Berlinale: Chronik


56. Internationale Filmfestspiele Berlin
09. - 19. Februar 2006

„Die Berlinale hat nicht nur Filmemacher aus aller Herren Länder angezogen, sondern es kamen auch so viele Ein- und Verkäufer wie noch nie zum expandierenden European Film Market; es kamen Künstler und Rockstars, Kanzlerin Angela Merkel, Starköche, Ex-Spione und drei frühere Gäste des U.S. Marine Corps in Guantanamo Bay.“

Adam Dawtrey in „Variety“

George Clooney, Syriana, Premiere
George Clooney vor der Premiere von Syriana

Schon auf der Eröffnungspressekonferenz hatte Festivaldirektor Dieter Kosslick versprochen, die Berlinale 2006 werde "so politisch, grausam und unangenehm, wie die Weltlage nun einmal ist." Nicht bei jedem weckte er damit Glücksgefühle, aber am Ende waren die Meinungen über das Festival von seltener Einhelligkeit. Die Berlinale hat wieder einmal streitbare Themen mit der Freude am Film verbunden und den meisten galt dies nicht als unglücklicher Spagat, sondern als gelungener Balanceakt.

Autorenkino und Wirtschaftswunder

Viel diskutiert wurden neben der politischen Brisanz vor allem die "nouvelle vague" des deutschen Films ("Cahiers du cinéma"), der starke Auftritt junger Filmemacher und Debütanten, für die es mit dem Best First Feature Award auch erstmals einen eigenen offiziellen Preis gab, sowie der stark gewachsene European Film Market, der an seinem neuen Standort im Martin-Gropius-Bau viel Lob bekam für seine Vitalität und die perfekte Organisation. "Die neue Macht der Bilder" ("Spiegel Online"), das "Fest des deutschen Autorenkinos" ("Welt am Sonntag") oder das "Wirtschaftswunder Berlinale" ("B.Z.") – wie immer man diesen Berlinale-Jahrgang auch drehte und wendete, Gründe zum Feiern gab es offenbar genug.

Der Wettbewerb wartete mit brisanten Themen auf und unterstrich den Optimismus des Festivals, dass Filme etwas in der Welt bewegen können: Filme über die Spätfolgen des Balkankrieges (Jasmila Zbanics Grbavica), die Kollateralschäden des "Kriegs gegen den Terror" (The Road to Guantanamo von Michael Winterbottom), den brutalen Kampf um knapper werdende Ressourcen (Syriana von Stephen Gaghan), die Unterdrückung von Frauen im Iran (Offside von Jafar Panahi), den zynischen Umgang der Erfolgreichen mit der Armut der Verlierer (Slumming von Michael Glawogger) und den bedrohlichen Flirt mit autoritären Regierungsstilen (V wie Vendetta von von James McTeigue) zeichneten das Bild einer Welt, die längst nicht mit sich im Reinen ist und in der Konflikte zunehmend gewalttätiger ausgetragen werden. Auch die Wettbewerbsbeiträge, die sich auf persönliche Geschichten und zwischenmenschliche Beziehungen konzentrierten, bestachen oft durch visuelle Bravour (El Custodio von Rodrigo Moreno) und eine packende Reduzierung auf das Wesentliche (Sehnsucht von Valeska Grisebach).

Charlotte Rampling, Jasmila Zbanic und Dieter Kosslick bei der Preisverleihung.

Der Goldene Bär an Jasmila Zbanics Spielfilmdebüt Grbavica galt allgemein als gelungene Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz von Charlotte Rampling. Sie unterstrich nicht nur das Engagement des Festivals für den jungen, politisch ambitionierten Film, sondern auch die starke Präsenz von Frauen. Die Zusammenarbeit der bosnischen Regisseurin mit ihrer österreichischen Produzentin Barbara Albert an einem Film, der die Vergewaltigungen im Jugoslawienkrieg thematisiert, galt vielen Kritikerin als das beste Beispiel für einen typischen Berlinale-Film. Typisch auch darin, dass er das Politische im Privaten benennt und dabei "zwar mahnt, aber keineswegs agitiert", wie Anke Westphal in der "Berliner Zeitung" notierte.

