Berlinale: Berlinale Themen


Forum Expanded 2012:
Vor dem Mainstream

Seit 2006 findet im Rahmen der Berlinale das Forum Expanded statt. Im Interview spricht die Leiterin Stefanie Schulte Strathaus über die Ziele der Sektion, thematische Schwerpunkte und besondere Bildpraktiken des Arabischen Frühlings.

Dies ist das erste Interview mit den „Berlinale Themen“, deshalb zur Einführung eine allgemeine Frage: Was ist das Forum Expanded und was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Entscheidend für die Gründung des Forum Expanded war die Vielzahl von Werken, die mit Bewegtbild arbeiten und einen kritischen oder innovativen Beitrag zum Kino leisten, aber nicht in die etablierten Formate passten. Sowohl im Bereich des Experimentalfilms, als auch zunehmend von Seiten der Bildenden Kunst. Irgendwann wurde klar, dass es zwei Alternativen gibt: Entweder diese Arbeiten abzulehnen, oder das Festival für sie zu öffnen und ihnen einen Platz zu schaffen. Mit dem Forum Expanded beleuchten wir die Ränder und das Außen des Kinos, um es aus einer anderen Perspektive zu betrachten und dann unter Umständen auch wieder zurückzukehren. Wir setzen das bis heute fort und geben keine Richtlinien für die Beiträge vor, um so eine Plattform zum Experimentieren zu haben.
Das Kino verändert sich beständig und das liegt auch an den Impulsen, die aus dem Experimentalfilm, der Kunst, dem Theater oder der Musik kommen. Diese Kräfte finden über kurz oder lang Eingang in den Mainstream und andersherum arbeitet sich die Kunst auch am Mainstream ab. Die Grenzen sind fließend und das eine bringt das andere mit hervor.

Habt Ihr Künstler für die Berlinale „entdeckt“? Das heißt Filmemacher, die später auch in anderen Sektionen Arbeiten präsentiert haben?

Marie Losier wäre so ein Beispiel. Sie war letztes Jahr mit The Ballad Of Genesis und Lady Jaye im Forum zu Gast, hat einen TEDDY und den Caligari-Preis gewonnen. Ihre ersten Kurzfilme und Installationen hatte sie im Forum Expanded, vorher war sie ganz unbekannt. Aber auch anders herum haben Personen wie James Benning oder Isabella Rossellini, deren Green Pornos wir in eigens gebauten Terrarien präsentiert haben, Forum Expanded als neues Experimentierfeld für sich entdeckt. In diesem Jahr tritt bei uns der israelische Regisseur Avi Mograbi auf, dessen Arbeiten das Forum wiederholt gezeigt hat und der für seine radikalen Inszenierungen des Selbst im Dokumentarischen bekannt ist. Diesmal stellen wir ihn als Musiker mit einer vierköpfigen Band vor. Im HAU 2 wird er mit Hilfe von Live-Musik frühere Filmprojekte einer Revision unterziehen.

At the Back/The Details von Avi Mograbi, Noam Enbar, Ariel Armoni, Adam Scheflan, Yoni Silver

Eine Vorwärtsbewegung mit einer gewissen Tendenz zurück

In Eurer Ankündigung für das Forum Expanded 2012 heißt es, es sollen „avantgardistische Ideen auf ihre Aktualität hin geprüft werden“. Wie sieht das konkret aus und welche Ideen meint Ihr?

Es gab in der Geschichte des Films ja immer wieder avantgardistische Tendenzen, schon in den 20ern. Manche wollten ganz bewusst und offensiv mit bestimmten kanonisierten Kinobegriffen brechen. Darin lag aber immer auch die Gefahr, das Neue wieder zu kanonisieren und sich dann auf dem Erreichten auszuruhen. Auch der strukturelle Film hatte sich irgendwann überholt. Deshalb gibt es immer gute Gründe, den Avantgardebegriff zu überprüfen. Er muss in jeder Epoche neu diskutiert werden. Was differenziert eine Arbeit von allen anderen? Wie radikal kann Kino überhaupt sein?
Interessanterweise setzen sich in diesem Jahr sehr viele Arbeiten mit Vorbildern auseinander. So greift zum Beispiel der libanesische Filmemacher Gheith Al-Amine die Cut-Up-Methoden von Brion Gysin und William S. Burroughs auf. Es werden Bezüge aufgemacht zu früheren Avantgarden, aber nicht um sie zu imitieren, sondern um sie zu hinterfragen und für neue, zeitgenössische Ideen zu nutzen.

