Berlinale: Berlinale Themen


Perspektive Deutsches Kino 2017:
Generation Millennials

„Filme, die auf eine große Leinwand gehören“, „überraschend selbstsicheres Kino“, „witzig und klug“. Die Auswahl der Perspektive Deutsches Kino 2017 ist von starken Spielfilmen der Generation Millennials geprägt. Im Interview schwärmt Sektionsleiterin Linda Söffker vom diesjährigen Programm.

Kim Riedle in Back for Good von Mia Spengler

In der ersten Pressemitteilung zum diesjährigen Programm versprichst Du zehnfaches Glück beim Besuch der Perspektive. Was macht ein geglücktes Filmerlebnis für Dich aus?

Das kommt natürlich immer auf die Prämisse an unter der man ins Kino geht. Für mich ist ein Kinoerlebnis geglückt, wenn der Film meinen Kopf in Bewegung setzt und mich gleichzeitig emotional packt. Oder wenn ich am Anfang denke, warum soll ich mir das antun, am Ende aber dankbar bin für das Erlebte. Insofern ist das Filmjahr 2017 sehr glücklich für mich gestartet! Ich war sogar in der unangenehmen Situation, sehr vielen guten Filmen absagen zu müssen. Das Programm ist durchweg qualitativ hochwertig und wird von vielen stringent erzählten, inhaltlich sowie handwerklich starken Spielfilmen geprägt. Alles Filme, die auf eine große Leinwand gehören, die dramaturgisch überzeugen und kein unbedarftes Erstlingsgefühl vermitteln. Die außergewöhnliche Qualität unseres Eröffnungsfilms Back for Good ist für mich etwa, wie es die Regisseurin Mia Spengler mit einer sehr eigenen Handschrift schafft, dass man eine Figur wie Angie, die man anfangs total ablehnt, am Ende richtig gut leiden kann. Mia weiß genau, wovon sie erzählt, sie kennt das Milieu gut, das spürt man als Zuschauer einfach. Ergänzt wird das Programm durch die beiden sehr unterschiedlichen Dokumentarfilme Könige der Welt und Eisenkopf.

Helena Zengel in Die Tochter von Mascha Schilinski

Du hast die zweite Pressemitteilung mit „Generation Millennials“ überschrieben. Ist das in erster Linie auf das Alter der Filmemacher bezogen?

Nicht nur. Die meisten Regisseure sind tatsächlich Anfang 30 und somit durch die Zeit um die Jahrtausendwende geprägt. Und das sieht man natürlich auch in ihren Filmen. Zum Beispiel in der Art, wie ganz selbstverständlich vom Aufwachsen in unkonventionellen Familienmodellen erzählt wird, fast beiläufig, ohne großes Drama und ohne dass es explizit zum Thema gemacht wird. Beispielsweise in Ein Weg, einer behutsam erzählten Beziehungsgeschichte zwischen zwei Männern, wo der Sohn zuerst bei der Mutter und später bei zwei Vätern, Papa und Dad, aufgewachsen ist. Oder in Zwischen den Jahren, in dem Peter Kurth einen Ex-Knacki spielt, der versucht, sich ein neues Leben aufzubauen, und dabei eine alleinerziehende Frau kennenlernt, mit deren Sohn er sich vorsichtig annähert. Das wird nur am Rande erzählt, während der Haupterzählstrang geschickt die Täter-Opfer-Konstellation auf den Kopf stellt und um die Frage nach Schuld, Strafe, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung kreist. Die Tochter ist eigentlich das einzige Beispiel, in dem die Probleme von Trennungskindern explizit thematisiert werden und die Tochter zur geschickten Manipulatorin ihrer Eltern wird.

Anne Zohra Berrached in Millennials von Jana Bürgelin

Der Geist der Generation Millennials transportiert sich auch über einen gewissen Selbstverwirklichungs- und Individualisierungszwang. Auf der einen Seite gibt es die große Vereinzelung und auf der anderen die Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach Stabilität. Beispielhaft dafür ist Millennials von Jana Bürgelin: Anne Zohra Berrached, die letztes Jahr ihren Abschlussfilm 24 Wochen im Wettbewerb präsentiert hat, spielt darin die erfolgreiche Regisseurin Anne. Deren Mitbewohner Leo (Leonel Dietsche), ist im Film Fotograf, der um die Anerkennung seiner Bilder ringt. Beide arbeiten viel, kämpfen für ihre Projekte und ziehen auf der Suche nach Zugehörigkeit durch Berlin. Der Dokumentarfilm Könige der Welt von Christian von Brockhausen und Timo Großpietsch über die Band „PICTURES“, die zur Jahrtausendwende unter dem Namen „Union Youth“ erfolgreich war, liefert einen wirklich großartigen Soundtrack zu den Filmen dieser Generation.

