Berlinale: Berlinale Themen


Interview Rainer Rother: Retrospektive 2007
City Girls – Frauenbilder der Stummfilmzeit

Christl Ehlers in 'Menschen am Sonntag'

Fast ein Jahrhundert alt sind einige Filme der Retrospektive 2007 und doch vermitteln sie immer noch die Freude am Neuen. Nur scheinbar ein Anachronismus, denn "City Girls – Frauenbilder der Stummfilmzeit" verspricht das doppelte Vergnügen, alte Filme neu zu sehen – zur Hälfte in restaurierten Fassungen - und dabei die Facetten der Neuen Frau der 10er und 20er Jahre wieder zu entdecken. "Zu sehen, wie diese Frauenfiguren mit unbekümmerter Frische und großem Ungestüm tradierte Muster auf den Kopf stellen, ist ein großes Vergnügen", freut sich Rainer Rother auf ein Programm, in dem sich die "Jugendjahre" des Mediums Film und der modernen Großstadt gleichermaßen widerspiegeln – reflektiert in Aus- und Umbrüchen, die teils von frappierender Aktualität sind. Ein Interview mit dem Leiter der Retrospektive.

Bei der Themenfindung für eine Retrospektive spielen ja sehr viele Faktoren eine Rolle – inhaltliches Interesse, Aktualität, aber auch die Verfügbarkeit von Filmkopien. Können Sie einmal rekapitulieren, wie es zu dem Thema "City Girls" kam, dem Interesse für Frauenbilder der Stummfilmzeit?

Als ich im April die Leitung der Retrospektive übernahm, war die grundsätzliche Entscheidung, nach vier Jahren wieder eine Retrospektive ausschließlich dem Stummfilm zu widmen und dabei das Frauenbild der 10er und 20er Jahre ins Zentrum zu stellen, bereits getroffen. Die konkrete Ausformulierung des Themas war dann ein Ergebnis ausführlicher Filmsichtungen. Wir wissen, dass sich Frauenbilder von den 10er zu den 20er Jahren radikal verändert haben, aber es gab auch Kontinuitäten. Beides versucht die Filmauswahl dem Publikum nahe zu bringen. Im Mittelpunkt unserer Retrospektive steht jedoch das Phänomen der 'Neuen Frau' – in ihrem Bild wird der gesellschaftliche Wandel jener Zeit reflektiert. Das Verspielte und Fordernde dieser neuen Frauenfiguren, ihre Beweglichkeit, ihre kessen Blicke – all das hat uns fasziniert. Zu sehen, wie sie mit unbekümmerter Frische und großem Ungestüm tradierte Muster auf den Kopf stellen, ist ein großes Vergnügen.

„Die Neue Frau ist ohne die Großstadt nicht denkbar.“

Die Retrospektive trägt den Titel "City Girls". Wie eng ist die Etablierung des Bildes der Neuen Frau an das gleichzeitige Heranwachsen der modernen Großstadt gebunden?

Die Neue Frau ist ohne die Großstadt überhaupt nicht denkbar. Die Räume, die sie sich erobert, sind städtische Räume. Ihr Arbeitsplatz im Großraumbüro, in der Fabrik, im Nähatelier oder im Kaufhaus, Vergnügungsparks und Tanzlokale, hell illuminierte Straßen und Verkehrsmittel – all das bildet den öffentlichen Raum, in den sie hinaustritt, in dem sie sich bewegt. Hier wird sie Teil einer Masse, die sich einem neuen, berauschenden Lebensgefühl hingibt. Diese Masse ist stets in Bewegung und schafft allein dadurch schon eine Anonymität, in der die Neue Frau sich den Regeln der Konvention entziehen und ihre Position neu definieren kann. Und es sind andererseits auch die großstädtischen Medien, die der Neuen Frau eine Bühne bieten und neue Frauenbilder formen und verbreiten: Plakate, Zeitschriften, Magazine. Auch die Mode hat an diesen Prozessen teil, und der ganze neue Bereich der Freizeitkultur. Dem Kino kommt hier natürlich ganz besondere Bedeutung zu. Als Ort der Schaulust wird es gerade von einem weiblichen Publikum sehr stark genutzt und ist damit auch besonders wirkungsvoll und einflussreich.

