Berlinale: Pressemitteilungen


Pressemitteilungen 2009

Forum

19.01.2009:
Spiel mit dem Feuer, weiße Flecken im Gedächtnis - Das 39. Forum zeigt ein Programm voller Bezüge, Gegensätze und Spiegelungen

Das 39. Forum der Berlinale zeigt insgesamt 48 Filme aus 31 Produktionsländern.

„Einmal um die Welt“ ist dabei aber kein Zählergebnis, sondern steht für die mannigfaltigen Bezüge zwischen den Filmen, die es zu entdecken gibt, ihre oft geteilten Anliegen und verwandten Vorstellungswelten, aber auch ihre Gegensätze und Spiegelungen. Elf Filme sind Debüts, 25 Filme werden als Weltpremieren, zwölf als internationale Premieren gezeigt.

Das deutsche Filmschaffen ist in diesem Programm mit fünf Arbeiten vertreten: dokumentarische Filme von Hans-Christian Schmid, Ulrike Ottinger, Harun Farocki und Thomas Heise und der neue Spielfilm von Sebastian Schipper – ein erfreulich vielfältiges Bild.

Immer wieder haben Goethes „Wahlverwandtschaften“ zu Verfilmungen inspiriert, aber so wie in Schippers Mitte Ende August hat man sie noch nicht gesehen: als spielfreudiges, sommerliches Erzählexperiment. Marie Bäumer, Milan Peschel, Anna Brüggemann, André Hennicke und ein einsames Haus auf dem Land spielen die Hauptrollen in dieser von historischem Ballast befreiten, zeitgenössischen Adaption, für die der Rockpoet Vic Chesnutt den Soundtrack komponierte.

In Die Wundersame Welt der Waschkraft interessiert sich Hans-Christian Schmid einmal mehr für die veränderten Koordinaten an der deutsch-polnischen Grenze. Sein Film folgt dem Weg der Schmutzwäsche von Berliner Hotelzimmern in eine polnische Großwäscherei und lässt die Menschen zu Wort kommen, durch deren Hände sie geht. Harun Farocki widmet sich in seinem neuen Film Zum Vergleich verschiedenen Techniken der Ziegelherstellung – vom handgeformten Lehmziegel bis zum Präzisionsbaustein als Hightech-Produkt. Während Farocki seine Beobachtungen in Burkina Faso, Indien und Frankreich macht, begibt sich Thomas Heise in seine eigenen Archive und damit in die Vergangenheit: In Material montiert er von ihm selbst dokumentierte, aber nie veröffentlichte Szenen der „Wende“ von 1989 zu einem Panorama, das die Erinnerung herausfordert, aber vor allem von den weißen Flecken handelt, die der Fortgang der Geschichte im Gedächtnis zurücklässt. Auf eine Reise begibt sich einmal mehr auch Ulrike Ottinger. Ihr neuester Film Die Koreanische Hochzeitstruhe geht dem Verhältnis von Tradition und Moderne in der Megacity Seoul nach.

Dokumentarfilme, gerade wo sie in den Grenzbereich zum Erzählkino vorstoßen, spielen im Forum eine wichtige Rolle. Im diesjährigen Programm setzen sich auffallend viele davon mit Prozessen öffentlicher Meinungsbildung auseinander und ergeben zusammen betrachtet das Zeitbild einer Welt, in der Wissen zur Ware und Meinungspolitik ein Spiel mit dem Feuer geworden ist.

Die unrühmliche Rolle des Staates als Anheizer von Konflikten bildet etwa den Hintergrund für den thailändischen Dokumentarfilm Citizen Juling. Nach dem brutalen Angriff eines fanatischen Mobs auf zwei Lehrerinnen im Frühjahr 2006 begaben sich die Filmemacherin Ing K und der Politiker und Menschenrechtsaktivist Kraisak Choonhavan auf eine Reise quer durch Thailand, ein von Gewalt und Vorurteilen gespaltenes Land. Citizen Juling ist der Versuch, Film zum Werkzeug eines Versöhnungsprozesses werden zu lassen. Ähnliches gilt auch für zwei Filme, die sich mit gewaltsamen Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent befassen. Eine Auswahl von vier kürzeren Dokumentationen des südafrikanischen Kollektiv-Projekts „Filmmakers against racism“ setzt sich mit den fremdenfeindlichen Gewaltexzessen auseinander, die das Land im Mai 2008 erschüttert haben. Christophe Gargots Dokumentation D’Arusha à Arusha gilt dagegen den Langzeitfolgen des Genozids, dem 1994 in Ruanda fast eine Million Menschen zum Opfer fielen. Auf spannende und erhellende Weise kontrastiert sein Film die juristische Aufarbeitung durch die internationale Gerichtsbarkeit in Arusha mit persönlicher und zwischenmenschlicher Traumabewältigung.

Defamation von Yoav Shamir (im Forum 2008 mit Flipping Out) sollte ursprünglich ein Film über die zeitgenössischen, oft subtilen Spielarten des Anti-Semitismus werden. Shamirs Recherchen im Umfeld der New Yorker Anti-Defamation League (ADL) brachten ihn allerdings auch auf die Fährte eines ganz anderen Phänomens: den heiklen Umgang mit dem Nimbus des fortwährenden Opfers. Wie ein Spiegelbild dazu wirkt die Dokumentation Letters to the President des tschechischen Filmemachers Petr Lom: sein Interesse gilt den Briefen, die Millionen von Iranern, von staatlicher Propaganda ermuntert, ihrem Präsidenten schreiben. Allzu oft sind diese Briefe Indizien für die erfolgreiche Manipulation der öffentlichen Meinung durch einen Staat, der das Selbstbild gläubiger Muslime als von aller Welt Verfolgte zementiert.

