Berlinale: Chronik


64. Internationale Filmfestspiele Berlin
06. - 16. Februar 2014

„Die Berlinale hat eine unvergleichliche Intensität. Ich freue mich jedes Jahr wieder neu. Auf die Filme, die ich sehe, auf die Menschen, die ich treffe. […] Die Berlinale ist ein Dorf, das aus Menschen aus Hunderten von Ländern besteht. Wir teilen hier unsere Lebensgeschichten miteinander.“

(Andres Veiel, Berliner Morgenpost, 06.02.2014)

Highlights der Berlinale 2014

Die 64. Berlinale begann ungewöhnlich: Am Eröffnungsabend fiel kein Schnee, stattdessen empfing eine laue Februarnacht die nationalen wie internationalen Stars und Gäste auf dem Roten Teppich. Zehn Tage später gab es im Rahmen der Abschlussgala dann Entscheidungen, die die Gemüter mitunter weiter erhitzten. Statt dem vielgelobten und als Favorit ins Rennen gegangenen Boyhood von Richard Linklater wurde Bai Ri Yan Huo (Black Coal, Thin Ice) von Diao Yinan zum Gewinner des Goldenen Bären gekürt. Liao Fan, der Hauptdarsteller des chinesischen Films, erhielt zudem den Silbernen Bären für den Besten Darsteller. Damit bestätigte die Internationale Jury um ihren Präsidenten James Schamus – Barbara Broccoli, Trine Dyrholm, Mitra Faharani, Greta Gerwig, Michel Gondry, Tony Leung und Christoph Waltz komplettierten 2014 die Jury – die Tendenz aus dem Vorjahr, mutig Regionen ins Zentrum zu rücken, deren Stellenwert im Weltkino in den Wettbewerben der A-Festivals bisher nicht erkannt wurde. „Eine bemerkenswerte Setzung, ein Signal. Es besagt, schaut nach China, da boomt der Markt, da ist die Filmkunst quicklebendig, da ist die Welt überhaupt nicht in Ordnung, da tanzt der Bär“ (Christiane Peitz, Der Tagesspiegel 16.02.2014). Scott Foundas, der Cheffilmkritiker der Variety schloss sich dieser Einschätzung nahtlos an: „Unencumbered by Cannes and Venice’s reputations as ground zero for the latest work of the world’s most important name-brand auteurs, Berlin has the ability to think a little bit more radically, and to put films and filmmakers in competition who would almost certainly be relegated to a sidebar at one of those other fests” (16.02.2014).

Freude im Berlinale Palast: Das Team von Bai Ri Yan Huo

Regisseur Diao Yinan selbst konnte es kaum fassen: „It`s really hard to believe that this dream has come true“, rief er im Berlinale Palast aus. Bai Ri Yan Huo (Black Coal, Thin Ice) zeigt die Ambivalenzen seines Herkunftslandes, ein Genrefilm mit starken Anklängen an den Film Noir, der als Spiegel der chinesischen Gesellschaft gelesen werden kann, auch wenn der Regisseur diese Interpretation in seinen offiziellen Aussagen verweigerte. In Interviews nach der Bärenvergabe klang die große Bedeutung seines Triumphes für das Filmland China durch: „Der chinesische Filmmarkt ist ein sehr großer. Wir sind weltweit bereits der zweitgrößte. Das liegt natürlich auch an unserer großen Bevölkerung. Ich bin mir allerdings sicher, dass diese Größe auch zu mehr Vielfalt führen wird, dass es in Zukunft eine Vielzahl von Formen und Genres für verschiedenste Teilmärkte geben wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich da jede Menge tun wird.“ (dpa, 16.02.2014).

