Berlinale: Berlinale Themen


Berlinale Talent Campus 2011:
Das Politische findet meist nur noch im Privaten statt

Unter der Überschrift „Framespotting – Filmemacher positionieren sich“ öffnet der neunte Berlinale Talent Campus seine Pforten für 350 der talentiertesten Nachwuchskräfte der globalen Filmwelt. Programmleiter Matthijs Wouter Knol und Projektleiterin Christine Tröstrum erläutern im Interview, was unter der avisierten Positionsfindung zu verstehen ist, wie der Campus und die eingeladenen Experten dazu beitragen können und warum persönliche Einschränkungen nicht unbedingt zulasten der Kreativität gehen müssen.

Das Plakatmotiv zur Campus-Edition 2011: „Framespotting – Filmemacher positionieren sich“

Für die kommende Campus-Ausgabe verortet ihr die Talente von vornherein vor dem Hintergrund „globaler Herausforderungen“. Ist die von Euch in diesem Kontext eingeforderte Verantwortung gesellschaftspolitisch zu verstehen? Etwa wie das Thema des Berlin Today Awards 2012 „Every Step You Take“, das ja auch mit der heutigen Unausweichlichkeit weltweiter Zusammenhänge zu tun hat?

MWK: Natürlich versuchen wir, das Thema des Berlin Today Award immer in einen Zusammenhang mit dem Hauptthema des Berlinale Talent Campus zu bringen. Und das diesjährige Motto verstehen wir auch gesellschaftspolitisch. Das Thema 2011 ist letztendlich aus den Campi der letzten Jahre entstanden, dreht sich zum einen um politisches Engagement, aber vor allem um die Bestimmung der eigenen Position: Wo befinde ich mich gerade? Welcher Weg liegt hinter mir und wie geht es weiter? Dies ist die persönliche Ebene, aber das Thema umfasst letztlich eine ganze Bandbreite an assoziativen Bildern. Neben konzentrierten Richtungsentscheidungen für den individuellen Lebensweg ist uns ebenso wichtig, auf die inhaltliche Ausrichtung und Werteorientierungen zu schauen, für die man als Filmschaffender einsteht. Wir möchten junge Filmemacher motivieren, ihre eigene Positionierung klar zu formulieren – auf der politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Ebene, um berufliche Schwerpunkte der kommenden Jahre besser zu bestimmen.

Klare Richtungsentscheidungen für den individuellen Schaffensprozess

Geht es bei der angestrebten Positionsbestimmung der Talente also auch um berufliche Entscheidungsfindungen - wie etwa zwischen einer Konzentration auf Drehbuch oder Regie – oder um bestimmte künstlerische Wege, die man einschlägt und intensiv verfolgt?

MWK: Die meisten unserer Teilnehmer haben ihr persönliches Tätigkeitsfeld als Regisseur, Drehbuchautor, usw. natürlich schon gefunden. Es geht uns mehr darum, aus verschiedenen Möglichkeiten und Motiven konkrete Ziele für den Einzelnen zu entwickeln, sei es einen bestimmten Stil zu etablieren oder ein klareres Bild der eigenen Stoßrichtungen entwickeln zu können.

CT: Wir möchten grundsätzlich dazu anregen, die eigene Position und Haltung immer wieder zu reflektieren, oder wie es heute jemand so schön ausdrückte: hin und wieder den eigenen Suppentopf zu verlassen. Das heißt auch, Energien zu bündeln und sich zielgenauer auszurichten. Eine hilfreiche Entlastung durch Fokussierung zu schaffen, ist für uns einer der Schwerpunkte der 2011er Edition. Den Filmemachern wird immer wieder vermittelt, sie sollen von der Idee über die künstlerische Umsetzung bis hin zum Vertrieb und zur Rechteverwaltung alles selbst in die Hand nehmen. Damit sind manche komplett überfordert. Wir möchten Wege aufzeigen, wie man beispielsweise mit solchen Situationen besser umgehen und den Anforderungsdruck etwas abfedern kann.

