Berlinale: Berlinale Themen


Panorama 2007:
Solange es Alternativen gibt...

When Darkness Falls

Mit der Welt steht es nicht zum Besten: wachsende Ungleichheit, wieder erstarkende Chauvinismen, Konsumzwang, Staatsparanoia, häusliche Gewalt. Das Panorama-Programm 2007 bildet ab, was die zeitgenössische Filmemachergeneration bewegt und zeichnet damit wie jedes Jahr auch ein fragmentarisches Bild der Welt. "Man muss nicht zum Märtyrer werden," meint Panorama-Leiter Wieland Speck. "Wenn die Bedrohung zu groß wird, hat man das Recht wegzugehen." Solange es noch Alternativen gibt. Die Suche danach verbindet die Protagonisten in den Panorama-Filmen dieses Jahres. Viele von ihnen sind jung und mutig, vor allem wenn sie weiblich sind. Ein Gespräch mit Wieland Speck über ein "Jahr der Entdeckungen".

Das Panorama schreibt sich auf die Fahnen, das Arthouse-Kino der kommenden Saison zu entdecken. Was bewegt die gegenwärtige Filmemachergeneration, welche Geschichten erzählen sie?

Auffällig ist, dass sich 14 Filme des diesjährigen Programms mit dem Heranwachsen in der Pubertätszeit beschäftigen. Das mag überraschen, aber es ist auch verständlich. Denn an den Prozessen der Identitätssuche kann man sehr gut beobachten und illustrieren, in welchem Zustand sich die jeweilige Gesellschaft befindet, in der sich der junge Mensch einen Platz sucht oder erobern will.

Zähne zeigen!

Der wohl offensivste Film zu dieser Thematik ist Teeth: Ein Mädchen, das in einem sehr prüden und restriktiven Umfeld in der amerikanischen Provinz aufwächst, entdeckt "trotz allem" seine Sexualität. Das bedeutet nicht nur für sie eine Revolution, sondern zeigt auch den jungen Männern ihre Grenzüberschreitungen auf urangstauslösende Weise. In diesem Film wird der Mythos der "Vagina Dentata" real erlebbar. Das Mädchen macht die ersten Schritte in Richtung Sexualität, aber die Jungmänner respektieren nicht die Grenzen, die sie setzen möchte. Wenn sie einen Schritt zurück machen will, machen die Männer nicht mit, und das ist die Stelle, wo die Vagina zubeißt. Sie hat also diese Waffe, die ihr hilft, diese Stelle zu dominieren – natürlich mit fatalen Folgen.

BerlinSong

Junge männliche Protagonisten neigen eher zum Unglück – wenn sie nicht dumm sind. Frauen werden dagegen meist mit einem stärkeren Selbstbewusstsein dargestellt. Zum Beispiel in dem taiwanesischen Film Spider Lilies von Zero Chou, in dem sich ein junges Mädchen in ihrem Zimmer mit Hilfe des Internets eine atemberaubende Parallelwelt aufbaut. Auch in Itti, bitti, titty committee erleben wir, wie ein zunächst etwas unentschlossenes Mädchen richtig Gas gibt. Hier geht es gegen Konsumzwang, gegen den Zwang zur Konformität, gegen die Sexsymbolik, mit der sich Frauen in der Konsumgesellschaft konfrontiert sehen. Junge Leute suchen wieder stärker nach Alternativen in diesen Filmen.

Das zeigt sich auch in BerlinSong, einem Dokumentarfilm von Uli M. Schueppel. Aus der ganzen Welt kommen Leute nach Berlin, zum Teil aus den gleichen Gründen wie früher, aber es sind doch andere Menschen als in den 80er Jahren. Nicht laut und bunt, eher freundlich und nachdenklich. Aber auch sie suchen eine Alternative zum Konsumzwang und zu Status-Symbolen. Das sind starke Elemente dieses Jahr: Alternativkultur, wieder politisch besetzt im bewussten Gegensatz zu dem, was die Jugendkultur heute auszumachen scheint: Individualistisch auftreten, aber Massenmensch sein.