Die klassischen Avantgardebewegungen einte ja ein sehr spezielles Ziel: Die Kunst zu verlassen und die Formen des zukünftigen Lebens zu schaffen. Ihr versteht das Kino nicht nur als visuellen, sondern auch als Handlungsraum. Welcher Kunstbegriff steht dahinter?

Das stimmt tatsächlich. Die Arbeiten verlängern sich ins Leben oder stellen Referenzen her, die vergessen wurden im Prozess der Kanonisierung. Es gibt eine Art Rückkopplung an ein Außerhalb des Kinos. In diesem Jahr haben wir das thematisch spezifiziert und rücken die Psychiatriebewegung der 1960er, 70er Jahre – die ja auch ein Goldenes Zeitalter des Experimentalfilms waren – in den Fokus. Die Psychiatriebewegung setzte die Institutionalisierung der Psychiatrie in ein Verhältnis zu gesellschaftlichen Machtstrukturen. Luke Fowlers Dokumentarfilm All Divided Selves über den Guru der Anti-Psychiatriebewegung RD Laing bildet den Auftakt zur Ausstellung „Kritik und Klinik“ in den Kunstsaelen Berlin. Dort wird deutlich, wie in jener Zeit psychotische und allgemein Krankheitszustände als Symptome gesellschaftlicher Missstände und Ausschlussverfahren gesehen wurden. Aus der Beschäftigung damit gehen neue Impulse für ein politisches Kino hervor: Im letzten Jahr hatten wir sehr viele Arbeiten die explizit politisch waren, aber theorielastiger, unmittelbarer. 2012 dominiert die Rückkopplung an eine radikale Subjektivität, die eine neue Sprache hervorbringt, neue Möglichkeiten hat, zu experimentieren – indem in den Arbeiten Ausdrucksformen des Inneren ins Verhältnis zur äußeren Gesellschaft gesetzt werden.

All Divided Selves von Luke Fowler

Welche Aktualität besitzen solche Diskurse um Kritik und Klinik? Zum einen scheint mir der klinische oder therapeutische Diskurs in der Gesellschaft angekommen, ein Beispiel wäre der Burn-out. Gleichzeitig lässt sich an diesem Phänomen auch ablesen, dass psychische Krankheiten individualisiert und privatisiert wurden. Im Falle des Burn-outs werden die Ursachen nicht wie in den 60er und 70er Jahren in den repressiven gesellschaftlichen Strukturen gesucht, sondern im defizitären Individuum…

Burn-out ist ein gutes Beispiel, weil es ein Symptom ist, das ein kapitalistisches System hervorgebracht hat, und ein Bild der Arbeit voraussetzt, in dem das Individuum funktionieren muss. Durch den offensiven Umgang der Medien mit dem Burn-Out-Syndrom inklusive seiner Heilung macht man es gesellschaftsfähig und integriert es als Teil der Struktur. Das Subjekt geht dabei verloren, selbst wenn es krank ist. Deshalb glaube ich, dass das Neue des zeitgenössischen Diskurses die Anbindung an die aktuellen Diskussionen um „die Krise“ ist – an den allgemeinen Krisenbegriff, der heute völlig abstrakt und vom Individuum entkoppelt erscheint. Hier setzt die Kritik an.

Wie sieht das konkret in den Arbeiten des diesjährigen Programms aus?

Die Arbeiten sind extrem unterschiedlich in ihrer jeweils subjektiven Formsprache. Duncan Campbell setzt sich zum Beispiel in Arbeit explizit mit der Einführung des Euro und der aktuellen Finanzkrise auseinander. Aus Wochenschauen, Fotografien und Werbung setzt er widersprüchliche Erzählungen von Menschen, Zeiten und Orten zusammen, in denen die Bilder – je nachdem wer gerade die Kamera hält – sich ständig verändern. Für alle Arbeiten gilt, dass die Anbindung ans Subjekt darin besteht, die Freiheit des Mediums Film oder filmische Installation gleichzeitig als Form und Inhalt des Widerstands zu nutzen.
Florian Wüst befasst sich – auch im Rahmen der Ausstellung „“ - mit der historischen Figur Hartmut Gründler, einem Atomkraftgegner, der sich 1978 in einer Protestaktion angezündet hat. Zuvor hat er selbst einen medialen Diskurs in Gang gesetzt, der ihn nach seinem Tod zwar nicht als Märtyrer verklärt hat, aber eine Selbstverbrennung ist natürlich ein sehr radikaler Akt…

