung des unabhängigen Filmverleihs First Run Features beteiligt. 2008 startete sie die Kampagne IndieCollect zum Erhalt von Independent-Filmen. Außerdem ist sie Mitglied im Beirat des Women's Film Preservation Fund, der von New York Women in Film & Television ins Leben gerufen wurde.
Neben ihrem Einsatz für den unabhängigen Film zeichnete sie als Produzentin für zahlreiche Filme verantwortlich, darunter drei Werke, die bei der Berlinale ihre Premiere feierten: Exposed von Beth B (Panorama 2013), der Oscar-nominierte Quills (Quills - Macht der Besessenheit, 2000) von Philip Kaufman und Wildrose von John Hanson (Panorama 1984). 2004 kuratierte sie die Berlinale-Sonderreihe Selling Democracy – Welcome Mr. Marshall gemeinsam mit Dr. Rainer Rother. 2010 zeigte die Berlinale die von Sandra Schulberg restaurierte Fassung des Dokumentarfilms Nuremberg: Its Lesson For Today (Nürnberg und seine Lehre, 1948/2009) ihres Vaters Stuart Schulberg, der den ersten der Nürnberger Prozesse dokumentiert, im Berlinale Special.
Anlässlich des 40. Jubiläums des IFP erhält Sandra Schulberg in diesem Jahr die Berlinale Kamera beim EFM. Die Verleihung fand am 8. Februar im Gropius Bau Cinema statt.

Wieland Speck mit Festivaldirektor Dieter Kosslick

Wieland Speck, langjähriger Leiter der Sektion Panorama (Deutschland)

Wieland Specks kuratorische Arbeit trug maßgeblich zum Aufbau der Sektion Panorama als Plattform für den anspruchsvollen Independent-Film bei. Seit Mitte der 1970er Jahre war Speck in verschiedenen Bereichen von Film und Video sowie als Autor und Verleger tätig. Als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent realisierte er mehrere Kino- und TV-Produktionen. Außerdem war er als Darsteller u. a. in Filmen von David Hemmings, Robert van Ackeren, Ulrike Ottinger und Ian Pringle zu sehen. Er arbeitete bei zahlreichen Filmeinrichtungen und –festivals.
1982 kam er als Assistent des Programmleiters Manfred Salzgeber zur Berlinale-Sektion Panorama – damals noch Info-Schau genannt. In dieser Funktion initiierte er 1987 den TEDDY AWARD, den weltweit ersten Filmpreis für queeres Kino. 1992 übernahm Wieland Speck die Sektionsleitung, die er bis 2017 innehatte. In seiner Zeit beim Panorama programmierte und prägte er die Sektion entscheidend – thematisch, formell, geographisch. 1999 führte Speck mit dem Panorama Publikums-Preis eine Auszeichnung ein, die den Zuschauer*innen des Festivals das Wort erteilt und jährlich an einen Spiel- und einen Dokumentarfilm der Sektion vergeben wird.
Mit dem Sonderprogramm Panorama 40, das er anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Panoramas zusammen mit seinem langjährigen Mitarbeiter Andreas Struck kuratiert, verabschiedet sich Wieland Speck von der Berlinale.
Die Verleihung der Berlinale Kamera an Wieland Speck fand am 10. Februar im Meistersaal beim Panorama-Empfang statt. Die Laudatio hielt Rajendra Roy, der Chefkurator für Film beim MoMa und diesjähriges Mitglied der Internationalen Jury.

