Berlinale: Pressemitteilungen


Pressemitteilungen 2005

Panorama

25.01.2005:
Panorama Dokumente 2005: Brisante Themen, starke deutsche Präsenz

Noch nie konnte sich der Dokumentarfilm so gut im Kino behaupten wie heute. Diese interessante Entwicklung kann gelesen werden als Ausdruck des Bedürfnisses der Zuschauer, jenseits der Infotainment des Fernsehens eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit brennenden Themen wahrnehmen zu wollen. Die Panorama-Reihe Panorama Dokumente war Vorreiter dieser Entwicklung und zeigt in diesem Jahr verstärkt Präsenz – noch nie waren die Angebote so vielfältig, die Themen so brisant. Einer der Hintergründe dafür ist sicherlich die digitale Herstellungstechnik, die nicht nur günstigeres, sondern auch direkteres Filmen initiiert hat.

Themenkreise des diesjährigen Programms sind Politik, Musik, Sex und Geschlechterrollen - abgerundet mit zwei Portraits: Monika Treut stellt in Den Tigerfrauen wachsen Flügel (Deutschland/Taiwan) drei taiwanesische Frauenpersönlichkeiten vor, in denen sich die Vielfalt dieses chinesischen Minikontinents widerspiegelt. In Horst Buchholz... Mein Papa (Deutschland) geben uns Christopher Buchholz und Sandra Hacker einen tiefen Einblick in das Leben des 2003 verstorbenen deutschen Weltstars.

Politik

Thema in drei Filmen: Männergewalt und Jugend. In Weisse Raben – Alptraum Tschetschenien von Tamara Trampe und Johann Feindt (Deutschland) werden russische Jugendliche als Soldaten nach Tschetschenien geschickt. Nach den traumatischen Kriegserfahrungen kehren sie zerstört an Leib und Seele in die Heimat zurück. In Massaker von Monika Borgmann, Lokman Slim und Hermann Theissen (Deutschland/ Libanon/ Schweiz/ Frankreich) geht es um heutige Mittdreißiger, die als junge Männer im Libanon durch ihre militärischen Vorgesetzten zu Mördern gemacht wurden. Lost Children (Verlorene Kinder) von Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz (Deutschland) konfrontiert den Zuschauer mit den unvorstellbaren Grausamkeiten, die Rebellen im heutigen Sudan und Uganda an entführten Kindern verüben und zeigt den Versuch der Gesellschaft, vor den Folgen nicht zu kapitulieren.

Antisemitismus in den USA heute: In Protocols of Zion (USA) ist Spielfilmregisseur und Dokumentarist Mark Levin dem erschreckenden Erfolg der Wiederauflage des gleichnamigen, vom Geheimdienst des letzten russischen Zaren veröffentlichten Buches in ethnischen New Yorker Stadtvierteln auf der Spur. In Männer Helden und schwule Nazis von Rosa von Praunheim (Deutschland) geht es um die homosexuellen Täter im Machtapparat der Nazis und um "175er" in der Neonazi-Szene, während Praunheim in seinem Kurzfilm Umsonst gelebt - Walter Schwarze einem Opfer das Wort gibt. Das Goebbels Experiment von Lutz Hachmeister (Deutschland) gibt mit Archivmaterial und Tagebuchtexten ein frappierendes Bild vom zwischen Extremen pendelnden Selbstverständnis des Nazi-Führers. Gesprochen werden die Texte von Udo Samel (englische Fassung: Kenneth Branagh). Mit 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß (Deutschland) schließlich zeigt Malte Ludin beispielhaft, wie tief verwurzelt die Unfähigkeit einer Familie sein kann, mit der eigenen nazibelasteten Geschichte umzugehen.

Musik

Overground und Underground: In George Michael - A Different Story von Southan Morris (Großbritannien) vermittelt der Sänger und Komponist persönliche Einsichten und ihre soziopolitische Dimension. Den wohl unkommerziellsten Star der Welt, Daniel Johnston, portraitiert Jeff Feuerzeig in The Devil and Daniel Johnston (USA) und beweist darüber hinaus, dass trotz aller kommerzieller Gefährdung der Underground die 90er Jahre überlebt hat. Diesen hoffnungsvollen Beweis tritt auch Antonia Ganz an mit ihrem lebendigen Film über die Berliner Independent Band "Mutter", die in keine Schublade passt: Wir waren niemals hier (Deutschland).

Sex und Geschlechterrollen

Frühe Siebziger: Zur ersten globalen Porno-Ikone wurde Linda Lovelace mit dem ersten Pornofilm, der zu einem Welterfolg und zur Grundlage für die Entstehung der Porno-Industrie wurde: Deep Throat. Die Insider-Story und die nachhaltige gesellschaftspolitische Dimension des Films zeigen Randy Barbato und Fenton Bailey in Inside Deep Throat (USA). Die Regisseure stellten 2003 Party Monster im Panorama vor. Ebenfalls aus den Frühsiebzigern stammt das Pendant, die erste schwule Porno-Ikone: That Man: Peter Berlin (USA) von Jim Tushinski zeichnet den Self-made-Welterfolg des gebürtigen Berliners nach. Based On A True Story von Walter Stokman (Niederlande) ist die wahre Geschichte hinter Sidney Lumets Meisterwerk Dog Day Afternoon um Bankraub und Transsexualität, der 1976 mit dem Drehbuch-Oscar ausgezeichnet wurde. Transgender-Thematik heute: In Gender X (Deutschland) zeigt sich das moderne, grundlegend veränderte Selbstverständnis der jungen Generation von Gender-Bendern in Berlin. Wie das Internet das Sexgeschäft inzwischen vereinnahmt hat, zeigt Jochen Hick in Cycles Of Porn - Sex/Life in L.A. Part 2 (Deutschland).

Schließlich ein historischer Blick in die Lesbenwelt der Schweiz: Katzenball von Veronika Minder (Schweiz) lässt Frauen verschiedener Altersgruppen und Szenen zu Wort kommen und schlägt einen Bogen zwischen Geschichte und Gegenwart.

Die Auswahl für das Panorama-Hauptprogramm und die Programme Panorama Special und Panorama Kurzfilm wird in den nächsten Tagen abgeschlossen.

Presseabteilung

25. Januar 2005