Berlinale: Berlinale Themen


Forum 2011:
Kämpfe auf vertrautem Boden

Familienkonstellationen und –konflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch das diesjährige Programm des Forums. Der Sektionsleiter Christoph Terhechte spricht im Interview über den intuitiven Anteil seiner Arbeit als Kurator, die Politik des Dokumentarfilms und einen fast vergessenen japanischen Regisseur.

Utopians von Zbigniew Bzymek

Inhaltlich wird das Publikum in diesem Jahr mit den unterschiedlichsten Familiensituationen und -problematiken konfrontiert. Geht es dabei dominant um die Darstellung des Zerfalls von tradierten Werten oder um eine Rückbesinnung auf die Bedeutsamkeit familiärer Verpflichtungen für das Individuum?

‚Rückbesinnung‘ hat für mich einen reaktionären Klang, so lange sie nicht auch neue Aspekte beinhaltet, also eine Neudefinition von dem, was Familie eigentlich ist. In dem amerikanischen Film Utopians ist dies der Fall. Der Regisseur Zbigniew Bzymek zeigt, wie sich ein Mann mit seiner lesbischen Tochter und deren schizophrener Freundin zu einer Wahlfamilie zusammenfindet. Die Figuren starten den Versuch einer Selbstheilung aus einer psychisch kranken Gesellschaft heraus. Utopians versucht so, das Modell Familie neu zu denken, auch wenn der Film im Wesentlichen eine reichlich desolate Lage konstatiert.

Mit Blick auf das Programm muss man sagen, dass viele Filme solche desolaten Situationen beschreiben. Sie realisieren dies in mannigfachen Formen und bringen das Familiäre mit politisch-sozialen Entwicklungen in Zusammenhang. Os residentes (The Residents) von Tiago Mata Machado bemüht sich ebenfalls um eine Neufassung der Idee der Familie, indem er eine familienähnliche Situation zeigt. Der Film erzählt von den Bewohnern eines Hauses, die gemeinsam eine Art aktionistisches Happening-Programm leben: vor dem Abbruch des Hauses besetzen sie den Ort, um ihn mit Geist und Kultur zu füllen. Machado ist ein junger brasilianischer Regisseur, der auf den frühen Jean-Luc Godard Bezug nimmt und sehr spielerisch mit der filmischen Form umgeht. So wie auch die Bewohner des Hauses Figuren sind, die versuchen ihr Leben zu einem großen Spiel zu machen – und dabei realisieren sie einen neofamiliären Zusammenhang.

Divergente Lebensvorstellungen, familiäre Verständigung

Lassen sich diese familiären Situationen auch als Generationskonflikte beschreiben?

Auch das ist ein Aspekt. Neben Utopians gibt es drei weitere Filme, die die Generationenthematik verhandeln. In Dom (The House) von Zuzana Liová will ein Vater seiner Tochter ein Haus bauen, ohne zu verstehen, dass diese ganz andere Vorstellungen von der Zukunft hat, als in ihrem Heimatdorf zu leben. Der Film betrachtet die Konflikte in den Lebensvorstellungen verschiedener Generationen.

In Auf der Suche von Jan Krüger fährt Corinna Harfouch nach Marseille, um ihren Sohn zu suchen, der plötzlich verschwunden ist. Dabei entdeckt sie, dass ihr Sprössling eine ganz andere Person gewesen ist, als sie dachte.

Kai Hillebrand in Swans von Hugo Vieira da Silva

Auch Swans von Hugo Vieira da Silva ließe sich im Kontext der Generationenproblematik verorten: Vater und Sohn kehren zur Mutter zurück, die im Koma liegt. Die Familie hat sich lange Zeit nicht mehr gesehen und Vater und Sohn müssen jetzt nicht nur mit dieser Situation klarkommen, sondern überhaupt lernen, miteinander zu kommunizieren. Der Sohn reist in eine für ihn völlig neue Umgebung, denn er hat in Lissabon gelebt und findet sich nun plötzlich in einer anonymen Neubaugegend irgendwo jenseits von Neukölln wieder. Also muss er sich seinen Raum neu schaffen und das gelingt ihm über Fetische. Selbst der komatöse Körper der Mutter wird zu einem Fetisch. Da Silva entwickelt eine ganz spannende filmische Erzählweise, die sich dem Thema Fetisch – über das Sexuelle hinausgehend – als Kommunikationsgegenstand widmet.

Das Thema Familie ist also das zentrale thematische Feld des diesjährigen Forum-Programms?

