Berlinale: Berlinale Themen


Kurzfilmwettbewerb 2007
Wechselbäder und Aha-Erlebnisse

Raak von Hanro Smitsman

Abendfüllende Kurzfilmprogramme sind längst nicht mehr nur die heimlichen Publikumslieblinge von Filmfestivals, sondern mittlerweile auch im regulären Kinobetrieb überaus gefragt und erfolgreich. Der Reiz liegt dabei oft in der Vielfalt der Stile und Geschichten: Zehn Filme in 90 Minuten können für den Zuschauer ein Wechselbad der Gefühle oder auch ein konzentriertes Aha-Erlebnis bedeuten. Zudem gilt der Kurzfilm im Allgemeinen als experimenteller und risikofreudiger. Das kurze Format lädt dazu ein, mit Erzählformen und Bildgestaltung zu spielen. Es verbindet die Notwendigkeit der Präzision mit der Freiheit der Skizze.

Für Annette Kilzer, die den Kurzfilmwettbewerb der Berlinale kuratiert und koordiniert, macht gerade dies den Kurzfilm so spannend: "Was beim Langfilm als unbefriedigend erlebt würde, macht beim Kurzfilm oft gerade den Reiz aus. Man kann sich in dieser Form die Freiheit nehmen, Dinge offen zu lassen und nicht alles schlüssig aufzulösen." So etwa in Gecko von Theresa von Eltz, der an der Londoner NFTS entstand: Ohne Dialog erzählt er von einem Jungen und seiner Mutter, die am Stadtrand in einem verwahrlosten Trailer wohnen, und von einem Mann, von dem man nicht erfahren wird, ob er Vater, Liebhaber oder Freier ist.

"Ein gutes Kurzfilmprogramm vermittelt eine gewisse Leichtigkeit."

Gecko ist einer der 16 Filme im neugestalteten Kurzfilmwettbewerb. Denn um Vielfalt und Eigenheit des kurzen Formats auch innerhalb des Berlinale-Programms noch genauer in den Blick zu nehmen, wurden die bisherigen Kurzfilmprogramme von Wettbewerb und Panorama in einem neuen Kurzfilmwettbewerb zusammengeführt. "Wir möchten, dass man den Filmen eine Idee ansieht und dass diese Idee narrativ und filmisch originell umgesetzt wird", sagt Annette Kilzer. "Schon in der Machart eines Films vermittelt sich eine Haltung, dafür bedarf es keiner gewichtigen 'Botschaft'. Das kurze Format ist sehr sensibel für die spielerischen Nuancen und ein gutes Kurzfilmprogramm soll ein spielerisches Gefühl vermitteln, eine gewisse Leichtigkeit. Nicht im Sinne von 'leichter Kost', sondern dass mit Experimentierfreude und Offenheit erzählt wird."

Scummy Man von Paul Fraser

Die Experimentierfreude wird durch die "digitale Revolution" in der Filmbranche zusätzlich angeregt. "Man kann heute so preiswert und finanziell unabhängig wie nie zuvor Filme machen", meint Annette Kilzer. "Diese Erleichterung lädt zu größerem Wagnis und mehr Spielfreude ein." Kaum verwunderlich, dass dies auch zu einem spürbaren Anstieg der Zahl eingereichter Filme führt. "Es wurden viele Filme eingereicht, die von dieser Entwicklung profitiert haben und es macht oft Spaß zu sehen, wie die Geschichten persönlicher werden, weil sich mehr Leute mehr trauen." "Mut" und "Spielfreude" sind jedoch keine Garanten dafür, dass die Filme dann auch auf der großen Leinwand bestehen. Der Kurzfilm ist und bleibt eine sensible Kunstform – digitale Revolution hin oder her.

"Digitale Revolution" und die neue Lust auf "echten" Film

Annette Kilzer sieht aber auch eine entgegen gesetzte Reaktion auf die 'Demokratisierung' des Filmemachens: "Gerade Filmstudenten drehen wieder verstärkt auf 'echtem Filmmaterial'", sagt sie. Auf 16 oder 35 Millimeter, sogar auf Super Acht wurden Filme für den Kurzfilmwettbewerb eingereicht. Es scheint, als bewirke die Ausdifferenzierung der Möglichkeiten auch eine bewusstere Entscheidung für den jeweiligen Herstellungsprozess. Der deutsche Beitrag Bus und die britische Low-life-Komödie Scummy Man wurden zum Beispiel auf Super 16 gedreht, der holländische Film Raak auf 35mm. „Von der Mini-DV, mit der Daya Cahen ihr Essay über Stalins Enkel (The Stalin That Was Played By Me) drehte, bis zur hochkarätigen HD-Produktion (Rotten Apple) ist schier jedes Format vertreten“, so Kilzer.

The Stalin That Was Played By Me von Daya Cahen

Mit Sorglosigkeit hat diese Risikofreude allerdings wenig zu tun. Obwohl Kurzfilme in der Regel mit einem kleineren Produktionsaufwand gedreht werden sind, steht für die Filmemacher doch sehr viel auf dem Spiel. Annette Kilzer: "Kurzfilme sind oft die ersten Filme junger Regisseure. Mit dem Kurzfilm geben sie ihre Visitenkarte ab, in der Hoffnung, dass er ihnen den ersten Langfilm ermöglicht." Der Kurzfilmwettbewerb der diesjährigen Berlinale nimmt das Genre als Kunstform wichtig und bildet es in seiner stilistischen und erzählerischen Vielfalt ab. Klassische Kurzspielfilme – Komödien, Satiren, Dramen und lakonische Erzählungen - sind ebenso dabei, wie Animationen und Kurzdokumentationen. Und nicht selten mischen sich die Zuordnungen auch.

Annette Kilzer: "Court Record – In Memoriam Péter Manfeld ist eine dokumentarische Animation über einen Studenten, der 1957 nach dem Ungarnaufstand hingerichtet wurde. Wo sich dieser Film Freiheiten bei den visuellen Erzählformen nimmt, zeigen andere Filme Beweglichkeit, was die Zuordnung zum Genre Spielfilm oder Dokumentarfilm angeht. Ein spannendes Beispiel ist Rendez-Vous, eine 'Dokufiction' aus Polen über einen Mann und eine Frau mit Down-Syndrom, die sich zu einem Date verabredet haben."

Aus rund 1300 gesichteten Einreichungen wurden 16 Filme ausgewählt, von Dieter Kosslick und Wieland Speck eingeladen und in zwei etwa 90minütigen Programmen zusammengestellt.