Berlinale: Berlinale Themen


Generation 2010: Grenzen
überschreiten in filmischen Landschaften

Grenzen – zwischen den Generationen, den Genres, der Fiktion und der Wirklichkeit – spielen eine Rolle in den diesjährigen Filmen der Sektion Generation. Dass ihre Auswahl an Werken dies und noch eine Menge mehr zu bieten hat, erläutern Maryanne Redpath und Florian Weghorn in einem gemeinsamen Gespräch.

Alamar von Pedro González-Rubio

Angesichts des Programms könnte man den Eindruck bekommen, dass in diesem Jahr gemeinhin angenommene Gegensätze wie dokumentarisch und fiktional, Phantasie und Wirklichkeit oder auch Abstraktion und Konkretheit sich weniger gegenüberstehen als vielmehr ineinander fließen, sich gegenseitig beeinflussen und untrennbar verbunden sind.

Maryanne Redpath: Das ist richtig und lässt sich sehr gut an einer Dokufiktion wie dem Kplus-Eröffnungsfilm Alamar (Pedro González-Rubio) ablesen. Hier wird das alltägliche Leben realer Personen und deren Umwelt zum Schauplatz der Handlung, die mit einer fiktiven Geschichte verwoben ist. Im Zentrum dieser und anderer Dokufiktionen stehen weniger die Frage nach der Unterscheidung von real und fiktiv, sondern Fragen nach den Grenzen dazwischen. Inwiefern ist etwas real oder wird als solches wahrgenommen? Unser Programm gibt hier keine klaren Antworten, weil sich in den Filmen reale und virtuelle Räume vermischen. Gerade im Bereich des Schauspiels findet man einen Reichtum solcher Überschreitungen. Die meisten der jungen Darsteller sind keine professionellen Schauspieler, also hängt ihr Spiel sehr davon ab, wie gut die Regisseure sich in die jungen Menschen einfühlen konnten.

Florian Weghorn: Die Filmemacher von La Pivellina haben als kleines Team und mit kompakten Kameras gedreht, damit ihre Protagonistin, ein zweijähriges Kind, die Drehsituation vergessen konnte. Die Regie hat hier weniger Handlungsanweisungen gegeben, als dass sie Situationen hergestellt hat. Daraus ist ein sehr schöner, sehr dokumentarischer Spielfilm entstanden. Aber natürlich haben wir auch eine ganze Reihe von Filmen, in denen man junge Menschen als Schauspieler sehen kann - und zwar im besten Sinne. Nicht jedes Kind spielt sich selbst.

Koji Masunaris Uchu Show e Yokoso

Dem Genre (un)treu

Dieses Jahr sind Genrefilme verstärkt im Programm vertreten. Heißt das, dass die Filme eindeutig bestimmten Genres zugeordnet werden können (und die Filme innerhalb dieser Grenzen ihre Lebendigkeit entfalten) oder wird mit den Konventionen und Versatzstücken auch gespielt?

FW: Beides. Einerseits haben wir ganz klare Genrestücke wie Uchu Show e Yokoso (Welcome to THE SPACE SHOW), das das Science-Fiction-Genre bis in die vierte Dimension erobert. Superbror (Superbruder) aus Dänemark ist da ein anderer Fall, weil der Film zunächst einmal einen Konflikt um zwei Brüder in Szene setzt: Der eine Junge ist Autist, der andere nichts als der kleine Bruder. Superbror greift aber schließlich auch Science-Fiction-Elemente auf – eine Superwaffe fällt von einem Stern - und baut sie in die problematische Bruderbeziehung ein. Durch diesen Genrekniff schafft er es, die ernste Thematik für Kinder sehr anschaulich zu vermitteln.

MR: Meiner Ansicht nach ist Genre trotzdem ein heikler Begriff, denn man wird schnell von der Branche mit dem sogenannten Kinder- oder Familienfilmgenre gelabelt. Genre in unseren Filmen ist eher eine Art allgemeines Instrument, um einen Rahmen zu definieren. Offenheit und Experimentierlust sind hier die Stichworte. Insofern betiteln wir unsere Filmauswahl auch gerne schlicht als „Generation“-Filme.

Der 14plus-Eröffnungsfilm Road, Movie (Dev Benegal) ist schon vom Titel her einem filmischen Genre zuzuordnen …

Road, Movie von Dev Benegal

FW: Der Film ist auch ein wunderbares Road-Movie: Die Charaktere haben eine Strecke zu bewältigen, ihre inneren Beweggründe treten dabei in Beziehung mit einer großartigen Landschaft. Aber im Titel steckt auch das Wort „Movie“, denn das Kino selbst beweist in diesem Film wieder einmal seine bewegende Magie.