Ja, denn es gibt noch deutlich mehr Filme, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Selbst der schweizerische Film Day Is Done von Thomas Imbach ist ein Film über Familie. Die Geschichte wird über auf einem Anrufbeantworter hinterlassene Nachrichten vermittelt. Der Zuschauer bemerkt zuerst nur Details: Der Anruf einer Frau, die enttäuscht ist, weil die Hauptfigur nicht zurückruft etc. Mit der Zeit bilden diese Bruchstücke dann einen großen Zusammenhang, es steht wirklich eine Existenz auf dem Spiel, die wir wie im Zeitraffer erleben: Die Frau wird schwanger, das Kind wird geboren und sie wirft dem Mann vor, sich nicht genug zu kümmern. Irgendwann ist das Kind alt genug, um selbst anzurufen und am Ende des Films ist dieses Kind schon fast erwachsen.

Sandra Hüller in Brownian Movement von Nanouk Leopold

Der niederländische Film Brownian Movement von Nanouk Leopold zeigt uns dann ein glückliches Ehepaar, das fast zerbricht, weil die Frau ein – im Freudschen Sinne – perverses Sexleben führt. Sie hat mit einigen ihrer Patienten in einer angemieteten Wohnung Sex und sie wählt diese Männer sehr genau aus: Sie müssen deutliche Besonderheiten haben, etwa extrem fett oder extrem behaart sein. Ihre Affären inszeniert sie wie eine Versuchsanordnung, als würde sie medizinische Experimente anstellen. Als ihre intimen Rendezvous entdeckt werden, ist ihre Familie hochgradig gefährdet.

Der Instinkt der Figuren und der Instinkt des Kurators

Versucht ihr mit solchen Filmen Akzente zu setzen in Bezug auf die Triebhaftigkeit des Menschen oder auch Gender-Themen?

Zum Teil reagieren wir auf Tendenzen, diese Triebhaftigkeit zum Sujet von Filmen zu machen. Zum Teil ist dieses Thema auch eine bestimmte Perspektivierung von Motiven wie Liebe, Begierde, Nähe und familiären Beziehungen. Das Bedürfnis, sich mit diesen menschlichen Mikrostrukturen zu beschäftigen, ist in unsere Auswahl eingeflossen. Das sind sehr existentielle Fragestellungen, die zum einen ganz privat wie in Brownian Movement oder als Baustein einer gesellschaftlichen Debatte verhandelt werden – wie in Poo kor karn rai (The Terrorists), in dem der Regisseur Thunska Pansittivorakul schwules Begehren in einen Zusammenhang mit der politischen Situation in Thailand bringt.

Poo kor karn rai von Thunska Pansittivorakul

Ist dieser rote Faden im Programm ein Ergebnis bewusster Planung?

Man entscheidet eher instinktiv, welcher Film ins Programm passt. Erst später beginnt man zu begreifen, was eigentlich der Grundstock ist, das Fundament, das man da gelegt hat, und auf das man das fertige Programm aufbaut. Der rote Faden ergibt sich jedoch nicht, wenn man die Filme nach dem Zufallsprinzip zusammenstellen würde. Stattdessen arbeitet man von Anfang an intuitiv darauf hin, auch wenn man in einer bestimmten Phase der Konzeption das Gemeinsame der Filme nicht wirklich benennen kann. Ich glaube, dass die kuratorische Arbeit zum Teil unbewusst abläuft und später muss man sich erst bewusst machen, was man da geschaffen hat. Am Ende weiß man das sehr genau und weiß auch, welche Mosaiksteine noch fehlen, damit die Fassade einen kohärenten Eindruck erweckt.

Dokumentarisch-ästhetische Politiken

Ist der politische oder gesellschaftskritische Film dieses Jahr vornehmlich im dokumentarischen Bereich zu suchen?

Nicht nur, Utopians zum Beispiel ist ein sehr politischer Film. Aber es ist natürlich so, dass wir Dokumentarfilme im Programm haben, die sich explizit mit politischen Themen auseinandersetzen. Allerdings vermeiden wir es, Dokumentarfilme zu zeigen, bei denen es nur ums Thema geht – sie müssen auch formal eine sehr hohe Qualität besitzen, wie es etwa bei dem koreanischen Beitrag Cheonggyecheon Medley: A Dream of Iron der Fall ist. Es ist der Debütfilm des Künstlers Kelvin Kyung Kun Park, der schon viele internationale Ausstellungen gehabt hat. Er beschäftigt sich mit einem kleinen Viertel in Seoul, in dem nach dem Krieg eine große Zahl von Altmetallläden eröffnet wurde, um die Hinterlassenschaften der Japaner und dann den Schrott des Koreakrieges zu verwerten. Da ist auch der Grundstein für das spätere Wirtschaftswunder gelegt worden. Der Film ist eine Hommage an diese Metallarbeiter, die im Zuge der Gentrifizierung Seouls mehr und mehr verschwinden, und in seiner Anlage hochkomplex, denn er verortet sein Thema in der koreanischen Geschichte und deren Sozialstrukturen.

