Berlinale: Berlinale Themen


World Cinema Fund
„The more local, the more international"

Seit zehn Jahren fördert der World Cinema Fund die Produktion und den Verleih von Filmen aus den Schwerpunktregionen Afrika, Lateinamerika und Karibik, Mittlerer Osten, Zentral- und Südostasien, dem Kaukasus und den Ländern Nepal, Bangladesch und Sri Lanka. Der WCF hat sich längst als eine der führenden Institutionen im Bereich der internationalen Filmförderung anspruchsvoller Produktionen etabliert. Zeit für ein Gespräch mit einem der beiden Projektmanager Vincenzo Bugno.

Warum wurde der WCF vor zehn Jahren ins Leben gerufen?

Unser Ziel war es, intensive Kooperationen zwischen deutschen Produzenten und Filmemachern außerhalb Europas zu entwickeln sowie die Filmindustrie in filminfrastrukturell schwachen Regionen zu unterstützen. Konkret bedeutet dies, dass zwar die deutschen Produzenten die administrativen Empfänger unserer Förderung sind, das Geld aber zu 100 Prozent in den Förderregionen ausgegeben werden muss. Es ging uns dabei von Anfang an um sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehr ambitionierte Filmprojekte. Wir setzen auf Authentizität, und es ist uns sehr wichtig, möglichst nah an der kulturellen Identität der Förderregion zu arbeiten. Wir setzen uns nicht für globalisierte, marktkonforme Produktionen und Inhalte ein, sondern versuchen uns sehr differenziert und kontextualisiert mit den Inhalten und Geschichten zu befassen. Der Slogan „The more local, the more international" ist eine Art Dogma beim World Cinema Fund.

Steht dies nicht im Widerspruch zu der Prämisse, dass ein deutscher Koproduzent zwingend ist?

Ich denke, wir haben ein sehr produktives Modell entwickelt, das die Möglichkeit des gemeinsamen Wachsens für deutsche und ausländische Produzenten gleichermaßen schafft. In vielen Ländern ist die Rolle des Produzenten nicht so weit entwickelt wie in Deutschland. Auf der anderen Seite hat sich in Deutschland auch dank des World Cinema Fund eine Gruppe von jungen Produzenten gebildet, die sich sehr leidenschaftlich für die Art von Filmprojekten engagiert, die wir fördern wollen. Projekte, die einen Hauch von Exotismus oder den Anschein haben, für den europäischen Markt maßgeschneidert zu sein, sind weder für sie noch für uns interessant.

Kannst du etwas zum Auswahlprozedere sagen? In welchem Stadium der Projektentwicklung werden die Anträge gestellt?

Wir unterstützen nicht die Projektentwicklung, sondern befassen uns vor allem mit gut entwickelten Drehbüchern. Dabei hat die Auseinandersetzung mit einem Projekt nicht nur mit der schriftlichen Darstellung der Dialoge und Szenen zu tun, sondern vor allem auch mit dem künstlerischen Profil, der visuellen Identität eines Filmes. Wir legen großen Wert auf die konzeptuelle Darstellung zu Themen wie Fotografie, Licht,
Schnitt und Bildgestaltung – und
uns ist der Austausch mit den Antragstellern während des Einreichungsprozesses sehr wichtig.

Anerkennung ambitionierter Filmprojekte

Inwiefern sind die geförderten Filme dann an die Berlinale gebunden?

Die Filme sind komplett frei. Wir verfügen über keinerlei Rechte für die Auswertung in Deutschland und verlangen nicht, dass die Filme ihre Premieren bei der Berlinale feiern. In diesem Punkt unterscheiden wir uns deutlich von anderen Förderinstitutionen vergleichbarer Art. Wir arbeiten für die Karriere der Filme und haben in erster Linie eine kulturpolitische und künstlerische Aufgabe. Obwohl wir zum größten Teil unabhängig finanziert sind, ist der World Cinema Fund natürlich eine Institution der Berlinale und deshalb freuen wir uns sehr über Synergien, wie sie sich in den letzten Jahren ergeben haben. 2014 liefen u.a. zwei WCF-geförderte Filme im Wettbewerb (La tercera orilla | The Third Side of the River von Celina Murga und Historia del miedo | History of Fear von Benjamin Naishtat, beide aus Argentinien), und in diesem Jahr zeigt die Berlinale insgesamt drei WCF-geförderte Filme: Cha và con và (Unsere sonnigen Tage) von Di Phan Dang (Vietnam) im Wettbewerb und im Forum Al–Wadi (The Valley) von Ghassan Salhab aus dem Libanon und Abaabi ba boda boda (The boda boda thieves) des Kollektivs „Yes! That’s us“ aus Uganda.

Wir wünschen uns Anerkennung für diese Filme und diese Anerkennung hat sehr oft mit einer Festivalteilnahme zu tun. Bisher haben wir insgesamt 88 Mal eine Produktionsförderung vergeben. In 90 Prozent der Fälle wurden die fertigen Filme dann von großen Festivals eingeladen, und viele haben bedeutende Preise gewonnen. Wenn WCF-geförderte Filme in Cannes, Toronto, Venedig oder Locarno gezeigt werden, ist das auch für uns ein großer Erfolg und bedeutet letztendlich auch Publicity.

Die Hälfte der 88 geförderten Projekte sind aus Latein- und Zentralamerika. Und auch aus fast allen Programmsektionen der Berlinale haben wir dieses Jahr die Rückmeldung bekommen, dass viele starke Filme aus Lateinamerika im Festival vertreten sein werden. Geht das Konzept, filmstrukturell schwache Regionen zu fördern, also auf? Kann man von einer Nachhaltigkeit sprechen?

