Berlinale: Pressemitteilungen


Pressemitteilungen 2003

Panorama

17.01.2003:
Panorama Dokumente: Geschichte und Ortsbestimmung

Seit dem Umzug des Festivals an den Potsdamer Platz hat die Panorama-Reihe Dokumente mit dem CineStar 3 ein eigenes Haus. Seitdem ist die Popularität der Reihe kontinuierlich gestiegen, so dass in diesem Jahr zwei Filme im Panorama-Hauptprogramm-Kino CinemaxX7 präsentiert werden:

Eröffnungsfilm Panorama Dokumente - am 07. 02. 03 im CinemaxX7 Traces of a Dragon: Jackie Chan and his Lost Family von Mabel Cheung und Alex Law (Hongkong, China).

Jackie Chan, einer der vielbeschäftigtsten Stars der Filmgeschichte und Hongkongs Martial Arts- und Stuntheld Nummer 1, entwickelt im Gespräch mit seinem Vater anhand der erstaunlichen Familiengeschichte, in der sich die Wirren der Entwicklung Chinas im letzten Jahrhundert widerspiegeln, wie nebenbei auch die bewegte Geschichte Hongkongs. Unterstützt durch umfangreiches, unbekanntes Archivmaterial machen die Filmemacher diesen Film zu einem Glanzstück. Alex Law zeigte 1989 seinen Painted Faces im Panorama, Koautorin war Mabel Cheung.

Comandante von Oliver Stone (Spanien) - ebenfalls im CinemaxX7

Zuletzt mit Any Given Sunday im Wettbewerb der Berlinale 2000 und 1988 mit Wall Street im Panorama vertreten, kehrt Oliver Stone nach drei Jahren wieder zurück zum Dokumentarischen. Er besucht eine der interessantesten Figuren des letzten Jahrhunderts: Fidel Castro. Über mehrere Tage wird der Privatmann Castro erlebbar, der Stone seine Gedanken zu Ché Guevara, seine Einschätzungen von Kennedy, Nixon, der Demokratie und sein Verhältnis zum Leben in einem spannenden Dialog erläutert.

Ein Thema, das in mehreren Panorama-Spielfilmen, aber auch in Beiträgen anderer Festival-Sektionen bis hin zum Berlinale Talent Campus reflektiert wird, ist der Konflikt in Nahost:

Local Angel - Theological Political Fragments von Udi Aloni (USA, Israel) Udi Alonis Versuch, den theologisch-politischen Hintergrund zu begreifen, vor dem seine Mutter Shulamit Aloni seit Jahren als Friedensaktivistin und Gründerin des Israeli Civil Rights Movement agiert, ist der Kern dieses Films. Er enthält Begegnungen mit Hanan Ashrawi - in vieler Hinsicht die palästinensische Schwester seiner Mutter - und Yassir Arafat sowie Beobachtungen führender fortschrittlicher israelischer und palästinensischer Intellektueller. Ausweglosigkeit kann keine Perspektive sein, schon gar nicht für die Jugend. Inspiration vermittelt Udi Aloni, indem er palästinensische und israelische Rapper zu Wort kommen lässt.

Le chant du millenaire (The Song of the Millennium) von Mohamed Zran (Frankreich, Tunesien)

Reflektion, Ortsbestimmung aus dem Mund derer, die sonst nie zu Wort kommen: Zran öffnet mit seinem Film dem Zuschauer das Land und die Menschen, deren Zukunftsträume sich an der Realität Tunesiens messen müssen. Der Panorama-Spielfilm El Kotbia (The Bookstore) von Nawfel Saheb Ettaba fügt dem Thema weitere Erfahrenselemente hinzu.

Polígono sur (Seville, South Side) von Dominique Abel (Spanien, Frankreich) Lebensraum: vordringliches Thema für die Bevölkerung des Gitano-Viertels “Las tres mil” in Sevilla. In den 60er Jahren zur Sesshaftigkeit in der Satellitenstadt verführt, traut sich heute kaum noch die Polizei in das Viertel, der öffentliche Nahverkehr ist eingestellt. Sevilla musste symbolisch den Platz einnehmen, den das verheißene Land der Gitanos, Andalusien, in der Mentalität heute noch hat - Andalusien, wo sie die Hauptrolle spielten bei der Entwicklung einer der großen musikalischen Ausdrucksformen der Musikgeschichte: Flamenco. Mit Mitgliedern einiger der bekanntesten Musikerfamilien Spaniens.