Matthijs Wouter Knol@Berlinale Talent Campus Taking Off
Programmleiter Matthijs Wouter Knol begrüßt die Teilnehmer des Campus 2010 im HAU2

MWK: Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Punkt: Heutzutage wird durch das massive Angebot von Online-Communities eine ständige Vernetzung Einzelner gefördert, die nicht nur Vorteile mit sich bringt. Die Informationsflut, der permanente Vergleich mit anderen und deren Aktivitäten kann schnell zu Überforderung führen. Vor diesem Hintergrund ist es uns ein großes Anliegen, dass unsere Teilnehmer lernen, sich auf den eigenen Rhythmus und auf die eigenen Projekte zu fokussieren. Das stellt sich manchmal im Alltag als nicht ganz einfache Aufgabe heraus …

CT: In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass sich die Kommunikation in vielen Online-Communites auf Alltägliches beschränkt, damit das Politische immer mehr verschwindet und es den Leuten immer schwerer fällt, ausdrucksstarke Profile auszubilden.

Damit meint ihr aber eher die globalen Entwicklungen der Social Communities und weniger das Campus-Netzwerk, oder?

CT: Ja, die globalen Netzwerke sind gemeint, die aber durch das Nutzungsverhalten ihrer Teilnehmer doch einiges über gesellschaftliche Tendenzen aussagen. Das „eigene Ego“ steht doch häufig in der Online-Kommunikation im Vordergrund, nicht die Reflexion gesellschaftlicher Themen.

MWK: Genau diese schwindende Reflexion gesellschaftlicher Prozesse ist auch in den letzten 30 Jahren spürbar bezüglich der politischen (Aus-)Prägung von Persönlichkeiten. Das lässt sich in diesem Jahr bei vielen Filmen, die für die kommende Berlinale bereits ausgewählt sind, erkennen: Das Politische findet oft nur noch im Privaten statt. Wenn man darüber hinaus Projekte aus Südamerika, Südafrika oder Südostasien mit europäischen vergleicht, fällt einem deutlich auf, dass es dort wiederum andere Schwerpunkte gibt. Auch diese regionalen Unterschiede nehmen wir zum Anlass für hoffentlich fruchtbare Diskussionen.

Weltweite Vernetzung als Fluch und als Segen

Wo wir gerade bei globalen Zusammenhängen sind: Sind Eurer Ansicht nach internationale Verbindungen zur erfolgreichen Filmproduktion zunehmend unabdingbar?

CT: Natürlich, dafür steht der Campus. Aber wir wollen dabei nicht die Erwartungshaltung schüren, dass jeder Campus-Teilnehmer koproduzieren oder mit drei oder vier anderen Ländern zusammenarbeiten muss.

MWK: Viele unserer eingeladenen Experten werden von Erfahrungen berichten, wie sie es schaffen, lokale, regionale oder ländertypische Geschichten so erfolgreich zu erzählen, dass sie weltweit funktionieren. Und wir wollen grundsätzlich die Frage aufwerfen, wie man sich darauf konzentrieren kann und wie man überhaupt eine gute Geschichte schreiben kann, die eine solche Universalität bedient.

Einerseits schreibt ihr, dass die Talente aufgefordert sind, Risiken einzugehen und neue Wege einzuschlagen, andererseits hört es sich so an, als gehe es in erster Linie darum, eine Position innerhalb bestehender Strukturen zu finden oder zu besetzen. Inwiefern kann auch die kreative Schaffung eigener Rahmenbedingungen oder das Beschreiten unkonventioneller Pfade Teil einer Positionsfindung sein? Euer Anliegen ist ja sicher nicht, die künstlerische Kreativität zulasten einer strategischen Einordnung zu drosseln?

MWK: Nein, das auf keinen Fall. Die Kreativität soll über die Positionsbestimmung ja gerade auf ihren individuell aussichtsreichsten Weg gebracht werden. Dazu gehört, dass man beim Campus konkret nach dem Nutzen bestimmter Strukturen, Formen und Verfahren für die eigene Arbeit fragt. Die Talente sollen zwar die Entwicklungen der Branche mitverfolgen, aber sie dürfen durchaus zu dem Schluss kommen, dass sie diese für den eigenen Film gar nicht brauchen bzw. dass sie es auf eine andere Art und Weise versuchen wollen. Letztlich geht es um Verortung. Wie sieht es heute aus, und wie soll es von hier aus weitergehen?

