Berlinale: Berlinale Themen


Generation 2013:
Erhöhte Geschwindigkeiten

2013 feiert der Wettbewerb Generation 14Plus seine zehnte Ausgabe. Sektionsleiterin Maryanne Redpath und der stellvertretende Sektionsleiter Florian Weghorn über dramaturgischen Drive und verortete Filme im diesjährigen Gesamtprogramm von Generation.

Samir Mohamed in Happy Birthday von Mohanad Hayal

2013 feiert Generation 14plus seine zehnte Ausgabe. Wie hat sich der Wettbewerb entwickelt und wofür steht er?

Maryanne Redpath: In 2004 startete 14plus als die „jugendliche“ Ergänzung zum Wettbewerb Kplus, der damals noch Kinderfilmfest hieß. Durch den neuen Wettbewerb hat es seitdem auf allen Ebenen enormen Zuwachs gegeben: Die Sektion begrüßt heute doppelt so viele Zuschauer, zeigt doppelt so viele Filme und bekommt erfreulicher Weise auch mindestens doppelt so viel Aufmerksamkeit.

Florian Weghorn: Im Hinblick auf Film haben Jugendliche in ihren Alltagswelten wenige Räume, von denen sie wirklich sagen können: Das hier gehört uns, das sind unsere Filme. Generation 14plus wurde sofort nach Einführung von seinen Zuschauern adoptiert und viele halten der Sektion die Treue. Mit Blick auf das Festival hat der Jugendwettbewerb so für eine Art Lückenschluss gesorgt: Viele Zuschauer besuchen Kplus zum ersten Mal mit vier Jahren – manche behaupten auch, sie wären schon im Bauch ihrer Mutter im Kino gewesen. Durch 14plus können sie der Berlinale auch als Jugendliche treu bleiben, bis ihnen auch die anderen Sektionen offenstehen. Und viele kommen dann zurück oder bleiben einfach.

Dramaturgische Bögen und Fluchtbewegungen

Ich hatte den Eindruck, dass sich in diesem Jahr die Qualität der Bewegungen stark verändert. Weg von der Reise mit einer klaren Richtung, hin zu einem ziellosen Driften. Könnt Ihr das bestätigen?

Sinbad Eyani in Tough Bond von Austin Peck und Anneliese Vandenberg

FW: Nun, in Coming-of-Age-Filmen ist ja stets viel in Bewegung und meistens ohne dass die jungen Protagonisten genau wissen, wohin ihre Reise geht. Was wir dieses Jahr feststellen, ist eine deutlich erhöhte Geschwindigkeit: Die Aufbrüche, die Suche nach dem Ich, auch die Fluchtbewegungen – all das wird existentieller, radikaler und teils mit einem irren dramaturgischen Drive inszeniert. Vielleicht reagieren die Filme damit auf reale Lebenswelten, die sich ebenso beschleunigen. Deutlich tritt das in einem Dokumentarfilm zu Tage: Tough Bond von Austin Peck und Anneliese Vandenberg begleitet Klebstoff schnüffelnde Jugendliche in verschiedenen Städten Kenias und steigert auch formal kontinuierlich seine Intensität, je näher er den Slums von Nairobi kommt. Der Zuschauer wird da mit hineingezogen.

MR: Förmlich mitreißend ist auch Princesas Rojas (Red Princesses) von Laura Astorga Carrera, der von einer Familie erzählt, in der die Eltern sandinistische Aktivisten sind. Sie fliehen von Nicaragua nach Costa Rica und nehmen ihre zwei Mädchen, die Red Princesses, mit. Das erinnert an die RAF-Zeit in Deutschland: Familien bewegen sich von Safehouse zu Safehouse, überall ist es gefährlich, die Familie kommt nicht zur Ruhe. Im Film sehen wir alles, was im Leben der Erwachsenen passiert, durch die Augen der Mädchen.

Gibt es für die Protagonisten noch Entwicklungen oder sind das alles nur noch Zustandsbeschreibungen?

FW: „Zustandsbeschreibung“ ist für manche Filme bei Generation durchaus treffend, Hide Your Smiling Faces zum Beispiel oder auch Um Fim do Mundo. Die Geschichte tritt hier hinter einem eher atmosphärischen Gesamtbild zurück. In den genannten Filmen vermittelt sich ein Gefühl von Jugend auch formal, eben in der Art, wie das filmische Medium auf den Zuschauer wirkt. Und selbst wenn die Protagonisten sich oberflächlich nur die Zeit vertreiben, ist innerlich alles in Bewegung.

Muhammad Ali in ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt von Anne Kodura

Der deutsche Film erlebt einen Aufschwung in Eurer Sektion, in der gleich zwei heimische Langfilme zu sehen sind ...

FW: Ja, das ist erfreulich nach einer Zeit mit leider wenig deutschen Filmen im Programm von Generation Kplus. Kopfüber ist ein toller Film und auch ein interessantes Fallbeispiel für die Situation des Kinderfilms in Deutschland. Bernd Sahlings Film basiert nicht auf einer bekannten Buch- oder Märchenvorlage, und es ist nicht einfach, so etwas in Deutschland zu finanzieren. Der Film über einen Jungen mit ADHS punktet mit seinen authentischen Darstellern und einer Story wie direkt aus dem Leben entwickelt. Wir sind sehr gespannt darauf, ihn mit unserem Publikum zu feiern und auch zu diskutieren .