Kritik und Klinik I: Arbeit von Duncan Campbell

…und hochaktuell, schließlich wurde auch der Arabische Frühling zu einem nicht geringen Teil von einer Selbstverbrennung ausgelöst…

…und hochaktuell. Ein Teil der Arbeit sind Wandzeichnungen von Heißluftballons, die die Namen von Energiekonzernen als Werbeaufschrift tragen. Dazu gibt es zum Teil fiktive, zum Teil echte Zeitungsartikel und ein Video, das mehrere YouTube-Clips zu dem Song „Radioactivity“ von Kraftwerk nachzeichnet. In der Arbeit ist alles, also bewegte und unbewegte Bilder, gezeichnet. Rückgekoppelt an die Anti-Atomkraftbewegung setzt sich Wüst mit der Frage auseinander, wie sich Widerstandsformen verändern.

Kräfteverhältnisse

RD Laing wurde dafür bekannt, dass er die klassischen Hierarchiestrukturen zwischen Arzt und Patient aufbrechen wollte. Unter anderem hat er mit Schizophrenen in einer Wohngemeinschaft zusammengelebt. Sind solche Strukturen übertragbar auf das Kino?

Ohne eine Vereinfachung vornehmen zu wollen, würde ich sagen, dass wir mit Forum Expanded in gewisser Weise hier ansetzen. Und zwar dadurch, dass wir keine Reglements und Einreichkriterien haben, sondern immer erst mal schauen, was in Kunst und Film im Bezug auf das Kino aktuell verhandelt wird und besonders diejenigen beobachten, die keinem standardisierten Format folgen. Die Grenzen sind oft schon dann erreicht, wenn eine Arbeit nicht mehr realisierbar oder finanzierbar ist. Aber wir haben viel experimentiert in den letzten Jahren, auch mit Institutionen wie Galerien, Museen, Theatern, mit dem öffentlichen Raum. Manche Versuche haben sich langfristig bewährt, andere waren nur in dem Moment richtig. Wir wollen im Rahmen des Festivals Freiräume sichtbar machen, die sich Filmemacher und Künstler zu erkämpfen versuchen. Dabei stellt sich natürlich sehr schnell die Frage, wie beweglich und vor allem offen und aufmerksam eine Institution sein kann, also wir selbst sein können. Die heutigen Arbeiten wollen ja nicht per se im Sinne einer Institutionenkritik das Kino aufbrechen, so wie früher das Expanded Cinema z.B. den Kinoapparatus ausstellte. Dennoch stellen sie uns vor Herausforderungen, weil jede Arbeit anders präsentiert werden will. Und wir als Kuratoren müssen auch überlegen, wie wir das Publikum mit diesen Fragen erreichen. Wir experimentieren also tatsächlich mit Hierarchiestrukturen zwischen Institution, FilmemacherIn/KünstlerIn und Publikum und loten aus, wie weit wir gehen können und müssen. Es ist übrigens außergewöhnlich, dies im Rahmen eines Festivals tun zu können, das solche schwer verkäuflichen Programme nicht nur toleriert, sondern unterstützt.

Programming the Archive: Harun Farocki presents: La Verifica Incerta

Inwieweit fließen die psychoanalytischen und ideologiekritischen Diskurse, die die Filmwissenschaft lange Jahre beherrscht haben, mit ein?

Sie haben uns geprägt, aber wir stellen sie nicht aus. Allerdings setzt sich ein anderes großes Projekt, das in Form einer Performance und einer Podiumsdiksussion mit dem Titel „Programming the Archive“ im Forum Expanded vorgestellt wird, mit solchen Themen auseinander: das Projekt Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart. Das Arsenal – Institut für Film und Videokunst hat als Veranstalter des Forums der Berlinale über die Jahre einen riesigen Bestand an Filmen gesammelt, die durch den hauseigenen Verleih zugänglich gemacht wurden. Dieses riesige Archiv ist Ausdruck der Geschichte der Institution und derer, die sie geprägt haben. Wir haben über 30 Künstler, Kuratoren und Wissenschaftler eingeladen, Projekte zu realisieren, um einen zeitgenössischen Kontext für diese Filme herzustellen. Innerhalb dieses Rahmens wird auch die Geschichte der Filmtheorie neu betrachtet, etwa in einem Projekt von Winfried Pauleit, das sich mit Laura Mulvey und ihrer psychoanalytischen Filmtheorie und -praxis befasst.

