Berlinale: Berlinale Themen


NATIVe 2019: Decolonising the Screen

2019 navigiert uns NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema durch eine der wohl malerischsten Gegenden dieser Erde: die Pazifikregion. Zu erleben gibt es eine Vielfalt an Sprachen, Inseln und jede Menge Frauenpower. Im Interview erzählen die Co-Kuratorinnen Anna Kalbhenn und Maryanne Redpath über das indigene Filmschaffen im Pazifik, Umweltgefahren vor Ort, die Arbeitsweise von NATIVe und die Rolle kultureller Beratung für ein indigenes Filmprogramm mitten in Berlin.

Fiona Collins in Vai

Im diesjährigen Programm verknüpft Ihr zwei Schwerpunkte: Einen regionalen und einen auf weibliche Perspektiven. Lässt sich diese Verbindung in der Pazifikregion besonders gut beobachten?

Anna Kalbhenn: Ich bin mir nicht sicher, ob wir das wirklich so auf die Region beziehen würden. Wir würden aber auf jeden Fall sagen, dass diese Verbindung im indigenen Kino generell stark ist. Unsere Erfahrungen aus den letzten Jahren zeigen, dass Frauen im indigenen Film schon sehr lange sehr präsent und aktiv sind, sei es vor oder hinter der Kamera.

Awatea Mita, Merata Mita und Eruera 'Bob' Mita in Merata: How Mum Decolonised the Screen

Maryanne Redpath: Ein gutes Beispiel dafür ist die große Merata Mita, eine der bedeutendsten Maori-Filmemacherinnen und Aktivistinnen aus Neuseeland, die 2010 leider unerwartet verstorben ist. Sie ist die erste Maori-Regisseurin überhaupt. Bei NATIVe zeigen wir dieses Jahr einen Film über sie: Merata: How Mum Decolonised the Screen. Er wurde von Meratas Sohn Hepi Mita gedreht und handelt auch von ihrem Leben, ihrer Rolle als Mutter. Vor allem aber geht es natürlich um ihren Einfluss nicht nur auf die Maori-Filmindustrie sondern insbesondere auch darum, wie ihr Schaffen über Jahre hinweg das indigene Kino auf der ganzen Welt beeinflusste. Merata Mita stellt bis heute nicht nur für die eigene Community eine große Inspiration dar, sondern ist für indigene Filmschaffende weltweit eine äußerst wichtige Persönlichkeit.
Ähnliches gilt für Freda Glynn, auch eine sehr einflussreiche Frau. Im Dokumentarfilm She Who Must Be Loved zeigt ihre Tochter Erica Glynn, welche wegweisenden Schritte diese Aboriginal-Matriarchin gegangen ist, um die Medien in Australien zu indigenisieren.

Der Episodenfilm Vai

AK: Ein weiteres starkes Werk ist der diesjährige Eröffnungsfilm. Vai ist ein Episodenfilm, realisiert von acht Regisseurinnen, die in acht Geschichten, inszeniert auf sieben Pazifikinseln, jeweils von einer weiblichen Figur namens Vai erzählen. Vai als Kind, als Jugendliche, Erwachsene und später irgendwann als Großmutter. Ein Coming-of-Age-Film, der zugleich ein Film über das Leben und auch das Älterwerden ist. Wir fanden das Projekt auch so toll, weil wir hier das volle Programm haben: weibliche Hauptfigur, weibliche Regie, weibliche Produktion. Es ist der erste Film, bei dem Drehbuch, Regie und Produktion komplett in der Hand von Kiwi-Pacific-Frauen lagen.

Was auch auffällt, ist, dass viele Filme in Neuseeland oder Australien produziert wurden. Dabei umfasst der pazifische Raum doch so viel mehr als nur diese beiden Länder…

AK: Tatsächlich. Wenn man in unser Programm schaut, wird häufig eines dieser Länder als Produktionsland angeführt. Wenn man aber Details wie Handlungsort, Sprache oder Kultur näher betrachtet, ist man ganz schnell auf vielen Inseln. Das hat den Hintergrund, dass viele Inselbewohner*innen nach Neuseeland oder Australien migrieren, um dort ihre Ausbildung zu machen. Wenn sie später ein Filmprojekt realisieren, greifen sie meist auf Unterstützungen wie Filmförderungen oder andere Gelder aus dem Ausbildungsland zurück, da solche Strukturen auf den Inseln schlichtweg fehlen.

