Berlinale: Berlinale Themen


Berlinale Shorts 2012:
Die Konzentration auf den Augenblick

Im Interview spricht Kuratorin Maike Mia Höhne über Filme, die ihre ganz eigene Sprache jenseits der Grenzen von Fiktion, Animation und Dokumentation finden, Anstöße zur Reflexion über filmisches Erzählen geben und nach einer moralischen Haltung verlangen.

In der Pressemitteilung zu Eurem diesjährigen Programm hast Du gesagt, das Leitmotiv der Berlinale Shorts 2012 sei „Say goodbye to the story“...

Das Programm ist so divers wie immer, aber wenn es ein Leitmotiv gibt, dann ist es die Narration und die Frage, wie Erzählen heute noch funktionieren kann. Say Goodbye to the Story (ATT 1/11) von Christoph Schlingensief trägt im Titel, was so viele Filme untersuchen, da war es naheliegend, dies als Leitmotiv zu nehmen. PUSONG WAZAK! (The Ruined Heart! Another Lovestory Between A Criminal And A Whore) von Khavn De La Cruz ist ein wunderbares Beispiel dafür. Um das Klischee wissend, persifliert Khavn De La Cruz diese uralte Geschichte. Es gibt einen Dialog in der Mitte des Films, der die Independent-Haltung der Regie widerspiegelt und gleichzeitig ist der dramaturgische Bogen dieser Unterhaltung großes Kino. Der Regisseur erzählt vom philippinischen Leben heute und findet dabei seine ganz eigene wilde, unabhängige, freie Sprache. Wir reden alle immer davon, dass wir junge Wilde auf der Leinwand sehen wollen: Hier ist einer! Khavn war übrigens 2008 in der Internationalen Kurzfilmjury in Berlin.

Ein anderes Beispiel ist der bereits erwähnte Say Goodbye to the Story (ATT 1/11) von Christoph Schlingensief. Der Film ist entstanden, während Schlingensief African Twin Towers gedreht hat. Say Goodbye to the Story (ATT 1/11) ist ein fiktives Fragment. Schlingensief untersucht ganz genau den Aufbau einer Szene. Er ist genervt, wird wütend, erholt sich - ständig unterbricht er die Schauspieler, lässt sie wiederholen und wiederholen. Damit dekonstruiert er die Szene und macht den Prozess der Arbeit sichtbar. Die Erlösung ist im zweiten Akt das Tanzen - ekstatisch und befreiend. Der dritte Akt fordert den Mord - immer wieder - Spiel, Oper, Montage. Längst hat er das Gebiet der realistischen Erzählung verlassen und begibt sich in die Überhöhung, hinein in die Kraft der Oper. Als Zuschauer fühlt man sich vorgeführt, wird gezwungen zu hinterfragen, was man da eigentlich sieht; und auch, was man in anderen Filmen sieht, in denen ja nur das Resultat auf der Leinwand erscheint. Schlingensief durchbricht die Distanz zwischen Filmbild und Zuschauer, gräbt Spuren, die bleiben, wenn das Licht angeht.

LI.LI.TA.AL., R: Akihito Izuhara, JPN 2011

Die wenigsten Filme des diesjährigen Programms halten sich an reguläre Plotmuster. Auch wenn die Narrationen einen Bogen haben, bleiben sie diffus - sehr, sehr eigen in dem was sie erzählen und wie sie es inszenieren.

Besonders deutlich wird das bei den Animationsfilmen, die nicht auf (sprach-)logisches Verstehen aus sind. Zum Beispiel LI.LI.TA.AL. würde ich als animierte Meditation bezeichnen. Der Regisseur Akihito Izuhara kreist auf existentielle Art und Weise um die Themen Natur, Zukunft und Besinnung. 2010 lief sein Film Akai Mori no Uta (The Song of Red Forest) im Programm außer Konkurrenz. Für LI.LI.TA.AL. hat er sich eine ganz eigene Sprache seiner Protagonistenwesen ausgedacht. Zunächst schreibt er die Gedichte auf Japanisch und übersetzt sie dann in die Sprache dieses Phantasielandes. Die Wesen geben sich ihr Wissen über Verse weiter. Und je öfter sie den Vers sprechen, desto näher kommen sie dem Sterben, das gehört einfach dazu. Die Aussage wird kristalline Materie, verfestigt sich. Die Materie ist der Tod. Die Beisetzung der kristallinen Verse der LI.LI.TA.AL.s gehört als Ritual zum Leben, wie der Tod.

Die Kunst sich zu konzentrieren

2011 hast Du über den Kurzfilm gesagt, dass Du ihn schätzt, weil er Themen anschneidet, statt sie auszuerzählen, unfertig bleibt, skizzenhaft...