Die kanonisierten US-Amerikaner konnten den Silbernen Bären für die Beste Regie (Richard Linklater) und dem Silbernen Bären Preis der Jury mit nach Übersee nehmen – der Gewinner Wes Anderson erhielt ihn für The Grand Budapest Hotel, den Eröffnungsfilm der 64. Berlinale. Da Anderson nicht mehr in Berlin war, ließ er Greta Gerwig bei der Abschlussgala eine Nachricht verlesen, in der er sich auf seine unverwechselbar ironische Art in aller Bescheidenheit freute, endlich einmal einen echten Preis aus echtem Metall gewonnen zu haben. Zwei weitere Silberne Bären gingen nach Asien. Die Schauspielerin Haru Kuroki wurde für ihre Leistung in Chiisai Ouchi (The Little House) von Yoji Yamada ausgezeichnet und freute sich auf bezaubernd-zurückhaltende Weise; Zeng Jian wurde für seine herausragende Kameraarbeit in Tui Na (Blind Massage) von Lou Ye geehrt.

Gewinnerin des Silbernen Bären: Schauspielerin Haru Kuroki

Kurios erschien die Wahl des Gewinners des Silbernen Bären Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Zum Sieger wurde das Urgestein französischer Regiekunst Alain Resnais erklärt – mit 91 Jahren! Die traurige Mitteilung, dass Resnais – der es nicht geschafft hatte, persönlich nach Berlin zu kommen – nur zwei Wochen nach dem Festival verstarb, verstärkte den Eindruck, dass da einer der außergewöhnlichsten und bedeutendsten Filmkünstler für sein stilbildendes Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Vier deutsche Filme fanden 2014 den Weg in den Wettbewerb, einer von ihnen gewann den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch: Kreuzweg (Stations of the Cross), verfasst vom Geschwisterpaar Anna und Dietrich Brüggemann. Der in Frankreich geborene, aber in Berlin lebende und arbeitende Guillaume Cailleau konnte den Silbernen Bären für seinen 22-Minüter LABORAT einheimsen, während der Goldene Bär für den Besten Kurzfilm in sein Heimatland ging – an Tant qu'il nous reste des fusils à pompe (As long as shotguns remain) von Caroline Poggi und Jonathan Vinel.

Kalkulierter Wahnsinn

Abseits der Bärenvergabe sorgten vor allem die Hollywoodstars für die bleibenden Showmomente. George Clooney trat mit seinem Besuch eine wochenlange Boulevardhysterie los, bei der sich selbst Paul Katzenberger – Autor einer so ernsthaften Publikation wie der Süddeutschen Zeitung – vertippte und in seinem Bestreben, einen kühlen Kopf zu bewahren, schrieb: „Für die Berlinale-Macher ist Clooneys Erscheinen Clooneys natürlich auch wichtig, und für das Publikum irgendwie ebenfalls.“ (am 7.02.2014). Beim Photo-Call zu The Monuments Men, den Clooney als Regisseur präsentierte, wurde in Polonaiseformation zur Pressekonferenz getanzt, Matt Damon, John Goodman und Bill Murray schlossen sich als Darsteller des Films dem Reigen an.

"I am not famous any more": Schauspieler Shia LaBoeuf

Ein anderes Hollywood-Schwergewicht glänzte eher auf verstörend-befremdliche Weise: Shia LaBoeuf zitierte bei der Pressekonferenz erst den Fußballer Eric Cantona („When the seagulls follow the trawler, it is because they think sardines will be thrown into the sea.“), um sein ‚ambivalentes’ Verhältnis zu den berichtenden Medien zu thematisieren – im Anschluss verließ er das Podium grußlos. Am Abend tauchte er dann mit einer brauen Papiertüte über dem Kopf – Aufschrift: „I am not famous anymore“ – am Roten Teppich auf und konnte sich der nachhaltigen und ungebremsten Aufmerksamkeit aller sicher sein. (Selbst-) Ironisch-provozierend spielte hingegen sein Regisseur Lars von Trier mit den Skandalen um seine Person. Beim Photo-Call trug er ein T-Shirt auf dem unter dem Cannes-Logo „Persona non grata – Official Selection“ zu lesen stand. Sein Werk Nymphomaniac Vol. I wurde vom Publikum begeistert aufgenommen – zumal die Darsteller Christian Slater, Uma Thurman und Stacey Martin ebenfalls über den Roten Teppich wandelten.