MR: Der zweite deutsche Beitrag, ÖDLAND – Damit das keiner das so mitbemerkt, erweitert den Blickwinkel noch einmal. Anne Koduras Dokumentarfilm wurde nicht originär für Kinder gemacht. Sie zeigt einen Wohnblock, in dem Flüchtlingsfamilien meist über viele Jahre im Duldungsstatus wohnen - irgendwo draußen in der Ödnis, wo es möglichst keiner mitbekommt. Die Kamera ist beeindruckend, sie heftet sich an die Fersen der Kinder. Fragen nach Heimat und Zugehörigkeit, Weggehen-Dürfen und Flüchten werden von den Protagonisten selbst nicht unbedingt problematisiert, aber sie sind in den Spielen und Gesprächen der Kinder unterschwellig immer ein Thema.

Landschaften, die nicht nur Kulisse sind

Im koreanischen Beitrag Pluto von Shin Su-won scheinen Jugendliche von einem rigiden Schulsystem komplett aufgesogen. Sind sie in diesem Film einfach nur Opfer?

June Sung in Pluto von Shin Su-won

FW: Der Junge, der die Hauptrolle spielt, versucht aus einem Teufelskreis auszubrechen. Er ist Opfer und wird zum Täter. Fatalerweise richten die Jugendlichen in dieser Schule ihren Widerstand gegen sich selbst und nicht gegen das System, das sie zwingt, so zu sein.

MR: Und es ist ein verdammt gut gemachter Film. Wir philosophieren über die Inhalte, aber Pluto ist darüber hinaus auch ein spannender Thriller, der einen gebannt hält. Alle Filme bei Generation haben ihre eigenen bildsprachlichen Welten, ihren eigenen Rhythmus und ihre originären Erzählformen.

Viele Filme spielen in Krisenregionen...

FW: Das ist richtig und trotzdem können diese Filme auch versöhnlich sein. Im Kurzfilm Happy Birthday von Mohanad Hayal zum Beispiel ist man auf einem Friedhof in Baghdad. Ein kleiner Junge findet das Grab eines Mädchens und schenkt ihr sein Spielzeug, während im Hintergrund Schüsse zu hören sind. Der Film ist charmant, sogar witzig, und zugleich ein deutlicher Kommentar zur realen Lebenssituation vor Ort.

MR: Auch The Rocket sollte man erwähnen, dessen Geschichte sich in Laos zuträgt, das heute immer noch übersät ist mit hochgefährlichen Blindgängern aus dem Krieg. Und wie Naturgewalten in Kinderwelten einbrechen, ist im belgischen Beitrag Twa Timoun (Drei Kinder) von Jonas d'Adesky zu erleben. Der spielt auf Haiti, das nach dem großen Erdbeben fast komplett zerstört ist. Drei Jungen schließen Freundschaft und versuchen in Port-au-Prince ein neues Zuhause zu finden. Doch die Probleme sind nicht nur in fernen, exotischen Regionen zu finden. Auch Deutschland ist ein Krisengebiet, wenn man noch Mal an ÖDLAND denkt.

Und die Orte selbst beeinflussen die Filme?

FW: Ja, die realen Landschaften und Lebensräume sind in den meisten Filmen mehr als Kulissen. Generation 14plus eröffnet dieses Jahr mit Jîn. Der türkische Regisseur Reha Erdem erzählt die Odyssee einer jugendlichen Kämpferin zwischen den Fronten. Sie bewegt sich ganz instinktiv, fast wie ein Tier, in einer atemberaubenden Berglandschaft. Die erkennbare Verortung in den kurdischen Gebieten der Türkei und natürlich die Handlung geben eine starke Deutungsrichtung vor. Erdem versteht seinen Film aber wie ein Märchen, mit einem universalen Konflikt, der sich an vielen Orten auf der Welt zutragen könnte.

Deniz Hasgüler in Jîn von Reha Erdem

MR: Starke Ortsgebundenheit spürt man in Satellite Boy aus Australien. Ein Aboriginaljunge, macht sich auf einen langen Roadtrip und entdeckt die Magie seiner Vorfahren. Das Land unter seinen Füßen spricht mit ihm, und mit jedem Schritt lernt er diese Sprache besser zu verstehen.

Ihr habt die „Jungen Journalisten“ weiterentwickelt zum Projekt „Abenteuer Film“. Was ändert sich?

MR: Das ist ein neues Kapitel, wir blicken in die Zukunft und probieren gemeinsam mit einem Partner etwas aus. Was bleibt, ist die aktive Beteiligung von jungen Menschen am Festivalgeschehen.

FW: Durch die neue Kooperation mit dem Jugendmagazin „fluter“ hoffen wir, die langjährigen Erfahrungen mit den „Jungen Journalisten“ noch ausbauen zu können. Die "fluter"-Redaktion widmet den ganzen Februar der Berlinale und wird die teilnehmenden Jugendlichen vielfach anregen, sich mit den Filmen von Generation 14plus auseinanderzusetzen. Wir hoffen, sie sind mit Neugierde auf der Berlinale unterwegs und geben sich dem Festivalrausch hin.