Unter den Dokumentarfilmen des Panorama gab es in den letzten Jahren mehrere biographische Arbeiten und Portraits über berühmte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Auch in diesem Jahr hält dieser Trend an: Andy Warhol, John Waters, Scott Walker, Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld - was ist das Faszinierende an Biographien und wie gehen diese Filme mit ihren "Stars" um?

Die Faszination hängt damit zusammen, wie sich der "Star"-Begriff in der Gesellschaft verändert hat. Es war ja eine Erfindung von Andy Warhol zu sagen: Jeder kann ein Star sein. Heute, 40 Jahre später, hat das Fernsehen dieses Credo gründlich popularisiert. Aus jedem beliebigen Winkel wird ein Superstar gezogen, der dann für eine Saison alles dominiert. Mit dieser Entwicklung im Hintergrund hat sich der Blick auf die "wirklichen" Stars verändert. Man interessiert sich dafür, was die Schaffenskraft einer Person eigentlich ausmacht. Was sind das für Leute, um die sich ein stabiler Starkult entwickelt hat?

Teeth

Natürlich gibt es das Genre Portrait oder "Biodoc" schon sehr lange, aber das fand ich oft sehr langweilig. In den letzten Jahren hat sich das sehr aufregend entwickelt, weil in diesen Biographien immer auch die Gesellschaft beleuchtet wird. Die Filme greifen auf etwas zurück, das alle zu wissen meinen, konfrontieren diesen Glauben aber mit einer oft überraschenden Realität. Der "Blick hinter die Kulissen" ist gerade bei Themen und Menschen, die bereits eine starke öffentliche Präsenz haben, doppelt brisant. Denn er stellt auch die "Kulissen" in Frage, das vermeintliche Wissen, auf das sich alle geeinigt haben.

„Das Terrain ist komplexer geworden."

Das Panorama hat den Anspruch, mit seinem Filmprogramm gesellschaftliche Konflikte zu repräsentieren und gegen Intoleranz und Marginalisierung anzutreten. Ursprünglich verbindet sich damit vor allem das Engagement für den schwul-lesbischen Film. Wie hat sich das Terrain gewandelt, welche Anerkennungskämpfe stehen heute im Vordergrund?

Die Ausgrenzung aufgrund der sexuellen Identität ist weiterhin ein Thema, das hat sich nicht erledigt. Aber wie alles in der Welt ist das Terrain komplexer geworden. Wir erleben zwar einen explosiven Zuwachs an Informationen. Ob daraus aber auch ein größeres Wissen über die Welt wird, hängt davon ab, was das Individuum daraus macht - dabei wäre das eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft ist durch eine wachsende Paranoia gekennzeichnet, die auch vom Staat ausgeht. Genau damit setzen sich mehrere Filme dieses Jahr auseinander.

Exemplarisch und besonders brisant zeigt sich dieses Missverhältnis an Lynn Hershman Leesons Film Strange Culture, einem Dokumentar-Essay über einen Künstler und Wissenschaftler der zu Unrecht ins Visier des FBI gerät und dem das Leben zum Alptraum wird. Dieser Alptraum ist im Übrigen noch nicht vorbei, denn der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit gentechnisch behandelten Lebensmitteln und untersucht, wie sich diese verändern. Er hat also den Finger am Nabel der Zeit und wird dadurch zum Staatsfeind und Terrorverdächtigen – weil er hinguckt! Der Film zeigt, mit welcher Paranoia die Weltmacht USA nicht nur nach außen agiert - wie wir täglich sehen können -, sondern auch nach innen.

Strange Culture

Auch Hal Hartleys Fay Grim beschäftigt sich mit Staatsparanoia. Hier gerät eine Frau auf der Suche nach ihrem verschollenen Mann in ein Spinnennetz aus Geheimdienstaktionen und Intrigen. Der Film baut eine Stimmung auf, in der sich zwar alle unglaublich wichtig geben, die Betroffene aber nie erfährt, worum es eigentlich geht. Auch hier wird der politisch prekäre Zustand der Welt für das Individuum zum realen Horrortrip.