Von den Langzeitfolgen und Verwerfungen einer Politik des Hasses erzählen zwei weitere Filme im Programm. Simone Bittons investigativer Dokumentarfilm Rachel rollt den Fall der amerikanischen Friedensaktivistin Rachel Corrie auf, die im Jahr 2003 bei dem Versuch zu Tode kam, die Zerstörung von Häusern im Gazastreifen zu verhindern. Der Libanese Simon El-Habre porträtiert in The One Man Village seinen Onkel Semaan, den einzigen Bewohner eines Bergdorfes, das der libanesische Bürgerkieg zu einem Geisterdorf gemacht hat. Bei aller Traurigkeit ist dieser wunderbar fotografierte Film auch eine Geschichte über das Glück eines Lebens in Frieden.

Die Filme im 39. Forum der Berlinale

Aguas Verdes (Green Waters) von Mariano De Rosa, Argentinien (WP)

D'Arusha à Arusha (From Arusha to Arusha) von Christophe Gargot, Frankreich/Kanada/Ruanda (IP)

Beeswax von Andrew Bujalski, USA (WP)

Calimucho von Eugenie Jansen, Niederlande (IP)

Cea mai fericita fata din lume (The Happiest Girl in the World) von Radu Jude, Rumänien/Niederlande (WP)

Citizen Juling (Polamuang Juling) von Kraisak Choonhavan, Manit Sriwanichpoom, Ing K, Thailand (EP)

The Day After (Eoddeon gaien nal) von Lee Suk-Gyung, Republik Korea (WP)

Deep in the Valley (Yanaka boshoku) von Funahashi Atsushi, Japan (WP)

Defamation (Hashmatsa) von Yoav Shamir, Israel/Österreich (WP)

Doctor Ma's Country Clinic (Ma dai fu de zhen suo) von Cong Feng, Volksrepublik China (EP)

L'encerclement (Encirclement) von Richard Brouillette, Kanada (IP)

The Exploding Girl von Bradley Rust Gray, USA (WP)

H:r Landshövding (Mr Governor) von Måns Månsson, Schweden (IP)

Hayat var (My Only Sunshine) von Reha Erdem, Türkei/Griechenland/Bulgarien (IP)

Help Gone Mad (Sumashedshaya pomosh) von Boris Khlebnikov, Russland (WP)

Kan door huid heen (Can Go Through Skin) von Esther Rots, Niederlande (IP)

Die koreanische Hochzeitstruhe (The Korean Wedding Chest) von Ulrike Ottinger, Deutschland (WP)

Land of Scarecrows (Heosuabideuleui ddang) von Roh Gyeong-Tae, Republik Korea/Frankreich (IP)

Letters to the President von Petr Lom, Kanada/Iran (WP)

Love Exposure (Ai no mukidashi) von Sono Sion, Japan (IP)

Man tänker sitt (Burrowing) von Fredrik Wenzel, Henrik Hellström, Schweden (WP)

Marin Blue von Matthew Hysell, USA (WP)

Members of the Funeral (Jangryesigeui member) von Baek Seung-Bin, Republik Korea (IP)

Mental (Seishin) von Soda Kazuhiro, Japan (EP)

Mitte Ende August (Sometime in August) von Sebastian Schipper, Deutschland (WP)

My Dear Enemy (Meotjin haru) von Lee Yoon-Ki, Republik Korea (IP)

Naked of Defenses (Mubobi) von Ichii Masahide, Japan (EP)

Ne me libérez pas, je m'en charge (My Greatest Escape) von Fabienne Godet, Frankreich (WP)

The One Man Village (Semaan Bilda'ia) von Simon El Habre, Libanon (EP)

Rachel von Simone Bitton, Frankreich/Belgien (WP)

La sirena y el buzo (The Mermaid and the Diver) von Mercedes Moncada Rodríguez, Mexiko/Nicaragua/Spanien (WP)

Soundless Wind Chime (Wu Sheng Feng Ling) von Kit Hung, Hong Kong/Schweiz (WP)

Sweetgrass von Lucien Castaing-Taylor, Lisa Barbash, USA (WP)

Treeless Mountain von So-Yong Kim, USA/Republik Korea (EP)

Un chat un chat (Pardon my French) von Sophie Fillières, Frankreich (WP)

Winterstilte (Winter Silence) von Sonja Wyss, Niederlande/Schweiz (IP)

Zum Vergleich (By Comparison) von Harun Farocki, Deutschland/Österreich (WP)

Special Screenings

A History of Israeli Cinema von Raphaël Nadjari, Frankreich/Israel (WP)

Araya von Margot Benacerraf, Venezuela/Frankreich (WP der restaurieren Kopie)

The Beast Stalker (Ching yan) von Dante Lam, Hong Kong (IP)

Filmmakers Against Racism:

Affectionately Known as Alex von Danny Turken, Südafrika (EP)

Angels on our Shoulders von Andy Spitz, Südafrika (EP)

Baraka (The Blessing) von Omelga Mthiyane, Riaan Hendriks,

Marianne Gysae, Südafrika (EP)

The Burning Man von Adze Ugah, Südafrika (EP)

Generasi biru (The Blue Generation) von Garin Nugroho, John De Rantau, Dosy Omar, Indonesien (WP)

Langsamer Sommer (Slow Summer) von John Cook, Österreich

Material von Thomas Heise, Deutschland (WP)

Schwitzkasten (Clinch) von John Cook, Österreich

Soul Power von Jeffrey Levy-Hinte, USA (EP)

When it was Blue von Jennifer Reeves, USA/Island (EP)

Die wundersame Welt der Waschkraft (The Wondrous World of Laundry) von Hans-Christian Schmid, Deutschland (WP)

Presseabteilung

19. Januar 2009