Berlinale: Berlinale Themen


Generation 2016:
Dramatische Fallhöhen

Fantastische Traumwelten, sensible Einblicke, starke Dokumentarfilme. Die Filme der Kinder- und Jugendsektion Generation führen die Zuschauer auf vielseitige Weise in das Innenleben ihrer Protagonisten. Im Interview gibt Sektionsleiterin Maryanne Redpath einen Ausblick auf das diesjährige Programm und freut sich auf originelle Zuschauerreaktionen.

Sukhbat Batsaikhan in Zud von Marta Minorowicz

Mit über 2000 Lang- und Kurzfilmen sind in diesem Jahr mehr Einreichungen denn je bei Generation eingegangen. Wie erklärst Du dir die hohe Einreichungszahl?

Wirklich erstaunlich, zumal wir die Richtlinien für die Einreichung von Kurzfilmen strammer gezogen haben. In vielen Geschichten, bei denen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt stehen, ist die Fallhöhe dramatischer als bei Erwachsenen. Das macht die Stoffe für Autoren und Dramaturgen besonders interessant. Und der enge Kontakt, den wir seit Jahren über den European Film Market mit der Branche pflegen, zahlt sich aus.

Im Anschluss an die Filmvorführungen von Generation haben die jungen Zuschauer die Möglichkeit, ihre Meinung zu den Filmen in Fragebögen loszuwerden. Inwiefern ergeben sich für Euch aus den Bewertungen neue Blickwinkel auf die Filme?

Originelle Sichtweisen und neue Aspekte - genau darum geht es uns. Wir formulieren die Fragen absichtlich sehr offen - Was hast du gefühlt? Was hättest du anders gemacht? Was ist für dich der Höhepunkt des Films? – um einen Anstoß zu geben, über das Gesehene zu sprechen. In den Antworten finden sich dann oft sehr ehrliche, tolle Bemerkungen, an die ich so noch gar nicht gedacht habe. Eine Auswahl der Antworten leiten wir auch an die Regisseure weiter, die sehr dankbar für aufgeschlossene, kritische und reflektierte Bemerkungen sind. Und über die Fragebögen bewerben sich die Zuschauer gleichzeitig für die Kinder- und Jugendjury.
Es ist spannend zu sehen, wie unsere kleinsten Zuschauer bis etwa acht Jahre, für wahr halten, was sie im Kino sehen. In den Q&As werden insbesondere die Schauspieler dann gefragt, ob das Bein nach dem Fahrradunfall noch weh tut oder ob sie gerade beim Frisör waren, weil die Frisur jetzt so anders ist. Wir arbeiten deshalb mit professionellen Moderatoren, die Brücken in die Gespräche hineinbauen und die Kinder an die Hand nehmen.
Die älteren Kinder und Jugendlichen setzen sich stärker mit dem Medium Kino auseinander. Manche nehmen die Fragebögen mit nach Hause, um den Film nachwirken zu lassen und das Echo, das er auf ihre Umwelt wirft, aufzuspüren.

Choi Soo-in in Woorideul von Yoon Ga-eun

Ich bin dieses Jahr sehr gespannt auf die Reaktion auf den koreanischen Film Woorideul (In unserer Welt), den ersten Langfilm von Yoon Gae-eun, die 2014 mit ihrem Kurzfilm Sprout den Gläsernen Bären für den Besten Kurzfilm im Kplus-Programm gewonnen hat. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das zierliche Mädchen Sun, eine Außenseiterin in ihrer Klasse. Als sie sich mit „der Neuen“ anfreundet, bekommen die Verhältnisse zwischen den Schulkameradinnen eine interessante Dynamik, die typisch ist für Mädchen in diesem Alter. Man nähert sich an und von einem Moment auf den anderen kann die gerade geknüpfte, zarte Freundschaft wieder auseinanderbrechen. Der Film ist sehr atmosphärisch, gibt einen sensiblen Einblick in das Innenleben seiner Protagonistin, ohne dass nach Außen viel passiert. Ich bin mir sicher, dass In unserer Welt seine echten Liebhaber unter den Kindern finden wird.

Fantastische Traumwelten

In Your Dreams, Girl Asleep, Starless Dreams, The Dreamer, Mia schläft Woanders. Die Filmtitel des diesjährigen Programms lassen auf verträumte Protagonisten schließen. Flüchten sich die Kinder und Jugendlichen in ihre eigenen Welten?

Fantastische, zum Teil surreale Traumwelten sind tatsächlich ein Schwerpunkt in diesem Jahr. Und in einigen Fällen sind diese Welten Zufluchtsorte, um den gesellschaftlichen, religiösen oder politischen Zwängen zu entgehen. Nicht selten verschwimmt dabei die Grenze zwischen Imagination und Realität.

