Berlinale: Chronik


59. Internationale Filmfestspiele Berlin
05. - 15. Februar 2009

„Als ein ‚Festival gegen die Krise’ hatte Dieter Kosslick die 59. Berlinale bezeichnet – ein Filmfest der Superlative ist es geworden, das mit mehr als 270.000 gelösten Tickets einen neuen Besucherrekord verzeichnen konnte.“

(Blickpunkt Film)

Jurypräsidentin Tilda Swinton und Festivaldirektor Dieter Kosslick eröffnen die Berlinale 2009

Die Vorzeichen der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin verhießen nichts Gutes: spätestens seit im Sommer 2008 die globale Finanz- und Wirtschaftskrise anfing, ihre verhängnisvollen Wellen zu schlagen, herrschte eine gewisse Unsicherheit vor, wie sich die Ereignisse auf die Kulturlandschaft und speziell auf den Festivalbetrieb der Berlinale auswirken würden. Es sollte in diesem Jahr nicht so schlimm kommen, wie es vielleicht einige befürchtet hatten.

Der European Film Market (EFM) – als zentraler Handelstreffpunkt der Filmwirtschaft das feinfühligste Barometer in dieser Hinsicht – blieb von den Folgen der Krise zwar nicht unberührt, hielt dem entstandenen Druck aber mit einer erstaunlichen Stabilität stand. Neben dem lebhaften Marktgeschehen im Martin-Gropius-Bau konnten die „EFM Marriott Offices and Stands“ im gleichnamigen Hotel am Potsdamer Platz als neue, zweite EFM Location erfolgreich etabliert werden. Nichtsdestotrotz wurden in den EFM Industry Debates anlassbezogen Strategien diskutiert, wie man als Filmindustrie den aufkommenden Problemen und sich verändernden Rahmenbedingungen begegnen könnte.

Koproduktionen als zukunftsweisendes Modell

Eine Perspektive bilden (nicht nur) in finanziell schwierigen Zeiten Kollaborationen zwischen Filmproduktionsfirmen. Und so war es wenig verwunderlich, dass auch der sechste Berlinale Co-Production Market reges Interesse hervorrief und eine positive Bilanz ziehen konnte: mit 36 vorgestellten Projekten aus 23 Ländern, über 1000 arrangierten Produzenten-Meetings und diversen, gut besuchten Veranstaltungen wie dem Talent Project Market. Die hier gesuchten Talente kamen direkt vom Berlinale Talent Campus im HAU, auf dem 347 junge Nachwuchsfilmschaffende aus 103 Ländern unter dem Titel „Suddenly, It All Happened - The turning point in close-up” zusammentrafen. Gemeinsam mit seinem Organisationsteam und zahlreichen Experten sorgte der neue Programmleiter Matthijs Wouter Knol nicht nur für die eingehende Beschäftigung mit Wendepunkten aller Art, sondern auch für eine ganze Reihe fachmännischer Inspirationsquellen sowie die Begegnung und Vernetzung der Talente untereinander.

Die Finanzkrise sollte sich auch in vielen Festivalbeiträgen widerspiegeln, und zwar im weiten Sinne einer (mehr oder weniger direkten) Reflexion der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen. Den Auftakt machte Tom Tykwers Eröffnungsfilm The International über die kriminellen Umtriebe und politischen Einflussnahmen internationaler Finanzwirtschaftsakteure. Unterschiedliche Auseinandersetzungen mit den weltweiten Verflechtungen oder Ungleichgewichten ökonomischer und sozialer Wirkungsmächte fanden sich in der Folge in nahezu alle Festivalsektionen.

Das Publikum im Friedrichstadt-Palast

Nicht zuletzt spielte das Thema auch in der Reihe Kulinarisches Kino eine gewichtige Rolle: Food, Inc. von Robert Kenner nimmt die Machenschaften global agierender Lebensmittelkonzerne kritisch unter die Lupe und füllte den Friedrichstadt-Palast, der in diesem Jahr als neue Spielstätte für opulente Berlinale Special Gala-Vorstellungen und Wettbewerbs-Wiederholungen eingeführt wurde.

Abermaliger Zuschauerrekord - auch dank neuer Spielstätten

Neben dem Cinema Paris im Institut Français als weiterem neuen Kino des Berlinale Special und dem Cosima, in dem die Langzeitdokumentation Berlin – Ecke Bundesplatz präsentiert wurde, hatte insbesondere der Erfolg des Friedrichstadt-Palastes – mit seinen 1750 verfügbaren Sitzplätzen nun die größte Spielstätte der Filmfestspiele – einen großen Anteil an der im Vergleich zum Vorjahr enormen Steigerung der Kartenverkaufszahlen (274.112 Tickets gegenüber 240.098 in 2008). Gleichzeitig sind die Zahlen natürlich ein Indiz für die ungebrochene Anziehungskraft, die die Berlinale auf das Publikum ausübt: „Das Festival [...] ist ein Plädoyer fürs Kinogehen, und Jahr für Jahr wird es gehört“ (FAZ).