Ich kenn keinen! - Allein unter Heteros (Talk Straight – The World of Rural Queers) von Jochen Hick (Deutschland)

Zuletzt mit seinem Spielfilm No One Sleeps im Panorama 2000 vertreten, wendet sich Jochen Hick wieder dem Dokumentarfilm zu. Eine Bestandsaufnahme der emanzipatorischen Befindlichkeit in Deutschland zu Zeiten der “Homo-Ehe”, deren Popularität nicht einmal der konservative Wahlkampf angreifen wollte. Schwule Lebenswelten sind etablierter Bestandteil einer postmodernen städtischen Kultur. Wo gibt es da noch Probleme für vier schwule Männer im ländlichen Schwaben? Dass ihre Lebensweise von den „normalen“ Bekannten und Freunden zwischen Kirchenchor und Stammtisch mit starken Sprüchen begleitet wird, ertragen sie gelassen und mit großer Bescheidenheit.

Nach längerer Abwesenheit wieder Thema in Spielfilmen des Wettbewerbs und im Panorama: AIDS. Zwei Dokumentarfilme stellen soziologisch-politische Betrachtungen an:

Fight Back, Fight AIDS – 15 Years of ACT UP von James Wentzy (USA) Als in den Mittachtzigern Schwule wie die Fliegen anfingen zu sterben, sah die Welt weg. ACT UP wurde zu ihrer medienwirksamen Stimme: Und dass diese duldsamste aller Minderheiten die Energie aufbringen würde, “HANDELT” (“ACT UP”) zurückzuschreien, verstörte die Welt. Wie es zu den medienspektakulären Aktionen der losen Organisation kam und wie Aids die schwule Welt zur Selbstverantwortlichkeit politisierte, zeigt dieser Film: Dem ignoranten Präsidenten Bush Sen. wird die Asche auf die Wiese vor dem Weißen Haus gestreut, vor dem wortbrüchigen Clinton werden Leichen aufgebahrt - und der Filmwissenschaftler Vito Russo (mit seinem Vortrag The Celluloid Closet 1983 im Panorama) hält eine seiner letzten großen Reden.

The Gift von Louise Hogarth (USA)

Zwanzig Jahre nach dem ersten Auftreten von Aids hat sich bei jüngeren Generationen der falsche Glaube breitgemacht, die Krankheit sei heilbar - oder man könne zumindest mit ihr leben. Aber die Infektionszahlen steigen wieder - auch in der “gay community”, die damals vorbildlich auf die Krise reagierte und mit Aufklärung die größten Erfolge zu verzeichnen hatte. Wie schnell ein kollektives Gedächtnis verlöschen kann und dass Teile dieser Bevölkerungsgruppe, in Anti-Reaktion auf die Safer-Sex-Kampagnen, bewusst Risiken eingehen, ist ein Phänomen. Der Film geht den Gründen nach und lässt Menschen aller Altersgruppen und Erfahrungshorizonte zu Wort kommen.

“Berlin and beyond” könnte über den vier deutschen Beiträgen stehen, die das Jetzt und das Damals im Blick haben:

Herr Wichmann von der CDU (Vote for Henryk! ) von Andreas Dresen (Deutschland)

Ein tiefer Blick auf die mentale Verfassung der Republik-Ost: “Frischer Wind bringt Bewegung in die Politik” – das ist der Wahlkampfslogan von Henryk Wichmann, 25, CDU. Er kandidiert im Sommer 2002 für den Deutschen Bundestag und sein Wahlkreis heißt Uckermark/Oberbarnim, ganz im Nordosten von Brandenburg. Die Region wählt traditionell SPD, aber Wichmann fährt trotzig übers Land und gibt nicht auf...

Andreas Dresen zeigte 2002 Halbe Treppe (Grill Point) und 1999 Nachtgestalten (Night Shapes) im Wettbewerb der Berlinale.