Territoire perdu von Pierre-Yves Vandeweerd

Territoire perdu von Pierre-Yves Vandeweerd ist ein sehr künstlerischer Film, in Schwarzweiß und auf Super-8 gedreht. Im ersten Teil zeigt er die Flüchtlingslager in Algerien und nähert sich dann dem Grenzwall in der West-Sahara, der den marokkanisch besetzten Teil der Wüste abschottet. Der Film porträtiert einige Flüchtlinge in sehr poetischer, stiller Weise und nähert sich dann filmisch mehr und mehr diesem Wall – den man zunächst nur in der Ferne aufragen sieht. Territoire perdu erklärt sein Anliegen nicht mit Worten, sondern in Bildern.

Ähnlich wie der chilenische Film El mocito (The Young Butler) von Marcela Said und Jean de Certeau, in dem es um einen Mann geht, der mit den Folterern des Pinochet-Regimes zusammengearbeitet hat, was man ihm nicht wirklich vorwerfen kann. Er wurde mit 14 Jahren rekrutiert und ihm blieb praktisch keine Wahl. Der Protagonist ist nicht eindeutig als Täter oder Opfer einzuordnen. El mocito beobachtet diesen Mann bei seinem Kampf um Anerkennung. Immerhin hat er es geschafft, hunderte von Agenten des Systems, die damals für Folter verantwortlich waren, hinter Gitter zu bringen. Der Film porträtiert die Geschichte Chiles nicht in einfachen Talking-Heads-Einstellungen, sondern anhand der Beobachtung seines Protagonisten – dadurch hebt er sich von konventionellen politisch engagierten Dokumentarfilmen ab.

Um noch einmal auf die Differenz von Wort und Bild zurückzukommen. Unter Kontrolle von Volker Sattel funktioniert hauptsächlich über Bilder …

Und ist dabei kein einfaches Pamphlet gegen die Nuklearindustrie, sondern beschreibt sehr nüchtern eine technische Utopie, die die Science-Fiction eines vergangenen Jahrhunderts ist. Unter Kontrolle ist sozusagen ein Science-Fiction-Dokumentarfilm, der eine überholte Utopie porträtiert. Volker Sattel beobachtet nur die Abläufe in den noch funktionierenden und stillgelegten Reaktoren. Dabei wird evident, was für ein Monstrum diese Technik eigentlich ist. Und dieses Monstrum hielten einige Leute für die Zukunft – heute sieht diese Utopie allerdings unglaublich veraltet aus. So wird über das Visuelle dem Zuschauer die Chance gegeben, eine eigene Bewertung vorzunehmen – auch ohne verbal an die Hand genommen zu werden.

Hasegawa Tomoharu in Heaven's Story von Zeze Takahisa

Es würde mich interessieren, welche Filme für Dich die herausstechenden, ungewöhnlichsten Filme sind, wenn man einmal genauer einzelne Teilbereiche wie die Dramaturgie oder das Sound Design betrachtet?

Day Is Done geht sehr kreativ mit dem Ton um. Der Film benutzt eine äußerst ausgefallene Tonarbeit, was für viele Filme im Programm gilt. Die Beschäftigung mit Ton wird ja oft vernachlässigt und dabei wird übersehen, dass der Ton überhaupt erst Räume schafft. Der Sound vermittelt auch den psychologischen Zugang des Zuschauers zum Film und ist manchmal entscheidender als das Bild. Auch das ist ein Kriterium bei der Filmauswahl.

Im Hinblick auf das diesjährige Programm ragen vor allem die dramatischen Strukturen heraus, die nicht dem üblichen Dreiakter und dem 90-Minuten-Schema folgen. Schön finde ich, dass wir in diesem Jahr relativ viele Filme haben, die zwischen 70 und 80 Minuten lang sind. Aber auch jenseits der 150 Minuten wird es wieder interessant. Wie zum Beispiel bei Heaven’s Story. Der Regisseur Zeze Takahisa ist als King of Pink bekannt geworden, weil er zu Beginn seiner Karriere Low-Budget-Soft-Porno-Filme gedreht hat. Das Genre ist für junge japanische, ambitionierte Filmemacher die beste Möglichkeit gewesen, ihre Ideen zu verwirklichen, denn die einzige Bedingung war, im Film vier oder fünf Nacktszenen unterzubringen. Im Forum 2011 ist Zeze mit einem fast fünfstündigen Mammutwerk vertreten, das von einer groß angelegten Rache handelt. Der Film verwebt die Geschichten von einem Dutzend Hauptfiguren und koppelt dies mit einer Art Puppen- oder Maskentheater, das auf japanische Erzähltraditionen verweist.