MR: Eine Filmindustrie im Pazifik zu identifizieren ist nicht einfach. Wenn es um die ganzen Inseln in Polynesien, Mikronesien und Melanesien geht, ist die Produktion meist nicht vor Ort ansässig. Ähnliches gilt auch für Hawaii, wobei die Produktion in dem Fall meist auf dem Festland, also den USA stattfindet. Das ist ganz schön bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der pazifische Ozean mit seinen unzähligen Inseln ungefähr ein Drittel der Erdoberfläche einnimmt. Und was noch unvorstellbarer ist: Viele dieser Inseln werden in Kürze nicht mehr existieren. Wirbelstürme, steigender Meeresspiegel, Küstenerosionen… Die Inseln verschwinden.

Stichwort Umwelt – Inwiefern spielt das Thema dieses Jahr eine Rolle bei NATIVe?

Michael Tatira und Mereana Bishop in Snow in Paradise von Justine Simei-Barton und Nikki Si'ulepa

AK: Unser letzter regionaler Schwerpunkt war die Arktis. Klimawandel, Erderwärmung und deren Konsequenz waren in dieser Region natürlich auch schon ex- oder implizit immer präsent. Was die beiden Regionen verbindet, ist, dass das Schmelzen des Eises in den Polarregionen zwangsläufig zum Anstieg des Meeresspiegels führt. Und gerade die Inselkulturen sind davon natürlich stark betroffen. Die Problematik der Umweltzerstörung und die Auswirkungen auf die Pazifikregion zeigen sich in vielen der Filme, wenn auch wieder eher implizit. Wir haben dieses Jahr nur einen Film, der sich direkt mit dem Thema befasst: der Kurzfilm Snow in Paradise von Justine Simei-Barton und Nikki Si'ulepa. Er lief 2012 schon mal im Generation-Programm. Der Film thematisiert Atomtests im Südpazifik, wie sie zum Beispiel von 1966 bis 1996 von der französischen Regierung durchgeführt wurden. Die umliegenden Inselbevölkerungen wurden damals nicht informiert, geschweige denn evakuiert. Viele Menschen hatten und haben bis heute noch mit katastrophalen Folgen zu kämpfen.

MR: Wir gehen davon aus, dass es auch deshalb weniger Filme gibt, die sich ganz explizit mit der aktuellen Umweltsituation beschäftigen, weil die Menschen dafür gerade keine Kapazitäten haben. Die Leute sind einfach viel zu sehr damit beschäftigt, die Inseln zu evakuieren, wie es momentan überall in der Pazifikregion passiert. Das ist eine Tragödie, die wir hier in Europa überhaupt nicht wahrnehmen. Manche der Betroffenen versuchen noch irgendwie in ihrer Situation auszuharren, aber es ist aussichtslos. Die Wellen durchfluten die Häuser, es gibt nichts, was sie zurückhalten könnte. Da bleibt natürlich keine Zeit, Filme zu machen…
Zum Thema Umwelt und Klimawandel werden wir wie jedes Jahr auch 2019 wieder einen Talk mit dem Alfred-Wegener-Institut veranstalten. Themen, die in unseren Medien leider oft wenig Beachtung erhalten, wollen wir hier in den Mittelpunkt stellen.

Bei fehlenden Infrastrukturen und bedrohlichen Umweltsituationen wundert es natürlich nicht, dass auch Migration und Diaspora in vielen Filmen eine Rolle spielen…

AK: Klar. Diese Themen finden sich in vielen der filmischen Erzählungen. Meist geht das mit der Beantwortung großer existentieller Fragen einher: Woher komme ich? Womit identifiziere ich mich? Wohin kehre ich zurück, wenn ich sterbe? Gerade für indigene Menschen ist die Verbindung zur Herkunft extrem wichtig.

