Berlinale: Berlinale Themen


Berlinale Shorts 2016:
Kino muss es sein

2016 laufen 25 Filme aus 21 Ländern im Wettbewerb der Berlinale Shorts. Darunter Auseinandersetzungen mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen, große Kinobilder und surreale Animationen. Im Interview spricht Maike Mia Höhne über die diesjährige Auswahl und ihre Handschrift als Kuratorin.

Lucas Doméjean in Notre Héritage von Jonathan Vinel in Zusammenarbeit mit Caroline Poggi

Filme von früheren Berlinale-Shorts-Regisseuren stellen in diesem Jahr fast die Hälfte der Auswahl. Die Gewinner des Goldenen Bären 2014, Jonathan Vinel und Caroline Poggi (Tant qu'il nous reste des fusils à pompe / Solange uns Pumpguns bleiben, Berlinale Shorts 2014), sind mit ihrem neuen Film Notre Héritage (Unser Vermächtnis) zurück. Wie hat sich ihre Formsprache entwickelt?

Mich hat die Klarheit der These beeindruckt, die die beiden mit ihrem neuen Film diskutieren: Lucas ist der Sohn des berühmten Pornoregisseurs Pierre Woodman. Also solcher versucht er sich und seinen Vater in Beziehung zu setzen und durch die Pornographie hindurch einen Zugriff auf die Liebe zu erlangen.
Auf der formalen Ebene beeindruckt mich ihr freier Umgang mit dem Material. Das Internet ist ihre Quelle, sie bedienen sich der Ästhetik von Computerspielen, den zugänglichen Filmen von Pierre Woodman, inszenieren Ritter und Ritterin - erschaffen eine eigene Welt, bei der nicht klar ist, wo die Vorstellung anfängt, was real und was Fantasie ist. Und dann nehmen sie sich die Casting-Bilder von Woodman, nackte Frauen, auf allen vieren, von hinten fotografiert. Und schauen ganz genau hin. Solange, bis es wehtut.

Europäische Kinogeschichte und die digitale Welt

Vintage Print von Siegfried A. Fruhauf

In der Programmauswahl haben sich dieses Jahr zwei Trends gezeigt. Zum einen die Auseinandersetzung mit der europäischen Kinogeschichte, wie in dem wunderbar montierten Film personne von Christoph Girardet und Matthias Müller oder bei Gabriel Abrantes aus Portugal, der in Freud und Friends den Mut hat, keine Achtung zu haben vor den großen Helden.
Und zum anderen das Videobild als Erinnerungsbild, wie in Oustaz von Bentley Brown aus dem Tschad, in dem er in Gedenken an einen verstorbenen Freund Videoaufnahmen aus seiner Kindheit und Jugend zu einem essayistischen Tagebuchfilm montiert.

Du meinst also, es zeigt sich eine Generation von Filmemachern, deren Erinnerungen nicht auf Film, sondern auf Video festgehalten sind?

Genau, für Jonathan Vinel und Caroline Poggi ist der Look von Celluloid-Filmen mit ihren Kratzern in dieser Hinsicht überhaupt nicht interessant. Wir eröffnen das Festival mit einem Film, der die Frage nach der Erinnerungsabbildung ganz gut vorgibt: Vintage Print von Siegfried A. Fruhauf aus Österreich. Eine Fotografie auf Glasplatte, dem Trägermedium für das Negativ im ausgehenden 19. Jahrhundert, wird über den Film in die digitale Welt überführt.

LOVE von Réka Bucsi

Weil Du vorhin nach Filmemachern gefragt hast, deren Schaffen wir verfolgen: Nach Symphony no.42 (Berlinale Shorts 2014) hat die ganze Szene auf den neuen Film von Réka Bucsi gewartet. Und hier ist er: LOVE. Réka stellt fest, dass das Wort LOVE eigentlich schon gar kein Wort mehr ist. Die Buchstaben, die Formen sind selbst zu einem Bild geworden. Und diese These ANIMIERT sie in ihrem FILM mit surrealen Situationen, die das Gefühl zum Ausdruck bringen wollen.