Das Phänomen ist natürlich in erster Linie auf eine Entwicklung in den Produktionsländern selbst zurückzuführen. Die lateinamerikanische Filmindustrie ist ungeheuer vielseitig und eine große Bereicherung für uns. Länder wie Argentinien, Mexiko und Brasilien haben eine gut entwickelte Filmindustrie und interessante Fördermöglichkeiten. Wenn es um künstlerische und inhaltlich, kulturell sowie politisch anspruchsvolle Filme geht, brauchen sie manchmal trotzdem zusätzliche Unterstützung – in anderen Ländern fehlt schlichtweg das Geld. Auch in anderen Regionen hat sich die Produktionslage im Laufe der Jahre weiterentwickelt, ganz deutlich zum Beispiel in der arabischen Welt. Hier steigen die Einreichungen deutlich, was mit dem Bekanntwerden unserer Arbeit außerhalb bestimmter Grenzen zu tun hat.
Außerdem hat die sogenannte „digital revolution" die Filmproduktion auch außerhalb Europas und Hollywoods stark beeinflusst, indem sie vergleichsweise kostengünstige und schnelle Produktionen möglich macht. Jährlich werden etwa 240 Projekte für die Produktionsförderung beim WCF eingereicht, und wir fördern maximal zehn davon. Es ist also nicht einfach, vom World Cinema Fund gefördert zu werden. Für anspruchsvolle, mutige und innovative Projekte ist der Versuch aber absolut lohnenswert.

Die beiden Projektmanager des WCF Sonja Heinen und Vincenzo Bugno

WCF Europe

Zum zehnjährigen Jubiläum erweitert der WCF seine Förderung um das Programm WCF Europe. Wie kam es dazu?

Wir haben uns mit dem Konzept zu WCF Europe erfolgreich für das Creative Europe MEDIA-Programm der europäischen Kommission beworben und durch diese Unterstützung nun die Chance, uns auch innerhalb Europas weiter zu entwickeln. Durch WCF Europe bekommen nun auch europäische Produzenten die Möglichkeit, Projekte einzureichen und administrativer Empfänger unserer Förderung zu werden. Das Geld muss nach wie vor in der WCF-Förderregion ausgegeben werden.
Auch auf Ebene der Verleihförderung wird unsere existierende Strategie zur Förderung von Kinostarts in Deutschland durch WCF Europe erweitert, denn ab sofort können durch das neue Programm auch Filme gefördert werden, die gemeinsam von insgesamt drei Verleihern - davon zumindest einem Europäer und einem aus einer WCF-Region - herausgebracht werden. Wir haben damit die Chance, WCF-geförderte Projekte auch außerhalb Europas sichtbar zu machen und ihre Verbreitung zu unterstützen.

Schwierigkeiten der europäischen Verleih-Landschaft

Wie sehen die Kriterien für eine Verleihförderung aus? Fördert Ihr Filme, deren Kinoauswertung Ihr für besonders erfolgsversprechend haltet oder jene, die es ohne eine Unterstützung gar nicht in die deutschen Kinos schaffen würden?

Sareh Bayat in Jodaeiye Nader az Simin von Asghar Farhadi

Auch in diesem Fall ist die künstlerische und inhaltliche Qualität der Filme wichtigstes Förderkriterium. Die Verleih-Landschaft in Europa ist relativ kompliziert, und zum Teil haben selbst Filme, die bei wichtigen Festivals Preise gewonnen haben, große Schwierigkeiten bei der Kinoauswertung.
Bei der Verleihförderung können für uns deshalb auch leichte strategische Überlegungen eine Rolle spielen, wenn es beispielsweise darum geht, eine bestimmte Region im deutschen Kino sichtbarer zu machen. Ich möchte es aber nochmal betonen: erst muss die Qualität stimmen.

Liegen diese Schwierigkeiten tatsächlich an der deutschen Verleihstruktur oder kann man auch von einer Diskrepanz zwischen normalem Kinopublikum und Festivaljurys bzw. Festivalzuschauern ausgehen?

Das ist eine sehr komplizierte, schwer einzuschätzende Frage. Was sich auf jeden Fall sagen lässt, ist, dass es auch in Europa große Unterschiede zwischen den Ländern gibt. Jodaeiye Nader az Simin (Nader und Simin – eine Trennung) von Asghar Farhadi, der 2011 den Goldenen Bären gewonnen hat, haben in Frankreich eine Million Menschen gesehen und im bevölkerungsreichen Deutschland nur knapp 150.000. Sicher hat das mit einer bestimmten Filmtradition zu tun; welche Rolle die Verleihpolitik gespielt hat, sollte es erst geprüft werden. Wir versuchen, mit unserer Arbeit zumindest minimalen Einfluss zu nehmen. Als Ergänzung unserer klassischen Verleihförderung, die wir auch weiter bieten werden, weil wir an das Kino als Ort, als laizistischen Tempel glauben, werden wir zur diesjährigen Berlinale den Startschuss für ein neues Projekt geben: „WCF on Demand“. Statt eine DVD-Box herauszubringen, wie wir es noch vor einigen Jahren getan haben, werden wir zunächst zehn WCF-Filme als Video-on-Demand anbieten, die mehr oder weniger unsere gesamte Identität abbilden. Es ist ein Pilotprojekt, und die Kulturstiftung des Bundes, die den WCF vor zehn Jahren mit initiiert und ihre Unterstützung bis 2018 zugesichert hat, begleitet uns auch auf diesem Weg.