Apropos Eric Cantona: Die Manchester United-Legende tauchte auch im Programm auf, als Darsteller in Looking for Eric von Ken Loach, der 2014 den Goldenen Ehrenbären erhielt und dem die Hommage gewidmet war. Die Auszeichnung für den Regisseur, einen der engagiertesten Realisten des britischen Kinos, sorgte für einstimmige, freudige Zustimmung. Exemplarisch schrieb Georg Seeßlen im Freitag vom 06.02.2014: „Kaum einer hat es so verdient, einmal ins Zentrum der cineastischen Aufmerksamkeit gerückt zu werden.“ Im Gegensatz zu den Vorjahren wurde 2014 nur eine Berlinale Kamera vergeben. Sie ging an den deutschen Produzenten und Filmverleiher Karl Baumgartner, der mit seiner Firma Pandora Film Arthouse-Größen wie Andrej Tarkovsky, Jim Jarmusch, Kim Ki-duk oder Aki Kaurismäki für den heimischen Markt entdeckt hatte. Nur einen Monat später ereilte die Berlinale eine weitere traurige Nachricht: Karl Baumgartner verstarb am 8. März.

Ken Loach, der mit dem Goldenen Ehrenbären geehrt wurde

Gefahr für das Filmerbe

Die Digitalisierung der Vorführkopien erreichte über 95%, als im European Film Market ein Film als 35mm-Kopie eingereicht wurde, gab die Leiterin Beki Probst lakonisch zu Protokoll: „Die Anmeldung werde ich rahmen und als Erinnerung in mein Büro hängen“ (Blickpunkt Film 8/2, 2014). Diese Entwicklung birgt natürlich auch eine Gefahr für das filmhistorische Erbe. Ernst Szebedits, Leiter der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, fand sehr deutliche Worte: „Was heute nicht verfügbar gemacht wird, droht im digitalen Zeitalter von der Bildfläche zu verschwinden“ (filmecho/filmwoche 8/2, 2014). Die Berlinale setzte deshalb im Rahmen von Berlinale Classics auch 2014 markante Zeichen. Die absoluten Höhepunkte waren die Präsentationen zweier kinematographischer Meilensteine: Die restaurierte Fassung von Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari in der Berliner Philharmonie unter der musikalischen Leitung des New Yorker Avantgardisten John Zorn und die internationale Erstaufführung der 4K-DCPA-Kopie von Nicolas Rays Rebel Without a Cause. Martin Scorsese persönlich stellte den Film, der wie kein zweiter den endgültigen Siegeszug der Jugendkultur verkörpert, persönlich vor – seine Firma „The Film Foundation“ war an der Restaurierung des Klassikers beteiligt.

Aber der Altmeister hatte auch einen neuen Film im Gepäck, den er als Work-in-Progress vorstellte: Untitled New York Review of Books Documentary. Scorsese, selbst Abonnent der ersten Stunde, fungiert als Co-Regisseur neben dem Cutter David Tedeschi, mit dem er einst bei Shine a Light (Wettbewerb 2008) zusammengearbeitet hatte. Die Untitled New York Review of Books Documentary wurde im Haus der Berliner Festspiele gezeigt, wo 2014 die Reihe Film + Talk erfolgreich weitergeführt wurde. Unter anderem kehrte Erroll Morris zur Berlinale zurück und thematisierte in The Unknwon Known einen der großen, alten Hardliner der US-amerikanischen Politik: Donald Rumsfeld. Damit setzte Morris seine Aufarbeitung der militärischen Interventionen und deren Auswüchse nach 9/11 fort: 2008 hatte er mit Standard Operating Procedure im Wettbewerb einen genauen Blick auf die Menschenrechtsverletzungen im Abu-Ghraib-Gefängnis geworfen, für die Rumsfeld als damaliger US-amerikanischer Verteidigungsminister die Verantwortung übernehmen musste.