Ich bin, Gott sei Dank, beim Film! von Lothar Lambert (Deutschland)

Spielfilmregisseur und Underground-Ikone Lothar Lambert, dessen Filme schon des öfteren im Panorama zu sehen waren, zeigt eine dokumentarische Hommage an die Berliner Filmschaffende Eva Ebner. Ihr professionelles Leben ist so alt wie die Bundesrepublik selbst - sei es als Regieassistentin hinter der Kamera oder als Schauspielerin davor. Ob Mädchen in Uniform (1953), Atze Brauners CCC-Studios, die legendären Edgar Wallace-Verfilmungen der Sechziger oder Ulrike Ottingers Filme - Filmgeschichte ist ein Teil von ihr. Gebrochen ist allerdings das Verhältnis der nunmehr 80-jährigen zu den Ereignissen ihrer Kindheit und Jugend in Danzig, als Flucht und Verstecken vor dem Nazi-Regime prägend wurden.

Bruno S. – Die Fremde ist der Tod von Miron Zownir (Deutschland)

Als Bruno S., dessen Leben sich bis dahin ohne jegliche Form von gesellschaftlicher Anerkennung in Heimen, Obdachlosenasylen und psychiatrischen Anstalten abgespielt hatte, 1975 zu den Filmfestspielen nach Cannes reiste, wurde er dort wie ein Star gefeiert. Durch seine Darstellung des Kaspar Hauser in Werner Herzogs Film Jeder für sich und Gott gegen alle schien dem verspotteten Außenseiter endlich der Ausbruch aus seiner Isolation gelungen. Auch für seinen nächsten Film Stroszek besetzte Herzog Bruno S. in der Hauptrolle - und dann? Das Portrait des Fotografen Miron Zownir zeigt einen Menschen, der sich allen Benachteiligungen zum Trotz, ohne fremde Hilfe einen eigenständigen Weg erkämpft.

Die Ritterinnen (The Female Knights) von Barbara Teufel (Deutschland)

Typisches Setting für Berlin in den Achtzigern: Frauenwohngemeinschaft in Kreuzberg - emanzipatorisch, durchaus militant. Die einen wollten einfach alles ohne Männer machen, die anderen sahen das nicht so eng. Als dann die Mauer fiel, veränderte sich die Welt... Was wurde aus den Visionen, den Sehnsüchten dieser kraftvollen Zeit? Junge Frauen von heute versuchen, sich in das selbstbewußte Aufbäumen jener Tage hineinzufühlen - die “Originalfrauen” aus der Ritterstraße blicken zurück.

Drei dokumentarische Kurzfilme ergänzen das Programm:

Moglem byc czlowiekiem (I Could Have Been Human) von Barbara Medajska (Polen), über das unmenschliche Dasein von Kohlearbeitern, die auf einer Müllhalde leben. Haçla (The Fence) von Tariq Teguia (Algerien/ Frankreich)

Interviews mit jungen Algeriern dokumentieren die Stimmung trauriger Ausweglosigkeit.

Just Call Me Kade von Sam Zolten (USA), über den aufgeschlossenen Umgang einer jungen Familie in den USA mit ihrem Frau-zu-Mann-transidentischen Kind in der Pubertät.

Hommage an den Filmemacher und Mitgründer des Turin Gay&Lesbian Film Festivals, Ottavio Mai:

Ottavio Mario Mai von Giovanni Minerba und Alessandro Golinelli (Italien) Der Filmemacher Ottavio Mai, der zusammen mit seinem Arbeits- und Lebenspartner Giovanni Minerba das Festival 1986 gegründet hat, wird zehn Jahre nach seinem Tod mit Filmausschnitten aus seinen Werken und in Gesprächen italienischer Künstler und Intellektueller gewürdigt. Dabei entsteht auch das Bild Italiens in den Siebzigern zur Zeit der Gründung von FIORI!, der ersten Schwulenbewegung des Landes. Das Festival ist inzwischen eines der wichtigsten Veranstaltungen für Filme schwul-lesbisch-transidentischer Thematik weltweit geworden.

17. Januar 2003