Einerseits gibt es das Frauenbild im Film, andererseits gibt es die Reflexion, die Sie erwähnen: Man sieht die filmische Umsetzung als Repräsentation einer historischen Realität, in der sich die tatsächliche Rolle der Frau gewandelt hat. Nun kann man aber sicher nicht an diese Filme rangehen, mit der Erwartung, dass sie einem eins zu eins erzählen, wie es den Frauen damals erging. Wie stellt sich dieses Verhältnis dar?

Francesca Bertini

Die Filme reflektieren die Veränderung, aber sie bilden sie nicht ab. Wenn zu Beginn der 10er Jahre die Typen Vamp und Diva für den Mann durch ihre erotische Ausstrahlung und Verführungskraft eine Bedrohung darstellten, so war dies bezogen auf die gesellschaftliche Realität genauso ein Klischee wie das Rollenmuster der Neuen Frau mit kurzen Haaren, die selbst bestimmt auftritt, in der Öffentlichkeit raucht und sich vom Leben nimmt, was sie will. Das eine wie das andere ist keine tatsachengetreue Widerspiegelung von Realität, sondern ein Image, das verkauft wird.

Realitäten, Klischees, Images

Wenn der Typ der Neuen Frau in seinen unterschiedlichen Ausprägungen – als Girl, als Flapper oder als Garçonne – von Frauen aufgenommen wird, propagiert der Film letztlich sehr erfolgreich ein spezifisches Frauenbild. Unsere Auswahl zeigt, inwieweit es ihm im Rahmen seiner eigenen Entstehungsbedingungen möglich war, einen gesellschaftlichen Wandel zu reflektieren und welche Stereotypen dabei kreiert wurden. Das ist höchst aufschlussreich.

Vier Themenüberschriften sind für das Filmprogramm angekündigt: "Working Girls", "Flaming Youth", "Husbands and Wives" und "Fate and Passion". Weisen diese Themen eher auf Facetten eines allgemeinen Trends hin, oder markieren sie vielmehr Bruchstellen zwischen Typen von Frauenbildern in den Filmen der Zeit?

Die Neue Frau liegt als Leitmotiv dem gesamten Filmprogramm zugrunde; die einzelnen Überschriften markieren bestimmte Aspekte unseres Themas. Besondere Bedeutung kommt den 'Working Girls' zu – ist doch der massenhafte Eintritt von Frauen in die Arbeitswelt jenseits der Fabriken die wesentliche Veränderung der gesellschaftlichen Position der urbanen Frau. Diese Neuerung schafft überhaupt erst die Voraussetzungen für alle weiteren. Interessanterweise zeigen die Filme jedoch Berufstätigkeit meist als Übergangsphase, an deren Ende die Ehe und/oder der soziale Aufstieg stehen. Im Mittelpunkt von 'Flaming Youth' stehen charlestonsüchtige Flapper, aber auch tanzende Mütter, die sich nicht um gesellschaftliche Konventionen scheren und sich von traditionellen Frauenbildern abgrenzen.

Curt Goetz, Ossi Oswalda in 'Ich möchte kein Mann sein'

In Husbands and Wives werden Geschlechterbeziehungen im Privaten neu verhandelt, verschiedene Frauentypen kontrastiert und tradierte Rollenmodelle in Frage gestellt. Oft geschieht das in Komödien, weil die am ehesten den nötigen Spielraum für das Ausloten des Geschlechterverhältnisses bieten. Fate and Passion schließlich reflektiert am stärksten auch noch Frauenbilder des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Kraft und Leidenschaft, mit der die Protagonistinnen für ihre Lebensentwürfe eintreten, macht sie jedoch zu modernen Frauen.

Thematisch bietet diese Retrospektive einige Vergleichsmöglichkeiten mit der des letzten Jahres, als es um Frauenbilder im Film der 50er Jahre ging. Dort konnte man deutliche Unterschiede in den Filmen verschiedener Länder sehen, etwa sowjetischer oder amerikanischer Provenienz. Die weltpolitische Lage, die Blocksituation, spielte da eine große Rolle. Wie sieht es denn mit den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts aus? Was gibt da der Vergleich zwischen Filmen verschiedener Herkunft her?