Und wen ich in diesem Zusammenhang auch unbedingt noch erwähnen muss ist Kazik Radwanski, der schon drei Filme bei den Shorts präsentiert hat (Princess Margaret Blvd. – 2009, Out in that Deep Blue Sea – 2010 und Green Crayons – 2011) und dessen zweiter Langfilm How Heavy This Hammer dieses Jahr im Forum läuft. Dazu kommt, dass er mit seiner Produktionsfirma MDFF noch einen zweiten Film im Forum zeigt: Tales of Two Who Dreamt von Andrea Bussmann und Nicolás Peredas. Kazik Radwanski macht formal ganz eigenes fiktionales Kino, ganz nah, ohne kitschig zu sein.

A Man Returned von Mahdi Fleifel

Besondere Einblicke

Eine direkt Fortschreibung der Geschichte ist A Man Returned - bereits der dritte Film von Mahdi Fleifel, in dem er den Weg seiner Jugendfreunde mit der Kamera begleitet...

Eigentlich weniger eine Fortschreibung als die andere Seite der Geschichte. Reda, einer der Neben-Protagonisten aus Mahdis Film Xenos (Berlinale Shorts 2014) ist nach drei Jahren, in denen er sich vergeblich um seine Anerkennung als Flüchtling in Athen bemüht hat, zurück in Ain El-Helweh, dem größten palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon. A Man Returned geht der Frage nach, wie es sich anfühlt, wenn man es nicht geschafft hat. Wieso bleiben so viele Menschen hier in Europa, obwohl sie in den Untergrund gehen und ohne Papiere leben müssen? Weil es viel Mut erfordert zurückzugehen.
A Man Returned ist in seinem Stil des cinéma direct sehr nah an seinem Protagonisten. Die Lebensumstände im Lager werden spürbar. Reda ist 26 und total auf Droge. Die letzten drei Jahre hat er in Athen auf der Straße gelebt. Die Szene, die auf mich den stärksten Eindruck gemacht hat, ist die, in der Reda Handybilder von über das Lager hereinbrechenden Kriegshandlungen kommentiert: Er protzt mit seiner coolen Pose. Ein besonderer Einblick in seinen Alltag, der mich als Zuschauerin sprachlos zurücklässt. Und über allem geht es um das eine: die Hochzeit und mit ihr die Erlösung aus diesem Leben.
Gleichzeitig schwingt auch die Problematik mit, dass Mahdi Fleifels Filme alle vom Schicksal ihrer Protagonisten getragen werden. Sein Erfolg ist auf dem schlechten Leben der Anderen begründet. Das musst Du erst mal aushalten als Regisseur.

Bai Niao von Wu Linfeng

Kino muss es sein

Durch die Programmierung und Kombination der Filme lenkst auch Du den Blick des Zuschauers. Wie würdest Du Deine eigene Handschrift beschreiben?

Sex und Politik. Sinnlichkeit und Körper. Und Kino muss es sein. Also gedachtes Bild. Wie in Bai Niao (Weißer Vogel) von Wu Linfeng. Dem Film siehst Du einfach an, wie viele Gedanken sich der Regisseur über die Bilder und den Rhythmus gemacht hat. Genau wie Notre Héritage. Der Protagonist aus Bai Niao ist HIV-positiv. Als eine entfernte Verwandte zu Besuch kommt, schläft er mit ihr. In den letzten sieben Minuten des Films werden durch die Konzentration des Bildes kleine Verschiebungen spürbar, die Moral mit einem weißen Handtuch zugedeckt. Die Trennlinie zwischen dokumentarischem und fiktionalem Material wird unterlaufen, ein Blick auf das Dazwischen möglich.

Auch Nimit Luang (Prelude to the General) von Pimpaka Towira aus Thailand ist sehr genau in der Montage, im Bildaufbau, in der Inszenierung und bleibt dabei doch geheimnisvoll. Im Kontext der thailändischen Geschichte wird der Film Ausdruck des kollektiven Traumas. Das Vergangene greift auf die Zukunft vor und so gibt es auch für die Protagonistin kein Entkommen, trotz einer anfangs ausgesprochenen Warnung.

Mein Traum wäre es, die Programme einmal durchlaufen zu lassen - ohne Unterbrechungen, am liebsten keinen Abspann, kein Schwarz – einfach von einer Stimmung, einer Farbe in die nächste überleitend. 90 Minuten lang. 120 Minunten lang. Tagekurz.