Highlights in allen Sektionen

Als Kennzeichen dieser Berlinale galt vielen Kritikern aber auch, dass sich die Highlights auf alle Sektionen verteilten. Das Kinderfilmfest/14plus begeisterte nicht nur sein eingeschworenes Publikum, sondern bestätigte auch seinen Ruf, einige der Geheimtipps des Festivals im Programm zu haben - in diesem Jahr etwa Drømmen (Der Traum), den die Kinderjury abschließend auch mit dem Gläsernen Bären auszeichnete.

Neben einer auffallenden Präsenz junger deutscher Produktionen stachen in einem differenzierten Forum-Programm in diesem Jahr die Dokumentarfilme hervor. My Country, My Country, Conversations on a Sunday Afternoon, Atos dos Homens, Au-delà de la haine - entschlossene Beiträge zum politischen Profil des Festivals standen neben interessanten, kontrovers diskutierten Form-Experimenten wie 37 Uses for A Dead Sheep und Là-Bas von Chantal Akermann. Eine zusätzliche Plattform für seine charakteristische Experimentierfreude schuf sich das Forum mit dem Film- und Videokunst Programm Forum Expanded, wo in Zusammenarbeit mit KW – Institute for Contemporary Art installative Arbeiten von Harun Farocki, Michael Snow, Sharon Lockhart, Amos Gitai und anderen gezeigt wurden.

Nick Cave
Nick Cave

Das Panorama schaffte einmal mehr den Schulterschluss des Schrägen und Eigenwilligen mit dem Hitverdächtigen und hatte in diesem Jahr so illustre Persönlichkeiten wie Ewan McGregor, Nick Cave, Angela Molina, Lukas Moodysson, Todd Verow und Gretchen Mol auf der Gästeliste. Mit Detlev Bucks Knallhart lief hier einer der vielen deutschen Filme, denen auch internationale Beobachter größten Respekt zollten. Kritikerlieblinge waren auch Daniel Burmans Derecho de Familia und Takashi Miikes Big Bang Love, Juvenile A. Das Publikum war begeistert von Camping Sauvage (Christoph Ali und Nicolas Bonilauri) und Lian Lunsons Doku-Hommage Leonard Cohen: I'm your Man und vergab auch den Publikumspreis an einen Dokumentarfilm, Paper Dolls von Tomer Heyman über die Drag-Queen-Szene in Tel Aviv.

Homosexualität, Gender und Diskriminierung sind seit jeher im Blickpunkt des Panoramas gewesen. Seit 20 Jahren gibt es für Filme zu diesen Themen auch einen eigenen Filmpreis, den Teddy, der sich zur wichtigsten Auszeichnung für schwullesbisches und transidentisches Filmschaffen entwickelt hat. Zum Jubiläum gab es in diesem Jahr eine Tribute Reihe mit früheren Teddy-Gewinnern. Um die weltweite Filmarbeit gegen Diskriminierung weiter zu unterstützen wurde im Rahmen der Berlinale zudem die "Queer Academy" ins Leben gerufen, eine internetgestützte Datenbank zum schwullesbischen Film.

Berlinale Talent Campus, Days of Being Wild
Days of Being Wild auf dem Berlinale Talent Campus

Nachwuchsarbeit im Rampenlicht

„Auch als Berlinalechef ist Dieter Kosslick geblieben, was er stets gewesen ist – ein Talentförderer“, schrieb die „Frankfurter Rundschau“ und traf damit den Tenor vieler Resümees, in denen Kosslick eine glückliche Hand attestiert wurde bei der diesjährigern Filmauswahl für den Wettbewerb. Es ist dem Festival gelungen, größtmögliche internationale Aufmerksamkeit zu generieren und dies zum Vorteil für den jungen und mutigen Film zu machen. Wie selten zuvor behaupteten sich gerade junge Talente im Wettbewerb: Pernille Fischer Christensen, Jasmila Zbanic und Rodrigo Moreno nahmen Preise mit nach Hause und damit die Chance, das erfolgreich Begonnene weiter zu führen.