Die Preisträgerin mit Laudator Christoph Terhechte und Festivaldirektor Dieter Kosslick

Agnès Varda, Filmemacherin (Belgien / Frankreich)

Agnès Varda zählt zu den bedeutendsten französischsprachigen Filmemacher*innen der Gegenwart. Sie arbeitete zunächst als Fotografin am Theater in Paris, bevor sie 1954 ohne filmische Vorerfahrung ihren ersten Langfilm, La Pointe Courte, realisierte. Durch die Zusammenarbeit mit Alain Resnais, der den Film montierte, begegnete Varda der Gruppe um die Cahiers du Cinéma, dem Kern der Nouvelle Vague. Zu ihren weiteren Wegbegleitern gehörten Chris Marker und Jacques Demy. Ihr Film Cléo de 5 à 7 (Cléo - Mittwoch zwischen 5 und 7) feierte 1961 in Cannes Premiere und rückte sie endgültig ins Blickfeld der Anhänger*innen des neuen französischen Films. 1967 war Varda neben Claude Lelouch, Jean-Luc Godard und Chris Marker an dem Dokumentarfilm Loin du Vietnam (Fern von Vietnam) beteiligt. Bis heute drehte sie zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme, für die sie u.a. auf den Festivals in Venedig, Cannes und Berlin ausgezeichnet wurde. Ihr jüngster Film, die mit dem französischen Künstler JR entstandene Dokumentation Visages, villages (Augenblicke: Gesichter einer Reise), war 2018 für den Dokumentarfilm-Oscar nominiert.
Bei der Berlinale war Agnès Varda häufig zu Gast, davon vier Mal im Wettbewerb. 1965 erhielt sie den Großen Preis der Jury für Le Bonheur (Glück aus dem Blickwinkel des Mannes). Zuletzt präsentierte sie 2004 den Kurzfilm Le lion volatil im Berlinale Special.
Die Verleihung der Berlinale Kamera an Agnès Varda fand am 13. Februar im Berlinale Palast statt. Danach wurde die Weltpremiere von Vardas Dokumentarfilm Varda par Agnès außer Konkurrenz im Wettbewerb präsentiert.
Die Laudatio hielt Christoph Terhechte, langjähriger Leiter der Berlinale-Sektion Forum.

Herrmann Zschoche, Regisseur und Drehbuchautor (Deutschland)

Herrmann Zschoche nahm als DEFA-Regisseur mit seinen Kinder- und Jugendfilmen sowie seinen kritischen Gegenwartsfilmen maßgeblich Einfluss auf die Filmlandschaft der DDR.
Seine berufliche Laufbahn begann er als Assistent und Kameramann beim Fernsehfunk der DDR. Von 1954 bis 1959 studierte er Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam (heute Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF), bevor er eine Stelle als Regieassistent beim DEFA-Spielfilmstudio antrat. Seine erste eigenständige Regiearbeit war 1961 Das Märchenschloß. 1965 wurde sein gesellschaftskritischer Film Karla, zu dem Ulrich Plenzdorf das Drehbuch schrieb, verboten und konnte erst 1990 öffentlich gezeigt werden.
Ab den 1970er Jahren wendete sich Herrmann Zschoche verstärkt dem Jugendspielfilm zu und drehte unter anderem die viel beachteten Filme Sieben Sommersprossen (1978) und Insel der Schwäne (1983). 2002 veröffentlichte er seine Autobiografie „Sieben Sommersprossen und andere Erinnerungen“. Nach der Wiedervereinigung wirkte Zschoche unter anderem an den Fernsehserien Tatort, Kommissar Rex und Drei Damen vom Grill mit.
Die Verleihung der Berlinale Kamera fand am 10. Februar 2019 im Kino International statt, im Anschluss wurde Zschoches Romanverfilmung Das Mädchen aus dem Fahrstuhl (1991) als Berlinale Special gezeigt. Die Laudatio hielt Dieter Kosslick.

Berlinale Kamera

Die Berlinale Kamera wird seit 1986 verliehen. Bis 2003 war der Berliner Juwelier David Goldberg Stifter dieser Auszeichnung. In den Jahren 2004 bis 2013 übernahm das Düsseldorfer Atelier Georg Hornemann Objects die Stiftung des Preises und im Rahmen der Berlinale 2008 wurde die Trophäe vom Goldschmiedekünstler Hornemann neu gestaltet: Die Berlinale Kamera besteht aus 128 Einzelteilen und ist einer realen Filmkamera nachempfunden. Viele der Silber- und Titanteile von Schwenkkopf bis Stativ sind beweglich.