Bilder und Praktiken des Widerstands

Noch einmal zurück zum Avantgardebegriff. Kann es heute eine Avantgarde – als künstlerische Vorhut – überhaupt noch geben? Avantgarde liegt ja insofern in einer kapitalistischen Logik, weil sie Neues produziert, also Differenzen schafft, die für Mehrwert sorgen, der die Voraussetzung für Verkaufswert ist und somit wieder in das System eingespeist wird. Kann es heute überhaupt noch Schutz- oder Freiräume, Punkte des Widerstandes geben? Oder verschwindet alles sofort in der Verwertungsschleife?

Der Kulturtheoretiker Brian Holmes hat in einem anderen Zusammenhang den Begriff der doppelten Disziplinlosigkeit geprägt. Einmal als eine Interdisziplinarität, die alles erlaubt. Künstler machen Filme, Filmemacher Installationen, das Kino entgrenzt sich in den öffentlichen Raum. Alles ist beliebig und verfügbar. Wir wissen zwar alle, dass das so nicht stimmt, aber das ist die Suggestion. Die andere Disziplinlosigkeit sieht er als Reaktion auf die 68er und die antiautoritäre Erziehung: Man fügt sich ein in eine scheinbare Freiheit, die heute ein Erfolgssystem ist, wiederholt endlos das, was funktioniert und wird dadurch disziplinlos, indifferent. Dem gegenüber steht aber eine Bewegung aus der eigenen, einengenden Disziplin heraus in radikal fachfremde Gebiete hinein, die gewinnbringend ist, weil sie Perspektivwechsel erlaubt und unter veränderten Vorzeichen wieder zum Ausgangspunkt zurück führen kann. So entstehen auch die Zwischenräume zwischen Kunst und Kino, in denen auch heute noch vieles undefiniert und voller Widersprüche ist. Räume, die eine ungeheure Produktivität ermöglichen.

Bye Bye von Paul Geday

Im Moment können wir viel lernen, ich denke in dem Zusammenhang natürlich auch an das Thema „Arabischer Frühling“ bei der Berlinale 2012. Im Forum Expanded zeigen wir Filme aus dem arabischen Raum ohne Revolutionsbilder, veranstalten aber ein Panel zum Thema Kairo und seine Bildarchive. In der Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in den arabischen Ländern findet man ebenfalls jene Zwischenräume, die schwer verbalisierbaren, zumindest aus unserer Perspektive heraus offenen Stellen, die vielleicht auch Freiheit versprechen, aber vor allem erstmal etwas in Bewegung setzen.

Thematisiert Ihr den Arabischen Frühling auch unter den Bedingungen einer Beobachtung zweiter Ordnung?

In Kairo wurde während der Revolution etwas sehr Spannendes gemacht: Die Handyfilme, die am Tahrir-Platz entstanden sind, konnten die Demonstranten an einer zentralen Stelle sofort herunterladen, um den Speicherplatz auf dem eigenen Handy wieder herzustellen. Aber die Clips wurden auch unmittelbar archiviert und direkt am Tahrir-Platz wieder auf eine Leinwand projiziert. Ich finde das unglaublich intelligent, in der Situation die nächsten Schritte – die Archivierung und Verfügbarmachung schon mitzudenken und zu realisieren. Und vor allem auch die Fragen zu stellen: Wem gehören diese Momente, wer ergreift Besitz von ihren Bildern? Einer der Beteiligten, Khalid Abdalla, ist Gast des Panels „Cairo: The City, the Images, the Archives“. Thema sind die Bilder von Kairo, die ja immer schon mit Pyramiden – und jetzt eben dem Tahrir-Platz - sehr klischeebehaftet waren. Die zentrale Frage wird sein, wie die Stadt als ein Bildarchiv verstanden und neudefiniert werden kann und muss.
Die Arbeiten, die wir dazu zeigen, versuchen andere Bilder zu finden. Sie nehmen die Ereignisse zum Anlass, Privates wie das elterliche Klavier oder die Beziehung zum Vater als Teil und Produkt der Gesellschaft zu hinterfragen. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern in all seinen Erscheinungsformen.