Wir eröffnen den Wettbewerb von Generation 14plus mit Girl Asleep von Rosemary Myers aus Australien, ein Film der in den 1970er Jahren spielt und mich in seiner Ausstattung und Bildsprache sehr an Wes Anderson erinnert. Die Protagonistin Greta wird 15 und flüchtet vor ihrer eigenen Geburtstagsparty, die ihre hippen Eltern für sie veranstalten, in eine skurril-gefährliche Traumwelt voller seltsamer Wesen. Hier erlebt sie ihr Coming-of-Age und erst am Ende des Films kehrt sie zur Party zurück und stellt sich der Situation.

In Ani ve snu! (In Your Dreams!) gerät die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit noch stärker ins Wanken. Die 16-jährige Laura ist Parkour-Läuferin, springt von Dach zu Dach, und überwindet Salto schlagend jedes Hindernis. Als sie sich in einen Jungen aus der Gruppe verguckt, kann sie ihre Gefühle nur im Traum ausleben und die Angst vorm Fallen wird zu einer Metapher. Und in Siv sover vilse (Mia schläft woanders), dem Kplus-Eröffnungsfilm von Catti Edfeldt und Lena Hanno Clyne aus Schweden, entdeckt die kleine Mia bei ihrem ersten Übernachtungsbesuch im Haus ihrer besten Freundin ein Reich voller Geheimnisse.

Die Protagonistinnen in Royahaye Dame Sobh (Starless Dreams) wiederum träumen von einer besseren Zukunft - in sternenlosen Nächten, denn der Dokumentarfilm portraitiert junge Frauen, die in Teheran in einem „Korrektur- und Rehabilitationszentrum“ einsitzen. Ihre Verbrechen reichen von harmlosen Spaziergängen mit einem Freund, über die Anschuldigung, eine Vergewaltigung provoziert zu haben, bis hin zu Raub und sogar Mord. Einige der Mädchen fühlen sich im Gefängnis wohler als bei ihren Familien. Sie ringen um Würde und der Regisseur Mehrdad Oskouei schafft es, ihnen durch seinen Film die Achtung vor sich selbst zurückzugeben. Wirklich ein beachtlicher, sehr respektvoller Dokumentarfilm und ein seltener Einblick in eine geschlossene Welt.

Life on the Border von Hazem Khodeideh, Basmeh Soleiman, Sami Hossein, Ronahi Ezaddin, Diar Omar, Delovan Kekha, Mahmod Ahmad und Zohour Saeid

Starke Dokumentarfilme

Mit Life on the Border und Genç Pehlivanlar (Junge Ringer) finden sich zwei weitere starke Dokumentarfilme im Programm. Weisen die Filme formale Besonderheiten in Hinblick auf ihr junges Zielpublikum auf?

Life on the Border ist insofern ein Sonderfall, als es sich um ein Projekt des kurdischen Filmemachers Bahman Ghobadi handelt, der acht Kindern aus den Flüchtlingslagern von Kobanê und Singal die Möglichkeit gegeben hat, ihre Geschichten mit der Kamera zu erzählen. Normalerweise zeigen wir keine Filme von Kindern. Hier machen wir eine Ausnahme, denn der Film ist wirklich eine einzigartige Einladung, das Leben der jungen Menschen durch ihre Augen sehen zu dürfen. Die Filme sind wirklich herzzerreißend, mal poetisch, dann dramatisch und tragisch, andere sehr politisch. Bahman Ghobadi wird Life on the Border gemeinsam mit einem der beratenden Regisseure, Shaho Nemati, im Rahmen einer moderierten Veranstaltung im Haus der Berliner Festspiele vorstellen.

Junge Ringer und Starless Dreams hingegen laufen gleichberechtigt neben den vielen fiktionalen Stoffen im Wettbewerb von Generation Kplus und 14plus. Beides sind keine Dokumentarfilme, die explizit für junge Menschen gemacht wurden - danach suchen wir auch gar nicht.
Junge Ringer ist ein sehr haptischer Film in der Art wie er junge Ringer beim Training im Sportinternat in der türkischen Provinz zeigt: keine Szene, in der nicht der eine den anderen anfasst, Haut und Muskeln sich berühren. Gleichzeitig lernt man die Jungs kennen, ihren Umgang mit Konkurrenz und Freundschaft, Gewinnen und Verlieren.

Filme in Bewegung

Skatekeet von Edward Cook

Der Umgang mit dem sportlichen Ehrgeiz spielt auch in weiteren Filmen eine Rolle. Der spielerische Aspekt scheint dabei weniger wichtig. In Zud beispielsweise kämpft ein Nomadenjunge um den Familienunterhalt.

