Berlinale: Pressemitteilungen


Pressemitteilungen 2014

Forum

23.01.2014:
Forum 2014: Special Screenings

Mit einer Reihe von Special Screenings, die sich historischen Filmen und Wiederentdeckungen ebenso widmet wie thematisch und formal aus dem Rahmen fallenden aktuellen Werken, komplettiert das Forum sein Programm.

Adnan Haskovic, Vlad Ivanov, Tilda Swinton und Steve Park in Seolguk-yeolcha (Snowpiercer) von Bong Joon Ho

Als Bong Joon Ho den Comic „Snowpiercer“ von Jean-Marc Rochette in einem Buchladen in Seoul zum ersten Mal aufschlug, da soll er im Stehen gleich alle drei Bände verschlungen haben. Acht Jahre später ist aus einem französischen Comic der aufwändigste koreanische Film aller Zeiten geworden. Seolguk-yeolcha (Snowpiercer) beschreibt eine bevorstehende menschengemachte Eiszeit, deren letzte Überlebende in einem Schnellzug ohne Halt um den Globus kreisen. Die reichen Überlebenden reisen in den vorderen Waggons, die armen, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt ist, in den hinteren. Zur Aufführung im Forum werden Produzent Park Chan-wook, Regisseur Bong Joon-ho, Darsteller Song Kang-ho, Ko Asung, John Hurt und Tilda Swinton sowie der Autor Jean-Marc Rochette erwartet.

Zwei aktuelle Dokumentarfilme beschäftigen sich mit den Umbrüchen in Ägypten. In Viola Shafiks Arij (Scent of Revolution) fügen sich die Erzählungen eines koptischen Aktivisten, eines sozialistischen Schriftstellers, einer jungen Cyberspace-Designerin und des größten Sammlers von Fotonegativen im Lande zu einem komplexen Porträt von Geschichte und Politik. Die Zerstörung der Stadt Luxor durch die Korruption ist ebenso Thema wie der virtuelle Möglichkeitsraum in „Second Life“, der ein Treffen von Avataren am Tahrir-Platz ermöglicht.

Dort spielt auch Jehane Noujaims soeben für den Oscar nominierter Dokumentarfilm Al midan (The Square), der über die Dauer von mehr als zwei Jahren eine Gruppe von Aktivisten porträtiert, denen die Revolution neuen Lebenssinn gegeben hat. Mit einer beeindruckenden Materialfülle und einer entschlossen subjektiven Grenzgängerperspektive rekapituliert der Film die sich überstürzenden Ereignisse.

DMD KIU LIDT von Georg Tiller ist nach einem Song von „Ja, Panik“ benannt, der den Satz „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“ abkürzt. Der Anti-Musikfilm verweigert sich den Klischees des Musikfilmgenres. Nie sieht man die im Berliner Exil lebende österreichische Gruppe spielen. Die Musiker hängen vor dem Auftritt in einer verrauchten Bar ab, packen ihre Instrumente nach einer Probe zusammen, trinken gemächlich Kaffee oder rauchen eine Zigarette, während der Sommerwind das Schilfgras irgendwo neben verlassenen Bahngleisen streichelt.

Seit dem ersten Jahr seines Bestehens hat das Forum sich bemüht, deutsch untertitelte Kopien der Festivalbeiträge herzustellen. Diese Praxis zahlt sich aus: Viele Filme haben so nur in Berlin überlebt, darunter der indische Filmklassiker Ghashiram Kotwal, der nun in neuer, digitaler Fassung zur Wiederaufführung gelangt. Das von einer Filmkooperative unter der Regie von K. Hariharan und Mani Kaul produzierte Werk beschreibt Entwicklung und Fall des Peshwa-Regimes in West-Indien vor dem Hintergrund einer Politik von Intrigen und Korruption.

Als perfekte Ergänzung zu diesem historisch bedeutsamen Werk zeigen wir den indischen Dokumentarfilm Prabhat pheri (Journey with Prabhat) von Jessica Sadana und Samarth Dixit, die mit cineastischem Spürsinn die Geschichte des Geländes in Pune erforschen, wo einst die legendären Studios der Prabhat Film Company standen.