Berlinale Talent Campus: Brussels in Berlin
Aktive Beteiligung beim Berlinale Talent Campus 2010

CT: Es geht aber auch darum, bestehende Strukturen zu hinterfragen, um Kreativität nicht zu behindern. Ein Beispiel dafür ist das Pitchen, das gerade in westlichen Ländern eine wichtige Rolle spielt, in Asien aber vollkommen unüblich ist. Auch hier wollen wir insofern eine gewisse Entlastung schaffen, als wir veranschaulichen, dass es nicht um die mustergültige Erfüllung bestehender Konventionen gehen sollte, sondern um die individuelle Vorstellung eines Projekts, die umso überzeugender wird, je mehr man seinen persönlichen Enthusiasmus einfließen lassen kann. Der Regisseur oder der Produzent sollte keinem bestimmten Präsentationsschema entsprechen müssen, das ihn bereits Tage vor dem Pitch vor Aufregung sterben lässt, weil er zum ersten Mal alleine auf einer Bühne stehen wird. Idealerweise geht es darum, Situationen zu schaffen, die für den Vortragenden und das Publikum angenehm sind, um sich ganz den Projekten widmen zu können.

Ihr hattet ja vor zwei Jahren die Idee mit den „Counsellors“ eingeführt: Etablierte Filmschaffende treffen sich mit ausgewählten Kleingruppen, um einen gemeinsamen Blick auf eine Region oder ein spezielles Fachgebiet zu werfen und einen produktiven Austausch zu ermöglichen. Hat sich diese Art der Zusammenführung als wegweisendes Konzept herausgestellt und wird dementsprechend weiterverfolgt?

MWK: Das Konzept haben wir inzwischen etwas verändert, der Fokus liegt jetzt nicht mehr nur auf bestimmten Regionen oder Fachgebieten, sondern deckt einzelne Campus-Bereiche grundsätzlich ab. Bei „Meet the Expert“, wie das Format jetzt heißt, treffen internationale Branchenexperten in 45-minütigen Sitzungen auf 10-15 Talente und stellen ihre Arbeit vor, stehen aber auch und vor allem den fachspezifischen Fragen der Talente Rede und Antwort. Letztes Jahr hat das sehr gut funktioniert.

Geschärfte Blicke

Gibt es in den Hands-On-Programmen größere Verschiebungen oder neue Ansätze?

MWK: Gänzlich neue Hands-On-Programme wird es 2011 nicht geben, weil inzwischen alle Bereiche abgedeckt sind, aber wir setzen natürlich jedes Jahr unterschiedliche Akzente. 2011 liegt ein Schwerpunkt auf Production Design und auf der Kameraarbeit. Das beinhaltet nicht nur die Kamerapositionierung oder den Umgang mit spezifischen Techniken, sondern die insgesamt sehr vielfältigen Entscheidungsprozesse, die letztlich zur Visualisierung einer Geschichte führen.

Besonderen Wert legen wir in Zukunft auf eine stärkere Transparenz der teilnehmenden Projekte. Wir möchten zeigen, wie sie sich - auch über den Rest des Jahres - weiterentwickeln, und dass der Campus eben nicht nur ein sechstägiges Offline-Projekt ist, das einmal im Jahr stattfindet.

CT: In diesem Zusammenhang planen wir u.a. eine Filmreihe, die vom 1.-7. April 2011 im Kino Arsenal rund 20 inzwischen fertig gestellte Filme (Fiction, Dokumentar- und Kurzfilme) aus den Hands-On-Programmen präsentieren wird.

Berlinale Talent Campus
Außendreh im Rahmen des Campus 2010

Inwiefern nehmt ihr im Zuge der Planungen des Berlinale Talent Campus auch Impulse von außen auf, vielleicht von den Campus International-Projekten, von ehemaligen Teilnehmern oder anderen Vertretern der Branche?

CT: Das läuft kontinuierlich. Gerade auf unseren Reisen zu anderen Campi beobachten wir sehr aufmerksam und überlegen dann, was man für den eigenen Campus nutzen oder umsetzen kann.

MWK: Bei den Campi International sind die meisten Veranstaltungen zwar ähnlich angelegt wie in Berlin, finden aber häufig in einem überschaubareren Rahmen statt. Allein die Beobachtung, welche Auswirkungen die Größe einer Veranstaltung auf die Dynamik eines Campus haben kann, ist für uns schon sehr inspirierend.

Ein anderes, ganz konkretes Beispiel für Impulse von außen ist in diesem Jahr die Aufnahme der Leiterin und Koordinatorin des Talent Campus Guadalajara, Ana de la Rosa Zamboni, in unser Sichtungsteam, was für beide Seiten einen bereichernden Austausch bedeutet.