In Zud steht tatsächlich mehr auf dem Spiel als die Ehre. Der junge Mongole Sukhbat, der das Reiten im Blut hat, trainiert sehr hart für einen Wettkampf, denn das Preisgeld würde die Familie finanziell retten. Gleichzeitig will Sukhbat auch die Aufmerksamkeit und Liebe seines Vaters gewinnen.

Born to Dance wiederum ist ein sehr erfrischender Tanzfilm von Tammy Davis aus Neuseeland. Er erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte und besteht fast zur Hälfte aus sehr beatlastigen Hip-Hop-Tanzsequenzen und macht großen Spaß. Genau wie unsere beiden kurzen Skateboard-Filme Crystal Lake über eine energiegeladene Mädchengruppe, die den Skatepark übernehmen, und Skatekeet aus Holland, in dem die Klassenkameradinnen der kleinen Keet ihre Begeisterung für den Jungssport nicht teilen können. Und auch die kleine Außenseiterin Ninnoc, die Titelheldin des gleichnamigen semi-dokumentarischen Kurzfilms, findet über den Tanz zu einem stärkeren Selbstbewusstsein.

Gibt es weitere Querverweise, die sich durchs Programm ziehen?

Pavel Chinarev in Triapichniy Soyuz von Mikhail Mestetskiy

Rebellion. Von dem französischen Film Ma Révolution über einen Jungen mit tunesischen Wurzeln, der über Nacht zum Gesicht für die Solidaritätsbewegung mit dem Arabischen Frühling in Paris wird und der eigentlich vielmehr mit seinen aufgewühlten Gefühlen für ein Mädchen beschäftigt ist, über eine anarchische Gruppe junger Männer, deren überschäumende Energie in Triapichniy Soyuz (Rag Union) aus Russland über einen wilden Bilder- und Erzählrausch transportiert wird, bis zu Zhaleika, in dem die Protagonistin Lora aus der Starre der religiösen und sozialen Bräuche ihres bulgarischen Dorfes auszubrechen versucht. Dieses Thema des Aufbruchs ist schon immer typisch für die Filme von Generation, sie sind so dynamisch, immer in Bewegung, energiegeladen.

Wie werden die Gegensätze zwischen der Erwachsenen- und der Jugendwelt inszeniert?

Formal sticht insbesondere der schwedische Film 6A heraus. Der Spielfilm observiert einen außerordentlichen Elternabend, bei dem Mobbing-Vorwürfe gegen drei Mädchen verhandelt werden. Ich sage bewusst observieren, da es so wirkt, als würden die Geschehnisse mit einer versteckten Kamera dokumentiert. Die Schuldirektorin ist anwesend, eine Lehrerin, die Eltern und die drei beschuldigten Mädchen, die störrisch dabei sitzen und über deren Köpfe hinweg entschieden wird. Die Situation ist höchst unangenehm, eigentlich kaum zu ertragen und entlarvt den Egoismus und die Engstirnigkeit der Eltern, die Hilflosigkeit der Lehrerin und die strukturellen Problematiken innerhalb des Systems Schule.

Ashanth K Sha und Kumarakom Vasavan in Ottaal von Jayaraj Rajasekharan Nair

Sairat (Wild) aus Indien erzählt in epischer Breite von einer unmöglichen Liebe zwischen einem jungen Cricket-Spieler und einem Mädchen aus einer höheren Kaste. Die erste Hälfte des Films ist hell, fröhlich und bewegt, die zweite dunkel, dreckig und schwierig. Im Kplus-Programm haben wir auch einen Film aus Indien, der mit ähnlichen Kontrasten arbeitet: Ottaal (Die Falle), ein bewegendes Plädoyer gegen Kinderarbeit. Der Film konzentriert sich auf die glückliche Zeit eines Achtjährigen, der von seinem Opa, einem Entenhirten, aufgezogen wird. Sie leben in paradiesisch schöner Umgebung, die Landschaftsbilder wirken geradezu surreal, und das Leben scheint leicht und unbeschwert. Doch was wir sehen, ist die Erinnerung des Jungen, der am Anfang des Films einen Brief an seinen Opa schreibt, in dem er ihn anfleht, ihn von der beschwerlichen Arbeit in einer Feuerwerksfabrik zu befreien. Ich denke, bei diesem Film müssen wir besonders sensibel bei der Altersempfehlung sein und Gespräche forcieren, die das Gesehene auffangen. Erwachsene sind oft geneigt, ihren Kindern solche härteren Stoffe vorzuenthalten, verwehren ihnen dabei gleichzeitig aber oft auch die Möglichkeit, einen Umgang damit zu finden.