Zur Anziehungskraft trugen auch die Festivalauftritte zahlreicher Stars bei. Schon das Berlinale Special bot den leidenschaftlichen Filmfans einen direkten Blickkontakt mit vielen Leinwandgrößen. Deutsche Berühmtheiten wie Ulrich Tukur (John Rabe), Heike Makatsch (Hilde) oder Julia Jentsch und Sebastian Koch, deren Effi Briest-Premiere gar von Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht wurde, reihten sich neben internationale Filmschaffende von Rang und Namen wie Hong Kong-Star Aaron Kwok (Empire Of Silver) oder Schauspieler Jeff Goldblum und Regisseur Paul Schrader (Adam Resurrected).

Als Ausdruck einer besonderen Verbundenheit des Festivals wurden 2009 gleich drei Berlinale Kameras verliehen. Die Auszeichnungen für den französischen Regisseur Claude Chabrol (Bellamy) und den deutschen Produzenten Günter Rohrbach (Effi Briest) waren bereits frühzeitig angekündigt, während die Ehrung für den 100 Jahre alten, immer noch aktiven portugiesischen Regisseur Manoel de Oliveira (Singularidades de uma rapariga loura) freudig zu überraschen vermochte.

Ralph Fiennes und Kate Winslet beim Photo-Call zu Der Vorleser

„Ein einzigartig enthusiastisches Publikum“

Auf dem roten Teppich des Wettbewerbs tummelten sich gewohntermaßen die meisten internationalen Filmgrößen wie Demi Moore, Willem Dafoe, Clive Owen oder Keanu Reeves. Erst das Zusammentreffen mit dem Berliner Publikum jedoch geriet wieder einmal zum entscheidenden Distinktionsmerkmal im Vergleich der großen Filmfestivals. „Berlin hingegen, das ist direkter Kontakt zum Adressaten, dem Kinobesucher. Jubelnde Kids, die Rupert Grint, den Star aus „Harry Potter“, vor dem Babylon feiern, tumultartige Szenen rund um Kate Winslet, Renée Zellweger, Michelle Pfeiffer, die sich, trotz eisiger Temperaturen, ausführlich Zeit für Autogramme nehmen, Weltstars wie Brenda Blethyn oder Stephen Frears, die nach der Vorführung noch im Kinofoyer stehen und offen mit dem Publikum diskutieren. Wenn die internationalen Stars immer wieder erklären, sie kämen leidenschaftlich gern nach Berlin, ist das nicht nur der hippen Stadt, den Clubs, den Galerien geschuldet – sondern eben auch diesem direkten Kontakt zu einem einzigartig enthusiastischen Publikum“ (Tagesspiegel).

Doch so sehr das Berliner Publikum sich auch begeistern ließ, so wenig hatte sich bis zuletzt trotz der großen Namen ein wirklicher Film-Favorit herauskristallisiert, so dass vor der Bärenvergabe eine spürbare Spannung in der Luft lag. Vielen Beobachtern war von vornherein klar, „dass die Preisverleihung einer Berlinale-Jury unter der Leitung von Tilda Swinton etwas Besonderes sein würde. […] Aus Wettbewerbsbeiträgen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, gingen die ungewöhnlichsten Filme als Preisträger hervor“ (Stern). Mit La teta asustada, einer filmischen Aufarbeitung traumatischer Ereignisse in der jüngeren peruanischen Geschichte, ging der Goldene Bär an den zweiten Spielfilm der Nachwuchsregisseurin Claudia Llosa, der mit Unterstützung des World Cinema Fund entstanden war. Den Großen Preis der Jury erhielten ex aequo die präzise inszenierten und eindrücklichen Zweit- bzw. Erstlingswerke Alle anderen von Maren Ade und Gigante von Adrián Biniez, der ebenso den Preis für den Besten Erstlingsfilm und den Alfred-Bauer-Preis ex aequo mit Andrzej Wajdas Tatarak bekam.