Persönliche Filme mit Dringlichkeit

Kann das Einfließen-Lassen von persönlichen Erfahrungen der Findung einer eigenen Formsprache auch im Weg stehen?

Wenn man nicht genug Abstand zum Thema findet, besteht natürlich immer die Gefahr, dass man am Ende nur einen Tagebucheintrag verfilmt. Gerade beim Nachwuchs, wo persönliche Geschichten und Themen wie die erste Liebe, die erste Trennung, die Suche nach dem verlorenen Vater immer wiederkehren. Auf der anderen Seite können gerade diese persönlichen Filme besonders stark, besonders emotional sein. Sie lassen den Zuschauer die Dringlichkeit spüren, mit der die Filmemacher ihre Geschichten erzählen. Sie müssen ihre Gedanken rauslassen, sonst drohen sie zu platzen. Adrian Goiginger hat beispielsweise seine eigene Kindheit verfilmt. Er ist bei seiner heroinsüchtigen Mutter aufgewachsen und erzählt in Die Beste aller Welten von der Liebe seiner Mutter, die ihm trotz der Drogensucht eine glückliche Kindheit geschenkt hat. Die beste aller Welten eben. Der Regisseur hat dafür eine Erzählform gefunden, die uns die Liebe der beiden so nahe bringt, dass am Ende sicher alle Zuschauer im Kino den achtjährigen Jungen und (!) seine Mutter adoptieren wollen. Das ist überraschend selbstsicheres Kino, das eine universelle Geschichte erzählt.

Julian Radlmaier in seinem Film Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Der zweite Langfilm von Julian Radlmaier ist ein anderes tolles Beispiel. Komödien finden sich eher selten im Nachwuchsbereich und Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes ist nicht nur sehr witzig und von einer außergewöhnlichen Leichtigkeit, sondern gleichzeitig ein sehr kluger Film. Julian Radlmaier verbindet die Auseinandersetzung mit politischen und filmpolitischen Themen mit einer Liebesgeschichte und so entsteht ein modern erzähltes Märchen über den Kommunismus. Mit „modern“ meine ich weniger das Setting, als vielmehr seine Art zu erzählen, der man wiederum seine Beschäftigung mit der Filmgeschichte anmerkt. Radlmaier kennt seine Vorbilder und ist sehr präzise in Lichtsetzung und Kameraarbeit. Er brennt für seine Idee und hat es mit dieser Gabe geschafft, einen Produzenten zu überzeugen - auch wenn der Film auf den ersten Blick nicht nach einem leicht zu verkaufenden Stoff aussieht. Auf der dritten Ebene erzählt Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes genau davon: von der Suche nach Finanzierung, vom Abgelehnt-Werden, von Selbstaufopferung und –täuschung, die im schlimmsten Fall dazu führt, sich selbst und die Leute, mit denen man arbeitet, zu verraten.

Deutschland heute

Den Geist des deutschen Filmnachwuchses widerzuspiegeln ist Dir ein Anliegen. Welches Bild von Deutschland zeichnen die Filme?

Das kritischste Bild zeichnen die drei mittellangen Arbeiten Kontener, Mikel und Tara, die sich alle, wenn doch auf sehr unterschiedliche Art und Weise, mit dem Nachdenken über Europa beschäftigen. Mikel ist ein junger Flüchtling aus Nigeria, der illegal in Berlin lebt und in Schwarzarbeit Wohnungen für einen Immobilienmakler renoviert. Die Branche boomt, der Wohnraum ist knapp, die Interessenten stehen Schlange. Nur Mikel soll am besten unsichtbar bleiben und die Besichtigungen nicht stören. Er sehnt sich nach einem normalen, würdevollen Leben, möchte Freunde finden, ein Mädchen kennenlernen. Oder muss er einfach nur dankbar sein für eine Arbeit, die ihn letztlich davon abhält, wirklich anzukommen? Solange er dieses Gefühl, angekommen zu sein, nicht verspürt, zögert er es hinaus, den Eltern in der Heimat zu schreiben. Ein sehr bewegender Film mit einer tollen Kamera und der erste an der Universität der Künste Berlin entstandene Film, den ich in die Perspektive eingeladen habe. Der Regisseur Cavo Kernich hat in der Klasse „Narrativer Film“ bei Thomas Arslan studiert und an dessen Wettbewerbsbeitrag Helle Nächte als Regieassistent mitgewirkt.
Auch die beiden Polinnen in Kontener sind in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen. Sie arbeiten auf einem Milchhof in Brandenburg im Schichtbetrieb. Zwei Container dienen ihnen als Wohnraum, wobei wohnen schon zu viel gesagt ist.
Tara wiederum spielt in der nahen Zukunft. Eine junge Frau flüchtet von Paris aus nach Osten. Auch sie macht sich auf den Weg zu einem ungewissen Ort, von dem es heißt, dort sei ein alternatives Leben möglich. Eine Utopie, die dem Traum von einem besseren Leben eine andere Richtung gibt: von Westen nach Osten.