MR: Noch interessanter wird es, wenn man dem Film Carlos Gavirias Retratos en un mar de mentiras (Portraits in a Sea of Lies) gegenüberstellt. Der Film begleitet ein Mädchen auf der Fahrt durch ihre Heimat Kolumbien. Erst in deren Verlauf tauchen immer konkreter die verdrängten Erinnerungen an ihre Familie auf, die von den Rebellen ermordet wurde. Hier ist die reale Kulisse Kolumbiens sehr wichtig: ein Land, das sich seit 60 Jahren im Bürgerkrieg befindet, Leute verschwinden spurlos, Hunderttausende wurden ermordet. Jedes Road-Movie hat solch eine Landschaft, die viel erzählt.

Funktioniert das hier konkret oder wird es eher angedeutet?

FW: Beides. In Road, Movie und Retratros en un mar de mentiras ist die Landschaft Spiegel innerer Konflikte und gleichzeitig auch konkreter Sehnsuchtsort. Die Kolumbianer zählen sich zu den glücklichsten Menschen der Erde und lieben ihr Land – trotz der oft schrecklichen Geschichte.

Wegweiser filmischer Landkarten

Kann man mit Blick auf die filmischen Landschaften auch von einer metaphorischen Ebene sprechen, die Filme als Landkarte der Seele sozusagen?

MR: Wenn man möchte, ja. Zum Beispiel Sukunsa viimeinen (Die Letzte ihrer Familie) (Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskallio) spielt in den weißen Schneewüsten im Nordwesten Russlands. Die Protagonistin Neko ist die Letzte ihrer Familie, die dem indigenen Volk der Nenzen angehört, und die sich dem Sowjetischen assimilieren soll. Neko steht vor der großen Aufgabe, die Traditionen ihres Volkes, die Riten und den überlieferten Schamanismus am Leben zu halten. Ihre Figur wird über ihre ursprüngliche und ganz selbstverständliche Beziehung zu den weiten Landschaften erzählt. Das kulturelle Dilemma zeigt sich auch in der drohenden Zerstörung dieser Verbindung zur Natur.

FW: Das schönste, amüsanteste und romantischste Beispiel ist vielleicht der französische Film Les Nuits de Sister Welsh (Jean-Claude Janer), der eine ganze Gedankenwelt sehr bildgewaltig auf die Leinwand bringt. Wir sehen ein Segelschiff im tosendem Meer und eine Nonne, die vergebens ihren Kapitän liebt. Und dies alles entspringt dem tiefsten Inneren eines Mädchens, das so seinen Wünschen Raum verleiht. Nach und nach verkehren sich die Verhältnisse, und sie kann auch der Realität etwas Romantisches abgewinnen.

Jean-Claude Janers Les Nuits de Sister Welsh

Gibt es denn auch Disharmonien in den dargestellten Beziehungen zwischen Mensch und Landschaft? Wäre Dooman River (Zhang Lu) ein Beispiel dafür?

MR: Ja, das ist ein sehr gutes Beispiel. In Dooman River ist es der sehr lange und breite Fluss, der sowohl ein schwer bewachter Grenzübergang als auch ein Schauplatz des Überlebenskampfes ist. Menschen überqueren ihn auf der Flucht oder der Suche nach Essen. An diesem Ort entwickelt sich das Freundschaftsdrama zweier Jungen aus China und Nordkorea. Symbolisch steht der Fluss für alle Grenzen dieser Welt und hat gleichzeitig eine konkrete existenzielle Bedeutung für die dort lebenden jungen Menschen. Die Grenze ist ein typisches Bild für das Coming-of-Age. Die Frage, wie man in seinem Reifeprozess innere und äußere Grenzen erkennt und überwindet, stellen sich die Protagonisten in unseren Filmen immer wieder.

Rachel Perkins, bekannt für ihre Geschichtsdokumentation First Australians, stellt ihr Musical Bran Nue Dae vor. Behält sie ihren historisch-dokumentierenden Ansatz bei?

Bran Nue Dae von Rachel Perkins

MR: Es gibt in Australien eine Welle von indigenen Filmemachern, die die Geschichte Australiens erstmals aus ihrer Perspektive erzählen. Rachel Perkins ist eine wichtige Stimme. Bran Nue Dae widmet sich jener Generation von Aborigines, die bis in die 1970er Jahre von ihren Eltern getrennt wurden und der kolonial-katholischen Indoktrinierung ausgeliefert waren. Der Stoff ist also sehr authentisch, sein Ursprung historisch konkret, aber seine Form ist ganz und gar nicht dokumentarisch. Der Film ist ein Musical.