Wir behaupten, dass das Phänomen Neue Frau in sehr vielen Ländern zu beobachten war. Die Veränderung der gesellschaftlichen Rolle der Frau war eine internationale Entwicklung. Daher gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen den Filmen, unabhängig von ihrer Herkunft. Auffällig ist aber auch, dass die Schwerpunkte in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gesetzt wurden.

Zum Beispiel spielt die Arbeiterklasse in zwei Ländern eine große Rolle. In Großbritannien, wo Arbeiterkultur eine starke Tradition hat, ist die Frage wichtig, wie sich die Veränderung für eine Arbeiterin darstellt, und in der Sowjetunion natürlich ebenfalls. Hier ist außerdem die Befreiung von alten, traditionellen Bindungen ein zentrales Motiv. Sieht man sich zum Vergleich amerikanische Filme an, in denen es natürlich auch die Working Girls gibt, dann findet man viel stärker Konsum als Ausdruck einer neuen Unabhängigkeit. Auch fällt auf, dass der Glamourfaktor dort wesentlich höher ist. Außerdem gibt es sehr viele Geschichten, die komödiantisch angelegt sind und in denen so der Ernst von vorneherein etwas heraus genommen wird. In den beiden japanischen Filmen in unserem Programm sieht man, dass die Frauenfiguren dort eine viel rigidere Struktur aufbrechen mussten als in den Filmen aus Europa und den USA. Der Vergleich zeigt also, dass es trotz grundlegender Gemeinsamkeiten auch deutliche nationale Eigenarten gibt.

Die Retrospektiven haben ja oft den Effekt, dass man sich zwar etwas "Historisches" ansieht, also etwas, das in der Vergangenheit liegt und "schon mal da war", dass man aber doch etwas Neues sieht, oder auch "neu sieht". Ein gewisser Aha-Effekt. Welche Impulse erhoffen Sie sich von dieser Retrospektive?

Ich meine, dass man sehr gut sehen kann, wie der Film als Kulturindustrie das Bild der Neuen Frau formuliert. Natürlich ist die Kulturindustrie eskapistisch – das ist sie immer -, aber sie ist, weil sie ihr Publikum erreichen will, auch gezwungen, soziale Realität aufzunehmen. Wenn bestimmte Situationen in vielen Filmen immer wieder vorkommen, zeigt das eine gesellschaftliche Realität. Die große Bedeutung des Wochenendes zum Beispiel: man hat sonntags frei und hat die Möglichkeit, sich an diesem Tag zu vergnügen. Und zwar nicht allein in der Familie und nicht allein die Männer, sondern auch die Frauen, weil sie ihr eigenes Geld verdienen. Das ist neu. Wie der Film mit einem solchen Massenphänomen umgeht, das ist hoch interessant und macht großen Spaß. Menschen am Sonntag, Lonesome, Hindle Wakes setzen ihren Höhepunkt auf diese Freizeit und erzählen damit natürlich auch, dass das 'wirkliche Leben' Montag bis Samstag stattfindet, wo man sich all das nicht leisten kann.

Asta Nielsen in 'Engelein'

Insgesamt denke ich, dass uns eine gute Mischung aus bekannten und weniger bekannten Filmen gelungen ist. Es gibt großartige Darstellerinnen zu entdecken, neben den bekannten Stars, die unser Bild vom Film jener Zeit in starkem Maße prägen. Wir haben unsere Recherche international sehr breit angelegt, um auch weniger bekannte nationale Kinematographien mit einzubeziehen. Das ist uns zum Teil gelungen, aber wir sind hier auch an Grenzen gestoßen und mussten erfahren, dass das filmkulturelle Erbe mancher Länder, physisch, als Film also, für uns nicht mehr verfügbar ist. Wir wissen von manchen Filmen aus der Literatur, aber wir können sie nicht mehr sehen. Auf der anderen Seite können wir viele sehr gute Kopien zeigen. Etwa die Hälfte unserer Filme zeigen wir in restaurierten Fassungen, viele davon mit neuen Kopien. So kann es sein, dass ein Film, den alle kennen, neu gesehen wird, weil er plötzlich ganz neue, überraschende Qualitäten offenbart.