Die Unzugänglichkeit der griechischen Antike und ihre Folgen von Gerrit Frohne-Brinkmann und Paul Spengemann

Die filmischen Kontexte sind für das Filmverständnis vielerShorts entscheidend. In Die Unzugänglichkeit der griechischen Antike und ihre Folgen wird die Kenntnis des auf Altgriechisch vorgetragenen Textes vorausgesetzt…

Es stimmt, der Film mag zunächst rätselhaft erscheinen. Aber durch seinen Rhythmus, seine stimmigen Bilder fällt er sofort auf. Ich habe den Film schon beim ersten Sehen als Skulptur empfunden. In der Recherche kam dann raus, dass Gerrit Frohne-Brinkmann an der HfBK in Hamburg Bildhauerei studiert hat. Auch ohne die Kenntnis des Textes - es handelt sich um „Die Perser“ von Aischylos, das älteste erhaltene Drama der Welt - schafft der Film über die Bilder eine Verbindung zum Zuschauer. Durch die Räume Aula, Turnhalle, Cafeteria, Bibliothek, Flure, zu denen jeder Assoziationen aus der Schulzeit hat, von Demütigung oder auch nicht.

Ähnlich bei Hopptornet (Zehn-Meter-Turm) von Axel Danielson und Maximilien Van Aertryck aus Schweden. Ein ganz klassischer Kurzfilm mit einer klaren Versuchsanordnung. Die Kamera ist auf die Plattform eines Zehn-Meter-Turms gerichtet und sofort setzt die Erinnerung an das Gefühl ein, wie es ist, dort oben zu stehen. Bin ich gesprungen? Oder nicht? Die Anspannung. Die Befreiung. Durch das gemeinsame Filmerlebnis im Kino wird der Film so richtig Spaß machen. Ich wette, die Zuschauer werden sehr direkt auf den Film reagieren.

Konzentrierte Bilder

Ein Film des diesjährigen Programms wird außer Konkurrenz gezeigt. Warum hast Du Los Murmullos (Gemurmel) in die Auswahl aufgenommen?

Los murmullos von Rubén Gámez

Seit einigen Jahren nehme ich Filme mit ins Programm, die für mich eindeutig in den Kanon des kurzen Films gehören. Los murmullos von 1976 war zu seiner Zeit eine Zäsur im neuen lateinamerikanischen Kino. Anders als seine Kollegen, die Kino immer auch als Waffe gegen den Kapitalismus verstehen, ist für Rubén Gámez der ideologische Kampf nicht mittels Montage und Fotografie zu führen. Er nimmt sich stattdessen die Zeit, in ruhigen Bildern die Verhältnisse der Bauern und den Einfluss der Chemie- und Landwirtschaftsindustrie zu dokumentieren. Mit Blick auf die derzeitigen TTIP-Verhandlungen ist der Film von geradezu beunruhigender Aktualität. Außerdem schlägt Los murmullos formal und über die Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit eine Brücke über das Programm: Von Brasilien, wo wir in langen Einstellungen einen Fischer bei seinen immer gleichen Arbeitsabläufen beobachten, die vom Rhythmus und der Kraft des Meeres bestimmt werden (Das águas que passam I Vorbeifließende Wasser von Diego Zon), bis nach Taiwan mit den Wanderarbeitern in Jin zhi xia mao (Ankern verboten) von Chiang Wei Liang. In Taiwan leben Arbeitsmigranten in rechtlosen Räumen und in starker Abhängigkeit von ihren Schleppern, die in den ersten Jahren so gut wie den gesamten Lohn kassieren. Ein weit verbreitetes Problem, das wir in den Shorts nur anreißen können. Auch Chiang Wei Liang konzentriert sich in ruhigen Bildern ganz auf ein Paar mit seinem Kind. Er inszeniert ein Kammerspiel im öffentlichen Raum, in seiner Konzentration exemplarisch für das Schicksal so vieler.

Wir schließen das Festival mit Estate (Sommer) von Ronny Trocker. Der Film ist inspiriert von einer Fotografie von Juan Medina, die 2006 am Strand von Gran Tarajal in Spanien aufgenommen wurde. Im Vordergrund ein erschöpfter Migrant, im Hintergrund Menschen in den Sommerferien, die sich überhaupt nicht stören lassen. Im Film sind die Feriengäste in ihren Posen erstarrte Wachsfiguren, nur der Ton ist lebendig. Meeresrauschen. Kinderstimmen. Durch die Kameralinse eines Urlaubers fällt der Blick auf einen Schwarzen, der gerade angekommen ist. Er ist der einzige, der sich bewegen kann, der sich innerhalb der Situation verortet und schließlich wegläuft.

Estate von Ronny Trocker