Premiere von Seolguk-yeolcha, u.a. mit Tilda Swinton und John Hurt

Film über Film

Ein weiterer Höhepunkt des Berlinale Special im Haus der Berliner Festspiele war die Aufführung von André Singers Night Will Fall, einer Dokumentation über die bizarre und verschachtelte Entstehungsgeschichte eines anderen Films: German Concentration Camps Factual Survey, der die Aufnahmen aus den befreiten KZs, die von alliierten Kameramännern 1945 gedreht worden waren, in eine filmische Form zu bringen sucht. Politische Interessen verhinderten die Fertigstellung des Films – trotz eines geheimnisumwitterten Auftritts der Regielegende Alfred Hitchock – so dass German Concentration Camps Factual Survey erst 2014 seine Welturaufführung erlebte; und das im Forum, dessen Leiter Christoph Terhechte sich freute, die endgültige Fassung präsentierten zu dürfen, nachdem Fragmente des Materials unter dem Titel Memory of the Camps 1984 in der Sektion zum ersten Mal zu sehen waren. Das Forum prunkte 2014 mit der aufwändigsten koreanischen Produktion aller Zeiten, Seolguk-yeolcha (Snowpiercer) von Bong Joon Ho, einer filmischen Endzeitvision mit Tilda Swinton und John Hurt, die beide zur Premiere kamen. Nach Berlin kam auch einer der prominentesten zeitgenössischen Schriftsteller, um mit den Besuchern des Forums die Weltpremiere von L'enlèvement de Michel Houellebecq (The Kidnapping of Michel Houellebecq) zu feiern. Regisseur Guillaume Nicloux zeigt Houellebecq als kettenrauchenden Cameo, der über die temporäre Flucht aus seiner bourgeoisen Pariser Existenz mehr als dankbar ist. Ohne die Mannigfaltigkeit der Sektion freilich gänzlich fassen zu können, wurden die ‚Tollheiten des Kulturbetriebs und gnadenlose Arbeitswelten‘ als thematische Leitlinien des Forums 2014 ausgegeben und etwa mit Que ta joie demeure (Joy of Man's Desiring) von Denis Côté – der 2013 im Wettbewerb einen Silbernen Bären gewonnen hatte – in den verschiedensten Facetten filmisch besetzt.

Das Panorama gab sich gewohnt kämpferisch, „Weltveränderung ist dem Panorama Herzensangelegenheit“ lautete der Schlachtruf des Kurators Wieland Speck. Das Programm erkundete wie gewohnt den aktuellen Stand des Weltkinos, wobei ein kritisch-politischer Unterton in fast jedem der gezeigten Filme mitschwang – eine der wenigen Ausnahmen bildete 20,000 Days on Earth von Iain Forsyth und Jane Pollard, dessen Protagonist, die Musikerikone Nick Cave, begeistert in Berlin begrüßt wurde. Das Transkino, von jeher integraler Bestandteil jeder Panorama-Edition, wurde durch die weltpolitischen Ereignisse im Februar 2014 noch einmal in seiner Bedeutung bestärkt. Einen Tag nach der Eröffnung der 64. Berlinale fiel der Startschuss für die Olympischen Winterspiele 2014 – Austragungsort war das russischen Sotchi und der Präsident des Landes, Wladimir Putin, hatte im Vorfeld immer wieder mit seinen sinnfreien Hasstiraden gegen Homosexuelle um Aufmerksamkeit gebettelt. Stolz durfte die Sektion 2014 sein, weil sie den Gewinner des Preis Bester Erstlingsfilm stellte: Güeros von Alonso Ruizpalacios aus Mexiko. Doch auch im Panorama gab es jene Tendenz, die bei der Bärenvergabe gegen Ende des Festivals nur allzu deutlich wurde: Auffällig war die Vielfalt asiatischer Produktionen, das Hauptprogramm etwa wurde mit dem Post-Klimakatastrophen-Thriller Nước (2030) von Nghiêm-Minh Nguyễn-Võ eröffnet.