In einer restaurierten digitalen Fassung bringt das Forum den 1981 dort selbst vorgestellten fast vierstündigen Dokumentarfilm Schamanen im Blinden Land von Michael Oppitz wieder zur Aufführung. Dreimal reiste der Ethnologe Ende der 1970er Jahre zu den Magar in Nepal, um deren Schamanismus zu erforschen. Nicht nur sein Sujet, auch seine Genauigkeit, sein Rhythmusgefühl, sein sorgsamer Umgang mit Sprache machten den Film bald zu einem Klassiker der visuellen Anthropologie.

Einen Meilenstein des Dokumentarfilms konnte das Forum 1984 nur als Fragment aufführen. Das unter dem damaligen Titel „Memory of the Camps“ gezeigte Werk ist nun im britischen Imperial War Museum unter der Leitung von Toby Haggith rekonstruiert und vervollständigt worden und erlebt im diesjährigen Forum seine Uraufführung, fast sieben Jahrzehnte nach der Entstehung. German Concentration Camps Factual Survey entstand 1945 aus Aufnahmen, die die Briten bei der Befreiung des KZs Bergen-Belsen gemacht hatten, ergänzt durch Aufnahmen der Amerikaner und Sowjets von Lagern im Süden Deutschlands und im besetzten Polen. Der Film war konzipiert, um die Deutschen mit ihrer Schuld zu konfrontieren; als Berater wurde niemand Geringeres als Alfred Hitchcock engagiert. Doch das Werk verschwand in den Archiven – von den Umständen berichtet auch der als Berlinale Special gezeigte Dokumentarfilm Night Will Fall.

Beinahe unbekannt dürfte dem westlichen Publikum die Kinematografie Burmas sein, die einmal zu den bedeutendsten der Welt zählte. Die meisten burmesischen Klassiker sind verloren und verschollen, die Negative und Kopien zerstört. Von einer analogen Videokopie ausgehend wurde jüngst der 1972 entstandene Schwarzweißfilm Ché phawa daw nu nu (Tender are the Feet) von Maung Wunna restauriert, eine romantische Liebesgeschichte, die mit überlieferten Formen brach und für die jünste Generation burmesischer Filmemacher als wichtige Referenz dient.

Auch der Name Noburo Nakamura dürfte außerhalb seiner Heimat nur wenigen ein Begriff sein. Der Schüler von Yasujiro Shimazu prägte mit seinen Familien-Melodramen das japanische Kino der 1940er bis 60er Jahre. In Zusammenarbeit mit dem japanischen Festival Tokyo FILMeX zeigt das Forum drei Werke des Regisseurs in neuen 35mm-Kopien. Die zwischen 1951 und 1964 gedrehten Filme handeln von zerfallenden Familienstrukturen, von rebellierenden Töchtern und demonstrieren in ihrer Gesamtheit eindrucksvoll den Wertewandel im Nachkriegsjapan.

Forum Special Screenings:

Al midan (The Square) von Jehane Noujaim, USA / Ägypten
Arij (Scent of Revolution) von Viola Shafik, Ägypten / Deutschland - WP
Ché phawa daw nu nu (Tender are the Feet) von Maung Wunna, Burma
DMD KIU LIDT von Georg Tiller, Österreich / Deutschland – WP
German Concentration Camps Factual Survey, Großbritannien
Ghashiram Kotwal von K. Hariharan, Mani Kaul, Indien
Prabhat pheri (Journey with Prabhat) von Jessica Sadana, Samarth Dixit, Indien - WP
Schamanen im Blinden Land (Shamans of the Blind Country) von Michael Oppitz, Nepal / Deutschland / USA
Seolguk-yeolcha (Snowpiercer) von Bong Joon Ho, Republik Korea

Wa ga ya ha tanoshi (Home Sweet Home) von Noboru Nakamura, Japan
Doshaburi (When It Rains, It Pours) von Noboru Nakamura, Japan
Yoru no henrin (The Shape of Night) von Noboru Nakamura, Japan

(WP = Weltpremiere)


Presseabteilung
23. Januar 2014

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