Nicht unbemerkt blieb auch, wie sich in dieser „Nachwuchsarbeit im Rampenlicht“ die Berlinale als Netzwerk bewährt: Rodrigo Morenos El Custodio gehörte zu den ersten Förderprojekten des World Cinema Fund, in allen Sektionen liefen Filme ehemaliger Teilnehmer des Berlinale Talent Campus und Projekte, die auf dem Berlinale Co-Production Market ihre Finanzierung sichern konnten, und mit einem boomenden European Film Market verfügt die Berlinale über die bestmögliche Infrastruktur, um den Festivalerfolg eines Films auch in eine kommerzielle Auswertung umzumünzen.

Der EFM stand 2006 vor einer besonderen Herausforderung: Es galt nicht nur den Umzug in den Martin-Gropius-Bau zu meistern, sondern auch die damit verbundenen Erwartungen der Branche an den "neuen European Film Market" zu befriedigen. Beides gelang mit Bravour. 2006 wurde ein Rekordjahr und gleichzeitig war es ein EFM wie aus einem Guss. Mit ehrgeizigen Anbietern, gut aufgelegten Käufern, einer professionellen Infrastruktur und starken Kooperationspartnern. Mit dem Arts Alliance Media Network hat der EFM einen Partner an seiner Seite, der eine Vorreiterrolle beim Übergang ins "digitale Zeitalter" einnimmt, und die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse erweist sich als fruchtbare Kompetenzenverknüpfung, wenn es um die Ermöglichung von Literaturverfilmungen geht. Zudem zeigt sich an den informellen und strukturellen Verbindungen zum Berlinale Talent Campus, dem World Cinema Fund und vor allem dem Berlinale Co-Production Market, wie wertvoll die enge Anbindung des EFM an das Festival ist - vor allem für die Filme und Projekte, die sich hier präsentieren.

„Der Moment, in dem das Kino ganz bei Sinnen ist.“

Soviel Pragmatismus steht dem Festival gut an und wird honoriert. "Selten hat sich ein Filmfest mit solcher Geschwindigkeit von einer Glamourveranstaltung zum Arbeitsfestival verwandelt", resümieren Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler in der "Süddeutschen Zeitung". Aber sie haben auch den Moment gesehen, "in dem das Kino ganz bei Sinnen ist", einen Moment, der von auffallend vielen Beobachtern inmitten des Festivaltrubels als intensive Begegnung erlebt wurde und dem Katja Nicodemus in der "Zeit" unter dem Titel "Der Über-Augenblick" gleich drei Absätze widmet. Es ist die Szene in Valeska Grisebachs Sehnsucht, in der Andreas Müller alias Markus auf einem Feuerwehrfest völlig selbstversunken (und sturzbesoffen) auf Robbie Williams' "Feel" tanzt. Sehnsucht galt vielen als der heimliche Höhepunkt des Festivals, vielleicht auch deshalb, weil er "das Finderglück" bereitete, das Daniel Kothenschulte ("Frankfurter Rundschau") im engagierten und positionierten Kino abhanden zu kommen droht: "die Freude am Unbekannten und einer Kunst, die nichts bedeuten muss."

Besucher  
Kinobesuche 418.000
Verkaufte Eintrittskarten 186.000
   
Fachbesucher  
Akkreditierte Fachbesucher einschl. Presse 18.281
Herkunftsländer 120
   
Screenings  
Anzahl Filme im öffentlichen Programm 351
Anzahl Vorführungen 846
   
Presse  
Pressevertreter 3.978
   
European Film Market  
Fachbesucher 5.162
Anzahl Filme 618
Anzahl Screenings 1.000
Stände auf dem EFM
(Martin-Gropius-Bau & Business Offices)
116
Anzahl Unternehmen 264
   
Berlinale Talent Campus  
Teilnehmer 520
Herkunftsländer 101
   
Berlinale Co-Production Market  
Teilnehmer 400
Herkunftsländer 44