2014 wieder Berlinale Spielstätte: der Zoo Palast

Große persönliche Freude überkam Wieland Speck angesichts der Rückkehr in den Zoo Palast, der nach fast drei Jahren des Umbaus im November 2013 wiedereröffnet worden war und zur 64. Berlinale als Premierenkino fungierte. „Der neue, liebevoll restaurierte Zoo Palast erinnert durch Architektur, Atmosphäre und Service an die große Zeit der Filmtheater“, stellte sich die Spielstätte auf ihrer Website vor. Den Glanz vergangener Kinopaläste heraufzubeschwören liegt dem Forum Expanded eigentlich fern, thematisiert die Sektion doch die Grenzbereiche der Filmkunst in ihren Übergängen zur Bildenden Kunst und zum öffentlich Raum. Und dennoch: Die Paläste seien integraler Bestandteil der vergangenen und heutigen Kinolandschaft, betonte die Sektionsleiterin Stefanie Schulte Strathaus, und deshalb Teil des Schwerpunktthemas, das sich ihr Programm 2014 ausgesucht hatte. „What Do We Know When We Know Where Something Is?“ lautete die zentrale Frage und die Antworten wurden nicht nur in den Ausstellungen und Filmen gegeben, sondern auch auf diversen Panels und Gesprächsveranstaltungen. Ein Unbehagen gegenüber der vollständigen Digitalisierung des kinematographischen Bildes war in einigen Werken zu spüren, die die (verschwindende) Materialität des Zelluloids unmittelbar thematisierten. Genau wie im Programm der Berlinale Shorts, in dem knapp ein Drittel der Produktionen analog gedreht wurde oder sich mit dem materiellen Bildträger beschäftigte und für das Kuratorin Maike Mia Höhne den thematische Leitfaden „Trauer“ bestimmt hatte.

Das Forum Expanded vergab 2014 erstmals einen eigenen Preis: den Think:Film Award. Er ging an Amie Siegel und ihren Film Provenance, der sich dadurch auszeichnet, dass er im Zusammenspiel mit Lot 248, der ebenfalls zu sehen war und der die Versteigerung von Provenance bei Christie’s in London zeigt, Wirklichkeit als solche schafft und inszeniert. Damit war er Teil jenes Schwerpunktthemas, das die Berlinale 2014 setzte: die dokumentarische Form. In den Interviews mit den Sektionsleitern kam dabei ein Zusammenhang wiederholt zum Ausdruck: Die Trennung von Dokumentar- und Spielfilm hat sich in Zeiten der Performanz überholt und trotzdem darf auf sie nicht verzichtet werden, um das Verhältnis zwischen Bild und Realität immer wieder neu zu reflektieren. Vor allem der European Film Market lud zu diversen Panels und Diskussionen ein, um Status und Möglichkeiten der dokumentarischen Form zu verhandeln.

Premiere in der JVA-Tegel

Die ganze Vielfalt des Festivals

Auf positive Resonanz stieß der Werkstattcharakter der Retrospektive 2014, die sich den „Aesthetics of Shadow. Lighting Styles 1915–1950“ widmete. Lukas Foerster etwa schrieb in der taz vom 06.02.2014: „Einem Filmprogramm wie „The Aesthetics of Shadow“ geht es nicht darum, einen abgeschlossenen Korpus zu erschließen, sondern neue Wege in die Filmgeschichte hinein sichtbar zu machen.“

Die Perspektive Deutsches Kino belebte das Midnight Movie neu und bezog sich so auf die US- amerikanischen Kultfilme der 1970er, die in ihrem Überschreiten kinematographischer Konventionen die Grenzen filmischer Darstellung nachhaltig verschoben. Zwei Filme feierten ihre Spätpremiere, und auch das Gesamtprogramm der Perspektive 2014 konnte restlos überzeugen: „Es ist ein guter Jahrgang. Überaus facettenreich – sogar bislang eher selten vertretene Genreformate wie Horror oder schwarze Komödie sind vertreten – und mit handwerklich hohem Niveau“ (Kirsten Riesselmann, taz 06.02.2014). Zudem eroberte die Perspektive 2014 einen ungewöhnlichen Ort als Berlinale Spielstätte – Raumfahrer von Georg Nonnenmacher, der vom Innenleben eines Häftlings erzählt, wurde als Special Screening in der JVA Tegel präsentiert.

Der Berlinale Talent Campus hatte sich 2013 umbenannt und firmierte im Februar 2014 nun unter dem Titel Berlinale Talents, um der Professionalisierung der Sektion Rechnung zu tragen, wie der Programmleiter Matthijs Wouter Knol erklärte – man wolle weg von den Anklängen ans Schulische, Studentische. Das Programm selbst wurde in altbewährter Manier mit Summit, Studios, Project Labs und der Talent Press fortgesetzt, der thematische Schwerpunkt lautete 2014 „Ready to Play – Breaking the Rules“. Die Talente wurden aufgefordert, über spielerische Wege der Filmentwicklung und –gestaltung nachzudenken und verhärtete Strukturen zu hinterfragen.