Auch in Gabi schwingt die Frage nach einem würdigen Leben, einer würdigen Arbeit mit...

Florian Kroop und Gisa Flake in Gabi von Michael Fetter Nathansky

Gabi ist Fliesenlegerin und hat sich ihren Platz im unteren Mittelstand sehr hart erarbeitet. Sie hat Rückenschmerzen, kümmert sich um ihren alten Vater, hat Verständnis für ihre schwangere Schwester, versucht den Betrug ihres Freundes zu ignorieren… Sie macht einfach immer weiter und weiter. Weil ihr Lehrling Angst vor dem bevorstehenden Trennungsgespräch mit seiner Freundin hat, bittet er Gabi, mit ihm das Schlussmachen zu proben. Mit der Zeit gefällt Gabi dieses Spiel und fortan stellt sie selbst schwierige Situationen in verschiedenen Tonlagen nach - ein Weg, endlich ihren Frust über die Doppel-, Dreifach- und Vierfachbelastung loszuwerden.

Förderung

Spricht die Tatsache, dass elf von 14 Filmen an Hochschulen entstanden sind für die Qualität der Ausbildung?

Es ist wirklich sehr auffällig, wie viele Abschlussfilme es ins diesjährige Programm geschafft haben. Ich denke schon, dass sich hier das handwerkliche Rüstzeug zeigt, das den Filmschaffenden von den Hochschulen mitgegeben wird, aber auch der technische Support für die Produktion solch gut erzählten Kinos - und ich sage bewusst Kino. Viele Filme sind in Co-Produktion mit externen Produktionsfirmen entstanden, was wiederum auch Probleme mit sich bringen kann, wenn durch die Unterstützung von außen die Beistellungen der Hochschulen zurückgefahren werden. „Fluch oder Segen – Förderung von Abschlussfilmen“ ist deshalb auch Thema einer unserer beiden „Reden über Film“-Veranstaltungen.

Aaron Hilmer in Final Stage von Nicolaas Schmidt

Welchen Film ich in diesem Zusammenhang unbedingt noch erwähnen möchte, ist Final Stage. Mit ihm wird zum zweiten Mal ein Film der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) in unserer Sektion zu sehen sein und die längste Kamerafahrt, die ich in all meinen Jahren als Programmerin der Perspektive gesehen habe. Über elf Minuten folgen wir dem jungen Mann Ray durch das größte Einkaufzentrum Hamburgs. Der Film sticht formal absolut heraus durch seinen filmischen Balanceakt zwischen dokumentarischer Beobachtung und subtiler Inszenierung.

Um noch mal auf das filmische Handwerk zurückzukommen. Auch Ihr gebt den Filmschaffenden etwas mit auf ihren Weg, wenn Ihr in Zusammenarbeit mit Berlinale Talents den Kompagnon-Förderpreis zur Unterstützung der unabhängigen Drehbuch- bzw. Projektentwicklung vergebt.

In den letzten Jahren wurden immer wieder mehr Investitionen in die Drehbücher gefordert. Wie fruchtbar das ist, kommt auf die Art und Weise der Förderung an. Wenn die Förderung darauf abzielt, dass die Bücher bestimmten Formaten genügen und sich immer ähnlicher werden, macht das die Filmlandschaft kaputt. Unser Ansatz ist es deshalb, den Stipendiaten neben 5.000 € individuelle Hilfe zu bieten und sie mit den passenden Mentoren zusammen zu bringen, die den Prozess des Schreibens, aber auch die persönliche Entwicklung über ein Jahr begleiten – wie ein richtiger Kompagnon eben. Zusätzlich vergeben wir einen Preis für den besten Film - den Kompass-Perspektive-Preis - der Mut machen soll, weiter an der eigenen Handschrift zu arbeiten, und der ebenfalls mit 5.000 € dotiert ist. Beide Preise werden am Abschlussabend der Perspektive Deutsches Kino, am Freitag, den 17. Februar von der Kompagnon-Förderpreis-Jury vergeben: Sigrid Hörner, Feo Aladag und Johannes Naber.