For My Father’s Kingdom von Vea Mafile'o und Jeremiah Tauamiti

Beispielsweise der Dokumentarfilm For My Father’s Kingdom ist sehr bezeichnend für die spezielle Situation der Pacific Islanders, die in den frühen 1970er Jahren als Arbeitsmigrant*innen nach Neuseeland kamen. In dem Film von Vea Mafile’o und Jeremiah Tauamiti wird die Zerrissenheit dieser Menschen deutlich: Einerseits das Bedürfnis, sich irgendwie in der neuen Lebensrealität einzufinden, andererseits der Wunsch und das Pflichtempfinden, weiterhin Teil der zurückgelassenen Community zu sein.
Besonders interessant ist, dass der Film nicht nur die Perspektive der Betroffenen abbildet, sondern auch die der Nachfolgegeneration zeigt. Vea Mafile’o begleitet den Alltag ihres Vaters, der damals nach Neuseeland ging. Jahre später noch investiert er sehr viel Zeit und Energie, um Geld aufzutreiben, das er der Kirche von Tonga spendet. Er verschuldet damit nicht nur sich, sondern auch seine Kinder. Für die Tochter ist das zunächst völlig unbegreiflich. Als sie ihn jedoch nach Tonga begleitet, versteht sie zunehmend die existenzielle Verbundenheit des Vaters zur Community und zur eigenen Herkunft. Letztlich trägt dieses Erlebnis, diese Auseinandersetzung mit den Wurzeln, essentiell zum eigenen Selbstverständnis der Regisseurin bei.

Unabhängig von der Region setzen sich viele Filme im NATIVe-Programm mit dem Thema Kolonialismus auseinander. Dieses Jahr zeigt ihr unter anderem Mababangong bangungot (The Perfumed Nightmare) von Kidlat Tahimik. Der Film gilt als Meilenstein des postkolonialen Filmschaffens.

Mababangong bangungot von Kidlat Tahimik

AK: Der Film feierte 1977 seine Weltpremiere im Forum der Berlinale. Kidlat Tahimik war der erste philippinische Regisseur, dessen Film in Deutschland im Kino lief. Tahimik ist zwar kein indigener Regisseur, aber ist uns von unserem Berater Kanakan-Balintagos empfohlen worden. Kanakan-Balintagos ist ein indigener Filmemacher von den Philippinen und Tahimik wird in der Region als zentrale Figur auch für das indigene Filmeschaffen gesehen. Gerade weil er die Themen Kolonialisierung und Dekolonialisierung auf den Philippinen in seinen Filmen intensiv aufarbeitet.

Bei eurer Filmauswahl arbeitet ihr also mit indigenen Berater*innen zusammen?

MR: Ja, denn wir wollen die Leinwand entkolonialisieren. Das heißt, wir wollen bei NATIVe nicht Filme über indigene Menschen, sondern Filme von und mit indigenen Menschen zeigen. Um das zu garantieren, arbeiten wir von Anfang an mit einem engen Berater*innennetzwerk, das auf Vertrauen und Respekt basiert. Die meisten unserer Berater*innen sind entweder selbst indigen oder stehen eng mit einer indigenen Community in Verbindung. Sie beraten uns kulturell und helfen uns, Fragen zu klären, deren Antworten uns als nicht-indigenen Menschen erstmal unklar sein können.

AK: Unsere erste Anlaufstelle sind Berater*innen aus der jeweiligen Region, für die wir uns interessieren. Das können Produzent*innen oder Regisseur*innen sein, aber auch Festivalmacher*innen oder andere Menschen, die mit der Filmindustrie zu tun haben. Andererseits arbeiten wir auch sehr viel mit Bird Runningwater vom Sundance Institute und Jason Ryle von imagineNATIVE in Toronto zusammen. Das sind zwei Festivalmacher, die sich dank ihrer jahrelangen Erfahrung sehr gut mit dem internationalen indigenen Kino auskennen.