Licuri Surf, R: Guile Martins, BRA 2011

Die Kunst des kurzen Films ist die Konzentration auf den Augenblick.
Ein Beispiel: Der Film impossible exchange, ein Video-Art-Projekt aus dem Libanon, ist ein dokumentarisches Fragment, das philosophisch gedeutet wird. Ein minimales Moment wird durch konjugiert, so dass es die kleine Szene übertragbar werden lässt auf Anderes - im Kleinen das Große gespiegelt. Leben.
Ein weiterer Aspekt: impossible exchange spielt mit Schrift im Film und erzählt so unmittelbar von dem, was dem Filmemacher im Kopf vorgeht.

Die Libanesen verfügen über eine ganz eigene Video-Kunst, für die sie weltweit bekannt sind. impossible exchange beweist, dass das Produktionsbudget nicht unmittelbar die Qualität der Inhalte bestimmt. Der Film kostet vor allem Zeit und Gedanken. Unabhängig von der Höhe der Finanzierung entstehen tolle Arbeiten. Skizzen, die anregen, anregen zum Weitermachen, Denken. Das ist eine mögliche Quintessenz, die man aus den verschiedensten Filmen mitnehmen kann. Erotic Fragments No. 1,2,3 aus Thailand und Frankreich besticht durch seine Idee und die Einfachheit in seiner Umsetzung. Anucha Boonyawatana filmt drei digitale Postkarten: Es sind nicht die berühmten Tempel oder andere touristische Orte, die motivgebend sind, es sind die Orte, an denen Bewegung und Veränderung passiert, drei Gänge, die in Ausschnitten von einem gelebten Heute erzählen. Als konzeptuellen Film hatte das Rüdiger Neumann in den 1980er Jahren für die BRD angelegt, als er nach dem Zufallsprinzip durch die Republik gereist ist, um seiner Freundin aus den USA ein Bild zu schenken von einem realistischen Damals - Archiv der Blicke.

Der Film geht im Kopf des Zuschauers auf verschiedenste Art und Weise weiter...

Ich finde, dass viele Filme nach einer moralischen Haltung und einer Position des Zuschauers verlangen. Mah-Chui (Anesthesia) ist für mich so ein Film. Als die Hauptfigur - eine junge Krankenschwester - beobachtet, wie ein Arzt im Krankenhaus hilflose, narkotisierte Frauen vergewaltigt, will sie sofort eingreifen. Sie berichtet es ihren Kolleginnen, um gemeinsam zur Polizei zu gehen. Doch sie haben Einwände. Im Folgenden trifft die Protagonistin die Frauen, die vergewaltigt wurden und stürzt sie und sich damit ins Unglück. Ein absolut tragischer Moment entsteht, als eines der Opfer bekennt, dass sie seit Jahren auf ein Kind warte. Sie hätte sich gewünscht, nie von ihrer Vergewaltigung erfahren zu haben, so dass sie das Kind hätte behalten können. Und so bleibt das gesamte soziale Umfeld untätig – aus unterschiedlichen Gründen. Die Kolleginnen wollen die Polizei nicht informieren, weil sie das Krankenhaus erpressen, und die Opfer können nicht noch mehr Demütigungen ertragen. Also muss die Hauptfigur noch einen Schritt weiter gehen. Es reicht nicht, dass sie den Videobeweis bereits besitzt.

The End, R: Barcelo, FRA 2011

Klassisches Erzählkino und eigene Handschriften

The End fällt gegenüber den anderen Filmen auf, wirkt geschlossener mit einem deutlichen Spannungsbogen in einer klassischen Drei-Akt-Struktur. Durch die digitale Technik und aufwendige Morphing-Verfahren ist es möglich, Gesichter im Film zu verändern oder auszutauschen. In The End wird Charlotte Rampling in ihren eigenen Filmen durch jüngere Schauspielerinnen ersetzt.

Das ist großes Erzählkino vom Feinsten. Wir alle wissen, wie der Stand der Dinge ist bei Schauspielerinnen: Wenn Du über 30 bist, hast Du es echt schwer. Formal ist The End nicht so interessant, weil er ganz klassisch inszeniert ist. Außergewöhnlich sind die Besetzung und das Schauspiel. Charlotte Rampling ist überragend in ihrer Suche nach sich selbst. Die Hauptrolle hätte nicht einfach von einer No-Name-Schauspielerin gefüllt werden können, die wiederum eine Frau darstellt, die irgendwann mal berühmt war. Der Regisseur Barcelo greift sich Charlotte Rampling und wechselt von „besetzt“ zu „ersetzt“: Er ersetzt Rampling in ihren eigenen Filmen durch andere Schauspielerinnen, die in Frankreich allesamt Stars sind.
Dass die Franzosen auch ganz unkonventionelles Kino machen können, zeigt Vilaine Fille Mauvais Garçon (Two Ships). Der Film ist viel weniger streng als The End, im Gegenteil, er ist wild und verrückt, auch mit der Kamera. Der Blick schweift über eine Party, betrachtet das ausgelassene Treiben. Die Franzosen haben immer ganz klassische Kurzfilme gemacht im Stil von The End. Aber jetzt kommt plötzlich Anderes. Die Filmemacherin von Vilaine Fille Mauvais Garçon Justine Triet ist keine an einer Filmhochschule ausgebildete Regisseurin, sondern kommt von der Kunsthochschule und hat als Bildende Künstlerin einen anderen Blick auf ihr Sujet und wie sie es abbilden will.

