Berlinale: Berlinale Themen


Kulinarisches Kino
10 Jahre Film & Food

Die Erforschung des Begriffs „Geschmack“, seine Beziehungen zum Grundbedürfnis des Essens und der politischen Frage des Hungers war Thema des Workshops „Hunger, Food and Taste“ der Berlinale Talents 2006 und gab als erstes A-Festival der Welt dem Thema Food einen Platz.
2007 eröffnete die Berlinale das Kulinarische Kino und schuf das neue Format „Film, Food & Talk". Das Essen bereiten Köche zu, die sich vom jeweiligen Film des Abends inspirieren lassen.

Von Anfang an waren auch Slow-Food-Aktivisten wie Alice Waters und Carlo Petrini an der Entwicklung des Programms beteiligt.

Für Alice Waters bedeutet Essen mehr als nur Ernährung; es ist eine Lebensart, „a way of life“. Bei der Gründung ihres Restaurants Chez Panisse 1971 in Berkeley, Kalifornien, stand die Suche nach dem guten Geschmack im Mittelpunkt. Sie fand ihn bei den Bauern und Produzenten, die nach „Bio“-Prinzipien arbeiteten. Die Verteidigung der kleinen Erzeuger gegen die Macht der Nahrungsindustrie ist auch Kern der Slow-Food-Philosophie.

Hier ergibt sich die Schnittmenge mit der Berlinale, die sich auch für die Stärkung der kleineren, unabhängigen Produktionen einsetzt. „Endlich sollte eine Diskussion darüber aufkommen, dass Lebensmittel die wichtigsten Überlebensmittel sind“, schrieb Dieter Kosslick 2007. „Der Kampf um gutes, gesundes Essen ist so wichtig wie der Kampf für die Vielfalt des unabhängigen Films. Kultur und Agrikultur sind zwei Seiten der gleichen Münze.“

Die Stars der Küche und des Kinos entdeckten schnell das neue Format und machten das Kulinarische Kino zu einer interdisziplinären Plattform. 2008 kam nach seinem Erfolg auf der documenta Ferran Adrià in das Spiegelzelt gegenüber dem Martin-Gropius-Bau. 2009 eröffnete FOOD, INC. das Programm im Friedrichstadt-Palast. 1.800 Zuschauer sahen die Premiere des bis heute aktuellen Films über die dunklen Seiten der Lebensmittelindustrie. In den folgenden Jahren waren u.a. Tilda Swinton (Io Sono L'Amore | Ich bin die Liebe), Jean Reno (Comme un chef) und Nigel Slater (Toast) zu Gast. 2012 präsentierte der international ausgezeichnete Sternekoch Andoni Luis Aduriz seinen Film Mugaritz B.S.O. (Regie: Felipe Ugarte, Juantxo Sardon) und das entsprechende Menü. L’Amour des Moules von Willemiek Kluijfhout brachte 2013 Sternekoch Niels Henkel zum Kochen. 2014 kamen die spanischen Roca-Brüder (damals Platz 1 der Liste der 50 besten Restaurants der Welt) mit ihrem Film El Somni (Co-Regie: Franc Aleu) und stellten sich außerdem für das Menü an den Herd.

Der Diskurs über die Bedeutung des Essens hat seit der Gründung des Kulinarischen Kinos an Bedeutung gewonnen. Wie in der Wirtschaft klafft in der Ernährung die Schere zwischen Armut und Reichtum, zwischen Hunger und Überfluss immer weiter auseinander. Die Nahrungsindustrie verschleiert den unverantwortlichen Umgang mit den Ressourcen. Essen wird trivial, Geschmack genormt. Dagegen formiert sich eine kulinarische Opposition aus Spitzenköchen, Food-Aktivisten und nicht zuletzt den Menschen, die die Freude wiederentdecken, selbst zu kochen.

Genuss und Verantwortung sind keine Widersprüche, lautet das Mantra des Kulinarischen Kinos. „Denn wer ohne Verstand genießt, handelt verantwortungslos, wer aber nicht versteht zu genießen, wird ungenießbar“, sagt Carlo Petrini.