Ein Film, in dem Kolonialismus hingegen gar keine Rolle zu spielen scheint, ist Tanna, der 2017 als Bester Fremdsprachiger Film für einen Oscar nominiert war. Was hat Euch dazu bewegt, ihn mit ins Programm zu nehmen?

AK: Das stimmt, in Tanna spielt Kolonialismus keine Rolle. Hier geht es um einen Konflikt zwischen verschiedenen Stämmen, kombiniert mit einer Liebesgeschichte. Weiße Menschen kommen gar nicht vor – und das müssen sie unserer Meinung nach auch nicht immer. Wir finden es wichtig, da eine Balance zu finden. In gewisser Weise hat das auch etwas Dekolonisierendes.

Mungau Dain und Marie Wawa in Tanna von Bently Dean und Martin Butler

MR: Was uns außerdem gefallen hat, war der kollaborative Entstehungsprozess des Films. Auch dieser Film wurde nicht direkt von indigenen Regisseur*innen gemacht, ist aber in sehr enger Zusammenarbeit mit den Bewohner*innen von der Insel Tanna entstanden. Die beiden Regisseure Martin Butler und Dean Bentley haben extrem viel Zeit auf der Pazifikinsel verbracht, mit den Bewohner*innen dort gelebt und mit ihnen zusammen die Geschichte entwickelt. Und die Bewohner*innen haben dann auch als Schauspielende mitgewirkt. Hier kommt also wieder das Stichwort kulturelle Beratung auf. Nicht nur bei unseren eigenen Entscheidungen, auch bei der Entstehung von Filmen achten wir darauf, dass die nicht-indigenen Filmemacher*innen beraten wurden und das ernst genommen wurde.

AK: In Australien gibt es sehr viele Vorgaben und Auflagen, die eingehalten werden müssen, um überhaupt indigene Inhalte in einen Film einfließen lassen zu dürfen oder wenn man auf indigenem Territorium drehen möchte. Als Filmemacher*in ist man dann dazu verpflichtet, sich intensiv mit dem betreffenden Thema auseinanderzusetzen und mit der jeweiligen Community in Kontakt zu treten - sonst gibt es keine staatliche Förderung. Genau auf so etwas achten wir auch. Wenn wir Filme von nicht-indigenen Filmemacher*innen zeigen, dann nur, wenn sie mithilfe von Mentor*innen realisiert wurden.

Out of State von Ciara Lacy

MR: In diesem Zusammenhang würde ich abschließend gerne noch etwas zu unserer Arbeit und unserem Selbstverständnis ergänzen: Bei NATIVe zeigen wir indigenes Kino von indigenen Filmschaffenden. Unser Ziel ist es, ihnen eine Plattform zu bieten, um ihre Werke zu zeigen und sich gegenseitig auszutauschen. Wir wollen einen Raum für viele lebendige Diskussionen schaffen. In unseren Talks geht es viel um die Rolle des Kinos und die Aufgaben von Künstler*innen und Filmemacher*innen, immer in Bezug zum zeitaktuellen Geschehen.
Was wir dabei oft erleben, ist, dass es vielen Leuten gar nicht darum geht, einen indigenen Film zu zeigen, sondern einfach nur einen Film – unabhängig von der eigenen Herkunft. Und das zu Recht. Es ist uns deshalb sehr wichtig, immer wieder zu betonen, dass wir mit unserer Arbeit keine Nische aufmachen wollen. Dadurch würden indigene Gesellschaften nämlich nur noch weiter marginalisiert werden. NATIVe begreift indigenes Kino nicht als Genre, weil es keines ist. Im Gegenteil, das kinematografische Spektrum, das wir abdecken, ist sehr vielfältig. Es ist nicht immer einfach, dieses Anliegen problemlos umzusetzen, aber wir sehen es als Prozess. Da spielt die enge Verbindung und Zusammenarbeit mit unseren Berater*innen, den Filmschaffenden und Mitgliedern von indigenen Communities eine enorm wichtige Rolle.