Und selbstverständlich erhalten wir sowohl in den Bewerbungen der Talente als auch über deren Rückmeldungen nach dem Campus regelmäßig Hinweise, Tipps oder Wünsche, die großen Einfluss auf unsere Planungen haben.

Aufgeschlossene und neugierige Blicke auf die Zukunft medialer Produkte prägten zu einem guten Teil die letzte Campus-Ausgabe. Findet dieses Motiv auch in der kommenden Edition wieder seinen Platz, quasi als essentieller Bestandteil eures Grundkonzepts?

CT: Wir betrachten es als eine der Hauptaufgaben des Talent Campus, Zukunftstrends zu erspüren. Letztes Jahr haben wir beispielsweise eine 3D-Veranstaltung angeboten, die sich vor allem mit den Produktionsbedingungen, deren Herausforderungen, Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten jenseits der großen Major-Produktionen befasste. Dieses Thema werden wir auch 2011 in einer Case Study wieder aufgreifen.

Crossmediale Entwicklungen

MWK: Genauso ist es mit dem Cross Media-Bereich, den wir letztes Jahr explizit von „Internet“ zu „Cross Media“ umbenannt haben. Auf diesem Gebiet lassen sich - auch inhaltlich – viel versprechende Entwicklungen beobachten. Während bei diesen Projekten lange Zeit allein der Unterhaltungsaspekt im Vordergrund stand, hat mittlerweile eine thematische und formale Öffnung stattgefunden. Cross Media-Projekte sind salonfähig geworden und rücken zunehmend in das Interesse von Sendern, Finanziers usw. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund möchten wir den Talenten die Möglichkeiten und Ansätze vor Augen führen, in diesen Bereich einzusteigen bzw. eigene Projekte von Anfang an crossmedial zu entwickeln.

CT: Trotzdem gilt unser Hauptinteresse nach wie vor der großen Leinwand. Deshalb beschäftigt uns auch die Frage, ob und auf welchem Wege Cross Media-Projekte es auch ins Kino schaffen könnten oder inwiefern sie Formaten verhaftet bleiben, die sich doch eher in anderen Distributionskanälen abspielen.

Berlinale Talent Campus Dine & Shine
Berlinale Talent Campus Dine & Shine 2010

Lässt sich etwas Besonderes in Bezug auf das Talent-Netzwerk auf eurer Website sagen, oder geht die Erfolgsgeschichte einfach unverändert weiter?

CT: Grundsätzlich liegt uns der Community-Gedanke sehr am Herzen. Dass die Talente ihre Projekte auf der Seite hochladen und sich damit auch nach dem Campus präsentieren können, ist bereits seit drei Jahren möglich und hat sich in dieser Form absolut bewährt. Dieses Jahr haben wir den gesamten Look unserer Website noch einmal überarbeitet, in erster Linie, um die Sichtbarkeit der Projekte und Talente zu verbessern.

MWK: Die neue Website soll jetzt noch direkter vermitteln, was alles beim Campus und in seiner Folgezeit passiert. Wir weisen beispielsweise auf die Veranstaltungen hin, die beim Campus stattgefunden haben, und stellen die Talente stärker in den Vordergrund. Gleich auf der Startseite bekommt man so einen Eindruck von den Teilnehmern und der besonderen Campus-Atmosphäre. Darüber hinaus präsentieren wir auf der Website inzwischen auch Projekte, von denen wir glauben, dass sie weit genug fortgeschritten sind, um weitere Finanzierungspartner oder Verleiher zu interessieren.

CT: Im Frühsommer etwa konnten wir auf diese Weise in Gesprächen mit Weltvertrieben direkt auf Filmprojekte ehemaliger Teilnehmer, die auf der Webseite zu finden sind, verweisen. Viele Branchenkollegen sind bei zunehmender Unübersichtlichkeit dankbar, Projekte zu finden, die schon einmal einen Auswahl- und Entwicklungsprozess durchlaufen haben oder von einer Jury bewertet wurden und damit eine Art Qualitätssiegel erworben haben. Im Rahmen unserer Community lassen sich solche Arbeiten glücklicherweise schnell finden, ein Modell, was sicherlich weiter ausbaufähig ist!