In dem schwedischen Film När Mörkret Faller (When Darkness Falls) ist es nicht das Verhältnis Staat/Individuum, das zum Bedrohungsszenario wird, sondern die soziale Kontrolle, also der soziale Nahbereich und seine Codes. Der Film verbindet drei Geschichten: In einer geht es um häusliche Gewalt, der eine Journalistin durch den Ehemann ausgesetzt ist. Eine zweite dreht sich um einen Türsteher, der bei der Mafia auf der Todesliste landet, weil er nicht kooperieren will. Und in einer dritten geht es um einen so genannten "Ehrenmord" an einem Mädchen. In allen drei Fällen ist der Ausweg am Ende: Weggehen. Das finde ich einen sehr interessanten Aspekt. Der Film löst nichts, bleibt aber auch nicht in der Depression stecken. Die Zwänge drohen so stark zu werden, dass man leidet, bis man tot ist – dabei kann man doch auch weggehen. Diese Lösung hat eine eigene Stärke. Ich muss nicht zum Märtyrer werden, ich habe das Recht weg zu gehen.

Ein Befreiungsschlag ist auch das Projekt NEUE BILDER schwarzer Filmschaffender in Deutschland. Worum geht es bei dieser Initiative?

Im vergangenen Jahr hat das Panorama das Panel „Schwarze Schauspieler in Europa” organisiert. Das hat die deutschen Teilnehmer unglaublich in Fahrt gebracht. Sie haben festgestellt, dass sie sich bisher total vereinzelt bewegt haben. Jede und jeder hat sich einen eigenen Weg gesucht. Das Panel war dann die Initiation, den Verein SFD (Schwarze Filmschaffende Deutschland) zu gründen. In diesem Jahr präsentieren sie nun eine Fotoausstellung in der K44 HomeBase Independent Lounge und fünf Kurzfilme im Panorama. Es geht dabei natürlich darum, sich gegen Stigmatisierung zu wehren, aber die Initiative ist nicht negativ formuliert. Sie geht nicht primär von einer gemeinsamen "Leidenserfahrung" aus, sondern versucht, gleich in die Aktion zu gehen.

Ein Jahr der Entdeckungen

Schon immer ist das Panorama für Filmemacher und ihre Themen eine Plattform gewesen, fast könnte man sagen: eine Community. Viele Regisseure, Schauspieler und Produzenten kommen regelmäßig mit ihren neuen Filmen ins Panorama. Wie wichtig ist diese Kontinuität und prägt sie auch das diesjährige Programm?

Diese Kontinuität hat für mich einen hohen Stellenwert, nicht zuletzt aus der Erfahrung der 80er und 90er heraus. Damals hat die Filmförderungspolitik in Deutschland dazu geführt hat, dass sehr viele Leute einen ersten Film gemacht haben, aber danach nicht mehr zum Zuge kamen. Man hat in einer Art "Entdeckungswahn" ein Heer von Filmemachern kreiert, aber nichts ging weiter. Darum halte ich es für wichtig, Filmemachern möglichst auch Kontinuität zu bieten und freue mich jedesmal, wenn das klappt.

Aber bei der Zusammenstellung eines Programms spielen sehr viele Aspekte eine Rolle und ich musste dieses Jahr nicht wenige schmerzliche Entscheidungen treffen. Dennoch lassen sich 2007 die Fäden von Thomas Arslan und Lars Kraume über Eytan Fox und E. J-yong bis Antonio Banderas aufzeigen, der im Panorama 1987 einen seiner ersten große internationalen Auftritte hatte in Pedro Almodovars Das Gesetz der Begierde und jetzt seine zweite Regiearbeit zeigt. Dieses Jahr würde ich charakterisieren als ein Jahr der Entdeckungen – und zwar eben auch mit bekannten Namen, die mit ihren Werken überraschen.