Es gibt mehrere Filme, die eng mit der Frage nach Zugehörigkeit verbunden sind, insbesondere wenn mehrere kulturelle Lebensräume nebeneinander stehen. So der Fall etwa in Yuki & Nina (Nobuhiro Suwa, Hippolyte Girardot), in dem die japanisch-französische Protagonistin in Frankreich aufgewachsen ist und nun von ihrer Mutter nach Japan gerufen wird. Wird die Beschäftigung mit den kulturell oder kontextuell uneindeutigen Zwischenräumen des Lebens heutzutage immer wichtiger?

MR: In der globalisierten Welt vermischen sich die kulturellen Zugehörigkeiten. In meiner Jugend waren Kultur, Kindheit und nationale Identität klarer definiert. Heute sind diese Bereiche viel unschärfer gegeneinander abgegrenzt, und ich finde, dass die jungen Menschen sehr gut damit umgehen.

Neukölln Unlimited von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch

Da gibt es ja auch noch extremere Beispiele wie den deutschen Dokumentarfilm Neukölln Unlimited (Agostino Imondi, Dietmar Ratsch), der von der Angst erzählt, abgeschoben zu werden aus einem Land, in dem man aufgewachsen ist und sich Zuhause fühlt. Bis auf diesen Film in 14plus sind keine deutschen Langfilme im Programm. Ist das Ausdruck einer generellen Flaute in der deutschen Filmlandschaft für Kinder und Jugendliche?

FW: Die Berlinale ist ein internationales Festival, und es gibt mal mehr, mal weniger deutsche Beiträge. Natürlich hängt dies auch damit zusammen, dass wir Kindern und Jugendlichen nicht nur den reinen Kinder- bzw. Jugendfilm präsentieren wollen. Die Art von Filmen, die wir besonders gerne zeigen, ist in Deutschland leider immer noch weniger stark vertreten. Hier fehlt es an Traditionen, die in anderen Ländern selbstverständlich sind. Das heißt aber keineswegs, dass es keine guten deutschen Kinderfilme gibt. Letztes Jahr hatten wir einen phantastischen Eröffnungsfilm aus Deutschland und haben diesen entsprechend gefeiert.

MR: Wenn es ein deutscher Film wie Neukölln Unlimited in einen heiß umkämpften Wettbewerb von nur 14 Filmen schafft, ist das doch schon eine wunderbare Sache! Zu erwähnen ist auch noch Anne Linsels und Rainer Hoffmanns sehr beeindruckender deutscher Dokumentarfilm Tanzträume über Pina Bausch, der als Berlinale Special im Festival läuft und den wir als Cross-Section-Film auch für junges Publikum zeigen.

Sich ernsthaft einem jungen Publikum öffnen

FW: Mit diesen Cross-Section-Vorführungen möchten wir Kindern und Jugendlichen einen Eindruck vom ganzen Festivals vermitteln. Sie wachsen sozusagen in andere Sektionen hinein, bevor sie diese besuchen können. Umgekehrt haben Filmemacher die tolle Möglichkeit, zu sehen, dass ihr Film auch – ich betone auch – mit einem jungen Publikum funktionieren kann. Ich denke, es gehört zur Ernsthaftigkeit, mit der man Filme macht, dass man sich auch ernsthaft einem jungen Publikum öffnet.

MR: Die Frage nach der klaren Definition von Kinderfilm stellt sich ja immer wieder. In unserer diesjährigen Internationalen Jury haben wir drei Gewinner des Gläsernen Bären, die ihre Filme nicht explizit für Kinder gemacht haben und trotzdem eine Jury im Alter zwischen elf und 14 Jahren mit Bravour überzeugen konnten: Philippe Falardeau (C’est pas moi, je le jure!), Hana Makhmalbaf (Buda Az Sharm Foru Rikht) und Kylie Du Fresne, die Produzentin des australischen Kurzfilms The Djarn Djarns.

Åsleik Engmarks Knerten

Was bedeutet es im Zusammenhang mit den drei skandinavischen Produktionen Bestevenner (Rafiki) (Christian Lo), Superbror und Knerten (Knorzel) (Åsleik Engmark), wenn ihr vom „klassischen“ Kinderfilm sprecht?