Die Politik der Festivals in den 1960er Jahren

Zu den diversen japanischen Filmen im regulären Programm kommt ja auch noch eine Reihe, die sich ebenfalls einem japanischen Regisseur zuwendet. Warum sollte das Publikum diesen Regisseur kennen lernen?

Das Problem mit Festivals ist bis in die 1960er Jahre gewesen, dass ihre Filmauswahl nicht wirklich unabhängig war. Es funktionierte so: Die jeweiligen nationalen Filmorganisationen schlugen Filme vor, die sie zu Festivals schickten und dann hat dort ein Auswahlkomitee entschieden. Shibuya Minoru, dem wir dieses Jahr eine Retrospektive im Forum gewidmet haben, hatte das Pech, dass er nicht zu den Top Two seiner Produktionsfirma gehörte – die schlug immer nur Keisuke Kinoshita und Yasujirō Ozu vor, und deshalb kam Shibuya – zu Unrecht – nie zum Zuge. Shibuya interessierte sich sehr stark für japanische Sitten und die japanische Moral – mit all ihren Ungereimtheiten. So zum Beispiel in Yopparai tengoku (Drunkard's Paradise) von 1962, wo es um den Alkoholismus in einer bestimmten Schicht von japanischen Angestellten geht. Shibuyas Filme bilden eine Chronik Japans, sie handeln von den Umbrüchen nach dem Krieg und den neuen Familienstrukturen, die sich daraus ergaben – also dem Wandel der Vorstellungen von Gesellschaft in Japan.

Honjitsu kyushin von Shibuya Minoru

Bei den Special Screenings scheint sich ein ähnliches Bild wie letztes Jahr abzuzeichnen. Mit Jonas Mekas und James Benning sind erneut große Persönlichkeiten der Filmkunstwelt vertreten, abermals erfährt mit Himmel und Erde ein Film seine Wiederaufführung und sogar ein Fernsehmehrteiler unter der Beteiligung von Dominik Graf ist wieder im Programm …

Die Idee von Bennings Film Twenty Cigarettes – hier strukturiert die Dauer einer Zigarette die Filmzeit – ist ja nicht neu in seinem Schaffen, aber sie entwickelt hier einen ganz eigenen Reiz und das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Sleepless Nights Stories von Jonas Mekas ist in seiner Selbstironie schon eine Art Happening. Wir haben vor, im Arsenal-Kino Wein zu reichen, wenn der Film gezeigt wird, denn das passt sehr gut dazu.

Himmel und Erde von Michael Pilz war ein Höhepunkt der Berlinale 1983. Bei solchen Wiederaufführungen profitieren wir natürlich immer von der Arbeit der Restauratoren und so war die neue Kopie auch der konkrete Anlass, den Film ins Programm zu nehmen. Dadurch kann ein wirklich außergewöhnliches Werk neu entdeckt werden. Es war schon immer ein erklärtes Ziel des Forums, Filmgeschichte zu vermitteln, insbesondere wenn es sich um eine nicht ganz so evidente Filmgeschichte handelt, sondern um Filme, die eher am Rande entstanden sind.

Episode Etwas Besseres als den Tod von Christian Petzold aus Dreileben

Dreileben setzt sich explizit mit Filmästhetik auseinander, deshalb ist er prädestiniert für das Forum. Ausgangspunkt für dieses Filmprojekt war die Diskussion zum einen über die Ästhetik der Berliner Schule, der sich ja zwei der Regisseure des Films – Christoph Hochhäusler und Christian Petzold – zugehörig fühlen und zum anderen über filmische Genres, ihre Entstehung, ihre Funktion und die Tatsache, dass es keine spezifisch deutschen Genres gibt. Hochhäusler, Petzold und Dominik Graf haben ihre Reflektion über die Filmästhetik nun in ein gemeinsames Projekt umgesetzt und drei Genrefilme realisiert, die alle um das gleiche Ereignis kreisen: die Flucht eines Strafgefangenen. Die drei einzelnen Werke haben sehr unterschiedliche Perspektiven und Stile, und die Regisseure haben jeweils die Filme der anderen noch gar nicht gesehen – die Möglichkeit werden sie dann bei der Premiere im Delphi haben.