Wie wichtig sind die Gespräche mit den Filmemachern im Anschluss an die Premieren?

zounk!, R: Billy Roisz, AUT 2011

Die Gespräche sind wichtig als Ergänzung zum eigenen Film, den sich jeder Zuschauer je nach seiner Laune selbst baut. Sie erweitern das Gesehene, bedeuten einen weiteren, tieferen Schritt in die unterschiedlichen Welten hinein. Die Regisseure der Berlinale Shorts sind selten Debütanten, sondern entwickeln schon länger eigene ästhetische Sprachen. Von ihrem Suchen und Finden können sie in den Q&As berichten. Das hat sehr gut funktioniert in den letzten Jahren.
In dieser Situation wird auch ein so zarter und poetischer Film wie Enakkum Oru Per (I Too Have A Name) aus Sri Lanka funktionieren: eine Mutter versucht ihre Tochter im Kloster zu verstecken, aber die Armee macht selbst vor der Kirche nicht halt - also geht sie weiter und findet einen Ort, der nur ihr und ihrer Tochter gehört. Ähnlich wie Ein Mädchen Namens Yssabeau überschreiten und verlassen die Filmemacherinnen die realistische Abbildung von Wirklichkeit, um in anderen Räumen, die eben auch Kino sind, ihre Wahrheiten zu finden. Das Festival wird den Filmemachern Kraft geben, weiterzumachen, weiterzumachen in der Entwicklung einer eigenen kinematografischen Handschrift.
Ich verstehe es als eine meiner Aufgaben, dem filigranen, skizzenhaften Versuch, der schon etwas sehr Eigenes, Starkes in sich trägt, weiter zu unterstützen und Raum zu geben. Und es geht - wie der Gewinner des Goldenen Bären vom letzten Jahr PARANMANJANG (Night Fishing) von PARKing CHANce, PARK Chan-wook und PARK Chan-kyong aus Korea gezeigt hat- nicht um die Länge, sondern die Form, die Idee und das Wissen.

Loxoro, R: Claudia Llosa, ESP/PER 2011

Claudia Llosa, die 2009 den Goldenen Bären mit ihrem Langfilm La Teta Asustada (The Milk Of Sorrow) gewonnen hat, präsentiert in den Berlinale Shorts ihren Film Loxoro. Loxoro ist die Sprache der Transsexuellen in Peru. Llosas Film erzählt von einer Mutter, die ihre Tochter sucht. Es ist nachts. Sie ist verzweifelt und durchstreift die einschlägigen Bars, sucht die Grenze zu überschreiten und wird zurückgeworfen auf die Szene der Transsexuellen. Wo sind sie sicher, gibt es einen Ort für sie? Wird es ein Wiedersehen geben? Die Nacht verschwimmt…

Für die Jury konntest Du alte Bekannte der Berlinale und ein neues Gesicht gewinnen…

Das stimmt. Der Filmemacher und Künstler David OReilly hat 2009 den Goldenen Bären für Please Say Something gewonnen. Er ist ein Held in seiner Szene. Bei der Berlinale 2008 wurde er mit einer Special Mention für RGB XYZ ausgezeichnet. Sandra Hüller war als Schauspielerin letztes Jahr mit gleich zwei Filmen bei der Berlinale: Brownian Movement von Nanouk Leopold und Über uns das All von Jan Schomburg. Den Silbernen Bären 2006 hat sie für ihre Darstellung in Requiem von Hans-Christian Schmid gewonnen, der mit seinem neuen Film im diesjährigen Wettbewerb des Festivals vertreten ist. Die Dritte ist die bildende Künstlerin, Emily Jacir. Sie war mit ihren Arbeiten u.a. in Venedig vertreten und hat dort den Goldenen Löwen gewonnen. Ihr neues Werk wird in diesem Jahr auf der dOCUMENTA (13) zu sehen sein. Sie arbeitet immer wieder mit dem Medium Film und Video. Ich bin sehr gespannt, wie die Diskussionen zwischen den Juroren verlaufen werden.