MR: Das skandinavische Kino schafft es erfreulicherweise immer wieder, sich für Kinder als Zuschauer stark zu machen. Innerhalb des großen Angebots dieser Länder wollen wir schräge, überraschende und unterhaltsam herausfordernde Filme finden, die dieses Bekenntnis zeigen und es weiter vorantreiben.

FW: In diesem Zusammenhang stechen die Kurzfilme besonders heraus, von denen wir wirklich begeistert sind. Die Programme sind voll von anarchischen kleinen Kunstwerken - angefangen mit den Filmen für Vierjährige bis hin zur Dokufiktion Ønskebørn (Out of Love). Die Spielfilmregisseurin Brigitte Stærmose hatte nicht vor, einen Dokumentarfilm über Straßenkinder in Pristina zu machen und hat in gewisser Weise dann doch einen gemacht – aber mit einem sehr fiktiven Ansatz. Auch andere Filme sind auf formaler Ebene atemberaubend: Älä kuiskaa ystävän suuhun (Whispering in a Friend’s Mouth) (Hannaleena Hauru) beispielsweise erzählt in Palindromen, also in Szenen, die vorwärts wie rückwärts funktionieren. Oder I’m Here von Spike Jonze, der Menschen Computergehäuse auf den Kopf setzt, und sie sich als Roboter leidenschaftlich verlieben lässt.

Sind neben Spike Jonze noch andere internationale Filmgrößen im Programm vertreten?

Youth in Revolt von Miguel Arteta

FW: Natürlich muss man da Youth in Revolt mit Michael Cera nennen. Steve Buscemi, Ray Liotta und M. Emmet Walsh sind in diesem Film auch zu sehen. In Bran Nue Dae haben wir Geoffrey Rush. Road, Movie ist mit indischen Filmgrößen besetzt. Der kenianische Film Soul Boy wurde von Tom Tykwer produziert. Wir zeigen ihn einmalig in Kooperation mit dem Berlinale Talent Campus. Sowohl Tykwer als auch die ghanaisch-kenianische Regisseurin Hawa Essuman werden bei der Premiere im Zoo Palast auf der Bühne stehen.

MR: In Kooperation mit der DEFA-Stiftung zeigen wir Sabine Kleist, 7 Jahre des ehemaligen DEFA-Regisseurs Helmut Dziuba. Der Film wurde 1983 auf der Berlinale prämiert. Der Regisseur war damals vom zuständigen Ministerium der DDR weder über die Festivalteilnahme noch über den Preis informiert worden. Anlässlich des 60. Jubiläums der Berlinale erlebt Helmut Dziuba also seine zweite Premiere.

Weiterhin präsentieren wir den frisch restaurierten Dokumentarfilm Nuremberg: Its Lesson For Today [The 2009 Schulberg/Waletzky Restoration] (Stuart Schulberg) über die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Film läuft im Berlinale Special. Mit Unterstützung der amerikanischen Botschaft organisieren wir im Anschluss an unsere Sondervorführung für ein Schulpublikum ein Filmgespräch mit Experten.

Ellen Smits Iep!

In auffällig vielen Filmen taucht das Motiv des Fliegens auf. Welche Sehnsüchte äußern sich auf diese Weise in den Generation-Filmen?

MR: Da ist ganz klar Iep! von Ellen Smit zu nennen. Hier geht es um ein Vogelmädchen, das als Findelkind beziehungsweise Küken von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen wird. Eines Tages im Herbst verspürt es den Wunsch, mit den Vogelschwärmen nach Süden zu ziehen. Der Film transportiert eine große Sehnsucht nach Freiheit und danach, dem eigenen Naturell zu folgen. Das Tolle ist, dass Iep! sich nicht nur traut, uns ein sehr berührendes, ja verstörendes Wesen nahezubringen, sondern existenzielle Fragen der Eltern-Kind-Beziehung aufwirft. Am Ende müssen die Alten das Vogelkind frei lassen und trotzdem glücklich bleiben.

FW: Wer Lust aufs Fliegen hat und dabei in die hintersten Ecken des Alls vordringen möchte, sollte das Anime Uchu Show e Yokoso (Welcome to THE SPACE SHOW) von Koji Masunari sehen. Das Erobern unbekannter Welten ist eine Ursehnsucht des Menschen und stets verbunden mit der Hoffnung, dass dort am fernen Ort eine Menge los sein muss. Wir können schon verraten: In den 136 Minuten Space Show wird dies rundweg eingelöst.