Kulinarisches Kino Goes Kiez in der Kreuzberger Markthalle Neun

Unter dem Titel „Kulinarisches Kino Goes Kiez“ veranstalteten die beiden Berlinale-Sonderreihen zusammen einen besonderen Abend. Im Kiez-Kino Eiszeit gab es zunächst den Film I Cavalieri della Laguna (The Knights of the Lagoon) von Walter Bencini zu sehen, anschließend wurde in der Kreuzberger Markthalle Neun zum gemeinsamen Essen und Diskutieren gebeten. Das Kulinarische Kino sorgte neben dem traditionellen lukullisch-cinephilen Programm 2014 zusätzlich mit einer Street Food-Meile am Potsdamer Platz für die Verköstigung des Berlinale-Publikums. Die Vorführungen von Berlinale Goes Kiez waren wir jedes Jahr restlos ausverkauft, auch dank prominenter Kinopaten wie Christian Petzold.

Die gleiche Prozession wie jedes Jahr

Atemlose elf Tage – so ließe sich die Berlinale 2014 vielleicht zusammenfassen. Die Energie des Festivals platzte aus allen Nähten, flugs wurde kurz vor Festivalbeginn noch das „Berlinale Open House“-Format mit Storytelling-Slams, Diskussionen etc. in der neuen Audi Berlinale Lounge am Roten Teppich eingerichtet, eine kostenlose Sondervorführung der ersten zwei Folgen der zweiten Staffel von House of Cards angesetzt und, und, und… Die Stimmen der Überforderten, denen die Wahl zum Fluch wurde, ließen nicht lange auf sich warten: „Die schiere Größe des Mammut-Events wurde auch dieses Jahr erneut kritisiert, sie ist einfach zu viel für den Kritiker, der in Cannes oder Venedig nicht 200, sondern nur rund 50 Filme zur Kenntnis nehmen muss.“ (Christiane Peitz, Der Tagesspiegel 16.02.2014). Aber: Der Erfolg spricht für sich – und mehr als 325.000 verkaufte Eintrittskarten dürfen getrost als Erfolg gewertet werden. Und so finden sich durchaus auch Stimmen, die mit einem Blick zurück auf Kosslicks Verdienste die positiven Seiten an den Festivalentwicklungen betonen:„2001 startete er mit der Berlinale in einer Stadt, die mitten in einer Metamorphose war – vom Westberliner Piefke-Goldknopf-Gefühl hin zu einer rot-rot regierten Arm-aber-sexy-Metropole, die auf einmal überall in der Welt toll gefunden wurde – mit ihrem rauen Charme des Halbfertigen, ihren gruseligen Geschichtsbrüchen, ihrer wilden und billigen Partywelt. Und Kosslick machte aus dem etwas steifhalsigen Kulturereignis Berlinale ein lässiges Event mit Geist und Glamour – und mit wirtschaftlicher Bedeutung.“ (Katja Bauer, Stuttgarter Zeitung 06.02.2014)

Besucher  
Kinobesuche 491.316
Verkaufte Eintrittskarten 325.262
   
Fachbesucher  
Akkreditierte Fachbesucher (ohne Presse) 16.148
Herkunftsländer 131
   
Presse  
Pressevertreter 3.742
Herkunftsländer 81
   
Screenings  
Anzahl Filme im öffentlichen Programm 370
(davon 106 Kurzfilme)
Anzahl Vorführungen 902
   
European Film Market  
Fachbesucher 8.396
Anzahl Filme 784
Anzahl Screenings 1.109
Stände auf dem EFM
(Martin-Gropius-Bau & Business Offices)
183
Anzahl Aussteller 487
   
Berlinale Co-Production Market  
Teilnehmer 510
Herkunftsländer 50
   
Berlinale Talents  
Teilnehmer 302
Herkunftsländer 80
   
Jahresbudget € 21 Mio.
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin erhalten eine institutionelle Förderung in Höhe von € 6,5 Mio. von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.