Claudia Llosa mit dem Goldenen Bären inmitten glücklicher Gesichter bei der Preisverleihung

Formen- und Themenreichtum als großes Plus

Deutliche Akzente der filmischen Vielfalt und Ausdrucksstärke setzte das Festival erneut in der Gesamtschau seiner Sektionen und Reihen. Die formal eigenwilligsten Arbeiten waren wie so oft im Forum und den Berlinale Shorts zu finden. Bei den Kurzfilmen, die dieses Jahr mit filmgeschichtlichen Bezugnahmen und ausgeprägten Bildsprachen intensive Filmerlebnisse hervorbrachten, konnte der erst 23-jährige David OReilly den Goldenen Bären für seine Animation Please Say Something gewinnen. Im Forum lagen besondere Augenmerke auf US-amerikanischen Independentfilmen (wie Beeswax oder The Exploding Girl) und auf dem asiatischen, insbesondere dem koreanischen und japanischen Kino (zum Beispiel My Dear Enemy und Deep in the Valley). Das Forum Expanded zeigte in zahlreichen Ausstellungen und Einzelarbeiten (u.a. von Michael Snow und Johan Grimonprez) Grenzüberschreitungen und „Expansionen“ in Richtung des Experimentellen und der Bildenden Künste.

Unkonventionelle Ausdrucksformen, identitätssuchende und -stiftende Formate und phantasievolle Geschichten hatten in den beiden Wettbewerben von Generation Kplus und 14plus die Oberhand. Und während die Perspektive Deutsches Kino vor dem Hintergrund einer starken deutschen Festivalpräsenz bereits zum achten Mal einen aussichtsreichen Blick auf die nachkommende Generation deutschsprachiger Filmemacher werfen konnte, durfte das Panorama - die einstmalige Info-Schau - 2009 feierlich auf 30 Jahre Programmgestaltung und 10 Jahre PanoramaPublikumsPreis zurückblicken. Insofern bekamen die Zuschauer hier nicht nur aktuelle Filme - von Globalisierungskritik über Gender-Themen bis zu Traditionsbrüchen und Aufbruchsgeschichten - geboten, sondern auch einige historische Werke, die immer noch eine erstaunliche Relevanz an den Tag legten.

Maurice Jarre mit seinem Goldenen Ehrenbären

Imposante Retrospektiven

Weitere Rückblicke der ganz großen Art standen im Mittelpunkt der Retrospektive 2009. Unter dem Titel „70 mm - Bigger than Life“ wurden Klassiker und Wiederentdeckungen im 70-mm-Format auf die Leinwände des Kino International und des Cinestar 8 projiziert. Der Komponist Maurice Jarre, der unter anderem die Filmmusik zu David Leans 70-mm-Produktionen Lawrence of Arabia und Ryan’s Daughter geschrieben hat, wurde im Rahmen der ihm gewidmeten Hommage mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet. Und, last but not least, präsentierte die Berlinale aus Anlass von "20 Jahren Mauerfall" die Sonderreihe „Winter adé - Filmische Vorboten der Wende“. Die von Claus Löser kuratierten Filme, die zwischen 1977 und 1989 in den ehemaligen Ostblockländern sowie der Bundesrepublik entstanden waren, kündeten auf je eigene und subtile Weise von den damals bevorstehenden politischen Umwälzungen.

Diese programmatische Vielfalt von Filmen, Formen, Geschichten und Themen sowie die Begeisterung des Berliner Publikums trugen ihren Teil zu der überwiegend positiven Resonanz auf die 59. Internationalen Filmfestspiele bei: „Das Prinzip dieses immer noch politischsten Festivals der A-Liga war es immer, die beiden essentiellen Aspekte des Kinos zusammenzubringen: Den Glamour, den große Stars und opulente Erzählfilme verströmen - und die experimentelle, ambitionierte Filmkunst, die neue Bildsprachen ausprobiert und ungeschminkt vom sozialen Alltag berichtet. Berlin ist es in diesem Jahr erneut gelungen, diese Rechnung aufgehen zu lassen“ (Spiegel Online).

Besucher  
Kinobesuche 486.955
Verkaufte Eintrittskarten 274.112
   
Fachbesucher  
Akkreditierte Fachbesucher (ohne Presse) 15.575
Herkunftsländer 136
   
Presse  
Pressevertreter 3.983
Herkunftsländer 86
   
Screenings  
Anzahl Filme im öffentlichen Programm 371
(davon 126 Kurzfilme)
Anzahl Vorführungen 915
   
European Film Market  
Fachbesucher 6.300
Anzahl Filme 698
Anzahl Screenings 1.049
Stände auf dem EFM
(Martin-Gropius-Bau & Business Offices)
148
Anzahl Aussteller 408
   
Berlinale Co-Production Market  
Teilnehmer 450
Herkunftsländer 44
   
Berlinale Talent Campus  
Teilnehmer 347
Herkunftsländer 103